Charly von Daniel Keyes

Buchvorstellung

Charly von Daniel Keyes

Originalausgabe erschienen 1967unter dem Titel „Flowers for Algernon“,deutsche Ausgabe erstmals 1970, 298 Seiten.ISBN 3-608-93782-X.Übersetzung ins Deutsche von Maria Dessauer und Hiltgunt Monecke.

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In Kürze:

Charlie Gordon, ursprünglich kaum des Lesens mächtig, ist zu Forschungszwecken operiert worden und entwickelt eine überragende Intelligenz; schließlich überflügelt er intellektuell und fachlich sogar die Professoren, die das Experiment leiten. Zu seinen Freunden zählt die Maus Algernon – das erste Lebewesen, das mit derselben Methode erfolgreich behandelt wurde.

Mit den überwältigenden Fähigkeiten stellen sich für das Genie Charlie jedoch auch die ersten Probleme ein – in der Bäckerei, in der er früher arbeitete, mit seiner Familie, von der er jetzt entdeckt, daß sie ihn nie akzeptiert hat, und im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, vor dem er unerklärliche Angst hat.

Als Charlie auf einem Fachkongreß als Attraktion vorgeführt werden soll, flieht er zusammen mit Algernon. Kurze Zeit später zeigen sich im Verhalten der Maus erste Verfallserscheinungen … Charlies Aufzeichnungen für das Forscherteam geben dem Leser einen atemberaubenden Einblick in seine geistige Entwicklung und das Drama seiner Existenz.

Ihre Meinung zu »Daniel Keyes: Charly«

Horst Dieter Sihler zu »Daniel Keyes: Charly«08.10.2014
Klone in Literatur und Film

Mein Klon ist mein wahres Ich

Ich warte auf den großen Film oder Roman, in dem zum ersten Mal der Held aus reiner Menschlichkeit zugunsten seines Klons (seines biologischen Ersatz-Teillagers) auf seine „Reparatur“ verzichtet.

Dieser Gedanke kam mir, weil in den letzten Jahren nicht nur im Film, sondern auch in der Literatur zahlreiche alte und neue Beispiele über die Problematik des Klonens aufgetaucht waren, von Ridley Scotts „Blade Runner“ von 1982 über Steven Spielbergs „Jurassic Park“ von 1993 bis zu Michel Houellebecqs „Möglichkeit einer Insel“ von 2005 und dem wiederentdeckten „Hundeherz“ von Michail Bulgakow.

Und weil das Klonen plötzlich nicht mehr nur als reine Utopie erschien, sondern in reale greifbare Nähe gerückt war.

Künstliche Intellegenzen, Roboter, Androiden und alle anderen künstlichen Lebewesen aus Science Fiction und Fantasy haben uns im Laufe der Jahre schon darauf eingestimmt.

Für Walter Novotny, der neben Humbert Fink einer der Literaturpäbste Kärntens im vorigen Jahrhunderts war, verfaßte ich sogar schon einmal ein kleines Hörspiel, obwohl mir das Medium eigentlich gar nicht liegt, aber das Thema war faszinierend genug. Es ging – nach einem SF-Roman, der, glaube ich, Charlie hieß, um einen jungen Menschen, der plötzlich immer intellegenter wird, deshalb von seiner Umgebung geächtet wird und am Höhepunkt seiner Entwicklung erkennen muß, daß seine Mutation nur befristet ist und er bald wieder in seinen Normalzustand zurückfallen wird. (1996 hat der Film „Phänomenon“ mit John Travolta ein ähnliches Thema behandelt).

Schon filmgeschichtlich denke ich bei Frankensteins Monster, einer primitiven Urform des Klonens, weniger an das aus Leichenteilen zusammengestückelten Wesen, sondern an eine der schönsten Szenen des Genres, wo das Monster verzückt den Klängen einer Geige lauscht, die von einem blinden Musiker gespielt wird, der deshalb nicht schreiend davonlaufen muß.

Und bei den künstlichen Menschen, den Androiden, hat das Entdecken, daß der Android ein Bewußtsein, eine Seele hat, Auswirkungen, die man nicht für möglich hielt, wie schon 1982 bei Ridley Scotts „Blade Runner“ erstmals in diesem Ausmaß begreifbar:
„Die Replikanten haben Geschmack am Denken und dadurch auch am Fühlen und Empfinden gefunden und wollen nun ihre Lebensdauer erfahren. Am Höhepunkt des Films tritt ihr Anführer seinem Schöpfer gegenüber: I want more life! Aber es ist zu spät. Dem zum Menschen gewordenen Roboter wurden nur vier Jahre zugebilligt. Zum ersten Mal kann man im Film dem Sterben einer denkenden Menschmaschine zusehen, die ihren Tod nicht akzeptieren will …“ – schrieb ich seinerzeit im ORF. Und in Reclams Filmführer steht:

Der Rebell gegen seinen eigenen Schöpfer stirbt vor den Augen seines Verfolgers mit heldenhaftem Pathos und erinnert in poetischen Worten an seine Eindrücke als Krieger im Weltenraum, Bilder von apokalytischer Schönheit und Faszination, Zeugnisse der unglaublichen Intensität eines Lebens ohne Vergangenheit und Zukunft, voll Unschuld und Weisheit zugleich. Dann neigt der Tote seinen Kopf und seine Erinnerungen vergehen, wie er sagte, wie ‚Tränen im Regen’, – einer der ergreifendsten Momente des SF-Genres.

Am Schluß meines Filmgedichtes „Blaue Fee der Zukunft“ über Steven Spielbergs grandiosem Film nach einem Entwurf von Stanley Kubrick „A.I. – Artificial Intelligence“ konnte ich nur konstatieren:

2000 jahre später
nach langem schlaf erwacht
unter ewigem eis
ist das roboterkind
das einzige lebewesen
das auskunft geben kann

den außerirdischen
und künstlichen
intellegenzen

über die gefühlswelt
der ausgestorbenen spezies
mensch



Horst Dieter Sihler
mahalaxmi zu »Daniel Keyes: Charly«31.12.2013
Habe "Charly" - so hieß das Buch in der ersten übersetzten Ausgabe - 1979 oder 80 gelesen. Da war ich 16. Man muß dazu wissen, daß ich als "verhaltensgestört" galt unter Nachweis eines "extrem hohen IQ" - heute hätte man mich wohl mit dem Wort "Asperger" etikettiert. D.h., ich litt unter dem Stigma des Nicht-Normalen wie Charly. Und ähnlich Charly war ich gutmütig bis zur Naivität und wäre gern akzeptiert gewesen - nur, anders als er, nicht um den Preis eines Selbstverrats und Identitätswechsels. Kam sowas in Sicht, schaltete ich sofort auf "Modus Einzelkämpfer" um, auf "Sieg oder Tod." (Letzterer Modus ermöglichte mir übrigens , mich hochzuarbeiten, ganz allein... allein wie Charly...)
Ich erinnere noch recht genau die Gefühle, die ich beim Lesen hatte:
Bedrückung, körperlich in der Herzgegend spürbar, beim Titelbild, das den Namen Charly in kindhaft verdrehten Großbuchstaben zeigte. Absolutes Mitfühlen und Rechtgeben bei den Kapiteln, in denen Charly seine Sehnsucht schildert, intelligent zu werden wie die Anderen, so daß er mit ihnen "über Kunst und Politik und Gott" reden könne.
Etwas Ekel, als die Story ins Sexuelle rutschte, ich dachte: ist das nötig? ist der Sch...z wirklich SOOO zentral für einen Menschen, der eben den GEIST entdeckt hat, den Verstand? (Heute weiß ich, Psychoanalyse ist Unfug und verleumdet den Menschen, genau in diese Richtung; Daniel Keyes hat, damals, leider noch dran geglaubt.)
Noch mehr Ekel, nämlich vor dem neuen Charly, an der Stelle, wo er sein altes Ich im Video sieht und für es nichts übrig hat als Verachtung, weil es eben keinen Geist hat. Ich merkte, sein Hirn hat all den Geist auf Kosten der Gefühle produziert... das also tat die ominöse Operation... Mir ward übel.
Erleichterung beim Erleben der herzlichen Liebe zwischen Charly und Algernon - und zugleich der Gedanke, erstmals: wessen Algernon, wessen weiße Versuchsmaus, bin wohl ICH?
Und dann der Abstieg. Ich weine heute echte und bittere Tränen, wenn ich an ihn denke. Viele viele Menschen SIND jetzt "Algernons" - unter Ritalin, Strattera, Crystal, Ecstasy, SSRI-Antidepressiva, legal illegal schietegal, für ein paar Jahre oder auch nur Monate können sie mehr oder minder sein, was sie sein wollen, geistig, emotional oder sexuell, und dann geht die hilfreiche Wirkung dieser Stoffe in Giftwirkung über und der alte dumme, arme, machtlose, insuffiziente, verachtete Charly, der unverbesserte Mensch, kommt wieder raus... und ist noch trauriger dran als vorher. Unsrer Technokratie von heute als Ganzer wirds genauso gehn, wenn die Natur die Macht wieder übernimmt... entsetzlich, und doch einzige Chance für die Spezies Homo sapiens, zu überleben... Ich weine und höre RUSH's "Losing it": "Sadder still to watch it die, than never to have known it." Blumen auf mein Grab, Blumen auf dein Grab, Blumen auf Algernons Grab "hinden im garten".
Fazit: Sollte jeder gelesen haben, und zwar bevor er / sie das erste Mal ZNS-Drogen nimmt, auch verordnete wie Ritalin. Und nur, wer wie ich echte Tränen dabei weint, versteht, was heute abgeht... So wichtig wie Huxleys Schöne neue Welt!
Beverly zu »Daniel Keyes: Charly«22.03.2012
Der Originaltitel des Romans ist "Flowers for Algernon". Daniel Keyes erzählt nicht nur die Geschichte des geistig behinderten Charly, sondern auch die der weißen Maus Algernon. Weiße Mäuse dienen bekanntlich für Versuche und so wird auch Algernon als Versuchstier eingesetzt. Zuerst profitiert Algernon von der Erprobung eines Medikamentes, das danach auch Charly gegeben wird. Charly und Algernon schließen Freundschaft miteinander, doch der englische Titel deutet das tragische Ende hin.

"Charly" / "Flowers for Algernon" erweist sich als dicht erzählter und bewegender Roman. In sich ist er geschlossen, aber in die Wirklichkeit übertragen bleiben doch Fragen offen. Meines Erachtens würden sich Wissenschaftler nicht von einem Fehlschlag entmutigen lassen. Zudem wäre so im Sinne von Faust die Versuchung zu groß, das Mittel zu nehmen, auch wenn seine Wirkung nur vorübergehend ist. So fragen sich in "Charly" die Wissenschaftler, welchen Erfolg ihr Mittel bei Menschen mit durchschnittlicher oder hoher Intelligenz haben würde, wenn es schon bei einer Maus und einem geistig Behinderten so wirkungsvoll war. In der Rückschau erweist sich der retardierte Charly ebenso als Testobjekt wie die Maus Algernon.
Dass Charly selbst den Wissenschaftlern intellektuellen Chauvinismus vorwift, lässt tief blicken. Doch was ist die Konsequenz? Den Schlüssel zur Erkenntnis wegwerfen, weil er zwar ins Schloss gepasst hat, sich beim ersten Versuch nicht hat drehen lassen? Dann bleibt die Menschheit weiter dumm, wobei verglichen mit vielen "normalen" Zeitgenossen Charly selbst in seinem retardiertem Zustand noch ein Denker ist.
RM-Maus zu »Daniel Keyes: Charly«13.02.2011
"Charly" beschreibt in Form von Tagebucheinträgen des Protagonisten dessen Weg von einem geistig zurückgebliebenen Individuum der Gesellschaft zu einem über die Maßen intelligenten Vertreter der menschlichen Spezies.
Der Leser erfährt die traurige Lebensgeschichte eines unglaublich liebenswürdigen Menschen, der weder als Schwachsinniger noch als Intelligenter je richtig dazu gehört und zudem unfähig ist, eine Beziehung mit der Frau, die er liebt und die ihn liebt, einzugehen.
Schließlich entpuppt sich auch noch der anfängliche Sieg über seine geistige Unzulänglichkeit als ein Zustand, der nicht von Dauer ist.
Nachdem er seinen einzigen Seelenverwandten, eine Versuchsmaus namens Algernon, an der dasselbe Experiment wie an Charly durchgeführt wurde, verliert, muss er dem Unausweichlichem ins Auge sehen. Gnadenlos wird der Leser gezwungen, den Helden der Geschichte zurück in die benebelnde Schwachsinnigkeit zu begleiten.

Das Buch ist eines der emotionalsten, das ich je gelesen habe und berührte mich auf der ganzen Linie. Beim Lesen der letzten Tagebucheinträge, die wieder von der eigenwilligen Rechtschreibung und Grammatik des ursprünglichen Charly geprägt sind, konnte ich die Tränen kaum zurückhalten. Allein der Gedanke, dass die Hauptfigur am Ende (wieder) nicht mehr in der Lage ist, die Ungerechtigkeit, die ihm im Leben widerfahren ist, geistig zu erfassen, verspricht einen gewissen Trost.

Absolut lesenswert.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Nicole zu »Daniel Keyes: Charly«04.06.2008
Ein absolutes Muss für Science-Fiction und Fantasy-Fans! Dieses Buch ist im Gegensatz zu anderen Büchern der genannten Genres eher anspruchsvoll. Und vor allem nicht aufhören zu lesen, wenn einem die ersten Kapitel sehr merkwürdig vorkommen. Das ändert sich!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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