Welt am Draht von Daniel F. Galouye

Buchvorstellungund Rezension

Welt am Draht von Daniel F. Galouye

Originalausgabe erschienen 1964unter dem Titel „Simulacron-3“,deutsche Ausgabe erstmals 1965, 239 Seiten.ISBN 3-462-02826-X.Übersetzung ins Deutsche von Tony Westermayr.

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In Kürze:

Der Softwarespezialist Hannon Fuller wird brutal ermordet aufgefunden. Schnell gerät sein Mitarbeiter Douglas Hall unter Verdacht, weil er sich nicht erinnern kann, wo er in der Nacht von Fullers Tod war. Hall ahnt, daß die Lösung des mysteriösen Mordes mit Fullers neuester Entwicklung zu tun hat: der „Site“. Dieses Computerprogramm, eine virtuelle Welt, besiedelt mit selbständig handelnden „Einheiten“, befindet sich in der 13. Etage des Konzerngebäudes. Ohne auch nur zu ahnen, was ihn erwartet, wagt Hall den Sprung von der Realität in die virtuelle Computerwelt. Eine Reise, die schließlich nur noch eine Frage aufwirft: Wer ist der Schöpfer und wer die Schöpfung?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Wie wirklich ist unsere Realität?“96

Science-Fiction-Rezension von Markus Traud

Science Fiction beschäftigt sich nicht nur mit dem Weltraum, fremden Planeten und möglichen außerirdischen Lebewesen. Natürlich sind dieses die Themen, die man zuerst mit dieser Literaturgattung verbindet. Doch sobald man sich etwas mehr mit dem Genre beschäftigt, entdeckt man das es zurecht Science Fiction und nicht Space Fiction genannt wird: Denn alle Bereiche der möglichen zukünftigen Entwicklungen durch Wissenschaft in ihrer weitesten Deutungsform kommen vor. Egal ob Utopien über zukünftige soziale Strukturen, technische Entwicklungen, sei es Gentechnik, Elektronik oder Waffentechniken oder kritischen Betrachtungen jeweils aktueller Probleme wie Aufrüstung, Überbevölkerung etc. fanden und finden Eingang in die Romane dieser Gattung. Auch der weite Themenbereich „Wie wirklich ist unsere Wirklichkeit“ findet hier Aufnahme.

Ein Buch, in dem ich zum erstenmal Ideen zum Thema verschiedene Realitäten und deren Wahrnehmung begegnete, war „Simulacron Drei“ von Daniel F.Galouye, geschrieben 1964, von mir zum erstenmal gelesen Anfang, Mitte der 80er Jahre.

Im Jahr 2024 ist die Welt fest in der Hand der Meinungsforschung. Egal ob ein neues Produkt eingeführt, ein Modetrend für die neue Saison entworfen oder ein Politiker sich zu einer Wahl stellt. Alles wird vorher zigfach durch Befragungen abgesichert; daher gibt es auch unzählige Meinungsforschungsinstitute und deren Befrager begegnen einem auf Schritt und Tritt. Die Bevölkerung ist sogar gesetzlich verpflichtet zu antworten.

Doch ein Unternehmen, die TEST AG oder kurz TEAG steht kurz davor, dieses Monopol zu durchbrechen, in dem sie auf elektronischem Wege einen Simulator baut, der ein steuerbares Spiegelbild der Realität kreiert. Diese Technik wird als Simulektronik bezeichnet. Mit den in dieser künstlichen Realität lebenden fiktiven Menschen, die als ID-Einheiten bezeichnet werden, kann man die Meinungsforschung einfacher abbilden.

Doch der Leiter dieses Forschungsprojektes, Hannon Fuller, verunglückt tödlich und David Hall, sein engster Mitarbeiter und Nachfolger, stößt auf einige Ungereimtheiten. Der Sicherheitschef des Unternehmens bezweifelt den Unfalltod Fullers und ist kurz darauf spurlos verschwunden, und niemand kann sich an ihn erinnern außer Hall. Weiterhin entdeckt Hall bei den ID-Einheiten in seinem Simulator seltsame Entwicklungen. Die Kontaktperson innerhalb des Simulators, die sich durch den Kontakt mit den Simulektronikern ihrer fiktiven Wirklichkeit bewusst ist, unternimmt einen Versuch, in die Realität zu fliehen. Auch andere ID-Einheiten scheinen eigenständiger zu werden als ihre Programmierung es zulässt und begehen z.B. Selbstmord. Bei seinen Ermittlungen trifft Hall auf die Tochter Fullers und verliebt sich in sie. Doch auch sie verschwindet unerklärlich von einer Sekunde auf die andere und taucht später einfach wieder auf, ohne ihre Abwesenheit richtig erklären zu können. Nach und nach entwickelt sich bei David Hall ein unglaublicher Verdacht. Kann es sein, das auch seine Welt nur eine große Simulation ist, die zu Meinungsforschungszwecken dient und die Entwicklung eines Simulators innerhalb der Simulation die Erzeuger seiner Realität dazu bringen, steuernd einzugreifen und den Simulator zu verhindern? Und kaum kommt er zu dieser Erkenntnis, wird er als Mörder Fullers verdächtigt und gejagt, fast so als ob jemand dies zentral steuert …

Wieder ein Buch, das mich beim ersten Lesen vor über 20 Jahren total in seinen Bann geschlagen hat und das auch jetzt nach dem vierten oder fünften Lesen nichts von seiner Faszination verloren hat.

Das Buch hat sehr viele Facetten: Zum einen ist natürlich das Thema Marktforschung in fast schon prophetischer Gabe aus dem Jahr 1964 kritisch betrachtet worden. Da der Autor Amerikaner ist, war die Entwicklung auf diesem Gebiet dort zur Zeit der Entstehung dieses Romanes zwar schon weiter als z.B. in Deutschland, doch auf keinen Fall so ausgeprägt wie heutzutage. Aber diese Allgegenwärtigkeit der Marktuntersuchung und die Abhängigkeit von Unfrage-Ergebnisssen im Roman kam mir, wenn ich an aktuelle politische Umfragen denke, erschreckend bekannt vor.

Doch das Hauptthema und der Kernpunkt im Roman ist die Beschäftigung mit der Frage der Realität. In wieweit ist es jemandem innerhalb einer Simulation möglich, diese zu erkennen? Zu einem Zeitpunkt, an dem an Virtual Reality noch überhaupt nicht zu denken war, hat Galouye schon einen Schlüsselroman zu diesem Thema geschrieben, der alle Probleme dieser Thematik aufzeigt. Was ist Leben? Hat eine simulierte Einheit, die aber zu eigenen Gedanken fähig ist, also über ein Bewusstsein verfügt, ein Leben? Nicht umsonst wird im Buch Descartes mit „Cogito ergo sum“ = „Ich denke, also bin ich“ zitiert. In wie weit hat der Schöpfer einer solchen Realität das Recht dort einzugreifen und eventuell sogar ID-Einheiten zu verändern oder zu löschen?

Viel Stoff der zum Nachdenken und eventuell sogar zu weitergehender philosophischer Lektüre anregt. Und schließlich sollte man nicht vergessen zu erwähnen, das all diese tiefgründigen Gedanken wunderbar in eine spannende und unterhaltsame Krimihandlung verpackt sind, so dass man dieses Buch auch noch einfach als Unterhaltung genießen kann. Außerdem ist die gesamte Handlungsstruktur absolut schlüssig. Im Gegensatz zu anderen Büchern, die eine Botschaft vermitteln wollen und dies dann mehr oder weniger gut in eine Handlung verpacken, ist es Galouye hier gelungen, die philosophischen Gedanken wirklich in der Handlung zu verwurzeln.

Der Stoff wurde zweimal verfilmt: Zum einen gibt es einen Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder mit dem Titel „Welt am Draht“ aus dem Jahr 1975. Es ist zwar schon sehr lange her, das ich diesen Film gesehen habe, aber meiner Erinnerung nach war es eine freie, aber gelungene Umsetzung. 1999 wurde das Buch erneut, jetzt aber von Hollywood verfilmt, nun unter dem Titel „13th Floor“ (aufgrund der Unart Bücher, sobald sie verfilmt wurden, auch nach dem Film zu benennen, wird der Roman seither unter diesem Titel verlegt).

Ein sowohl spannendes als auch nachdenklich stimmendes Buch, das ein sehr gelungener Mix zwischen Krimielementen und philosophischen Gedankenspielen über das Wesen der Realität ist. Eines der absoluten Highlights der SF-Literatur und auch über 40 Jahre nach seinem Erscheinen absolut aktuell und lesenswert.

Ihre Meinung zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«

Beverly zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«21.03.2012
Ich habe das Buch unter dem Titel "Simulacron-3" gelesen. Unter diesem schlichten Titel erzählt Daniel F. Galouye eine Geschichte, die zu den Klassikern der Phantastik geworden ist. Zu einer Zeit, als Computer noch Wandschränke waren, die mit Magnetbändern und Lochkarten liefen, schildert er ein Projekt, bei dem eine Welt mit lebenden und sich dieser Welt und ihrer selbst bewussten Menschen durch Computer simuliert wird. Folgerichtig ziehen die Schöpfer der Simulation damit ihrer eigenen Welt den "realen" Boden unter den Füßen weg. Wenn sie selbst eine Welt simulieren können, woher wissen sie dann, dass ihre eigene Welt nicht auch ...?

Das Ende von "Simulacron-3" als auch der sehr werkgetreuen Verfilmung unter dem Titel "Welt am Draht" erweckt zwar den Eindruck, dass es doch eine reale Welt gibt. Aber das scheint mir eher aus dem Zwang zu resultieren, Roman und Film ein Ende zu geben als aus wirklicher Überzeugung. Der Schluss von "The 13th Floor" ist da konsequenter.
Eine Rückkehr zum "Realismus" so alter wie schlechter Schule ist nach der Erfahrung der Welt als Simulation nicht mehr möglich. Die Frage ist nicht, ob die Welt simuliert wird, sondern wie.

Als Welt im Kasten, deren Bewohner ihren Schöpfern hilflos ausgeliefert sind? Oder funktioniert das Universum auf seiner elementarsten Ebene selbst wie ein gigantischer Computer? Diese Idee hatte Konrad Zuse und schrieb vom "rechnenden Raum". Wobei dieser Raum aus sich selbst heraus rechnet resp. von uns als rechnend wahrgenommen werden kann, ohne dass es eines Schöpfers bedarf.

Wie auch immer - um mehr über die Natur unserer Welt herauszufinden, bietet es sich an, sie zu simulieren. Das wird heute schon auf ganz großer Skala bei der Entwicklung des Universums und von Planetensystemen ebenso getan wie bei kleinteiligen Prozessen in unserer Alltagswelt. Wie in Simulacron-3 mag uns ein "Nachbau" unserer Welt neue, vielleicht erschreckende Erkenntnisse über die Natur unserer Welt liefern. Doch wie in dem Romanhelden kann uns ein Nachbau helfen, dieser Welt nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein.
Felix2@Fink zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«29.10.2010
Ein großartiges Buch und so Zeitlos, mich hat es schon kurz nach seinem Erscheinen in den siebziger Jahren sehr Beeindruckt ! Die Fassbinder Verfilmung finde ich auch als bisher Beste filmische Umsetzung. Der Philosophische Charakter dieses Buches ist Überwältigend - Ob nun Computer unsere Existenz steuern oder Höhere Wesen..... Völlig Wurscht, es bringt unser Hirn auf Trab - Das zählt, zumindest für mich.
petra furtado zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«29.10.2010
Das Buch wird um so interessanter je mehr wir computer entwickeln. Die Fassbender verfilmung traf genau den Punkt der nicht/greifbaren ir/realitaet.. Und ja, es ist religioes, es kommt darauf an in welche "Ebene" der "Realitaet" man Gott ansiedeln will. Da war ein anderes Buch mit einer vergleibaren Idee: Das Computersystem das die Funktionen der Mondkolonie erhaelt, "wacht auf" und entwickelt eine eigene Persoenlichkeit. Habe leider den Namen vergessen (Inhalt ist halt doch wichtiger).
Ulrich zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«26.05.2010
Die Simulation verrät sich durch widerkehrende Ereignisse, die fast identisch sind. Der/die Macher der irdischen Realität müssen eine ziemlich einfache Formel nutzen, die Kopien mit leichten Änderungen vorsieht. Daß diese Welt nicht real sein kann, folgert schon aus dem Umstand, daß man den Rand des Alls nicht erreichen kann. Auch muß man sich fragen, in welchem Raum das All eingefügt ist? Sind also alle unsere Erinnerungen "Implantate"? Auch bkeibt die Frage, wer hat das All gemacht, wer hat ihn gemacht? Die Antwort liegt im Kreis
Richard Fährmann zu »Daniel F. Galouye: Welt am Draht«26.07.2007
Es ist ein Interessantes Buch. Das Thema hat etwas religiöses. Ein Wissenschaftler der Gott spielt, eine Kunstwelt die ein Eigenleben entwickelt und überhaupt die Frage ob es so etwas wie eine vollkommene Wirklichkeit gibt. Ich fand nur Schade das dass Ende zu sehr einem Märchen a la Hollywood gleicht.
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