Lyra von Christoph Marzi

Buchvorstellungund Rezension

Lyra von Christoph Marzi

Originalausgabe erschienen 2009, 500 Seiten.ISBN 3-453-52623-6.

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In Kürze:

Nichts läuft mehr richtig im Leben von Danny Darcy, Sänger der Folkband »Dylan’s Dogs«. Soozie, seine geliebte Frau, will sich scheiden lassen, und seine Lieder sind chronisch erfolglos. Doch anders als bei vielen verlassenen Männern ist es bei ihm ein Familienfluch. Um ihn aufzuheben, reist Darcy in die Sümpfe Louisianas – und findet eine Welt, in der Wespenkinder, lesende Baumwollspinnen und Sirenen über Leben und Tod entscheiden …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Faszinierende Südstaaten-Atmosphäre“80

Fantasy-Rezension von Carsten Kuhr

„Die Menschen glauben dass sie frei sind und alles, aber auch wirklich alles um sie herum selbst bestimmen können, dabei sind sie nicht als Gefangene. Sie kriegen nichts mehr mit von der wirklichen Welt. Sie verbringen ihr kurzes Leben mit den Gadgets, die so tot sind wie nur irgendwas – hängen am iPod, vor dem Fernseher oder vor Videospielen. Sie haben verlernt zu leben, begeben sich freiwillig in die Sklaverei.“ (Seite 124)

New Orleans, der Mississippi, Raddampferromantik, Bayou-County, das French Quater, Cajuns, Voodoo und Rhythmus, eine Welt, die Danny Darcy eigentlich fremd ist. Als Sänger der gefeierten Folkband Dylans Dog´s lebt er, der ursprünglich aus Schottland stammt, mit seiner schwangeren Frau in Minneapolis. Doch seit einigen Tagen ist sein Leben nicht länger eine harmonische Ballade, sondern gleicht mehr einem tieftraurigen Blues. Sunny, seine Frau, will ihn mit einer anderen, einer Schlampe gesehen haben. Nicht, dass ihm Groupies fremd wären, doch seitdem er mit Sunny zusammen ist, hat er keinerlei Verlangen mehr, in fremden Gefilden zu wildern. Als Sunny aus ihrem gemeinsamen Heim, einem Leuchtturm, auszieht, ahnt Danny, dass er in der Scheiße sitzt, richtig tief drin.

Alles begann damit, dass seine verschollene Mutter ein längeres Telefonat mit seiner Frau geführt hat. Nach all dem, was Danny und sein Bruder seit ihrer Geburt von ihrer Mutter ertragen mussten, ahnte er gleich, dass das nicht ohne Folgen bleiben würde. Seine Mutter, eine Sherazade, hat es schon immer verstanden, ihre Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Mit ihren besonderen Kräften, die ihre Söhne geerbt haben, ist sie in der Lage, Geschichten wahr werden zu lassen. Nun also hat sie ihrer Schwiegertochter eingegeben, dass ihr Sohn ihr untreu gewesen sei. Mehr noch, nicht nur die Eltern, auch das Ungeborene leidet unter furchtbaren Träumen.

Da ist guter Rat teuer. Doch um seiner Liebe willen macht sich Danny auf, Hilfe zu suchen. Die Spur weist gen Süden. In New Orleans bekommt unser Paar erste Hinweise, die sie in Richtung des großen Sumpfgebietes des Bayou führen. Hier, inmitten ewig währendem Dampfes, Spanischen Mooses, Alligatoren und Myriaden von Stechmücken sollen sich die letzten Sirenen hin geflüchtet haben. Im Maison Rouge, so die Mähr, erhält der Hilfe, der breit ist den Preis dafür zu zahlen -und der kann sehr hoch, zu oft zu hoch sein …

Erneuerer der Fantasy

Seit Christoph Marzi mit seinen Geschichten um die Städte unter den Städten, um Emily Laing und ihre Freunde im phantastischen Buchbereich debütierte, erstaunt er ein ums andere Mal seine Leser. Wer in seinen Büchern eine Neuauflage altbekannten Fantasyguts erwartet, der sieht sich getäuscht. Immer wieder gelingt es Marzi, neue Wege zu finden und zu beschreiten. Dabei schafft er es, sich selbst nicht zu kopieren, sondern ständig weiterzuentwickeln.

Vorliegender Roman ist wieder ein Buch, das ganz eigen dasteht. Es geht um Musik und um Verantwortung, um Liebe und Hass, um Opfer und um alte griechische Mythen. Mit leichter Hand erzählt Marzi dabei eine Geschichte, die geprägt ist von ihr innewohnender Musik. Wie eine gute Oper oder ein ergreifender Blues beginnt sie mit der Ouvertüre, nimmt dann im Hauptteil das Thema immer wieder neu in Variationen auf, bevor sie im Finale zu ihrem Höhepunkt findet.

Solch eine Handlung kann man nicht im trist-realistischen Schnäppchen-Deutschland, ja nicht einmal im alt-geschichtswürdigen Europa ansiedeln. Solch ein Blues verlangt nach den Baumwollfeldern der Südstaaten, nach Hitze, Schwüle und Schweiß.

Nun führt nicht nur harte Arbeit zu Transpiration. Furcht, die panische Angst, Erregung oder hohe Luftfeuchtigkeit tragen ebenso dazu bei, dass die Schweißdrüsen ihre Arbeit verrichten. Und so hat Christoph Marzi seinem Buch eine Menge derartiger Gefühle mitgegeben. Unterschwellige Begierde, sexuelle Anziehung, dazu das feucht-subtropische Klima Louisianas mit seinen Sümpfen und nicht zuletzt die Furcht vor dem Unbegreiflichen.

Urwüchsige Angst vor alten Göttern, vor Wesen die nicht an menschliche Konventionen gebunden sind, die außerhalb moralischer Grenzen agieren, durchzieht das Buch ebenso wie die Liebe und Opferbereitschaft, die unser Protagonist seiner Frau und werdenden Mutter entgegenbringt.

Geschickt verbindet Marzi seine Handlung dabei mit bekannten Mythen, wandelt diese für seine Zwecke ab, und transferiert sie in einen aktuellen Kontext. Das atmet nicht nur den Flair der alten Südstaaten, auch wenn Dixie nur mehr ein schwacher, vor sich hin modernder Abklatsch einstiger Größe ist, das entführt den Leser auch auf den Schwingen einer eingängigen, nichtsdestotrotz ergreifenden Melodie in eine von Mangroven und Alligatoren, vor sich hinträumenden Herrschaftshäusern und verfallenden Raddampfern betörende Kulisse, in der alles möglich zu sein scheint, die den Leser fasziniert und verzaubert und nicht mehr loslässt.

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