Das Phänomen Harry Potter: Ein Klassiker der Zukunft oder noch mehr?

Von Friedhelm Schneidewind

„Harry Potter ist Weltkulturerbe“, behauptet Britta Bode in der WELT vom 21.10.2007. Wahre Lobeshymnen sind zu hören und zu lesen, sogar mit Shakespeare und Joyce wird Rowling verglichen. Andere sind skeptischer: „Über Klassiker befindet die Zeit. Weltliteratur im Wortsinn ist ›Potter‹ ohnehin längst. Weltliteratur sei, meinte der alte Goethe, auf den der Begriff zurückgeht, ein Phänomen ›erleichterter Kommunikation‹. Genau das ist ›Harry Potter‹: ein Medienereignis, das obendrein davon erzählt, wie es ist, ein Medienereignis zu sein.“

So schreibt Wieland Freund in WELT Online am 19.07.2007.

Was stimmt nun? Haben wir es zu tun mit der größten Autorin des 20. und 21. Jahrhunderts, wie manche Fans behaupten, oder doch „nur“ mit einer guten, sich sicher zum Klassiker eignenden Buchreihe, die aber keineswegs einen solchen singulären Rang behaupten kann wie ihn ihr manche zusprechen?

Phantasievoller Genre-Mix voller Zauber-Stabreime

Rowling erzählt eine Geschichte, die vieles vereint: Internats-, Entwicklungs- und Bildungsroman, Krimi, Thriller, Fantasy und manchmal ein wenig Horror, Magie, Sport- und Wettkämpfe, das Aschenputtel-/Cinderella-Motiv und den Traum der meisten Kinder und Jugendlichen, etwas Besonderes zu sein und die Welt verändern und/oder retten zu können. Dabei beschreibt sie nicht wie Tolkien und andere Fantasy-AutorInnen eine zweite oder gänzlich andere Welt, sondern eher eine Variante, manche sagen eine Karikatur, unserer Welt und Gesellschaft mit ihren Medien, ihrer Bürokratie und Politik. Da ist nichts wirklich Neues dabei; die gelungene Mischung macht den Erfolg und den Reiz aus.

Drei Dinge zeichnen besonders die ersten vier Bücher aus: Da ist zum einen die überbordende Phantasie der Autorin in Verbindung mit weit gehenden Kenntnissen der Mythologie und wunderbaren parodistischen Abwandlungen mythologischer Motive und Topoi. Da ist zum zweiten Rowlings Geschick mit Sprache und Sprachspielereien, sie ist z. B.  eine Meisterin der Alliteration, also des Stabreims, und der viel sagenden (oder andeutenden) Namensgebung. Und da ist zum dritten die gelungene Verbindung der beiden Welten, unserer „normalen“ und der Parallelwelt des Märchens oder der Fantasy, die zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten offen lässt. Der Wechsel zwischen beiden Seiten trägt viel dazu bei, dass auch Erwachsene die Bücher genießen können.

Allerdings gibt es auch einiges zu bemängeln an der Qualität der sieben Bände, dazu aber unten mehr. Zunächst werfen wir einen Blick auf den Hype um Harry Potter, auf die Pottermania, nicht zuletzt, um diesen ein wenig zu relativieren. Das besondere daran ist zunächst die Zeitspanne, über die er sich erstreckte, ganz anders als etwa bei „Der Herr der Ringe“ (erschien 1954/55) oder auch den sieben Bänder der „Chroniken von Narnia“. Diese erscheinen zwar über 6 Jahre (1950 bis 1956), aber sind nicht ein so geschlossenes Gesamtwerk wie die Bücher um Harry Potter, die ja letztendlich eine Geschichte erzählen.

Die ersten Bände um Harry Potter wurden zwar von der Kritik hoch gelobt und gewannen zahlreiche Preise, waren aber beim Publikum noch nicht sehr erfolgreich. Von „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ wurden in der ersten Hardcover-Auflage gerade 500 Stück gedruckt. Auch beim zweiten und dritten Band traute der englische Verlag Bloomsbury der Sache noch nicht so recht: „Harry Potter and the Chamber of Secrets“ hatte eine Erstauflage von 10.150, „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“ von 10.000 Exemplaren. Dann aber begann der Boom, und dies ist zu einem nicht unerheblichen Teil einem sehr guten Marketing geschuldet, nur zu einem geringen Teil der so oft behaupteten Mund-zu-Mund-Propaganda. Der 4. Band, „Harry Potter and the Goblet of Fire“, startete mit je einer 1 Million Exemplaren in Großbritannien und Deutschland und 3,8 Millionen Exemplaren in den USA und damit der bis dahin höchsten Erstauflage. Der „Potter-War“, bei dem Time-Warner gegen Internetseiten und Bücher vorging, brachte zusätzliche Bekanntheit und viel Pressepräsenz. Derzeit sind insgesamt mehr als 350 Millionen Bücher verkauft, in Deutschland waren es im Juni 2007 rund 25 Millionen und dürften es nach Erscheinen von Band 7 wohl knapp 28 Millionen ein.

Wie ist der Potter-Hype einzuordnen?

Zunächst gab es schon durchaus Vergleichbares, berücksichtigt man, dass es noch kein Internet gab und es sich daher meist um nationale Ereignisse handelte. Der Rummel um Karl May (deutschsprachige Auflage über 100 Millionen) im 19. Jahrhundert war durchaus vergleichbar mit dem, was sich jetzt um Harry Potter abspielt. Noch 1986 starteten in Litauen die Winnetou-Bände mit 300.000 Stück Erstauflage, und die Erstauflage einer seiner Kurzgeschichtensammlungen von 300.000 Exemplaren war 1977 in Bulgarien am ersten Tag verkauft.

Vor allem muss man die Auflagenhöhe relativieren. 350 Millionen Exemplare durch 7 bedeutet nämlich, dass die Reihe insgesamt 50 Millionen Mal verkauft wurde. Nun ist bekannt, dass die ersten Bände sich besser verkaufen als die späteren, lassen wir es also ruhig 60 Millionen sein. Damit liegt Harry Potter als Einzelwerk aber immer noch weit unter „Der Herr der Ringe“, der (je nach Quelle) weit über 100 Millionen bis zu 200 Millionen Mal verkauft wurde! Und bis Rowling in der Gesamtauflage die erfolgreichste Autorin aller Zeiten, die „Queen of Crime“ Agatha Christie, schlägt, wird es noch dauern; die bringt es mit über 80 Büchern auf eine Gesamtauflage von rund 2 Milliarden, davon etwa eine Milliarde in Englisch und eine weitere Milliarde in 44 weiteren Sprachen.

Auch der Bekanntheitsgrad ist zu relativieren. 28 Millionen deutsche Potter-Bücher bedeuten ca. 4 Millionen Mal die Reihe, selbst wenn jedes Buch von 2 Menschen gelesen würde, wären dies nur rund 10 % der deutschen Bevölkerung (etwa 50 Prozent der Menschen, die Harry Potter lesen, sind übrigens Erwachsene). Zudem ist die Lektüre bildungs- und schichtenabhängig, wenn auch nicht ganz so stark wie bei Tolkien. Ich erlebe in meinem Bewerbungstraining oft Jugendliche, die Harry Potter nicht einmal kennen!

Rowling ist sicher die bisher erfolgreichste Kinder-Fantasy-Buchreihe gelungen, die sie nebenbei zur vielleicht reichsten Frau der Welt gemacht haben soll, aber wir alle wissen, dass Erfolg und Verkaufszahlen nichts über Qualität aussagen, sonst hätte nicht Günter Grass, sondern Dieter Bohlen den Nobelpreis für Literatur bekommen.

Kassenknüller, Qualität oder beides?

Was also ist von der Qualität der Harry-Potter-Romane zu halten? Die Meinungen gehen weit auseinander und reichen von den schon erwähnten überschwänglichen Lobeshymnen („Große Literatur“, sagt Thomas Kielinger, DIE WELT, am 18.08.2005 zu Band 6) bis zu ziemlichen Verrissen. Ich stehe dazwischen, und ich will meine Kritikpunkte deshalb hier etwas ausführlicher darlegen, weil ich nur so begründen kann, warum ich dieser Romanreihe nicht den weit überlegenen Status zubillige wie manch andere.

Einige der Dinge, die Rowlings Romane auszeichnen, habe ich bereits genannt. Und ganz sicher trägt zur Faszination der frühen Bücher bei, dass sie für Erwachsene wie Kinder und Jugendliche gleichermaßen geschrieben sind. Damit kommt Rowling ihrem Ideal eines Kinderbuches nahe, wie es schon ihr Vorbild C. S. Lewis formulierte: „Kein Buch ist es wert, von Fünfjährigen gelesen zu werden, wenn es nicht ebenso von Fünfzigjährigen gelesen werden kann.“ Und was Marcel Feige im „Fantasy-Lexikon“ über Lewis’ Kinderbücher schreibt, kann man auch auf die Bücher von Rowling übertragen: Es sind Geschichten „über Opferbereitschaft, Vertrauen, Mut und die Verführung zum Bösen, die wir als bildhafte Vergleiche über innere Wahrheiten, über Tugenden und Laster verstehen“.

Vor allem für Erwachsene bezieht Rowlings Werk  einen großen Teil des Reizes eher aus den parodistischen bis satirischen Elementen, die den Vergleich mit unserer Realität herstellen: „Rowlings Zauberwelt ist auch eine Karikatur unserer Menschen-Welt, also der Muggel-Welt. Es gibt machtverliebte Politiker, servile Spießer und korrupte Beamte – wie im wahren Muggel-Leben.“ (Susanne Brenner, Saarbrücker Zeitung, 18.10.2000).

Die Spannungskurve flacht ab

Ich könnte viel darüber schreiben, warum die ersten vier Bücher hervorragend sind. Aber leider kommt nach meiner Auffassung mit Band 5 der Absturz. Wahrscheinlich lag das daran, dass Rowling zu vielen Fans und vor allem Kritiken folgen wollte, statt ihrer Linie treu zu bleiben. Vielleicht auch spielt eine Rolle, dass starke Konkurrenz erschienen war (Cornelia Funke begeisterte damals schon die Kinder in den USA ähnlich wie Rowling), die oft härter, bösartiger daher kam, wie Artemis Fowl, bei dem nicht wie bei Rowling gekichert, sondern böse gelächelt werde (so Susanne Mayer in der ZEIT, 26.06.2003). Viele Kritiken werden Rowling Langatmigkeit vor, missglückte Beschreibungen, auch „Heldengedröhne“ (Mayer).  Matthias Hoffmann schreibt in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (08.07.2007) von einem „voluminösen, geschwätzigen Machwerk“.

Wo sind die Stärken geblieben, der Witz, die Parodie? Langatmig, teils langweilig, und dann manchmal auch noch unlogisch: In meinen Augen ist dieser Band der schwächste, und dafür könnte ich viele Einzelpunkte anführen. Vor allem kann sich Rowling nicht entscheiden: PARODIE oder ERNST? Umbridge ist so übertrieben, dass sie zu sehr zur Parodie wird! Rowling gute Ansätze, z. B. ihre Kritik am Umgang mit Terrorismus, wird oft schwach umgesetzt, das gilt auch für die nächsten Bände.

Und warum müssen die „Guten“ immer blöde sein, wie Sirius und Dumbledore? Mir kommt dies vor wie die Umkehrung der Situation von Vampirfilm No. 08/15, bei dem der Vampir 10 Minuten lang erklärt, was er vorhat, bis Held oder Heldin Nr. 2 oder 3 endlich mit dem Pfahl zur Stelle sind (wie manchmal bei James Bond oder anderswo …). Bei Rowling „helfen“ die „Guten“ den „Bösen“, sonst wären Voldemort und Konsorten längst erledigt.  Sirius müsste nicht sterben! Das wird in Band 6 noch schlimmer, auch nach der Lektüre von Band 7 stimmt die Logik nicht immer. Oder war Dumbledore wirklich prophetisch veranlagt? (Warum hat er dann nicht Wahrsagen unterrichtet?) Nur dann würde das alles so funktionieren.

Band 6 ist zwar nicht ganz so langatmig wie Band 5, dafür passiert noch weniger. Immerhin ist er am Ende melodramatisch … (manche nennen das kitschig). Allerdings „tritt dieser Band nun regelrecht auf der Stelle. […] J.K. Rowling bohrt zusehends Löcher in ihre zu Beginn so hermetische und gerade deshalb überzeugende Zauberwelt […] … das halbherzigste Buch der Serie“ (Felicitas von Lovenberg, FAZ, 18.07.2005). Mich ärgert auch das Ende mit Ginnys „Entsagung“ und Harrys Macho-Getue. Sind wir plötzlich im Uralt-Western gelandet oder im Ritterroman? Soll das Vorbildcharakter haben?

Auch das Finale kann mich nur zum Teil überzeugen. „Rowling ist hinter ihren Möglichkeiten, hinter den selbstgesetzten Maximen zurückgeblieben“, meint wiederum Felicitas von Lovenberg (FAZ, 23.07.2007), und ich schließe mich dem an. Der Abfall des Spannungsbogens in der Mitte, die ewigen Zelt- und Reiseszenen sind ja noch erträglich.

Aber mich stören die „deus ex machina“-Szenen. Wenn unsere drei nicht weiter wissen, begegnet ihnen – rein zufällig – die Lösung zu ihren Problemen. Wenn sie – rein zufällig – das rettende Gespräch einiger Kobolde belauschen, damit sie wissen, was sie zu tun haben, dann kritisiert Hilal Sezgin dies zu Recht als „brachiale(n) Verstoß gegen die goldenen Regeln des Kriminal- und Spannungsromans – entscheidende Hinweise dürfen niemals dem Zufall überlassen werden!“ (Die Zeit, 26.07.2007).

Die früher so schön unterschwelligen oder aber parodistischen Verweise auf Mythen oder andere Werke werden leider immer plumper: Die miese Laune des Trägers der Horkrux-Kette erinnert doch zu sehr an die Belastung des Ringträgers in „Der Herr der Ringe“ und ein Namen wie „Nurmengard“ doch allzu sehr an Tolkiens „Isengart“.

Leider lässt auch die Logik gegen Ende der Reihe immer mehr zu wünschen übrig. Wo etwa ist im Schulleiterbüro das Porträt von Snape, nachdem er gestorben ist? Dumbledore hing dort direkt nach seinem Tod. Und wieso am Ende plötzlich bei Gleis 9¾ Muggel stehen, ist mir ein Rätsel. Bitte sage jetzt niemand, Logik spiele in der Fantasy keine Rolle. Sie muss ihre Welt als „wahr“ präsentieren und in sich schlüssig sein: „Wahr sind die Erzählungen in dem Sinne, dass das Erzählte als real präsentiert wird und Ansprüchen an werkimmanente Konsistenz und Folgerichtigkeit genügt: Was der Autor, die Autorin da erzählen, ist innerhalb der Geschichte wahr und entspricht den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt … Wobei die Folgerichtigkeit besonders zu betonen ist, denn ohne sie wirkt die Geschichte als Geschichte nicht.“ (Frank Weinreich: „Fantasy. Einführung“, Oldib-Verlag, Essen 2007, S. 28) Dies haben Tolkien und C. S. Lewis ebenso immer wieder betont wie Poul Anderson, Issac Asimov und Frederic Pohl, um nur einige bedeutende Autoren zu nennen.

Vieles geschieht mir im letzten Band auch zu schnell. Wer da plötzlich alles auftaucht, um Harry zu helfen, von Dumbledores Bruder bis zu den Hauselfen! Besonders Kreachers Sinneswandel finde ich nicht glaubwürdig geschildert. Aber mit der Psychologie hat es Rowling noch nie gehabt. In den ersten 3 Bänden ist das nicht so schlimm. Es sind Action-Bände, und Harry wird (wie andere auch) über seine Aktionen beschrieben, so etwa, wenn er das Tagebuch in Band 2 benutzt. Bei den komplexeren Geschehnissen ab Band 5 empfinde ich die fehlende bzw. mangelhaft geschilderte Innensicht aber als Mangel. Dadurch werden viele Handlungen (mir zumindest) unverständlich oder unglaubwürdig, etwa Harrys (Nicht-)Reaktion auf den Verlust seines Besens in Band 7. Seine Dummheit, Voldemorts Namen auszusprechen, ist zwar dramaturgisch abzusehen, aber bleibt idiotisch und leuchtet mir psychologisch nicht ein.

Für mich absolut unglaubwürdig – oder nur schlecht beschrieben? – ist das Verhalten von Ron und Hermine. Es ist bekannt, wie sich Paare unter Stress und extremer Bedrohung, gar Lebensgefahr annähern; damit spielen und davon leben viele Romane und Filme, wie etwa „African Queen“. Und da sind nun zwei verliebte 17-Jährige monatelang zusammen, unter extremer Bedrohung und Gefahr, und es passiert nichts (aber später heiraten sie und haben Kinder!)? Und da wird behauptet, Rowling schreibe für werdende Erwachsene?

Ärgerlich finde ich, dass immer noch etwas Neues kommen muss. 6 Bände wurden wir eingeführt, und es gab wahrlich genug Spuren und lose Fäden (die Rowling leider bei weitem nicht alle aufgreift)! Nun aber brauchen wir noch ein Zauber-Spielzeug, dass wie der Holunder-Zauberstab zudem so komplex ist, dass man an der Lösung schon (ver-)zweifeln kann. Dass Harry auch noch so genial ist, dass er das alles in seiner Stresssituation durchschaut, ist mehr als unglaubhaft.

Davon abgesehen finde ich die Lösung am Ende fragwürdig. Nach all den Andeutungen in den letzten Bänden, dass Liebe/Gefühle Harrys größte Stärke sind, spielt das beim letztendlichen Sieg über Voldemort kaum eine Rolle. Da ist Rowling inkonsequent. Das Argument, Harry opfere sich aus Liebe, ist für mich nicht nachvollziehbar, denn wenn, dann wäre es eine allgemeine Liebe zur Menschheit, Agape, die uneigennützig schenkende Liebe, die Nächstenliebe. Vorher schreibt Rowling aber immer von der ganz konkreten Liebe zwischen Menschen, etwa der Mutterliebe, die Harry schützt, bzw. von dem damit verbundenen Opfer. Mir scheinen ihre Ideen hier unausgegoren und es fehlt die Konsequenz.

Zu dem, was nach dem Tod kommt, hätte ich mir entweder klarere oder gar keine Aussagen gewünscht, Rowlings halbreligiöse Andeutungen stören mich. Da sie auch nichts erklärt zu den (offensichtlich vorhandenen) Verbindungen von Blut und Seele (oder was man stattdessen annimmt), lässt sie hier für mein Gefühl zu viel wirklich Wesentliches offen. Religion und/oder Kirchehaben bis dahin keine wesentliche Rolle gespielt (auch wenn es religiöse Feste gibt wie Ostern und Weihnachten), und so ist mir hier vieles zu vage und viel zu viel in den letzten Band gequetscht. Ich habe den Eindruck, dass Rowling möglichst schnell und unkompliziert viele der noch offenen Fragen und Rätsel aus den vorhergehenden Bänden lösen wollte und daher ein Action-Ende mit ein paar verbleibenden Rätseln schuf.

Erfolg als Summe seiner Teile

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Harry-Potter-Romane für schlechte Bücher halte. Wenn ich so genau hinschaue, könnte ich bei vielen Büchern ähnlich viele Kritikpunkte äußern. Ich will aber damit aufzeigen, warum ich diese Reihe zwar für insgesamt gut halte, ihr auch gerne zubillige, dass sie zum  Klassiker werden wird, aber warum ich glaube, dass sie nicht über anderen Buchreihen steht und schon gar nicht einen so singulären Status behaupten kann wie etwa „Der Herr der Ringe in der Fantasy (vielleicht vom pekuniären Erfolg abgesehen). Für mich ist die Harry-Potter-Reihe eine insgesamt ganz gelungene Kinder-/Jugendbuch-Reihe, die aus verschiedenen Gründen einen überdurchschnittlichen Markterfolg und Bekanntheitsgrad erreicht hat. Dies hat nur am Rande mit der literarischen Qualität zu tun, die nicht höher ist als die anderer Kinder-/Jugendbuch-Reihen.

Auch haben Rowlings Bücher weder so viele Menschen neu zum Lesen gebracht, wie immer wieder behauptet wird, noch haben sie den Buchmarkt für Kinder-/Jugendliteratur wesentlich positiv beeinflusst. Natürlich haben sie ihn verändert: Fantasy oder fantasy-ähnliche Werke erlebten einen (bereits wieder abklingenden) Boom. Und viele AutorInnen mussten und müssen damit leben, dass ihre Werke
immer wieder mit denen von Rowling verglichen werden (ähnlich wie in der Erwachsenen-Fantasy mit denen von Tolkien). Kinder und Jugendliche lesen aber nicht mehr als früher; nach den bisherigen Untersuchungen hat Harry Potter nur die Aufmerksamkeit fokussiert und anderen Büchern ihr Publikum weggenommen.

Eine positive Wirkung hatten die Harry-Potter-Romane allerdings (und darin sind sie Tolkiens Werk vergleichbar): Sie wirkten wie eine Art »Türöffner“ für dicke und für phantastische Kinder- und Jugendbücher. Früher waren Verlagen Kinderbücher mit über 300 Seiten meistens zu dick, und Bücher, die nicht klar für Jugendliche oder Kinder geschrieben waren, hatten es auch schwerer.

Beim Vergleich von Rowlings Büchern mit Tolkiens Werk fallen manche Ähnlichkeiten auf: Beide rekurrieren stark auf Mythologien (und beide kennen sich auch sehr gut aus damit). Beide spielen meisterhaft mit der Sprache (Rowling zumindest in den ersten 4 Bänden). Beide zeigen immer wieder einen bemerkenswerten, oft auch sprachspielerischen Humor.

Wie Der Herr der Ringe dürfte auch Harry Potter zum Klassiker werden – wie die Bücher von Enyd Blyton oder Pippi Langstrumpf –, wirkungsgeschichtlich oder literarisch aber wird die Reihe wohl nie die Bedeutung von „Der Herr der Ringe“ erreichen, niemals so einzigartig da stehen wie dieser Monolith der Fantasyliteratur.

Mag sein, dass Harry Potter „Weltkulturerbe“ ist in dem Sinne, wie es Britta Bode ihm in DIE WELT vom 21.10.2007 zuschreibt: dass in 30 Jahren bei einer UN-Vollversammlung die meisten Delegierten „Harry Potter“ gelesen und die Filme gesehen haben werden und deshalb Voldemort allgemein für das Böse stehe. Unter gebildeten Menschen mag das zutreffen, wie auch Pu (der Bär mit wenig Verstand) und Alice im Wunderland zitiert, wie die starke Pippi und Frodo aus dem Auenland manchmal für Metaphern benutzt werden, Nils Holgersson und die Biene Maja, Siegfried und Beowulf.

In diesem Sinne bin ich gerne bereit, Harry Potter zum Weltkulturerbe und zu den künftigen Klassikern zu zählen; ganz sicher gehört die Buchreihe insgesamt mit zum Besten, was es auf dem Jugendbuchmarkt gibt. Ich freue mich, wenn Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Junggebliebene mit Harry Potter eine weitere Möglichkeit finden, jene vier Wohltaten einer guten fairy-story zu genießen, die Tolkien ihr zuspricht: Phantasie, Erholung/Wiederherstellung, Flucht und Trost (Fantasy, Recovery, Escape and Consolation). Es gibt wahrlich schlechtere Begleiter in den unbekannten Gefilden der Phantasie und den „Perils of Faërie“ als Harry Potter!  

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Friedhelm Schneidewind, geboren 1958, freier Autor und Dozent, Experte für Mythologie und phantastische Literatur, veröffentlichte 2000 „Das ABC rund um Harry Potter“und gilt als „der wohl belesenste Harry-Potter-Experte Deutschlands“ (MDR-Info, 21.11.2001) und „der kenntnisreichste Potter-Experte Deutschlands“ (Landesschau Baden-Württemberg, 22.11.2001), außerdem als „der deutsche Tolkien-Experte“ (Radio Europa, 14.01.2002) sowie als „Deutschlands berühmtester Vampirologe“ (ZDF, Tabaluga-TiVi, 2000). Seither erschienen von ihm u. a. „Das große Tolkien-Lexikon“ (2001) und „Eine Grammatik der Ethik. Die Aktualität der moralischen Dimension in J. R. R. Tolkiens literarischem Werk“ (2005 gemeinsam mit Thomas Honegger, Frank Weinreich und Andrew Johnston), zuvor u. a „Das Lexikon von Himmel und Hölle“ (2000), „Das Lexikon rund ums Blut“ (1999) und „Das kleine Vampyr-ABC“ (1997), außerdem mehrere Story-Bände und Liederhefte sowie ein Vampir-Theaterstück. Regelmäßig veröffentlicht er in wissenschaftlichen und Fachzeitschriften zum Thema Literatur und Mythologie. Ende 2007 erscheint „Drachen. Das Schmöker-Lexikon“, im Februar 2008 „Mythologie und Phantastische Literatur“.

Weitere Informationen: www.friedhelm-schneidewind.de