Das Erste Buch des Blutes von Clive Barker

Buchvorstellungund Rezension

Das Erste Buch des Blutes von Clive Barker

Originalausgabe erschienen 1986unter dem Titel „The Books of Blood - Volume One“,deutsche Ausgabe erstmals 1987, 300 Seiten.ISBN 3-426-62920-8.Übersetzung ins Deutsche von Peter Kobbe.

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In Kürze:

Steigen Sie niemals in eine U-Bahn ein: Es könnte sein, dass sie direkt zu einem unterirdischen Schlachthof fährt… Mit diesem Buch wurde der amerikanische Autor Clive Barker über Nacht berühmt – und raubte einem Millionenpublikum den Schlaf… Das erste Buch des Blutes: der Klassiker des modernen Horrorromans endlich in einer attraktiven Neuausgabe für alle Barker-Fans und solche, die es werden wollen!

Inhalt:

  • Das Buch des Blutes
    The Book Of Blood
  • Der Mitternachts-Fleischzug
    The Midnight Meat Train
  • Das Geyatter und Jack
    The Yattering And Jack
  • Schweineblut-Blues
    Pig Blood Blues
  • Sex, Tod und Starglanz
    Sex, Death And Starshine
  • Im Bergland: Agonie der Städte
    In The Hills, The Cities

Das meint phantastik-couch.de: „Der Tod kann schrecklich hässlich sein“100

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Band 1 der „Bücher des Blutes“, mit denen Clive Barker in den frühen 1980er Jahren seinen Durchbruch als Verfasser phantastischer Geschichten und Romane erlebte: sechs Storys, einst bahnbrechend, noch heute bemerkenswert in ihrer Mischung aus virtuoser, atmosphärisch dichter Handlung und drastischem Nebeneinander von Sex & Splatter:

 – Das Buch des Blutes („The Book of Blood“): Ein betrügerisches Medium ist zur falschen Zeit am falschen Ort und fällt den zornigen Seelen der Toten zum Opfer, die es buchstäblich mit Haut & Haar vereinnahmen, um ihre Schicksalsgeschichten aufzuschreiben …

 – Der Mitternachts-Fleischzug („The Midnight Meat Train“): Unter den Straßen von New York trifft ein allzu neugieriger Bürger auf die wahren Herren der Stadt und wird von ihnen als Fleischlieferant zwangsverpflichtet …

 – Das Geyatter und Jack („The Yattering and Jack“): In einem einsamen Haus belauern sich Mann und Dämon. Wer dieses Duell verliert, muss sich dem Gegner unterwerfen. Erheblich erschwert wird der Kampf durch die Bedingung, dass sich die Kontrahenten einander nicht zu erkennen geben dürfen …

 – Schweineblut-Blues („Pig Blood Blues“): Der Geist eines jugendlichen Straftäters fährt in einen Körper, dem es nach ganz besonderer Nahrung gelüstet …

 – Sex, Tod und Starglanz („Sex, Death and Starshine“): Das Theater war ihr Leben und auch der Tod kann sie nicht daran hindern weiter zu spielen – vor einem Saal begeisterter Zombies führen sie ein unvergessliches Schauspiel auf …

 – Im Bergland: Agonie der Städte („In the Hills, the Cities“): In einem von der Zivilisation verschonten Landstrich des europäischen Balkans werden zwei Männer in ein archaisches Ritual verwickelt, das die Bevölkerung zweier Dörfer als bizarres und mörderisches Duell austragen …

(Es fehlt das ursprüngliche Vorwort von Ramsey Campbell aus der gebundenen deutschen Erstausgabe bzw. das Vorwort „Horror als subversive Kunst“ von Joachim Körber aus der bibliophilen Ausgabe der „Edition Phantasia“, beide erschienen 1987.)

Rot und tot aber erschreckend lebendig

Schon die erste Geschichte belegt, dass es Barker nicht darauf anlegt, dem Horror-Genre neue Motive zu erschließen. Das Konzept des Menschen als „Buch des Blutes“ erinnert gezielt an Ray Bradburys klassische Kurzgeschichtensammlung „The Illustrated Man“ (1951; dt. „Der illustrierte Mann“). Hier tritt in einer Rahmenhandlung ein über und über tätowierter Mann auf, dessen Hautbilder Geschichten erzählen, welche die folgenden Buchseiten füllen. Drei Jahrzehnte später geht Barker mit dem ihm eigenen Ungestüm mehr als einen Schritt weiter und entwickelt aus seiner Ausgangsidee einen buchstäblich roten Faden, der durch das 1500 Seiten starke Pandämonium der insgesamt sechs „Bücher des Blutes“ führt.

Sex und Gewalt, Leben und Tod: Gerade in der phantastischen Literatur war diese Kombination bereits vor Clive Barker kein Novum; die Verbindung liegt schließlich nahe. Allerdings arbeiteten die Autoren der Vergangenheit den Konventionen ihrer Zeit gemäß eher mit Andeutungen, wobei die Gewalt wesentlich unverhüllter daherkam als der Sex, welcher (durchaus reizvoll weil oft innovativ) bildhaft chiffriert wurde.

Clive Barker schert sich nicht um entsprechende Tabus bzw. unausgesprochene aber Regeln, die zur Zurückhaltung mahnen. Mit gerade 30 Jahren konnte er 1984 bereits auf einen reichen Erfahrungsschatz als Bühnenautor und Theaterproduzent zurückgreifen (wovon die Erzählung „Sex, Tod und Starglanz“ eindrucksvoll kündet). Seine „Dog Company“ führte Stücke in der Tradition des „Grand Guignol“ auf, wobei die spielerische Beschäftigung mit existenziellen menschlichen Fragen im Rahmen schräger bis absurder, mit Theaterblut und Gewalt großzügig angereicherter Geschichten stattfand.

Horror mit Hintergedanken

Der Horror stand dabei nicht spekulativ im Vordergrund, wie viele ablehnend eingestellte Kritiker es Barker vorwarfen, sondern stellte nur ein Transportmittel dar, mit dessen Hilfe ansonsten eher trockene Themen den Zuschauern trügerisch unterhaltsam nahe gebracht werden konnten. Zudem wirkten die „Grand Guignol“-Effekte aufrüttelnd; der frühe Clive Barker war das typische Beispiel eines „zornigen jungen Mannes“, der die faule, verkrustete, selbstzufriedene Gesellschaft schockieren und zum Nachdenken anregen wollte.

Im Theater erreichte er nur ein beschränktes Publikum. In den frühen 1980er Jahren versuchte es Barker deshalb mit anderen Medien. Als Schriftsteller, Filmemacher, Maler, Grafiker usw. bewies er sein breit gefächertes künstlerisches Talent. Sein Durchbruch als Autor von Kurzgeschichten und bald auch Romanen fiel zudem in die kurze Blütezeit des „Splatterpunks“, der alte erzählerische Traditionen mit modernem Blut- und Gekrösespritzereien verband und unbekümmert die Grenzen des Machbaren & Tolerierten auf die Probe stellte.

Das war harter Stoff für Kritiker und Leser und ist es eigentlich geblieben. Dennoch hat sich der Schock-Effekt abgenutzt; zu viele oft minderbegabte Schreiberlinge haben den Splatterpunk aufgegriffen, verwässert, verbraucht, bis er aus der Mode kam bzw. vom Mainstream (den es auch im Horrorgenre gibt) vereinnahmt wurde. Deshalb ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass Clive Barkern mit den Geschichten in seinen „Büchern des Blutes“ zu den Pionieren gehörte und für seinen Mut und seinen bizarren Einfallsreichtum zu bewundern ist.

Die blutigen Details

„Der Mitternachts-Fleischzug“ ist eine ironische aber durchaus ernst gemeinte Hommage an das kosmische Grauen des H. P. Lovecraft (1890-1937). Der Zivilisation der Menschen gingen vorgeblich unmenschliche Kulturen voraus, die längst nicht ausgestorben, sondern in den Untergrund gegangen sind, wo sie präsent und tödlich bleiben und ihren Tribut fordern. Dabei verstecken sich diese uralten Wesen nicht in der Wildnis, sondern folgen den Menschen, ihren Dienern und Opfern, in die Großstädte, die nur scheinbar Manifestationen einer modernen Menschheit, tatsächlich jedoch tief in der Vergangenheit verwurzelt sind.

Die enge Bindung zwischen Grauen und Humor zeigt „Das Geyatter und Jack“. Das Duell zwischen Mensch und Dämon wird von Barker atemberaubend spannend in Szene gesetzt. Gleichzeitig kommt man aus dem Lachen kaum heraus: über das abgrundtief böse, aber recht beschränkte Geyatter, das Ärger auf der Arbeit und mit seinem Vorgesetzten Beelzebub hat, und über Jack, der ebenfalls nicht helle aber schlau ist und zuletzt lacht, was eine ungewöhnliche Auflösung für eine solche Geschichte ist, zumal Barkers Sympathie normalerweise dem „Monster“ gilt. (Zur Story gibt es übrigens einen genialen Comic: „Ein höllischer Gast“, umgesetzt 1991 von John Bolton, in Deutschland erschienen 1994 im Thomas Tilsner Verlag.)

„Schweineblut-Blues“ erzählt die alte Geschichte vom tückischen Kreis verborgener Teufelsanbeter effektvoll neu. Anders als Henry James, der 1898 in „The Turn of the Screw“ (dt. „Die Drehung der Schraube“) noch auf den Schock durch „unschuldige“ Kinder, die von Dämonen besessen werden, setzen konnte, verlegt der ungleich zynischere Barker das Geschehen in eine heruntergekommene Anstalt zur Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher. (Dass Barkers „Gouvernante“ nicht um das Leben und das Seelenheil der ihr anvertrauten Kinder kämpft, sondern mit einem von ihnen schläft und sich mit den anderen blutigen Riten hingibt, hätte James vermutlich ebenfalls überrascht ¼)

„Sex, Tod und Starglanz“ fügt den Komponenten Sex und Gewalt noch die Verwesung hinzu. Auch hier erreicht Barker ungeahnte Höhen Ekel erregender Drastik, was indes niemals stört, sondern wunderbar zum Tenor dieser seltsamen Geschichte passt, welche allen Splatter-Effekten zum Trotz eine sehr anrührende ist und primär von der Magie des und der Liebe zum Theater bzw. dem seltenen Sieg der wahren Kunst erzählt.

Ganz sicher keine Horrorstory im eigentlichen Sinn ist „Im Bergland: Agonie der Städte“. Was geschieht, wird so fabelhaft beschrieben, dass man auf eine Klärung durchaus verzichten kann. Wer einmal gelesen hat, wie die beiden aus Menschen geformten Giganten aufeinander losgehen, wird dieses Bild sicherlich nicht mehr vergessen. Auf der anderen Seite ist die Deutung der Geschichte als Allegorie möglich. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Barker seine beiden Hauptfiguren als männliches Paar schildert, das nicht nur mit eigenen Schwierigkeiten, sondern auch mit Vorurteilen kämpft. Die entmenschten Giganten repräsentieren die Gesellschaft, die Homosexualität immer noch verurteilt und verfolgt. Es überlebt der Partner, der sich dem Druck der Masse ergibt, mit ihr zieht und seine Individualität aufgibt; ein bitteres Resümee, das der Verfasser hier zieht, und eine großartige Geschichte zum Ausklang einer noch immer außergewöhnlichen Sammlung.

Ihre Meinung zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«

Frank zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«11.01.2009
-Stellvertretend für alle Bücher des Blutes-.

Barker hat sich mit diesen Büchern für immer in meiner TOP 3 der Horrorliteratur einen Stammplatz gesichert. Klar gibt es auch hier einige "schwächere" Geschichten, aber in der Gesamtheit bleiben einige der besten Storys, die ich je gelesen habe.
Barker schreibt derartig innovativ und "anders", dass es kaum möglich ist, ihn mit irgendjemanden zu vergleichen.
Für jede/n der/die sich mit dem Genre beschäftigt, eine Pflichtanschaffung.
100%.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
SordisPretiosa zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«27.09.2008
Schon ziemlich splatter- und fantasybehaftet, aber durchaus unterhaltsam.
Trotzdem bin auch ich eine, die lieber mal richtig Angst beim Lesen bekommt (was leider, leider viel zu selten vorkommt), statt immer wieder vorgesetzt zu bekommen, wie das Blut nur so gurgelt und sprudelt.

Wenn man aber schon einige andere Horrorromane hinter sich hat, sind die Bücher des Blutes durchaus eine feine Abwechslung.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
K.-G. Beck-Ewerhardy zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«21.02.2008
Mmh, es ist so lange her, dass ich den Geschichten das erst Mal begegnet bin, aber sie haben einen überaus bleibenden Eindruck hinterlassen. Damals waren Bücher dieser Art eher unbekannt in der Literaturszene und ichmuss sagen, die Blutbücher haben mich sehr beeindruckt und ich bin seit der ersten Geschichte - bis heute, mit ein paar Augenrunzeln bei dem ein oder anderen Roman - ein begeisterter Clive Barker-Fan.
Oneiroi zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«21.02.2008
Manchmal ist es eher störend, dass so arg auf Splatter-Szenen und Mord und Todschlag als auf wirklichen Gänsehautfaktor gesetzt wird.

Ein bisschen mehr Angst erregen und ein bisschen weniger Blutpfützen hätten den Geschichten teilweise ganz gut getan...

Für eingeschworene Horrorfans aber definitiv zu empfehlen. Allerdings muss der Leser sich oft auf eine ganze Portion Fantasy einlassen, denn die Geschichten driften ziemlich weit ins richtig tief UNerklärlich/Groteske ab. Ist aber gut, wenn einem so etwas gefällt.
smokeknot zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«11.12.2007
Find es eigentlich gar nich mal so schlecht. Im Vergleich zu anderen Romanen zwar teilweise echt simpel geschrieben, aber es ist echt herrlicher trash den man teils nich für zu ernst nehmen sollte.
Quasi das passende Buch für nen chilligen Campingurlaub;)
JW_Freak zu »Clive Barker: Das Erste Buch des Blutes«20.12.2006
Die Qualität der Geschichten schwankt. Einige sind nicht nur schlecht, sondern wirklicher Müll, ander dagegen solllte man gelesen haben. Nur für Hardcore Fans des Horrorgenre zu empfehlen
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