Existenz von David Brin

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Existence“,deutsche Ausgabe erstmals 2012, 850 Seiten.ISBN 3-453-52993-6.Übersetzung ins Deutsche von Andreas Brandhorst.

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In Kürze:

Die größte Geschichte aller Zeiten – die Geschichte, warum wir existieren. Es gibt Milliarden von Planeten im Universum, auf denen Leben möglich ist. Sogar intelligentes Leben. Aber wo ist dieses Leben? Machen Zivilisationen immer wieder dieselben Fehler? Und wie ist es mit unserer Zivilisation? Als im Orbit merkwürdige Kristalle entdeckt werden, die auf außerirdisches Leben hindeuten, werden all diese Fragen plötzlich akut: Denn wenn es einer Spezies gelungen ist, so lange zu überleben, könnte es ihr auch gelungen sein, das Geheimnis unserer Existenz zu lüften. Das Geheimnis, warum es etwas gibt und nicht nichts. Und dann stellt sich eine weitere Frage: Welche Macht verleiht uns dieses Wissen?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Wenn du lange in das Universum blickst, blickt das Universum kalt zurück“88

Science-Fiction-Rezension von Almut Oetjen

Der Schrottsammler Gerald Livingstone findet in der Erdumlaufbahn ein Artefakt, das eine Reihe bislang unbekannter Funktionen aufweist. Anfangs wird es für eine Kommunikationstechnologie gehalten. Als in dem Artefakt befindliche Wesen behaupten, Boten einer außerirdischen Zivilisation zu sein, wird ein Team zusammengestellt, um mit ihnen zu kommunizieren. Der Chinese Peng Xiang Bin gelangt an ein ähnliches Objekt. Während die Aliens im ersten Artefakt die Menschheit auf ihre Seite bringen wollen, werden sie von denen im zweiten Artefakt als Lügner bezeichnet.

Neue alte Welt

Nach rund zwanzig Jahren, in denen David Brin zu einem der wichtigen Autoren in der Hard-SF wurde, verabschiedete er sich 2002 mit „Kiln People“ (dt. „Copy“, 2005) weitgehend aus dem Genre, veröffentlichte nur hier und da mal Kurzgeschichten und Sachtexte. Nun, 2012, meldet er sich mit „Existenz“ zurück, einem Science-Fiction-Epos über den Ort und die Bestimmung der Menschheit im Universum. Machen wir weiter wie gehabt und gehen unter, oder schaffen wir es einen anderen Weg, den des Überlebens, zu beschreiten?

Mitte des 21. Jahrhunderts hat die Welt die großen Bedrohungen unserer Gegenwart (Klima, Terrorismus, nukleare Katastrophe...) irgendwie durchgestanden, ohne an ihnen zugrunde gegangen zu sein oder aus ihnen ernsthaft etwas gelernt zu haben. Eine neue Gesellschaftsordnung hat sich herausgebildet, die aufklärungs- und fortschrittsfeindlich ist.

Der Raubbau an der Umwelt geht weiter. Die Welt hat sich fortentwickelt, ohne sich grundsätzlich zu verändern. Soziale Probleme wurden nicht bewältigt, sondern haben sich verschärft. Es gibt ein Schichten- oder Klassensystem mit zehn Ebenen. Die Zahl der Ärmsten, die vom Müll mehr oder weniger Privilegierter lebt, ist dramatisch angestiegen. Fischer fischen in den Küstengewässern nach Müll, Müllcowboys im Orbit.

Die Menschen der ersten Welt sind offenbar permanent online und bewegen sich in einer erdumspannenden Vielzahl miteinander vernetzter Internets. Die Trennlinie zwischen physischer und virtueller Realität ist weitgehend aufgehoben. Raumfahrt scheint nur noch kommerziell betrieben zu werden. Nach wie vor gibt es Befürworter und Gegner des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Gegner arbeiten daran, Aufklärung und Demokratie zu beenden, den Fortschritt durch eine Gruppe Auserwählter steuern zu lassen.

Extremfragmentierung

„Existenz“ zeigt sich in Erzählformen und Typographie sehr wandlungsfähig, ist ein virtuoser Trip eines Autors, der ernsthaft, lustig, satirisch, politisch, naturwissenschaftlich schreibt. Er hat auf seinen rund 880 Seiten Inhalt 99 nummerierte Kapitel und eine Vielzahl an Einschüben. Leser und Leserinnen, die auf häufige Perspektivwechsel allergisch reagieren, dürften sich während der Lektüre großflächig verfärben. Der Roman hat mindestens 200 solcher Wechsel. Es gibt einige Handlungsbögen, die sich mitunter überschneiden und sehr viele Charaktere.

Zu den Hauptfiguren gehören: der Astronaut und intergalaktische Müllcowboy Gerald Livingstone; der Milliardär Hacker Sander, dessen Hobby Raumflüge sind; Lacey Donaldson-Sander, Hackers Mutter, die immer auf der Suche nach außerirdischem Leben ist; die investigative Journalistin Tor Powlow; der politisch motivierte Schriftsteller Hamish Brookeman.

Eine spezifische Form der Fragmentierung äußert sich im journalistischen Ansatz Tor Powlows, die das Crowdsourcing für ihre Artikel nutzt. Der US-Journalist Jeff Howe hat 2006 den Begriff des Crowdsourcing geprägt, um damit die Auslagerung von Teilaufgaben an eine unbestimmte Zahl von Internetnutzern innerhalb eines Herstellungsvorgangs zu beschreiben.

Die Erzählung ist vielstimmig. Die Hauptfiguren werden in der dritten Person Singular behandelt, aus „das Füllhorn der Pandora“ gibt es eine lange Liste von Bedrohungen der menschlichen Existenz, in die Erzählung eingestreut. Die Blackjack-Generation äußert „Interlidoludien“. Es gibt eingestreute Scanalysen, Pioniere, „WIENS“ (Wow, ist es nicht seltsam,...), Auszüge aus SlateZines und den „Erläuterungen zur Bewegung“. Hinzu kommen ungezählte Zitate aus Büchern, Filmen und Zeitungen. Verschiedene Spezies und Entitäten melden sich zu Wort: Hochfunktionale, Asperger, Tief-Autis – einer von ihnen heißt nach einem bekannten Schauspieler Auti Murphy, neben dem Müllcowboy an der neuen Frontier nicht der einzige Western-Verweis.

Von Menschen gemachte Umwelt

Die Welt ist ein globales Dorf, in dem mit New Hongkong Dollars bezahlt wird, Weltraumtourismus betrieben und in japanischen Orbitalhotels genächtigt wird. HomSecur kontrolliert mit Überwachungssystemen die Menschen, 80% der Landoberfläche werden rund um die Uhr erfasst.

Zu den vielen neuen Technologien in „Existenz“ gehören: IP9-Cyberspace, KIpads, eAugen, eOhren, ein Oktopus-Orakel, Papageien können über Ferndistanz Informationen übermitteln. Delphine und Menschen können in menschlicher Sprache miteinander kommunizieren. Brins Zugang zum Autismus folgt der Sicht, er sei keine Krankheit oder Fehlfunktion, sondern eine Wesensart, eine Alternative zur Norm.

Erstkontakt

Die Außerirdischen, die Bezeichnungen tragen wie Beobachter, Erwarter, Grüßer, Namen wie Sucher, halten möglicher Weise Autos für die dominante Lebensform, sind klein wie Insekten, fordern die Menschen auf, sich ihnen anzuschließen und sind ansonsten die meiste Zeit sehr zurückhaltend.

Die Menschen untersuchen das Artefakt und wollen herausfinden, ob es ein Raumschiff ist, eine Sonde oder eine Maschinen-Entität. Als sie die Aliens wahrnehmen, wollen sie wissen, ob es eine oder mehrere Spezies sind. Die Aliens schweigen hartnäckig, und die Menschen versuchen, sie mit provokativen Herausforderungen zur Reaktion zu bringen.

Beim Lesen denkt man nach über den Zusammenhang von persönlicher Freiheit und Autorität, Ursache und Wirkung, darüber, warum Menschen eine Notwendigkeit darin sehen, ihr Leben zu organisieren, ohne sich die dafür nötigen Informationen zu beschaffen, Erfahrungen hoch schätzen, ohne zu wissen, ob die Dinge sind, was sie zu sein scheinen. Besonders interessant in „Existenz“ ist das Bemühen herauszufinden, worum es sich bei dem Artefakt und den, man möchte mit Star Trek sagen: Lebensformen handelt. Wie bei Star Trek gibt es auch eine Politik der Nichteinmischung. Aber wo beginnt Einmischung?

Die Menschheit erlebt den Erstkontakt mit Außerirdischen, ist damit aber überfordert. Wie sollte es auch anders sein, ist sie doch schon nicht in der Lage gewesen, ihre Probleme auf der Erde zu beseitigen.

Brin versucht Antworten auf alte Fragen zu finden, wie das Fermi Paradoxon, die Frage des Physikers Enrico Fermi, ob die Menschheit die einzige technisch entwickelte Zivilisation im Universum ist. Brin konstruiert eine Ausgangssituation voller Gefahren, die am Beginn einer Entwicklung stehen und die kaum eine Spezies überlebt.

Fazit

„Existenz“ ist ein lesenswerter Roman über den Erstkontakt mit Außerirdischen, der allerdings „nur“ benutzt wird, um David Brins Sichten auf eine Vielzahl von Fragestellungen zu präsentieren. „Existenz“ liest sich auf einer Ebene wie ein enzyklopädisches Behältnis aller Dinge, die Brin während der Arbeit am Buch in den Kopf gelangt sind.

Beim Lesen entsteht ein ganz schönes Durcheinander, das wir ständig ordnen müssen, um Struktur in die Geschichte zu bringen und sie besser nachvollziehen zu können. Stellenweise hat der Autor didaktische Anwandlungen. Auf den vielen Seiten hat er zudem so viel zu erzählen, dass die Charakterisierungen einiger Figuren etwas zu kurz kommen. Aber Brin hat durchgehend die Kontrolle über Material und Erzählung. Das beeindruckt schon.

(Almut Oetjen, Dezember 2012)

Ihre Meinung zu »David Brin: Existenz«

harri zu »David Brin: Existenz«18.07.2015
Für mich ist das Buch eins der besten SF-Bücher, die ich in den letzten 10 Jahren gelesen habe!
Die Zusammenfassung von Almut Oetjen ist gut.
Was ich noch hinzufügen möchte, ist ein Hinweis auf die deutsche Übersetzung: Andreas Brandhorst hat hier eine ganz hervorragende Arbeit geleistet! Selten einen inhaltlich teils schwierigen Text in deutscher Übersetzung so frisch und so gut lesbar gesehen.
AltersEgo zu »David Brin: Existenz«21.07.2013
Vorweg meine Bewertung: 88Punkte.
Ich kann die bisherige Leserbewertung nicht ganz nachvollziehen, aber ist ja vielleicht Geschmackssache...
David Brin macht in diesem Buch sehr viel richtig gut und wenig schlecht. Die Geschichte über einen Erstkontakt, der sich als viruell heraustellt ist meiner Meinung nach sehr gelungen und originell.
Die Charaktere bleiben teilweise etwas flach und stereotyp, aber glücklicherweise nur teilweise. Es werden viele Handlungsstränge nebeneinander her erzählt, was manchmal zur Verwirrung führt, aber immer noch nachvollziehbar bleibt.
Meiner Meinung nach gehört dieses Buch zu den besseren Vertretern der SF-Literatur, aber wie gesagt, ist halt Geschmackssache.
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