Zeitriss von Christopher Ride

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2009unter dem Titel „The First Boxer“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 512 Seiten.ISBN 3-404-16518-7.Übersetzung ins Deutsche von Angela Koonen.

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In Kürze:

2084. Ein unerklärliches Phänomen verwandelt die USA über Nacht in ein Entwicklungsland. Der Forscher Wilson Dowling entdeckt die Ursache. Ein Mann, der angeblich unsterblich ist und Kugeln mit der bloßen Hand fängt, verändert im Jahr 1898 den Lauf der Geschichte: Mit seinen Fähigkeiten führt er die Rebellen des chinesischen Boxeraufstandes zur Weltherrschaft. Wilson muss ihn aufhalten.

Das meint Phantastik-Couch.de: „History meets Future – ein Thema mit viel Potential“58

Mystery-Rezension von Eva Bergschneider

Ein wichtige Info vorweg: Weder der hier wiedergegebene Kurztext, noch der ähnliche, wenn auch deutlich längere Klappentext, geben Thema und Handlungsverlauf des Romans „Zeitriss“ von Christopher Ride auch nur annähernd realistisch wieder. Im Interesse der Autoren und Leser kann man Bastei-Lübbe und allgemein die Verlage nur bitten, in Zukunft die Texte etwas buchnäher zu verfassen. Dazu später noch etwas mehr.

Europa kolonialisiert China

„Zeitriss“ entführt uns in das Jahr 1860 nach China, in die Zeit des zweiten Opiumkriegs. Dort kämpften Engländer und Franzosen gegen die Armee des chinesischen Kaisers Hsien Feng (im dt. Sprachgebrauch Xianfeng), angeführt vom Mongolenprinz Senggerinchin. Es geht um die Erfüllung des Vertrags von Tianjin, welcher dem Westen den Zugang zu chinesischen Häfen und somit den Opiumhandel ermöglicht. Als sich die Chinesen diesem Vertrag widersetzen, kommt es zur zweiten blutigen Auseinandersetzung um die Handelsrechte. Auf Seiten der Alliierten lenken Sir Hope und Lord Elgin die Schlacht – und ein geheimnisvoller blauäugiger Asiat: Ein Zeitreisender, der mit Voraussagen über die Pläne des Gegners für den aus der Historie bekannten Ausgang des Krieges sorgen soll.

Die Enterprise Corporation schickt im Jahr 2084 im Rahmen des Unternehmen Esra den genetisch modifizierten und perfekt trainierten Randell Chen in das Jahr 1860, nach Peking in die Verbotene Stadt. Es ist das zweite Unternehmen dieser Art. Zuvor wurde ein Amerikaner, Wilson Dowling durch die Zeit geschickt, der nun die Aufgabe hat, den Chinesen vorzubereiten. Dowling weiß aus eigener Erfahrung, dass die Einhaltung des Auftragstexts einer solchen Zeitreisemission die schwierigste Herausforderung darstellt.

Passabler Historienroman, der beim Zeitreisethema strauchelt

Der im Kurztext angerissene Boxer-Aufstand bildet die Rahmenhandlung des Romans, bestehend aus wenigen Seiten des Anfangs und knapp 50 Seiten der Schlusskapitel. Ride verknüpft die beiden historischen Geschehnisse, den Opiumkrieg und den Aufstand der Chinesen gegen den westlichen Imperialismus, was zum Abschluss des Zeitreiseplots in einem spannenden Finale führt. Das angesprochene Zeitreisephänomen einer alternativen Zukunft mit den USA als Entwicklungsland sucht man allerdings im gesamten Roman vergeblich. Dadurch werden leider vollkommen falsche Erwartungen an die Handlung geweckt. Die fast unvermeidliche Enttäuschung mag den Leser über die Qualitäten des Romans hinwegsehen lassen. Und die findet man vornehmlich in der historischen Handlung.

Der Autor hat diesen Hintergrund exakt recherchiert und authentisch beschrieben. Jeder taktische Winkelzug, jede Entwicklung im Schlachtenverlauf wird gut nachvollziehbar aus der jeweiligen Perspektive der agierenden Kriegspartei, den Chinesen oder der Engländer, geschildert. Dazu gehören auch zahlreiche brutale Aktionen. In einem fort wird geschlachtet, verstümmelt, vergewaltigt, geblutet und gestorben. Trotz der Fülle fügt sich die Gewaltdarstellung in das historische Kriegsgeschehen ein und wirkt nicht wie unnötige Effekthascherei.

Oberflächlich gezeichnet wirken die Charaktere, die großspurigen britischen Generäle und der grausame Mongolenführer Senggerichin. Die Hauptfigur Randell Chen umgibt in seiner Rolle als Zeitreisender eine geheimnisvolle Aura der Weisheit und Überlegenheit, was ihn interessant macht und zur Handlung passt. Unfreiwillig komisch erscheinen mitunter seine Gespräche mit den stolzen britischen Schlachtenlenkern, die ihn fragen, woher er seine Informationen hat, sich aber letztlich leicht lenken lassen. In der Interaktion mit Cixi, der Kaisergattin, verliert Chen einen Teil seiner Stärke. Er tritt einerseits zielstrebig auf, lässt sich allerdings „mit den Waffen einer Frau“ beliebig manipulieren. Überhaupt charakterisiert Ride die ehemalige Nebenfrau des Kaisers Hsien Feng und spätere dreimalige Regentin Chinas als kalt, berechnend, mörderisch und promiskuitiv. Mit sexuellen Spielarten und Druckmitteln wickelt sie Chen um den Finger, was der Autor detailreich beschreibt. Schade, so verbleibt auch hier die Charakterisierung einer Hauptprotagonistin, die als historische Persönlichkeit viel Potential böte, in den üblichen altbackenen Klischees, die erfolgreichen Frauenfiguren gern angeheftet werden.

Im Vergleich zur historischen wirkt die futuristische Handlung halbherzig und schablonenhaft konstruiert. Weder ihre Technologie, noch das hier vorgestellte Motiv für eine Zeitreise, kann annähernd überzeugen. Die Technik wird derart rudimentär geschildert, dass der Autor besser ganz darauf verzichtet hätte. Die Zielsetzung der Unternehmung wird mystisch verklärt, als Auftragstext „vielleicht sogar von der Hand Gottes“ (S. 142) beschrieben. Das hat als Handlungsgrundlage so wenig Substanz, dass man sich möglicherweise genötigt sah, für den Klappentext dieses „unerklärliche Phänomen“ aus den Fingern zu saugen. Auch die in der Zukunft agierenden Figuren entsprechen den üblichen Schablonen. Eine graue Eminenz, die nicht von der Macht lassen kann und ein geheimes Ziel verfolgt, der Melancholiker, der nichts zu verlieren hat, sich gegen den Strom stellt und die Welt rettet. Wenigstens kommt Wilson Dowling, wie die meisten Antihelden, cleverer und durchaus sympathisch herüber.

Christopher Ride wollte mit „Zeitriss“ einen Zeitreise-Mysterythriller schreiben, aber er hätte vielleicht besser einen Historienroman daraus gemacht. Denn man sieht, das die chinesische Geschichte, die in der Unterhaltungsliteratur noch nicht x-mal durchgewalgt wurde, viel Stoff für äußerst dramatische Erzählungen bietet.

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