Der magische Realismus – über die phantastische Seite der Wirklichkeit

Teil 1

Von Thomas Nussbaumer

Seit den Neunzehnzwanzigerjahren besteht der magische Realismus als eine medienübergreifende Kunstströmung in der Malerei, in der Fotografie, im Film und in der Literatur. Ob der Begriff zuerst in der Malerei angewendet wurde, oder ob er unabhängig davon von der Literatur ausging, ist nicht eindeutig geklärt. Tatsächlich wurde der Begriff schon um Achtzehnhundert von Novalis verwendet, allerdings nicht in dem Zusammenhang, in dem er heute steht.

Den Begriff prägte der Kunstkritiker Franz Roh im Jahr 1927, um die Malerei einer Ausstellung in Düsseldorf zur Neuen Sachlichkeit zu beschreiben. Er stand für eine (in Abgrenzung zum Expressionismus) ´realistische´ Maltechnik und für ebenfalls realistische Darstellung von Motiven, die in ihrer Gesamtheit eine befremdliche Wirkung auf den Betrachter erzielten. Das will nicht heissen, dass all diese Kompositionen Irritationen herbeiführten und dass dies auch ´Programm´ der Ausstellung war. Man wollte lediglich den Effekt beschreiben, der durch leicht verzerrte Perspektiven, beispielsweise eines Raumes und seines Interieurs, entstand. Dabei führte dieses Abweichen vom Gewohnheitsmässigen zu einer Verfremdung des Dargestellten, ohne dabei die übergeordnete realistische Komposition durcheinander zu werfen.

Der ´Keim´ des magischen Realismus fiel besonders in Lateinamerika auf fruchtbaren Boden, wo er bald auf Literatur, Fotografie und Film ausgeweitet wurde (realismo mágico). Daraus entstand allerdings nie eine ´Bewegung´, zu der sich ganze Künstlergenerationen bekannten, wie das etwa später beim Surrealismus geschah. Es wurden auch keine grossspurigen Manifeste verfasst, die eine solche ´Schule´ begründeten. Der magische Realismus war und ist soweit eher eine untergründige Strömung des Kunst- und Literaturbetriebes, die sich nie an ihren eigenen Ideen erschöpfte, wie das bei anderen populären Kunstformen der Fall war.

Was ist der magische Realismus?

Der magische Realismus in der Literatur steht zwar grundsätzlich der Phantastik nahe, aber auch dem Surrealismus, wobei er nicht wie letzterer den Anspruch erhebt, mit den gewählten Mitteln Irritationen hervorzurufen. Der in dem Begriff enthaltene ´Realismus´ ist hierbei die regulierende Komponente. Sie bewirkt, dass der Leser nicht mit der vielleicht allzu flugfreudigen Fantasie (des literarischen Textes) davon fliegt, sondern auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Das Magische ist also eher das Gewürz, das das Gewohnte auflockert und stellenweise aufhebt, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen oder gar zu abstrahieren.

Man könnte sich aber an der Frage, was der magische Realismus genau ist, die Zähne ausbeissen. Wie könnte man auch jeder kleinsten phantastischen Einheit gerecht werden, die das Magische einer Geschichte ausmacht? Wie könnte man alle echten und erdachten kleinen Wunder des Alltags auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Das ist kaum möglich bei einer literarischen Strömung, die sich durch eine derart breite Streuung ihrer Themen, Mittel und Motive auszeichnet. Das Magische kann ein absurder Gedanke sein, es kann ein Traum sein, auch eine Stimme im Kopf einer Figur, die ihr plötzlich etwas einflüstert. Es kann aber auch eine echte Verletzung der Empirie sein, beispielsweise wenn ein Auto plötzlich das Kommando übernimmt und seinen Fahrer durch die Gegend steuert (wie in José Saramagos (1922-2010) Kurzgeschichte Embargo) oder wenn sich in Steven Millhausers (*1943) Ein Besuch der Freund des Erzählers mit aller Natürlichkeit eine Fröschin zur Gemahlin nimmt.

Aber vielleicht lässt sich der magische Realismus am Einfachsten mit einem Dualismus wiedergeben, dessen gegensätzliche Pole die ´gelebte Realität´ und der ´Traum´ sind. Wie oft geschieht es, dass uns mitten im Tag ein Gedanke, eine ´Erinnerung´ an eine Situation überfällt, von der wir nicht mehr wissen, ob wir sie tatsächlich erlebt, oder ob wir sie nur geträumt haben. Und das kann auch ein solcher ´magischer Moment´ in einer literarischen Geschichte sein. Das heisst aber wiederum nicht, dass jede Geschichte, in der sich Berührungspunkte der Gegensätze ´Traum´ und ´Wirklichkeit´ ergeben, dem magischen Realismus zugerechnet werden kann. Der magische Realismus wurde andernorts auch schon als die „natürliche Einbettung des Wunderbaren in den Alltag“ bezeichnet. Nie geht es dabei aber um Oberflächliches, bloss um den Effekt, sondern um die verborgenen Qualitäten einer Sache oder eines Zustandes, eben einer Realität (innerhalb eines Buches oder eines Films beispielsweise).

Einer der wichtigsten frühen Vertreter dieser Literaturgattung war der kubanisch-französische Schriftsteller Alejo Carpentier (1904-1980). Bei einem Aufenthalt auf Haiti (das er in seinem Roman Das Reich von dieser Welt (1949) wiederspiegelt) erkannte er, dass die dortige Bevölkerung Wunder als etwas Selbstverständliches akzeptierte. Der Volksglaube sei eine eigenwillige Mischung aus Ahnenkult, Katholizismus und dem Glauben an ältere lokale Mythen. Und so ist es auch in Carpentiers Roman nichts Unnatürliches, wenn sich Menschen zeitweise in Tiere verwandeln, um dem ´menschgemachten´ Schicksal und den Wirren der Haitianischen Revolution (1788-1792) zu entgehen. Carpentier bemerkte im Vorwort seines Romans, dass das Verfassen einer solchen phantastischen Geschichte einen Glauben an das Wunderbare voraussetzte, andernfalls könne gar keine lebendige Literatur entstehen. Ein Geistergeschichten-Erzähler beispielsweise, der seine Erscheinungen in Frage stellt, ist also höchstens so etwas wie ein Buchhalter des Wunderbaren, aber keiner, der sich die ´wunderbare Wirklichkeit´ zu eigen macht.

Der magische Realismus betreibt sein Spiel also sowohl mit den Wundern, die bereits fester Bestandteil einer Kultur sind (lokale Mythen und Legenden, Aberglauben), aber auch mit den Erfahrungen des Einzelnen, der die Hinterfragung seiner gewohnten Sichtweisen zulässt. In modernen, technologisierten Gesellschaften, wo grossenteils Wissenschaft und Empirie das Weltbild bestimmen, haben es Wunder naturgemäss etwas schwerer. Trotzdem soll das nicht heissen, dass der magische Realismus dort ohne Wirkung und ungelesen verpufft. Allerdings wird er wahrscheinlich auch nie zum grossen Trend werden wie etwa in diesem Jahrzehnt die Fantasy und der romantische Vampirroman. Das mag daran liegen, dass Bücher im Stil des magischen Realismus keine vereinfachten Ideen für die Massen projizieren (und dutzendfach vervielfältigen), sondern sie leben eben gerade von unverwechselbaren Erfahrungen. Kurz: es geht um die menschliche Existenz in all ihren Facetten.

Der magische Realismus steht also für eine Kunstform, die Mythen, Legenden und Magisches einer kulturellen Topografie mit den Geschichten der Gegenwart, aber auch mit historischen Ereignissen vermischt. Das alles geschieht ohne Berührungsängste und mit einer Selbstverständlichkeit, die innerhalb des Kunstwerks eine eigene Wirklichkeit schafft. Wie in den europäischen Volksmärchen (Grimm, Bechstein usw.), arrangiert sich beim magischen Realismus die Welt wie wir sie kennen mit den Elementen des Irrealen. Die Protagonisten in den Märchen haben wenig Vorbehalte gegenüber Wundern oder Teufelswerk. Und wir, die Leser, nehmen das selbstverständlich auf. Ja, der magische Realismus steht somit vielleicht der Welt der Märchen näher als der eigentlichen Phantastik, obwohl er nicht die Form eines Märchens aufweisen muss und schon gar nicht auf die simple Moralität der Märchenwelten reduziert werden kann.

Ein allgemeines Merkmal phantastischer Literatur ist ja, dass diese von den irrealen Momenten einer Geschichte lebt, und auch davon, diese Momente zu deuten, das ´Geheimnis des Irrealen´ zu umkreisen oder aufzudecken. Weiter geht die Phantastik gerne von einem bekannten/definierten Wertesystem aus (von ´unserer´ Realität/Normalität wie wir sie kennen), in das dann das Irreale hereinsickert, um den Leser in Widersprüche zu verstricken.

Auch die Welt des magischen Realismus ist eine Welt, wie wir sie kennen. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist eben der Planet Erde, auf dem wir leben (oder lebten). Und doch passieren da auf ganz natürliche Weise Dinge, die grundsätzlich der menschlichen Empirie widersprechen, aber nicht unbedingt der geschilderten, erzählten Wirklichkeit. Dem magischen Realismus geht es weniger um die Widersprüchlichkeiten des Lesers, sondern um eine ´eigene Darstellung des Wirklichen´ innerhalb einer fiktionalen Welt.

Und so ist beim magischen Realismus das Irreale bereits Teil der Realität. Es ist innerhalb dieser fiktionalen Welt eher ein Mittel für weitere Handlungs- und Darstellungsebenen, statt Hauptmerkmal einer Geschichte. Genau so wie es in einem Märchen selbstverständlich ist, dass dem Protagonisten Wunderbares widerfährt (sprechende Tiere, magische Gegenstände usw.), geschieht das Wunderbare auch innerhalb der Geschichten des magischen Realismus. Da kann es sich also zutragen, dass sich der Held einer Geschichte plötzlich mit einem sprechenden Hund unterhält, ohne dass dies den Leser oder den Protagonisten selber befremdete. Sprechende Tiere begegnen uns allerdings schon in den Fabeln der Antike. Was ist also der Unterschied dazu? Die klassischen Fabeln enthalten meist eine moralische oder erbauliche Essenz und sie unterliegen gewissen Vorgaben, bzw. sie folgen formalen Regeln, wie auch beispielsweise ein Sonett typische Formmerkmale aufweisen muss, um als ein solches zu gelten. Ausserdem befinden sich die Tiere (der Fabel) innerhalb eines Systems sprechender Tiere. Dieses System hat keinen Kontakt zu anderen Erfahrungsbereichen, beispielsweise der Welt des Menschen. Man könnte die Tiere einer Fabel allerdings problemlos mit menschlichen Charakteren vertauschen, die Tiere sind innerhalb der Fabel nur Träger gewisser Eigenschaften. Kommt aber in einer magisch realistischen Geschichte ein sprechender Hund vor, muss dieser sprechende Hund keine ´formtypischen’ Klischees erfüllen, so wie beispielsweise der ´schlaue’ Fuchs oder der ´störrische' Esel in einer Fabel. Die Begegnung des Protagonisten mit eben einem solchen sprechenden Hund geschieht in Jonathan Carrolls (*1949) Das Land des Lachens (1986). Der Leser merkt in dieser Szene schnell, dass der Hund über seine Sprechfähigkeit hinaus ein ganz normaler Hund ist und nichts Irreales an sich hat. Es geht der Geschichte nicht darum, aufzuzeigen, weshalb der Hund spricht (und welche Gefühle ein solches Paradoxon beim Leser erzeugt), sondern, es geht darum, was das entworfene Szenario mit dem Motiv ´sprechender Hund´ anfängt.

Die Welt ist ein Buch, ein Film...

Schön illustriert Marc Forsters Film Stranger than Fiction den magischen Realismus. Wenn der Steuerbeamte Harold eines Morgens plötzlich eine Frauenstimme aus dem ´Off´ hört, die kommentiert, was er da gerade macht (nämlich Zähneputzen) und der Protagonist darauf merkt, dass er tatsächlich genau das macht, was diese fremde Stimme sagt, dann ist das ein klassisches Beispiel für den magischen Realismus.

Harold ist ein angepasstes, langweiliges und durchschnittliches Individuum unserer Gesellschaft, so der erste Eindruck, den wir von ihm haben. Umso schöner zeigt der Film, wie sich dieser spiessige Steuerbeamte zu einem liebenswerten Helden entwickelt. Vom gesteuerten Steuerbeamten zum selbstbestimmten Individuum. Doch was ist der Auslöser für Harolds Erwachen? Die Liebe zur angriffslustigen Bäckerei-Besitzerin, deren Abgaben an den Staat er prüfen muss? Oder vielleicht geschieht all das doch nur, weil die Autorin ´da draussen´ es so vorgesehen hat für ihre Geschichte? Wird sich die Filmfigur Harold den geplanten Handlungsbahnen der Autorin entziehen oder bleibt er Teil eines ´abgekarteten´ Systems, eines Drehbuchs, das ohne Kompromisse abgespult wird?

Der Film läuft natürlich darauf hinaus, dass sich der Protagonist und die Schriftstellerin aus dem Off begegnen (das Geschöpf trifft seine Erschafferin), das heisst, es treffen zwei Welten aufeinander, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben können. Und das alles geschieht wiederum innerhalb einer dritten Welt, nämlich dem Kopf des Zuschauers. Schliesslich fordert unser Held natürlich seine Freiheit und die Unabhängigkeit von seiner Erschafferin.

Am Ende des Films mag man dann erkennen, dass der (fiktionale) Protagonist nun auch zu einem Teil unserer Wirklichkeit geworden ist, selbst wenn diese Wirklichkeit nur auf Celluloid oder in unseren Köpfen zustande gekommen ist.

Frei nach dem Grundsatz: Die Welt ist ein Buch, ist ein Film, ein Gemälde …

Freuen Sie sich auf eine Fortsetzung des Essays „Der magische Realismus – über die phantastische Seite der Wirklichkeit Teil2“ in der nächsten Phantastik-Couch-Ausgabe. Entdecken Sie, welche Autoren, klassische und moderne, dieser faszinierenden Literaturgattung zugerechnet werden können und warum.