Der Übungseffekt von David Brin

Buchvorstellungund Rezension

Der Übungseffekt von David Brin

Originalausgabe erschienen 1983unter dem Titel „The Practice Effect“,deutsche Ausgabe erstmals 1986, 397 Seiten.ISBN 3-453-07278-2.Übersetzung ins Deutsche von Rainer Schmidt.

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In Kürze:

„Bremsen! Bremsen!“
Dennis merkte, daß Arth und Linnora in seinen Gesang eingefallen waren. Die Übungsresonanz hatte sie alle drei erfaßt. Silbriges Feuer schien den Wagen zu umzüngeln, und ihre Schußfahrt den Hang hinunter schien tatsächlich langsamer zu werden. Gleichwohl kam der Abgrund unausweichlich näher. Zehn Meter vor ihnen drohte die Felskante …noch fünf Meter …zwei...
Im letzten Augenblick fanden die wirbelnden Laufketten des Robots einen Halt, und in einer brodelnden Staubwolke kamen sie zum Stehen, halsbrecherisch über dem Rand des Abgrunds wippend. Arth packte den dünnen Stamm eines zersplitterten Bäumchens, das den Schwung des Wagens teilweise aufgefangen hatte, und der kleine Dieb klammerte sich daran fest, als gehe es um Leben und Tod...
Der Physiker Dennis Nuel wird durch das Zievatron, ein revolutionäres Gerät, auf eine merkwürdige Welt versetzt, wo so manches Naturgesetz keine Gültigkeit mehr zu haben scheint. Dadurch ergeben sich für ihn spannende und gefährliche, aber auch komische Abenteuer, die darin gipfeln, daß er entscheidend in die Auseinandersetzung um die Herrschaft auf dieser Welt eingreift.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Tor zu anderen Welten“50

Science-Fiction-Rezension von Michael Scheck

Eine Welt, die der unseren gleicht, sich aber in wesentlichen Details von ihr unterscheidet – ein beliebtes Thema, das in der Science-Fiction schon öfter bearbeitet wurde.

Der bekannte Autor David Brin („Sternenflut“) steuerte dem Kanon in seinem 1983 verfassten Roman „The Practice Effect“ eine weitere Variation bei: Auf dem Planeten Tatir gibt es ein Naturgesetz, das sich von dem bei uns bekannten Abnutzungseffekt unterscheidet und das allgemein „Übungseffekt“ genannt wird. Der „Übungseffekt“ beherrscht die tatir’sche Zivilisation in ungeahntem Masse.

Dennis Nuel, ein anerkannter Wissenschaftler und Hauptverantwortlicher des irdischen Zievatron-Projektes, landet – dank dem Zievatron – auf einer ihm unbekannten Welt, nämlich auf dem oben erwähnten Planeten Tatir.

Das Zievatron ist etwas Ähnliches wie das Fliewatüüt: ein Phantasiegerät, das nie genauer beschrieben wird. Durch das Zievatron kann man wie durch ein Tor auf andere Welten gelangen – sofern solche überhaupt ausfindig gemacht werden können. In Nuels Fall wurde eine ausfindig gemacht, zufällig und nach endlosen vergeblichen Versuchen.

Doch nun hat der Apparat eine Macke, die man nur von der anderen Seite her beheben kann – ein Risiko, dem der neue Projektleiter den ungeliebten Forscher Dennis Nuel nur zu gerne opfert: Nuel soll sich auf die fremde Welt begeben, den Schaden beheben – eine angeblich kurze Angelegenheit – und dann schnurstracks durch das Zievatron wieder zur Erde zurück spazieren.

Natürlich kommt alles anders, sonst wäre der Roman ja schon auf Seite 43 zu Ende. Das Zievatron auf der „anderen Seite“ liegt in Trümmern. Jemand hat es in kleinste Einzelteile zerlegt. Nuel bleibt hängen. Aussicht auf Rückkehr hat er nicht. Nach tagelangen Märschen durch eine unberührte, der Erde verblüffend ähnliche Welt stösst er endlich auf eine Zivilisation – auf eine menschliche Zivilisation. Die scheint gerade im Mittelalter angekommen zu sein. Trotzdem erscheint Nuel vieles daran zunächst absolut rätselhaft und unverständlich.

Geänderte Naturgesetze

Brin hat sich mit dem Übungseffekt eine äusserst anspruchsvolle Aufgabe gestellt: die Auswirkungen eines veränderten Naturgesetzes auf eine der menschlichen ähnlichen Zivilisation zu beschreiben. In der Tat gelingt ihm hier Verblüffendes: Bis ins Detail stellt er sich vor, wie sich eine menschliche Gesellschaftsform wohl entwickeln würde, wenn – Achtung, Spoiler! – wenn die Gegenstände des täglichen Lebens vom ständigen Gebrauch nicht abgenutzt, sondern verbessert würden.

Dieser Aspekt gelingt ihm vorzüglich, seine Schlüsse erscheinen realistisch und man stellt mit Erstaunen fest, welch riesige kulturelle Auswirkung eine solch geringfügige Veränderung nach sich ziehen würde. Zudem begreift man auf diese Weise auch unsere Zivilisationsform, unsere Bräuche und Gepflogenheiten als etwas eng mit den Naturgesetzen verbundenes. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich, so selbstverständlich, dass man gar nie darüber nachdenkt.

Kein guter Erzähler

Leider, leider ist Brin kein guter Erzähler. Er bringt seine Erkenntnisse zwar zwanglos und unaufdringlich in die Geschichte ein, doch seine sprachlich-erzählerischen Fähigkeiten bewegen sich in den engen Grenzen der Gebrauchsprosa. Er glänzt auch nicht durch packende Figurenzeichnung. Seine Hauptcharaktere sind im besten Fall eindimensional, im schlimmsten unsympathisch; sie lassen kalt und vermögen den Leser auf die Dauer nicht bei der Stange zu halten.

Die Hauptsünde Brins aber ist das „Strecken“ seines Erzählmaterials mit belanglosen Episoden und unnötigen Wiederholungen. Er tendiert dazu, einen an sich lapidaren Sachverhalt, der dem Leser längst klar ist, weiter zu erklären und zu zerreden. Ob er das tut, damit auch der Begriffsstutzigste versteht, worum es geht, oder um auf eine höhere Anzahl Seiten zu gelangen, ist nicht von Belang, Tatsache ist, dass es den Lesegenuss ganz erheblich trübt.

Gegen Ende hin gewinnt die Handlung zwar wieder etwas an Fahrt, dennoch bleibt es bis zuletzt schwierig, für die flachen Charaktere Interesse aufzubringen. Schade. Trotz sehr guter Ideen: Der Roman krankt am „Brin-Effekt“, und der langweilt.

(Michael Scheck, Dezember 2011)

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