Stadt der Fremden von

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2011unter dem Titel „Embassytown“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 384 Seiten.ISBN 3-404-20679-7.

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In Kürze:

Auf einem fernen Planeten leben die Menschen mit einer fremden Spezies zusammen. Diese spricht eine einmalige Sprache. Nur wenige beherrschen sie: die Botschafter. Sie sorgen für Frieden und Gleichberechtigung. Doch dann kommt ein neuer Botschafter. Als er beginnt zu sprechen, ändert sich alles.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der evolutionäre Vorteil der Lüge“88

Fantasy-Rezension von Thomas Nussbaumer

Auf dem Planeten Arieka sind die Menschen die Außerirdischen. Die heimische Spezies, – Gastgeber genannt -, könnte nicht fremdartiger sein. Zum einen wäre da ihr ziemlich bizarres Aussehen, irgendwo zwischen Insekt, Paarhufer und Korallenkolonie. Aber auch die Sprache der Ariekei hat es in sich: Denn die Kreaturen besitzen zwei Sprechorgane, jeweils eine ´Schnitt-´ und eine ´Drehungsstimme´ mit denen sie gleichzeitig reden. Zu Beginn der menschlichen Besiedlung schlugen jegliche Kommunikationsversuche fehl. Obwohl die Wissenschaftler die Sprache der Ariekei schnell entschlüsselt hatten, gelang es ihnen nicht, sich den Gastgebern verständlich zu machen. Für die Ariekei blieb selbst die lautlich korrekte Wiedergabe von ´Sprache´ nichts als Kauderwelsch. Da den Menschen naturgemäß nur ein Sprechorgan gegeben ist, versuchte man sich mit Computern zu behelfen. Mit diesen gelang es zwar, Sprache korrekt zu simulieren, dennoch verstanden die Gastgeber nicht, was ihnen da vorgespielt wurde. Denn die Ariekei können nur verstehen, wenn ein Wesen mit einer Absicht (Verstand, Geist) und zwei Stimmen spricht.

Wenn im gesamten Universum Verständigung mit Gleichnissen und Metaphern geschieht (z.B. das ´Phonem´ Baum für das ´Ding´ Baum), so ist bei den Ariekei Sprache nichts Abstraktes, kein Mittel, um etwas zu veranschaulichen, sondern sie ist schlicht nichts als Tatsache. Wenn die Ariekei reden, machen sie keine Vergleiche, sondern sie sprechen Wirklichkeit. Sie können demnach nicht lügen, alles, was sie sagen, ist Wahrheit. Und wenn diese Wahrheit (noch) nicht existiert, sorgen die Aliens dafür, dass sie geschieht. Auch die Protagonistin Avice Benner wird als Mädchen unter Schmerzen zu einem Simile ´gemacht´, das den Ariekei dient, sich auszudrücken. Lügen, die bei den Menschen zur Kommunikation dazugehören, sind für die Aliens ein Paradoxon, welches sie in Entzücken versetzt. Doch damit hängt eine gefährliche Erkenntnis zusammen, die letztlich den Untergang der Gastgeber bedeuten könnte …

Leben & Politik in der galaktischen Provinz

Arieka ist ein Planet, der wirtschaftlich nicht von besonderem Interesse ist. Er liegt jedoch günstig am Rand des ´Immers´, einem astronomischen Phänomen, über dessen Natur sich der Autor eher ausschweigt, das man aber als eine Art Urweltraum verstehen könnte, wo eigene physikalische Gesetze gelten. Das Immer ermöglicht erst interstellare Reisen in realisierbaren Zeiträumen und das macht Arieka wiederum zu einem wichtigen Navigationspunkt für die Raumfahrt. Die Erzählerin Avice wird schon in ihrer Jugend zur Astronautin auserkoren und verlässt bald Arieka um im Dienst ihrer Heimat das Immer zu bereisen. Als sie Jahre später mit ihrem Mann, einem Sprachwissenschaftler, nach Botschaftsstadt zurückkehrt, wird sie darauf hin Mitglied des Botschaftsstabes und rückt ins Zentrum des politischen Geschehens – zumindest als Beobachterin.

„Stadt der Fremden“ beginnt recht unspektakulär, die Erzählerin braucht fast zwei Drittel der Seiten um mit viel Lokalkolorit ihre Geschichte darzulegen. Dabei stellt sich Botschaftsstadt (im Original: Embassytown) als für die menschlichen Kolonisten eher unwirtlicher Ort heraus. Lebensfeindlich ist im Speziellen die giftige Atmosphäre des Planeten; eine künstliche Windglocke über der Stadt sorgt erst für atembare Luft. Demnach ist Botschaftsstadt keine Metropole, sondern eine provinzielle Enklave, worin die Lebenszyklen durch die extrem seltenen Landungen von Transportraumschiffen aus der Republik Bremen geprägt werden. Die Menschen werden von den Ariekei geduldet und beide Seiten betreiben im kleinen Rahmen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch. Wichtiger Bestandteil davon sind die menschlichen Botschafter, die die Kommunikation mit den Ariekei erst möglich machen. Diese treten stets als Paar auf, als perfekte Zwillinge, die durch ein langjähriges Zuchtprogramm bis aufs Haar aneinander angeglichen wurden. Durch eine neuronale Verbindung im Nacken sind sie fähig simultan Sprache zu sprechen. Das macht sie zu den wichtigsten Bewohnern von Botschaftsstadt, zu Popstars der Diplomatie, die stets von einer Schar Bürokraten umschwärmt werden.

Als EzRa, der von Bremen entsandte neue Botschafter, erstmals zu den Gastgebern spricht, löst er damit bei den Aliens einen Sprachschock aus, der das Leben auf Arieka nachhaltig verändert …

Wie in einigen von Miévilles Romanen spitzen sich zuletzt die Ereignisse zu; was diesmal als eine Art Bürokratiethriller beginnt, wird im letzten Drittel definitiv zu Action-Kopfkino.

Phantastik der Marke Miéville – gewohnt anders

Aus der simplen Idee, – der Unfähigkeit einer Spezies zur Lüge -, entwickelt Miéville die Geschichte zweier eigentlich unvereinbarer Kulturen, die sich irgendwie mit ´Menschlichkeit´ und Diplomatie zusammenraufen – aber dennoch kann zuletzt Gewalt nicht verhindert werden. Die Figuren des Romans, allen voran die Heldin Avice Benner, sind als vielschichtige und manchmal auch unergründliche Charaktere angelegt, an denen man sich nicht so schnell sattliest, selbst wenn sie ein wenig sperrig wirken. Zu Beginn des Romans bemüht sich Miéville sehr, sein Szenario in allen Details auszumalen, das lässt den befremdlichen Kosmos Arieka bildhaft vor dem inneren Auge entstehen. Dabei bleibt die Handlung vorerst Nebensache, fast hat man das Gefühl, es handle sich um eine etwas verrückte Analyse von Sprache und ihren Mechanismen. Nach 300 Seiten schlägt die gepflegte Sprachabhandlung dann aber in handlungsorientiertes Geschehen um. Der innere Konflikt der Ariekei führt zu einer Revolution und das Finale wird richtig spannend – der Lohn für das stellenweise zähe Durchhalten. Die Story zieht dabei das Fazit, dass es ein evolutionärer Vorteil zu sein scheint, wenn Lebewesen im Lauf ihrer Entwicklungsgeschichte das Lügen lernen.

Miévilles Büchern schlagen jeweils hohe Erwartungen von Seiten seiner Fangemeinde und von Kritikern gleichermaßen entgegen, seit der Brite mit seiner Bas Lag-Serie („Perdido Street Station“, „The Scar“ und „Iron Council“) die Science Fantasy neu belebte und damit einen Markstein der zeitgenössischen Phantastik setzte. Und nicht immer macht es Miéville seinen Fans leicht. Obwohl er sich locker auf seinen Lorbeeren ausruhen könnte, indem er schlicht ein paar weitere Bas-Lag-Romane nachlegte, hat sich der in London lebende Autor entschieden, nicht einfach Altbewährtes zu variieren, sondern immer mal wieder Neuland zu betreten und auch etwas sperrigeres Ideen-Material zu bearbeiten. „Stadt der Fremden“ besticht durch eine ungewöhnliche Idee und ein unverwechselbares Szenario, die bis zuletzt konsequent durchgedacht werden. Dabei scheint Miéville, der sich selber als Vertreter der Gattung New Weird sieht, der Lebensraum Stadt immer wieder aufs Neue zu inspirieren. Sein Markenzeichen bleiben verschrobene Schauplätze, die hohen Exotik-Faktor besitzen und eben das Flair einer guten ´weird tale´ verbreiten. Leicht zu lesen ist das nicht immer, dafür wird der Aufwand meines Erachtens mit Originalität entschädigt, die lange in den Gehirnwindungen sitzen bleibt.

Miéville zeigt mit „Stadt der Fremden“, was prickelnde SF sein kann, Lichtjahre entfernt von den etablierten Schablonen; gleichzeitig unterhaltsam und doch mit Ambitionen.

(Thomas Nussbaumer, November 2012)

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