Die Stadt der singenden Flamme von Clark Ashton Smith

Buchvorstellungund Rezension

Die Stadt der singenden Flamme von Clark Ashton Smith

Originalausgabe erschienen 2011, 400 Seiten.ISBN 3865520839.

»Die Stadt der singenden Flamme« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Inhalt:

  • Stephen Jones: Die vergessenen Welten des Klarkash-Ton
  • Über Fantasy (Briefauszug)
  • Aus den Grüften der Erinnerung
  • Die Stadt der Singenden Flamme
  • Jenseits der Singenden Flamme
  • Das neunte Skelett
  • Der malaiische Kris
  • Die Abscheulichkeiten von Yondo
  • Die Auferweckung der Klapperschlange
  • Die Schrecken der Venus
  • Will Murray: Das Hyperborea von Clark Ashton Smith
  • Die Geschichte des Satampra Zeiros
  • Die Muse von Hyperborea
  • Das Tor zum Saturn
  • Das Manuskript des Athammaus
  • Das wunderliche Schicksal des Avoosl Wuthoqquan
  • Ubbo-Sathla
  • Der Eisdämon
  • Die sieben Banngelübde
  • Die weiße Seherin
  • Die Ankunft des weißen Wurms
  • Der Raub der neununddreißig Keuschheitsgürtel

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die fantastischen Welten des Klarkash-Ton“95

Horror-Rezension von Thomas Nussbaumer

Clark Ashton Smith ist zumindest im deutschen Sprachraum ein etwas in Vergessenheit geratener Autor der Pulp-Ära, den es neu zu entdecken gilt. Smith bildete zusammen mit H.P. Lovecraft und ´Conan´-Autor Robert E. Howard eine Triade, die dem Groschenheftchen ´Weird Tales´ (1923-54) zu seinem legendärem Ruf verhalf. Schön, dass nun der Festa-Verlag mit einer haptisch und visuell ansprechenden Gesamtausgabe von Smiths Stories aufwartet, die zuletzt sechs Bände umfassen soll.

Den Auftakt macht „Die Stadt der Singenden Flamme“ und die titelgebende Erzählung darf gleichzeitig als ein guter Einstieg in Smiths bizarren Kosmos gelten. Sie handelt von einem Schriftsteller, der auf einer einsamen Wanderung zufällig eine Passage entdeckt, die ihn in eine entfernte Dimension entführt. Sogleich zieht ihn die fremdartige Stadt, aus der eine lockende Melodie ertönt, in ihren Bann. Er folgt der Musik und realisiert, dass er offenbar der einzige Mensch hier ist, umgeben von lauter außerirdischen Kreaturen. Sie alle sind Pilger, die der Singenden Flamme huldigen und letztlich ihrem unheimlichen Sog erliegen, nur der Erzähler kommt gerade noch einmal mit dem Schrecken davon. Im Sequel „Jenseits der Singenden Flamme“ geht es dann um einen erneuten Besuch in der Pilgerstadt. Diesmal ist der Erzähler ein Freund des ersten, der dessen zurückgelassenes Tagebuch fand. Doch vieles ist jetzt anders, die Stadt ist scheinbar verlassen und steht unter Beschuss dunkler Mächte, die nur eins im Schilde führen: die Singende Flamme zu vernichten. In letzter Sekunde stürzt sich der Erzähler in die Flamme, bevor diese versiegt, um daraufhin in einer Art Paradies auf seinen alten Freund zu treffen, der ja kurze Zeit zuvor hier ankam. Doch auch die Dimension jenseits der Flamme ist nicht sicher vor dem Ansturm der dunklen Mächte.

Die erste Hälfte des Bandes machen neun Erzählungen aus, die keinem von Smiths thematischen Zyklen zugeordnet werden können. Die Einleitung von Stephen Jones beleuchtet den Menschen hinter den Erzählungen und zeigt die Editionsgeschichte der einzelnen Buchveröffentlichungen Smiths auf, der sich selber besonders als Lyriker sah. Speziell erwähnenswerte Stories sind „Die Schrecken der Venus“, (über eine Venus-Expedition in der Form klassischer Pulp-SF) und „Die Abscheulichkeiten von Yondo“, worin ein von den Folterknechten von Yondo geplagter Häretiker unverhofft seine Freiheit wiedererlangt, nur um in einer verspukten Wüste gleich den nächsten unfassbaren Schrecken in die Arme zu laufen.

Auffallend an Smiths Stil ist seine lyrische Sprache, die in einigen seiner Fantasyerzählungen schon ein wenig barock wirkt und die sicherlich das Markenzeichen dieses Autors darstellt. Ein weiteres Merkmal ist der sardonische Humor oder generell eine ironische Erzählhaltung, die man beispielsweise in Lovecrafts Geschichten (um den direkten Vergleich zu wagen) meist vermisst. Smiths Protagonisten sind Neugierige, die dem Reiz des Exotischen erliegen und durch eigenes Verschulden oder auch durch maßlose Gier ins Verderben laufen, wie etwa der Kaufmann Avoosl Wuthoqquan, der letztlich auf dem Speisezettel des Gottes Tsathoggua landet. Meist sind die Helden in Smiths Geschichten keine Sympathieträger, sondern schlicht Gauner, Maulhelden oder Ketzer, die sich ein François Rabelais nicht besser hätte ausdenken können. Alles in allem eine erfrischende Wiederentdeckung mit einem Hauch ´Dekadenz´.

Der ´Hyperborea´-Zyklus: Cthulhu & Co. mal anders

Der zweite Teil des Bandes enthält die gesammelten ´Hyperborea´-Stories in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Smiths Hyperborea ist ein fiktiver Kontinent irgendwo auf der nördlichen Erdhalbkugel, der etwa dem heutigen Grönland entspricht. Er ist wie auch das untergegangene Lemurien oder Atlantis in einer mythischen Vorzeit angesiedelt. Smiths ´Mhu Thulan´ ist möglicherweise eine Vermischung der legendären Insel Thule mit dem fiktiven Kontinent Mu im indischen Ozean. Es ist eine Welt die kurz vor der nächsten großen Eiszeit steht, die aber in den äquatornahen Zonen durchaus über bunt-giftige Dschungellandschaften verfügt. Auf Mu Thulan herrscht offiziell der Glaube an die hirschgestaltige Göttin Youndeh, doch immer wieder lodern dunklere Kulte auf um Götter mit vielversprechenden Namen wie Tsathoggua (oder Zhothaqquah, je nach Schreibweise), einem krötenartigen Gott aus grauer Vorzeit, der noch immer angebetet wird und der auch schon durch Lovecrafts Erzählungen geisterte. Weitere Namen sind der von letzterem Autor eingeführte Yok-Zothoth (Yog-Sothoth) oder Ktthulhut (Cthulhu). Im Unterschied zu Lovecrafts fernen Göttern, sind die Götter bei Smith körperlicher, sie warten nicht irgendwo hinter den Sternennebeln oder in den Tiefen des Meeres auf ihre Zeit hienieden, sondern sie sind durchaus anwesend und sorgen ganz real für Angst und Verderben. Allerdings zeichnen sich Smiths Geschichten meist durch leicht parodistische Züge aus, es geht dem Autor weniger um authentische Albtraumgestalten, die durch Risse in unsere Realität hereinsickern (wie das Lovecraft besonders in seinen späten Erzählungen meisterlich vorzeigte), sondern um die Erschaffung farbenreicher und archaischer Welten, die überhaupt im Gegensatz zu unserer erfahrbaren Realität stehen.

Clark Ashton Smith war ein Multitalent: Maler, Dichter, Bildhauer und in allen Bereichen Autodidakt. Er war mit Lovecraft befreundet, mit dem er sich rege über eigene und fremde Weltschöpfungen austauschte, Smith unterschrieb dabei oft augenzwinkernd mit ´Klarkash-Ton´. Dieser und andere Briefwechsel mit diversen Weird Tales-Autoren erlaubten der Literaturforschung später einige interessante Rückschlüsse auf die Menschen hinter den Fiktionen. Daher dürfte der ´Cthulhu-Mythos´ seither nicht mehr nur als ein einsamer Geniestreich Lovecrafts gelten, sondern zu wichtigen Teilen auch als ein Gemeinschaftswerk von einer Handvoll Autoren, deren Ideen sich gegenseitig befruchteten.

Smith blieb allerdings seinem eigenen Stil treu, der sich zum Teil sehr von der Ausdrucksart der anderen Pulp-Autoren abhebt. Er war vielleicht weniger ein Sonderling als Lovecraft, obwohl seine Biografie auch nicht mit Anekdoten geizt: Als Jugendlicher soll er beispielsweise eine Enzyklopädie auswendig gelernt haben, deren Wortschatz zeit seines Lebens in seine Geschichten einfloss. Allerdings war er finanziell nie auf Rosen gebettet und bekam auch keinen familiären und finanziellen Rückhalt wie ihn etwa Lovecraft (zumindest zeitweise) genoss. Smith lebte in Kalifornien in einer einfachen Blockhütte, die sein Vater gezimmert hatte und er kannte durchaus harte körperliche Arbeit, etwa die eines Erntehelfers oder Waldarbeiters. Immer wieder musste er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Allein von seinem Schreiben zu leben war ihm nicht möglich, denn die Fantasyliteratur bediente in den Dreißigerjahren noch keine breite Leserschaft. Und sie fand auch kaum Beachtung von Seiten der Literaturkritik, die Pulpliteratur nicht mal mit Samthandschuhen anfasste. Smith musste einige seiner Geschichten mehrfach einreichen, bis sich ein Verleger ´erbarmte´ und sich zu einer Veröffentlichung bereit erklärte. Das will natürlich nichts über die Qualität dieser Stories aussagen, nur eben, dass Fantasyliteratur lange ein Nischendasein führte und eigentlich nur dank Pulpmagazinen konsumiert werden konnte. Die Heftmacher erwogen daher jede Veröffentlichung unter wirtschaftlichen Aspekten. Dass Smiths poetischer Tonfall, der sich deutlich von der üblichen ´Ware´ in diesen Heftchen abhob, den Verlegern oft den Entscheid zu einer Veröffentlichung schwer machte, ist nachvollziehbar.

Die Texte in dieser Ausgabe wurden alle neu übersetzt und sie wirken im Vergleich zu den früheren Auflagen in der ´Bibliothek des Hauses Usher´ um einiges entstaubter und frischer. Die Erzählungen des eigentümlichen Kaliforniers werden in dieser Hardcoverausgabe bestimmt einige Anhänger dazugewinnen. Darüber hinaus sind die absolut lesenswerten Einleitungen und die editorischen Notizen ein weiterer Pluspunkt. Und zuletzt werden alle, die am Cthulhu-Mythos Geschmack gefunden haben, mit Clark Ashton Smith eine neue Facette desselben entdecken können.

(Thomas Nussbaumer, Dezember 2011)

Ihre Meinung zu »Clark Ashton Smith: Die Stadt der singenden Flamme«

benfi zu »Clark Ashton Smith: Die Stadt der singenden Flamme«02.11.2013
Clark Ashton Smith war wie H. P. Lovecraft einer von vielen Autoren, welche Magazine wie 'Weird Tales' in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in Amerika mit ihren Kurzgeschichten füllten. Anerkennung durch die breite Masse gab es - wenn überhaupt - erst nach dem Ableben; wie Lovecraft wohl am Besten bestätigen könnte - würde er noch Leben. Smith schrieb seine Stories in die verschiedensten Richtungen, hauptsächlich besaßen sie alle eine große Portion Phantasie - und das macht sie im Nachhinein so interessant. Leider haben Smith und Co. viel zu viel Zeit für die Korrespondenz untereinander verwendet, sie hätten so viele wunderbare, pralle Bücher mit ihren Ideen füllen können. Dies erkennt man in dieser Reihe, welche im Festa-Verlag erscheint. Der Kleinverlag möchte das Werk von Smith beizeiten innerhalb sechs Bände komplettieren. Diese erste Sammlung an Erzählungen enthält einige Frühwerke von C.A.S. , an denen man schon sieht, dass der Autor sehr detail-verliebt war und viele Sätze für die Beschreibungen der Umgebung oder von Dingen gebrauchte. Da ist die 'Stadt der singenden Flamme' schon ein Paradebeispiel. In schillerndsten Farben wird hier diese Dimension dargestellt. Leider führen diese Kurzgeschichten mangels Hintergrund nicht immer zu einer gelungenen Pointe; nichts desto trotz kommen Stories wie 'Das neunte Skelett' sehr gruselig daher. Anders ist das in den Geschichten um und in Hyperborea, dem sagenhaften verschollenen Kontinent der Vorzeit. Die Ideenvielfalt ist unerschöpflich und wenn auch die Erzählungen in sich abgeschlossen sind, fügen sie ein gewaltiges Gesamtbild dieser Phantasie-Welt zusammen. Gerne verweilt der Leser in den verschiedensten Epochen auf Mhu Thulan, der nördlichen Halbinsel des Kontinents oder lauscht den Erlebnissen des meisterhaften Diebes Satampra Zeiros. Die fast unaussprechlichen düsteren Gottheiten faszinieren, auch wenn man merkt, dass Smith und Lovecraft gegenseitig abgeschaut haben - oder sollte man besser sagen: sich ergänzt haben? Wer auf die dunklen Geschichten von Lovecraft, Poe und Co. steht und auch mit ein wenig Zynismus und dunkler Ironie klar kommt, der kann bei dieser ersten Sammlung an Erzählungen - welche zugegebenermaßen nicht ganz günstig ist, aber dafür liebevoll und sehr informativ aufgemacht ist - ungeniert zugreifen!
76°
Ihr Kommentar zu Die Stadt der singenden Flamme

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.