Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes von Christian Endres

Buchvorstellungund Rezension

Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes von Christian Endres

Originalausgabe erschienen 2009, 246 Seiten.ISBN 3941258168.

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In Kürze:

Sherlock Holmes ist die wohl bekannteste Persönlichkeit der Literaturgeschichte. Trotzdem hat uns sein Freund und Chronist Dr. Watson längst nicht alles erzählt, noch längst nicht jedes Abenteuer des Detektivs aus der Baker Street an die Nachwelt weitergegeben. Gerade wenn es um die übersinnlichen und fantastischen Fälle des Meisterdetektivs geht, hat uns der gute Watson einiges verschwiegen.
Was hat es mit dem Fall auf sich, als London beinahe im Regen ertrank? Was verbindet Holmes mit Kapitän Nemo und der Nautilus? Wer ist die treibende Kraft hinter dem Imperium der Zahnräder und seinen mörderischen Schergen? Was könnte ein Gott in London suchen? Wohin sind die Katzen der Stadt verschwunden? Waren Holmes und Watson tatsächlich in Oz und in Oberons Anderswelt? Was steckt wirklich hinter den Übergriffen einer Rattenhorde am Londoner Hafen?
Die Auflösungen dieser und anderer Fälle warten in »Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes«.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das Spiel beginnt“100

Mystery-Rezension von Elmar Huber

„Inzwischen glaube ich fest daran, dass Magie im Leben und in Tod (und darüber hinaus) schon immer Bestandteil der Welt gewesen ist und es immer sein wird. Nicht nur im schwarzen Herzen Afrikas, auf den karibischen Inseln oder im wilden Afghanistan, sondern auch hier, im Empire, dem Zentrum der Moderne, genauso wie in Europa und der neuen Welt – Brutstätten des Fortschritts und der Wissenschaften, wie man festhalten muss. Doch selbst hier gibt es noch genügend Unglaubliches, das nicht auf die Errungenschaften der Neuzeit zurückzuführen ist.
Unglaubliches, Anderes und …Schlimmeres“
(Viktorianische Magie)

Londons verlorene Kinder

Ein junger schottischer Reporter entdeckt, dass immer mehr obdachlose Kinder von Londons Straßen verschwinden.

Rigor Mortis

Der König von Oz erbittet Sherlock Holmes Hilfe. Sein Herzog ist in ein Unwetter geraten und infolge der Rostbildung zur Unbeweglichkeit verdammt. Dabei hat der tägliche Wetterbericht keinen Regen vorausgesagt, doch der entpuppt sich schnell als Fälschung.

Ratten im Gemäuer

Die Lagerhäuser an den Londoner Docks leiden an einer nie dagewesenen Rattenplage. Ein Erpresser fordert brieflich eine „ziemlich hohe Summe“, soll die Plage beendet werden. Unterzeichnet ist der Erpresserbrief mit dem Namen Jack Black, der königliche Rattenfänger, der allerdings seit über 35 Jahren tot ist.

Watson im Wunderland

Bei der Sichtung einiger Bücher für eine Wohltätigkeitsauktion fällt Watson eine persönlich signierte Ausgabe von Lewis Carrols „Alice im Wunderland“ in die Hände.

Das Geschenk der Freiheit

Schon geraume Zeit kommen aus aller Welt Geschenke für das Thronjubiläum der Königin an. Die Gesandten aus Thule wenden sich hilfesuchend an Sherlock Holmes. Ihr Geschenk an die Königin ist entflohen..

Muse mit sieben Prozent

Sherlock Holmes gibt sich – aus Mangel an Herausforderungen – wieder einmal dem Kokskonsum hin, während Watson seine Muse verlassen hat und seine Verleger mit rechtlichen Schritten drohen. Was liegt also näher, als sich gemeinsam auf die Suche nach der abtrünnigen Muse zu machen?

Regenfall

Holmes sieht sich konfrontiert mit einer „Regenfront, die wie eine Glocke über London klebt“. Längst ist der Ausnahmezustand in der Stadt ausgebrochen, als ein Erpresser als Gegenleistung für das Ende der himmlischen Flut die Kronjuwelen fordert. Gemeinsam mit Mycroft Holmes wollen Sherlock Holmes und John Watson die Identität des Erpressers aufklären.

Der Fall der verschwundenen Katzen

Seit einigen Tagen ist Merlin, der Kater, der seit dem Fall „Magischer Regen“ die Junggesellengemeinschaft der Baker Street 221b bereichert, verschwunden. Holmes Erkundigungen decken ein allgemeines Katzenverschwinden in London auf. Die Vermutung des Detektivs führt in die altertümlichen Tunnel, die Londons Untergrund durchziehen.

Pelz und Kokain

Ein seltsamer Mörder, genannt „Der Sandmann“ ist für mehrere Tote in Londons Straßen verantwortlich. Die Opfer schlafen ein und erwachen nicht wieder. König Oberon vermutet, dass eine Substanz, die aus seinem Reich in die Welt der Menschen geschmuggelt wurde, dafür verantwortlich ist.

Detektiv im Dutzend

Während eines Freundschaftsbesuchs bei Sherlock Holmes glaubt John Watson seinen Augen nicht zu trauen. Er sieht sich plötzlich 13 Ausgaben von Sherlock Holmes gegenüber.

Schatten aus dem Meer

Prinz Dakkar, besser bekannt als Kapitän Nemo, ersucht um Sherlock Holmes Hilfe. Ein Notizbuch wurde ihm entwendet, das in den falschen Händen den Untergang der Welt heraufbeschwören kann. Dort sind nicht nur Aufzeichnungen über die Zukunft enthalten, sondern auch die Standorte unterseeischer Tore, mit deren Hilfe man durch die Zeit reisen kann.

Verschollen in den Weiden

„Wir glauben, dass Toad entführt wurde“, lautet die schockierende Nachricht, mit der eines Nachts ein Maulwurf, ein Dachs und eine Ratte, „die Wintermäntel und Schals trugen“, auf den Treppenstufen von 221b Sherlock Holmes ihre Aufwartung machen.

Stille Brunnen sind tief

Eine Mordserie versetzt Rom in Angst und Schrecken. Die Opfer werden mit Würgemalen am Hals in verschiedenen Brunnen der ewigen Stadt aufgefunden. Die römische Polizei schickt einen „Dettetivo“ nach London, um Sherlock Holmes um seine Hilfe zu bitten.

Der Schrecken der Mancha

„Stirb, britischer Hund!“, schreit der Zauberer noch, bevor er verschwindet und Watson im Angesicht einer Windmühle zurücklässt, die sich gerade in ein Monstrum verwandelt.

Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes

Die Wunden an der entstellten Leiche scheinen dieser von Schwertern und Äxten im Miniaturformat beigebracht worden zu sein. Ein Rätsel, das zunächst auch Sherlock Holmes im Dunkeln tappen lässt. Sollten tatsächlich irische Kobolde dahinter stecken? Erst als bei weiteren Morden eine Vielzahl Uhren entwendet werden, gelangt der Detektiv auf die richtige Spur.

Eisige Verlockung

Als sich zu der Vielzahl unerklärlich verschwundener Schiffe plötzlich ein streng geheimes Schiff der britischen Marine gesellt, bittet Mycroft Holmes auf königlichen Befehl seinen Bruder Sherlock um Hilfe.

Der Rabe

Bei einer Zerstreuung in einem der zahlreichen Londoner Parks steht plötzlich ein Mann neben Watson, dem sein Rabe abhanden gekommen ist. Alle Anzeichen lassen für Holmes nur einen Schluss zu, um wen es sich bei diesem Mr. North tatsächlich handelt und wo der Rabe zu finden ist.

Nemesis

Bereits seit einigen Tagen verhält sich Holmes still und in sich gekehrt. Die Sorge treibt Dr. Watson dazu, seinem Freund bei einem nächtlichen Ausflug zu folgen.

Der Fluch

Die Verwüstungen in Mrs. Ackroyds Haus deuten darauf, dass ihr neuer Gast ein Werwolf ist. Obwohl Holmes alle Vorbereitungen trifft, dass der Lykanthrop nicht zurückkehrt, wird tags darauf Mrs. Ackroyds zerfetzte Leiche aufgefunden.

Abschied aus London

Die Nachricht von Irene Adlers Tod stürzt den stets aufrechten Sherlock Holmes in ein tiefes Loch. Er verlässt London, um sich im Süden der Sussex Downs der Bienenzucht hinzugeben.

„Was war bloß mit der Welt geschehen, dass Hexenmeister, Dämonenbeschwörer und Teufelsanbeter das Königshaus erpressen und die Hauptstadt unseres prächtigen Landes an den Rand einer Seuche, ja den Rand eines gesellschaftlichen Kollapses und eines Aufstands (...) drängen konnten.“
(Regenfall)

Diese spezielle Fallsammlung des Meisterdetektivs Sherlock Holmes steht ganz im Zeichen des Phantastischen. Autor Christian Endres präsentiert ein London, in dem Einhörner im St. James-Park flanieren, Vampire und Werwölfe auf den nächtlichen Gassen umherstreifen und menschenfressende Ghule unter den Friedhöfen hausen. Er lässt Holmes und Watson auf reale und fiktive Persönlichkeiten treffen. Zu den Klienten des Detektivs zählen hier unter anderem shakespearsche Fabelgestalten, sprechende Tiere und leibhaftige Götter.

Angesichts dieser überbordenden phantastischen Szenarien geraten die zu lösenden Fälle fast zwangsläufig in den Hintergrund. Da Herr Endres dennoch außerordentlich gut unterhält, ist dieser Mangel leicht zu verschmerzen. Gegen die schiere Zahl und die Überzeugungskraft der wunderbaren Schauplätze, auf denen sich Holmes und Watson hier tummeln, kann eine profane Krimihandlung nur verlieren.

Mit zahlreichen Anspielungen und Anleihen – zu viele, um alle erkennen oder gar aufzählen zu können – verbeugt sich Christian Endres vor berühmten Schriftstellern (auch Comicautoren) des modernen Zeitalters: Jules Verne, H.G. Wells, Bram Stoker, Lord Dunsany, J.M. Barrie, E.A. Poe, usw. Seinem Kollegen Neil Gaiman, der mit „Eine Studie in smaragdgrün“ (in „Schatten über Baker Street“) ebenfalls eine bemerkenswerte Holmes-Cthulhu-Melange geschrieben hat, huldigt Christian Endres in besonderer Weise: In „Pelz und Kokain“ nutzt er dessen (Comic-)Figur des Sandmann (=Morpheus) als Aufhänger und führt Holmes und Watson weiter in William Shakespeares Welt des Sommernachtstraums. Gaiman hat diese Welt ebenfalls schon als Rahmen für eine Sandmann-Geschichte genutzt („Ein Mittsommernachtstraum“ enthalten in „Sandman 3: Traumland“, Panini Comics, 2007) und dafür 1991 den World Fantasy Award erhalten.

Trotz der ausgiebigen kollegialen Wilderei ist „Das Uhrwerk des Todes“ unbestreitbar Christian Endres Kind. Er macht sich die zahlreichen Inspirationen zunutze, um daraus seine ureigene Vision eines phantastischen Sherlock Holmes zu kreieren. Auch begeht er nicht den Fehler, möglichst viele absurde Ideen in einer Geschichte unterbringen zu wollen und sich so zu verzetteln. Zu keinem Zeitpunkt vermitteln Christian Endres Holmes-Abenteuer ein Gefühl der Übersättigung, wie es leider bei Klaus-Peter Walters „Sherlock Holmes im Reich des Cthulhu“ (Blitz-Verlag) passiert ist. Gewissenhaft sorgt der Autor dafür, dass seine Geschichten kein unkontrolliertes Eigenleben entwickeln, so unpassend die verwendeten Elemente auf den ersten Blick auch scheinen. Wer hätte beispielsweise je erwartet, ein Crossover zwischen Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ und Bob Kanes „Batman“ zu lesen, in dem Ghule sich für Katzenentführungen verantwortlich zeigen und dass das Ganze am Ende noch irgend einen Sinn ergibt?

Sauber und geradlinig sind diese Geschichten aufgebaut, stets mit dem Ziel im Auge und mit dem rechten Augenmaß, wie viel Leidenschaft eine solche Geschichte verträgt und mit der Einsicht, dass einige Passagen dem Lesefluss eher schaden als nützen (siehe „Entfallene Szenen“).

„Holmes, mit wem wollen Sie um diese Uhrzeit eigentlich auf einem, Friedhof reden? Und warum schleichen wir dann wie die Kanalratten hier unten herum?“
„Nicht auf einem Friedhof, Watson. Unter einem Friedhof. Ich möchte unter einem Friedhof mit jemandem reden.“
(Der Fall der verschwundenen Katzen)

Mit liebevoller Würde lässt Christian Endres Holmes und Watson ihre Abenteuer in einem alternativen, phantastischen London erleben, ohne die Charaktere wesentlich zu verändern oder sie der Lächerlichkeit preis zu geben. Im Nachwort beschreibt Endres Sherlock Holmes als „eine Gestalt von beinahe mythologischer Qualität“. Eine Aussage, die man spätestens nach der Lektüre von „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ voll unterschreiben kann. Zu keinem Zeitpunkt wirken Holmes und Watson hier fehl am Platz oder gar störend, egal ob im zauberhaften Land Oz, beim nächtlichen Treffen mit der Vampirfürstin Irene Adler oder im Gespräch mit aufrecht gehenden Tieren. Darüber hinaus schafft es der Autor, „Das Uhrwerk des Todes“ zu einem großen Ganzen zu machen, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Mit winzigen Bindeglieder hält er die Geschichten zusammen.

Christian Endres scheut sich nicht, seinem Publikum auch einige „Entfallene Szenen“ zu präsentieren. Entfallen sind diese nicht etwa, weil sie schlecht sind, sondern vielmehr, weil sie zum Verständnis vom Leser doch zuviel Vorwissen erfordern („Ein Ende mit Farmer“) oder die Geschichten durch sie schlicht zu lange vom eigentlichen Weg abkommen („Der Markt, Mr. Fraction und die Wallküren“). Trotzdem sind beides „sehenswerte“ Szenen, die dem Leser dankenswerterweise nicht vorenthalten werden.

Möglicherweise schlummern schon neue phantastische Ideen für Sherlock Holmes in Christian Endres’ Kopf. Als Leser wünscht man sich weitere Abenteuer in diesem alternativen London, wo John Watson flankiert von einer erwachsenen Dorothy Gale im engen Lederdress durch einen der zahlreichen Londonder Parks spazieren geht und Sherlock Holmes Auge in Auge einem Einhorn gegenübersteht oder mit seiner Fiedel gegen Sirenengesang anspielt. Immerhin entstanden alle Geschichten in „Sherlock Holmes und das Uhrwerk des Todes“ in noch nicht einmal zwei Jahren. Ein Zeichen für die scheinbar unerschöpfliche Fantasie und den unermüdlichen Schaffensdrang des Autors.

Die Titelgrafik von Timo Kümmel (auch wenn Sherlock Holmes dort eine gewisse Ähnlichkeit mit Steve Carrell hat) ist ein gelungener Blickfänger. Holmes und Watson Rücken an Rücken vor dem Turm des Big Ben. Im Hintergrund riesenhaft vergrößert besagtes Uhrwerk des Todes. Auch auf der ersten Seite jeder Geschichte findet sich nochmals ein Ausschnitt aus dem Uhrwerk des Todes als Hintergrund. Zusammen mit den sehr schönen Satz insgesamt eine makellose Aufmachung.

„Die Königin fürchtet, dass unsere Welten womöglich nicht dazu bestimmt sind, noch länger verbunden zu sein. Die spärlichen Reste Magie in unserer Welt schwinden ohnehin immer schneller. Möglicherweise ist bald der Zeitpunkt gekommen, die letzten Tore zu schließen.“
(Pelz und Kokain)

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