Welt der Puppen von Clifford D. Simak

Buchvorstellungund Rezension

Welt der Puppen von Clifford D. Simak

Originalausgabe erschienen 1972unter dem Titel „Destiny Doll“,deutsche Ausgabe erstmals 1974, 142 Seiten.ISBN 3-453-30263-X.Übersetzung ins Deutsche von Walter Brumm.

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In Kürze:

Mike Ross, ein erfahrener Raumpilot, ist bereit, die Leitung der Expedition zu übernehmen, die im Auftrag der reichen, exzentrischen Sara Foster nach dem legendären Lawrence Knight und seinem telepathischen Roboter Roscoe suchen soll. Führer der kleinen Gruppe ist der blinde, schwachsinnige George Smith, der die „Stimme“ hört, die ihnen den Weg durch die Galaxis weist. Sie nähern sich einem Planeten, werden angepeilt und eingewiesen und landen auf einem riesigen Landefeld, auf dem Hunderte von weißen Raumschiffen stehen und an dessen Rad sich die hohen Türme einer Stadt erheben, überragt von Kilometer hohen „Bäumen des Wissens“. Plötzlich – als die Expeditionsteilnehmer das Schiff verlassen haben – schließt sich hinter ihnen die Falle: Sie können nicht mehr an Bord zurück und müssen in der Stadt Schutz suchen – und damit beginnt ein Alptraum. Gegen die hoch entwickelte Rasse, die vor Jahrtausenden die „Bäume des Wissens“ pflanzte und die unentrinnbare Falle baute, um ihr Geheimnis zu bewahren, scheint es kein Mittel zu geben. Doch es gibt die Puppe, eine kleine Skulptur, die aus einer noch älteren Kultur des Planeten stammt. Sie ist ein Symbol – und Schlüssel zum Verständnis dessen, was Realität ist.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Fremder Planet mit selbst entwickelten Tücken“70

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Raumpilot Mike Ross lässt sich von der Abenteuerin Sara Foster für eine besondere Mission anheuern: Zusammen mit Bruder Tuck, einem eher zwielichtigen Gottesmann, und dem blinden Seher George Smith will sie nach dem legendären Lawrence Knight suchen, der vor vielen Jahren spurlos irgendwo in den Tiefen des Alls verschwand. Begleitet wurde er vom telepathisch begabten Roboter Roscoe, dessen Stimme Smith seit einiger Zeit angeblich in seinem Hirn vernimmt. Leider beschränkt sich Roscoe auf schwer zu entschlüsselnde Andeutungen, die immerhin eine Fährte zu den Sternen andeuten.

Ross ist skeptisch, aber die Bezahlung lässt ihn schwach werden. Auf einem namenlosen Planeten stoßen sie auf eine riesige aber verlassene Stadt. Die Hopper, schaukelpferdähnliche Roboter, nehmen sie freundlich in Empfang, doch kurz darauf ist den vier Reisenden der Weg in ihr Raumschiff abgeschnitten. Sie werden durch ein Portal gestoßen und stranden auf einem Wüstenplaneten. Dort stoßen sie auf den tintenfischähnlichen Alien Tuhut, der ihnen den Rückweg ermöglicht und sich ihnen anschließt.

Die Suche nach Knight wird zur Expedition in das Hinterland des Planeten. Immer wieder finden die Reisenden Spuren unglücklich geendeter Vorgänger aber auch den Hirnspeicher des Roboters Roscoe, der aufgrund einer Störung jedoch nicht mit Informationen aufwarten kann. Als erst Smith und dann Tuck verschwinden, findet Tuhut heraus, dass die Realität des Planeten mehrere parallel verlaufende Dimensionen aufweist. Als sich auch der Sinn der planetaren Anlagen zu klären beginnt, verliert die ursprüngliche Suche ihre Bedeutung. Den Reisenden bietet sich die Chance zum Übergang in eine alternative Existenz, wobei eine Rückkehr freilich ausgeschlossen ist …

Auf der Suche nach der heilen Welt

Je mehr Romane und Erzählungen von Clifford D. Simak man liest, desto deutlicher schälen sich übergreifende Elemente heraus. So kehrte vor allem der späte Simak immer wieder zu einem Gedanken zurück, den er erstmals als junger Autor in den 1940er Jahren formuliert hatte. In jenen Erzählungen, die insgesamt den „City“-Zyklus bilden – in Deutschland erschien er unter dem Titel „Als es noch Menschen gab“ – spielte Simak erstmals die mögliche Zukunft der Menschheit durch. Er kam dabei zu dem Schluss, dass der technische Fortschritt vor allem der Raumfahrt auf lange Sicht eine Ausbreitung ins Weltall zur Folge haben würde.

Der Zug in die Ferne ließe die Erde zu einem Planet unter vielen werden. Nach und nach würde die Bindung an die terranische Scholle schwächer, bis die Erde nur von einer Handvoll Menschen bewohnt wäre. Im „City“-Zyklus verschwanden sie völlig und ließen nur die Hunde zurück. In „Choice of Gods“ (1971, dt. „Die letzte Idylle“) teilen sich einige zu Mutanten gewordene Indianer und Bleichgesichter die Erde, in „Cemetary World“ (1972, dt. „Heimat Erde“) ist sie zum Friedhofsplaneten für die in der Galaxis verstreuten Menschen geworden, in „Welt der Puppen“ dient sie Mike Ross als abgelegenes Versteck, in dem ihn seine Verfolgen nicht vermuten werden.

In Romanen wie „Shakespeare’s Planet“ (1976, dt. „Shakespeares Planet“), „Unternehmen Papst“ (1981, dt. „Project Pope“) oder in dem hier vorgestellten „Welt der Puppen“ lernen wir die andere Seite kennen und folgen den Menschen auf ihren verschlungenen Wegen durch das All. Dieser Weg ist zwar reich an Konflikten, die bei Simak jedoch primär aus Missverständnissen erwachsen: Eroberungskriege kommen in seiner SF nicht vor.

„Fremd“ ist „seltsam“ aber nicht „böse“

Das Weltall ist bei Simak sowohl ein Ort der Wunder als auch ein Spiegel. Alte Vorurteile, die von der Erde mitgebracht werden, sorgen für unangenehme Zwischenfälle. Problematisch ist auch die dem Menschen eigene Aggression: Die meisten Gefahren, in die Mike Ross und seine Begleiter geraten, lösen sie selbst aus, weil sie Ereignisse und Vorgänge falsch interpretieren und mit Gewalt reagieren.

Doch die kosmische Realität ist deutlich vielschichtiger – in unserem Fall besitzt sie sogar mehrere Dimensionen, die durch Portale zu betreten sind. Auch dies ist eine von Simak oft und gern verwendete und variierte Idee, die er u. a. in der mit einem Hugo-Gernsback-Award ausgezeichneten Novelle „The Big Front Yard“ (1958, dt. „Das Tor zur anderen Welt“) sowie noch 1982 in dem Roman „Special Deliverance“ (dt. „Poker um die Zukunft“) zum Einsatz brachte.

In diesen fremden Dimensionen löst sich Simak von der Logik des Realen. Manche Szenen – in „Welt der Puppen“ vor allem die Begegnung mit einem lebendigen Riesenrad – muten surreal an. Durch den Verzicht auf Erklärungen, die durch Beschreibungen ´ersetzt´ werden, vertieft Simak den Charakter des Fremden im Sinne des (nur) dem Menschen Unbekannten.

Andere Welten, andere Sitten

Fremd ist Simak seit jeher die automatische Verteufelung des Fremden als Rivale und Gefahr. Sehr schön gelingt ihm dies mit der Darstellung des Aliens Tuhut zu verdeutlichen: Ein menschengroßer Tintenfisch bietet sicherlich keinen vertrauenerweckenden Anblick. Doch mit der ihm eigenen Meisterschaft – die der Anhänger der „Military Science Fiction“ vermutlich „Naivität“ nennen würde – verwandelt Simak Tuhut in einen Sympathieträger.

Auch die Hopper, von denen sich die Menschen zunächst in die Falle gelockt fühlen, sind nicht hinterhältig. Sie folgen eigenen moralischen Regeln, die denen der Menschen nicht zwangsläufig entsprechen müssen. Ebenfalls Simak-typisch beginnen die menschlichen Besucher ihre Lektion allmählich zu lernen. Die Belohnung besteht in einem tieferen Verständnis des Alls, das sich nicht nur über Entfernungen definiert. Mark Ross und Sara Foster finden schließlich ihre Erfüllung dort, wo sie diese niemals vermutet hätten. Von George Smith und Tuck wissen wir es nicht, können es aber annehmen.

Die Reise im „Inner Space“

Die Suche nach Lawrence Knight wird bald unwichtig. Sie löste eine Reise aus, die zum Weg der Erkenntnis wurde. Obwohl unsere Expedition dabei in bizarre Situationen gerät, erzählt Simak mit „Welt der Puppen“ eine ´ruhige´ Geschichte. Kurze Action-Einschübe stellen sich in der Regel als Fehl- und Überreaktion heraus. Wer wissen möchte, muss sich anpassen, so Simaks Credo. Als dies den Reisenden gelingt, unternehmen sie den nächsten evolutionären Schritt.

Für diejenigen Leser, die eher eine vordergründige und turbulente Handlung bevorzugen, wird „Welt der Puppen“ keine Offenbarung bieten. Objektiv betrachtet gehört dieser Roman zudem nicht zu Simaks besseren Werken. Ein deutlicher Minuspunkt ist beispielsweise, dass die menschlichen Figuren den Leser nicht wirklich interessieren und ihre Schicksale kaltlassen. Allerdings bleibt die Frage, in welchem Maße sie unter einer deutschen Übersetzung leiden, die das Originalwerk auf 142 Seiten herunter schnitt. Da Clifford D. Simak hierzulande leider zu den vergessenen Großmeistern der SF gehört, wird man Nebenwerke wie „Welt der Puppen“ wohl niemals neu und dieses Mal ungekürzt herausgeben, sodass man mit diesem Makel leben (bzw. lesen) muss.

(Dr. Michael Drewniok, September 2011)

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