Die Stadt und die Stadt von

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The City & the City“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 416 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Eva Bauche-Eppers.

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In Kürze:

Zwei Städte – geeint und doch entzweit. Die Bewohner werden erzogen, einander nicht zu sehen. Das unerlaubte Betreten der jeweils andere Stadt zieht schwerste Strafen nach sich. Ein ganz alltägliches Szenario für Kommissar Borlú. Eines Tages wird in Borlús Stadt eine Frauenleiche gefunden. Der Mord stellt ihn vor ein Rätsel. Denn die Tote hätte niemals in seiner Stadt auftauchen dürfen. Offenbar hat der Mörder gegen die Regeln verstoßen: Er hat die Leiche von der einen Stadt in die andere geschafft, ohne Alarm auszulösen. Will Borlú den Fall lösen, bleibt ihm nur ein einziger Weg: Er muss allein in die verbotene Zwillingsstadt, um das Ungesehene sichtbar zu machen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Mord in der Zwillingsstadt“72

Fantasy-Rezension von Thomas Nussbaumer

Eins vorweg: der neue Miéville ist kaum mit seinem bisherigen Werk zu vergleichen. Er wird vom Verlag als SF beworben, was ich nicht ganz nachvollziehen kann, zumal technische Aspekte fast keine Rolle spielen. Vielleicht wird man mit den Bezeichnungen „Urban Fantasy“ oder „dystopische Parallelweltgeschichte“ glücklich? Wer eine kunterbunte Mischung aus SF und Fantasy, gewürzt mit einem Schuss Steampunk erwartet, dürfte enttäuscht werden. Kunstlos ist das Buch trotzdem nicht geworden, wenn auch ziemlich ruhig in seiner Gangart. Es braucht fast 200 Seiten, bis die Story in Fahrt gerät. Und selbst dann überschlagen sich nicht gerade die Ereignisse. Thematische Parallelen drängen sich zu Miévilles Novelle „The Tain“ (2002) auf, in der es auch um zwei ähnliche und doch verschiedene Welten geht, die einander gegenüberstehen. Aber weder Mutant noch Monster, sondern gewöhnliche Menschen sind die Akteure von „Die Stadt & die Stadt“, dessen Plot in einem fiktiven Land Osteuropas angesiedelt ist.

In Besźel wird die Leiche einer Frau gefunden. Inspektor Borlú kann allerdings schon zu Beginn ein Gewaltdelikt oder einen Sexualmord ausschliessen. Ein politisches Verbrechen? Die Ermittlungen ergeben, dass es sich bei der Toten um eine Studentin handelt, die eigentlich nicht hier, nicht in dieser Stadt, hätte gefunden werden dürfen. Denn „Fulana Ix“ lebte und studierte in der „anderen“ Stadt, mit der sich Besźel denselben Raum, aber nicht die Dimension teilt. Ul Qoma ist so etwas wie die hübschere Schwester des verkommenen und rückständigen Besźel. Und das Besondere ist, dass sich die Bewohner beider Städte alle Mühe geben, die jeweils andere Seite zu „nichtsehen“.

Borlús Ermittlungen geraten bald ins Stocken. Am liebsten würde er den Fall „Ahndung“ überlassen, einer geheimnisvollen Präsenz, die für Zucht und Ordnung sorgt. Der Inspektor scheitert dabei an einem Gremium der beiden Städte, das zunehmend der Meinung ist, man wolle nicht immer alle Probleme Ahndung überlassen und mehr und mehr von dieser fremden Macht abhängig werden. Auch dem Leser leuchtet dieses Argument ein, denn ansonsten fände die Geschichte wohl mit ein paar Sätzen ihr Ende. Aber da sind noch weitere 300 Seiten zu bewältigen und so darf Borlú seine Ermittlungen in der Zwillingsstadt Ul Qoma weiterführen, wo die Studentin auf einer archäologischen Ausgrabung gearbeitet hat. Bol Ye’an ist eine Fundstätte von internationaler Bedeutung, täglich werden hier seltsame Objekte der Erde entrissen, die man noch immer nicht ganz einzuordnen weiss. Uralte Mechanismen, prähistorische Technik oder Kultgegenstände? Man fühlt sich fast ein wenig in eine pseudo-wissenschaftliche Exkursion Erich von Dänikens versetzt. Doch weshalb liegt das Zeug gerade dort in der Erde? Die Antwort bleibt uns der Autor schuldig, leider.

Schräger Weltentwurf

Zäh wie die Ermittlungen um den Mord an der amerikanischen Studentin kommt die Geschichte voran. Borlú und sein Kontrahent Dhatt raufen sich zu einem „Duo infernale“ zusammen, denn weitere Leute im Umfeld der Ausgrabungen sind in Gefahr. Miéville lässt seinem Erzähler viel Raum für Beschreibungen. Dabei bleiben das düstere Besźel und das schrille Ul Qoma allerdings wenig konturierte Schauplätze. Zuviel wird erklärt und zu wenig gehandelt. Da kann der Inspektor noch so schön „seine“ Welt deuten. Auch er bleibt ein ziemlich blasser Mensch, ohne Ecken und Kanten, manchmal etwas garstig, was noch lange keinen einprägsamen Charakter ausmacht. Und so lassen einen die ganzen Ausführungen über urbane Politik und Gesellschaft ein wenig unterkühlt, weil der Erzähler kaum Partei ergreift oder selber einmal Emotionen zeigt. In allen Tonlagen fluchen darf dann auch immer Corwi, Borlús Assistentin und Mädchen für unliebsame Ermittlungen, die sonst nur wenig Farbe zum Plot beiträgt. Im zweiten Teil des Buches ist dann Borlús Widerpart, Detective Dhatt, für unzimperliche Ermittlungsmethoden zuständig und der halbhartgekochte Besź verkommt fast zu dessen Sidekick.

Trotzdem sind die Geschichte der Zwillingsstädte und ihre strengen moralischen Regeln nicht ohne Reiz. Eines der grössten Verbrechen ist demnach der „Grenzbruch“. Der geschieht immer, wenn ein Bewohner der einen Stadt bewusst oder unbewusst die andere Stadt wahrnimmt. Man sollte sich also hüten, bei den „Deckungsgleichen“ (Berührungspunkten der beiden Städte) die „falschen“ Passanten oder Gebäude zu sehen. Andernfalls hat man schnell Ahndung auf der Pelle. Nur bei Kindern und Touristen, die sich noch nicht ans „Sehen“ und „Nichtsehen“ gewöhnt haben, drückt diese mysteriöse Instanz allenfalls ein Auge zu. Die anderen schnappt sie sich: auf Nimmerwiedersehen.

So schräg dieser Abriss von Miévilles Plot klingt, so gefragt ist manchmal der gute Glauben des Lesers. Wobei schräg nicht unbedingt gut heissen muss. Aber immerhin bemüht Miéville ein völlig eigenständiges Szenario, das nicht schon hundertmal von anderen Autoren durchgekaut worden ist.

Im letzten Viertel werden dann alle Register gezogen um die letzten Puzzle-Teile im Mordfall Fulana Ix aufzudecken. Und neue Fragen werden aufgeworfen: Was hat es mit Ahndung auf sich? Was ist diese Präsenz? Inquisition, Geheimgesellschaft oder gar eine extraterrestrische Macht? Obwohl Miéville Ahndung aus gutem Grund im Vagen belässt, ist mir da ein bisschen zu viel angedeutet und zu wenig ausgeführt. Im mystischen Sumpf seiner Erzählung vermengen sich dann noch Verschwörungstheorien und Gerüchte über eine dritte Stadt namens Orciny. Ein Ort, an den niemand glaubt und der angeblich höchstens in Märchen und Legenden seine Berechtigung hat. Die Ermittler finden heraus, dass sich Fulana Ix intensiv mit diesem Material auseinandergesetzt und sich damit nicht nur Freunde gemacht hat. Denn beide Städte sind ein einziger Klüngel aus Nationalisten, Linksautonomen, Faschisten und Aktivisten, die entweder für oder gegen die (Wieder-) Vereinigung der beiden Städte kämpfen. Doch zwischen Besźel und Ul Qoma besteht auch eine offizielle Verbindung: das gigantische Regierungsgebäude, genannt Kopula. Sie stellt den einzigen legalen Grenzübergang dar, durch den man ungestraft die andere Stadt betreten kann. (Falls der geneigte Besucher ein Visum besitzt.) Als Borlú und Dhatt eine mit der Ermordeten befreundete Studentin, die sich ebenso mit dem brisanten Gedankengut Orciny beschäftigt hat, durch die Kopula (und aus der Gefahrenzone) zu schleusen versuchen, geht einiges schief. Und wenig später herrscht in beiden Städten der Ausnahmezustand …

Kafka meets Balkan-Techno?

Miéville möchte dem Roman in seiner Danksagung eine gewisse Nähe zu Kafka und Bruno Schulz zusprechen, dessen Erzählband „Die Zimtläden“ auch das Motto für „Die Stadt & die Stadt“ hergibt. Ob es ihm gelungen ist, darüber kann man sich streiten. Ich finde, dass Miévilles Geschichte nicht diese durchaus angenehme Beklemmung erzeugen kann, wie es Schulz und Kafka gelingt. Und doch gibt es Anklänge an diese beiden Autoren. Es kommt mir dabei vor, als ob Miéville deren düstere Szenarien einfach in die heutige Zeit verfrachtet hat: Google, iPods, und DJ Radic sind seine ironischen Ergänzungen. Meist hat Borlús Handy allerdings keinen Empfang und Internetverbindung ist noch immer analog. Das fand ich dann doch ziemlich erfrischend, dass Miéville hier keine Hightech-Welt realisiert, sondern dass sein Blick auf dieses fiktive Osteuropa mit einem gewissen Augenzwinkern geschieht. Zu bemängeln ist allerdings, dass die Story erst im letzten Drittel an Fahrt und somit an Spannung gewinnt. Ohne Frage, Miéville ist ein phantasiebegabter Autor, der die Zutaten für ein unvergleichliches Szenario kennt. Leider wurde die gute Idee der beiden durch unsichtbare Grenzen „aufgelösten“ Städte dem (zu) gewöhnlichen Krimi-Plot geopfert. Ein bisschen mehr Dampf und eigene Dynamik hätten der Geschichte gut getan. So bleibt es eine nette Fiktion ohne echte Glanzlichter.

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