Der magische Realismus – über die phantastische Seite der Wirklichkeit

Teil 2

Von Thomas Nussbaumer

Sie haben den 1. Teil verpasst? Lesen Sie ihn hier

Im ersten Teil dieses Essays haben wir den Magischen Realismus als eine vielseitige Erzählform kennen gelernt, die geschickt ihre Spiele mit den Begriffen Realität, Traum und den Mythen einer Kultur betreibt. Der magische Realismus stellt ein faszinierendes Rezept dar, das den Menschen selbst und das vielschichtige Menschsein zum thematischen Kern erklärt. Und so begegnen wir diesen Büchern überall auf dem Globus als literarische Leckerbissen, die Lust auf mehr solche Entdeckungsfahrten der Fantasie machen.

Die folgende Aufzählung von Autoren und Autorinnen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bestimmt finden sich weitere Erzähler von Format, die hier keine Erwähnung gefunden haben. Die Auswahl steht lediglich für eine gewisse Übersicht des globalen Angebots.

Die klassischen Autoren

Wenn man magischer Realismus sagt, denken die meisten wahrscheinlich an die Autoren aus Lateinamerika, deren fantasiebeflügelte Erzählungen tatsächlich eine spannende Komponente dieser Literaturgattung darstellen und die damit auch die erzählerische Kultur eines Kontinents widerspiegeln.

Die ersten und wichtigsten Vertreter dieses Erdteils sind Miguel Ángel Asturias (1899-1974), Alejo Carpentier, Adolfo Bioy Casares (1914-1999) und Jorge Luis Borges (1899-1986). Letzterer betrieb geschickte und intellektuell ansprechende literarische Experimente zur Beschaffenheit von Wirklichkeit und Fiktion. Und es scheint dabei herausgekommen zu sein, dass diese beiden Sphären nicht mehr voneinander zu trennen sind, denn Fiktionen sind durchaus imstande, Wirklichkeit zu schaffen und umgekehrt. Ist beispielsweise ein fiktionaler Lexikoneintrag eines fantasiebegabten Redakteurs noch Fiktion oder schon Wirklichkeit, weil der Text eben als Lexikoneintrag für ´verbürgte´ Tatsachen steht?

Aber auch in Julio Cortázars (1914-1984) kunstvollen, mit leichter Hand hingeworfenen Erzählungen geht es darum, Wünsche, Träume und nicht zuletzt das banale Alltagsleben unter einen Hut zu bringen. Denn selbst die Ereignisse, die sich still in unseren Köpfen abspielen, sind nur so lange Mechanismen, von denen die Umwelt nichts mitbekommt, bis einer von uns darüber spricht oder davon erzählt. Es ist ein Befreiungsschlag der Fantasie, die sich ihren Platz im prosaischen Alltag als gleichberechtigtes ´Lebensmittel´ zurückerobert. Ein Wunsch, der wahrscheinlich nicht nur auf die Literatur des magischen Realismus anzuwenden ist, sondern generell auf das Erzählen einer Geschichte.

Ein weiterer Wegbereiter des magischen Realismus stammt allerdings aus Italien: Massimo Bontempellis (1878-1960) Romane und Erzählungen schöpfen von den irrationalen Zufällen des Traums und von der scheinbaren Willkür, die sie kennzeichnen.

Der magische Realismus besitzt eine lange Tradition auch im deutschen Sprachraum, obwohl man hierzulande den Begriff nicht oft gebraucht. Aber wenn in Franz Kafkas (1883-1924) Die Verwandlung der Handelsreisende Gregor Samsa sich „[...] eines Morgens [...] zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ sieht, ist das nicht nur ein Beispiel für die Literatur der klassischen Moderne, sondern auch eines für den magischen Realismus. Geschickt stellte Kafka seine ´ungeheuerliche’ Behauptung von der Verwandlung Gregor Samsas gleich an den Anfang seiner berühmten Erzählung. Niemand, der die Geschichte lesen möchte, stellt diese Behauptung infrage, akzeptiert das Irreale und ,überliest´ es gleich mit diesem ersten Satz. Folgen wir Gregor Samsas Leiden nach dieser anfänglichen Irritation, erkennen wir, dass die Erzählung jetzt ganz ´realistischen’ Mustern folgt. Das heisst, es geschieht bis zum traurigen Ende der Geschichte nichts Übernatürliches mehr, die banale Alltagswelt der bürgerlichen Familie Samsa hat bis dahin allerdings jede ´kafkaeske’ Fantasie des Protagonisten ausgemerzt. So zumindest lautete eine mögliche Interpretation der Geschichte.

Das Existenzielle scheint überhaupt ein wichtiges Merkmal jener deutschen Schriftsteller zu sein, die man dem magischen Realismus zurechnet. Zu nennen wären da Oskar Loerke (1884-1941), Hans Henny Jahnn (1894-1959), Ernst Jünger, (1895-1998) und Hermann Kasack (1896-1966).

Der Österreicher Leo Perutz (1882-1957) verfasste zahlreiche Romane, bei denen Geschichtliches und Phantastisches zu einem gleichberechtigten Nebeneinander finden. Sein berühmtester Roman Nachts unter der steinernen Brücke (1953) ist im historischen Prag angesiedelt und sucht seinen eigenen Zugang zu den geschichtlichen Ereignissen in Prag um 1600, hinter denen weniger historische Schablonen stehen, sondern lebendige Personen, mit Träumen, Ängsten und Sehnsüchten. Die verschiedenen Episoden des Romans funktionieren auch jede für sich allein als Kurzgeschichte.

spätere Autoren – bis heute

So etwas wie eine postmoderne Bibel des magischen Realismus stellt Günter Grass´ (*1927) gross angelegte kulinarische Fantasie Der Butt (1977) dar. Er behandelt gleichzeitig die Kulturgeschichte Mitteleuropas und ist ebenso eine Abhandlung zur Geschlechterthematik. Der rote Faden der Geschichte ist allerdings das grimmsche Volksmärchen Vom Fischer und seiner Frau, das der Erzähler immer wieder aufgreift und variiert. Auch in dieser Geschichte ist ein sprechendes Tier, diesmal eben ein Fisch, der titelgebende Butt, das Orakel, immer wenn es um die ´Männersache´ geht.

Weitere Pflichtlektüre, die sich der Geschlechterthematik nicht verschliesst, hat die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) mit ihrem Roman Die Wand (1963) vorgelegt. Er handelt von einer Frau, die einige Tage allein in einer Berghütte verbringt und sich plötzlich von einer unsichtbaren Wand umgeben sieht, die sie aussperrt und gleichzeitig von zerstörerischen Einflüssen der ´Aussenwelt´ bewahrt. Ist sie die einzige Überlebende einer ungewöhnlichen Katastrophe? Ist sie gar Teil eines undurchschaubaren (ausserirdischen?) Experiments geworden? Ein grossartiges Psychogramm und eine apokalyptische Vision zugleich, dennoch ein Buch nicht nur für Existenzialisten.

Ihr Landsmann Christoph Ransmayr (*1954) begibt sich in seinem sprachgewaltigen Meisterwerk Die letzte Welt (1988), (in einem der schönsten Romane der Postmoderne überhaupt!), auf die Suche nach dem römischen Dichter Ovid und seinen Metamorphosen, welche Ransmayr beschreibend auf Mensch und Landschaft am Schwarzen Meer anwendet. Und man wundert sich nicht, wenn man in der Stadt Tomi, (wohin Ovid vom römischen Kaiser Augustus verbannt worden war) rostenden Bushaltestellen-Schildern und anderen Unmöglichkeiten begegnet. In Ransmayrs Werk erzeugen gerade diese Anachronismen im Zusammenspiel mit den mythologischen Elementen aus Ovids Metamorphosen eine ganz eigene Form der Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit jenseits der Zeit.

Mit Im Kongo (1996) hat der Schweizer Urs Widmer (*1938) eine Hommage an Joseph Conrads Herz der Finsternis geschaffen, eine schräge Geschichte, worin sich eine blonde Krankenschwester, die Diktatoren Mobutu und Hitler, sowie ein am Ende sprichwörtlich ´verwandelter´ Protagonist ihr Stelldichein geben. Die Erzählung steigert sich langsam in ein Traumgebilde von folkloristischer Farbenpracht. Und doch fassen auch diese unglaublichen Geschehnisse ganz bodenständig in der etwas biederen Alltagswelt des Altenpflegers Kuno Fuß, bevor diesen die Ereignisse in ein mehr fantastisches als realistisches Afrika entführen.

Schriftsteller der jüngeren Generation sind Kai Meyer (*1969), der mit seinen Werken für Jugendliche und Erwachsene regelmäßig in den Bestsellerlisten landet und Alban Nikolai Herbst (*1955). Letzterer schickt sein literarisches alter ego auf Eine sizilische Reise (1995). Mit viel Selbstironie lässt er seinen Rucksacktouristen in Palermo in der Kapuzinergruft einem mumifizierten Adeligen aus dem achtzehnten Jahrhundert begegnen, der ihm fortan aus mancher brenzligen Situation hilft. Ein Buch voller moderner und antiker Mythen und vielleicht einer der unterschätztesten Romane der Gegenwart überhaupt. Das Buch entwickelt trotz seiner manchmal fast schludrigen Sprache einen ganz eigenen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Bekannt sind auch Herbsts umfangreichere Werke Wolpertinger oder das Blau (1993) und Thetis. Anderswelt (1998), wo der Autor schließlich in unserem computer- und hightech-gesteuerten Zeitalter ankommt.

Weitere europäische Autoren von Format sind der Däne Ib Michael (*1945) oder die Britin Angela Carter (*1940). Carters Kurzgeschichtensammlung Blaubarts Zimmer (1979) enthält etwas andere Märchenadaptionen für Erwachsene, ebenso grausam wie ihre Vorbilder, aber ganz unserer Zeit entsprechend ohne Moral.

Nicht nur in Italien gilt Italo Calvino (1923-1985) längst als moderner Klassiker. In dutzenden Kurzgeschichten und Romanen zelebriert er den Höhenflug der Fantasie auf intellektuell ansprechende Weise. Sein Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht (1979) betreibt ein raffiniertes Spiel mit der Erwartungshaltung des Lesers und führt diesen immer wieder in die Sackgassen angefangener Geschichten, ohne den geduldigen Leser mit ihren Auflösungen zu belohnen. Und doch ist dieses Werk kein quälendes Fragment, sondern eine echte Geschichte wie sie das Leben schreiben könnte und die letztlich die Begegnung des Lesers mit sich selber ermöglicht.

Dino Buzzati (1906-1972) gilt ebenso als italienischer Klassiker, aus seinem vergleichsweise eher schmalen (erzählerischen) Werk ragt noch immer Die Tatarenwüste (1940) und einige seiner surrealen Kurzgeschichten.

Spaniens jüngster Bestseller-Autor heißt Carlos Ruiz Zafón (*1964) und spätestens seit seinem epischen Roman Der Schatten des Windes (2001) ist er auch international in aller Munde. Zafóns erste Bücher sind Gruselromane für Jugendliche, aber auch in seinem späteren erwachsenen Werk schwingt immer die düstere Nostalgie einer guten gothic novel mit.

Osteuropa ist ein weiteres fruchtbares Tummelfeld für den magischen Realismus. Sein Zauber scheint sich ideal inmitten von Plattenbauten und anderen Relikten des Faschismus und der Diktatoren eingenistet zu haben. Dort entfaltet er sich in düster-leuchtender Prosa von großer Eigenständigkeit. Besonders nennenswert neben Mircea Eliade (1907-1986) und Eugène Ionesco (1909-1994) ist der Rumäne Mircea Cărtărescu (*1956), dessen dreibändiger Romanzyklus Orbitor (auf Deutsch erhältlich der erste Teil Die Wissenden (2007)) ein stilistisch kompaktes Pot-Pourri aus E.T.A. Hoffmann, Kafka und Borges darstellt, das aber auch sprachlich zu überzeugen weiss.

Auch die Russen Michail Bulgakow (1891-1940) und der Bestsellerautor der jüngsten Generation Vladimir Sorokin (*1955) verdienen ohne Einwände das Prädikat des magischen Realismus.

Überm Teich, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, geht es mit Steven Millhauser, Jonathan Carroll, Steve Erickson (*1950) und nicht zuletzt Jonathan Safran Foer (*1977) bunt und unverkrampft zu und her. Ihre Romane und Erzählungen sind nicht von dieser denkerischen Schwere, die den deutschsprachigen Autoren gerne anhaftet. Gewissermaßen Hollywoodkino fürs Gehirn. In Safran Foers luftigem Debüt Alles ist erleuchtet (2005) geht es allerdings auch um die Suche nach Identität, die den Helden dieser Geschichte (einen ukrainischstämmigen amerikanischen Juden) in seine ursprüngliche Heimat verschlägt. Dort bleiben ihm erwartungsgemäß gewisse rustikale Erfahrungen nicht erspart. Eine Autofahrt mit einem liebestollen Hund ringt dem Protagonisten so einiges an Durchhaltewillen ab. Bemerkenswert ist der humoristische Stil Foers, der das manchmal haarsträubende Geschilderte immer wieder ironisiert. Das Buch wurde jüngst mit Elijah Wood in der Hauptrolle verfilmt.

Aber auch das grundsätzlich eher gering fantastische Werk Thomas Pynchons (*1937) trägt subtile Merkmale des magischen Realismus und ist darüber hinaus selber schon zu einem Teil des amerikanischen Mythos geworden.

Als weitere wichtige Vertreter der bereits erwähnten lateinamerikanischen Fraktion gelten Gabriel Garcia Marquez (*1927), aber auch Isabel Allende (*1942), deren Jugendbücher in der mythischen Neuen Welt angesiedelt sind und auch Erwachsene begeistern. Eher gesellschaftskritische Aspekte und Einblicke in den ´ungeschönten´ Alltag Perus vermittelt das Werk Mario Vargas Llosas (*1936).

In Argentinien hat Pablo de Santis (*1963) das Erbe von Borges angetreten. Sein leicht lesbares Werk, ungemein spannend und das Etikett ´kafkaesk´ verdienend, umfasst Romane, Jugendbücher, sowie Krimis.

Obwohl der magische Realismus nicht zwingend ein ethisches oder politisches Engagement verfolgt, heißt das nicht, dass Bücher dieses Stils nicht auch politischen Zunder beinhalten können. Man denke da an die Werke des indischstämmigen Salman Rushdie (*1947), der immer wieder politische Themen und Missstände anschneidet. Sein schriftstellerisches Engagement hat dennoch gerade den ideologischen Fanatismus auf sich gezogen, den er anprangert. Sein Buch Die Satanischen Verse (1988) haben ihm die Todesdrohungen (Fatwa) des iranischen Führers Chomeini eingebracht, die bis heute bestehen. Seither lebt Rushdie an wechselnden Orten, seine Heimatlosigkeit hat er nicht zuletzt in seinen Büchern thematisiert. Sein Erstlingswerk Grimus (1975) ist allerdings noch eine fast comic-artige, unterhaltsame und dennoch tiefgründige Fantasy-Quest, ein modernes und buntes Märchen um die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Nicht nur der magische Realismus, Literatur allgemein verschafft den Menschen die Möglichkeit des kulturellen Austauschs. Gerade der ferne Orient weckt mit seinen Büchern die Lust auf exotische Anderswelten und ermöglicht ein ungefährliches Herantasten an andere Lebensweisen. Das maoistische China, aber auch das moderne Reich der Mitte finden mit Mo Yans (*1955) Büchern Das rote Kornfeld (1987) oder Die Schnapsstadt (1997) Eingang ins literarische Vermächtnis der Welt.

Aus Japan sind Banana Yashimoto (*1964) und Haruki Murakami (*1949) zu nennen, die das westliche Lebensgefühl und die daraus resultierenden Freuden und Zwänge mit den alten und modernen Mythen und Traditionen Japans vermischen.

Der Kontinent Afrika, die Mutter aller Menschenträume, hat allerdings vergleichsweise wenige Autoren des magischen Realismus hervorgebracht oder zumindest sind bis heute nur wenige deutsche Übersetzungen erhältlich. Der mosambikanische Autor Mia Couto (*1955) strebt in seiner Arbeit eine Verschmelzung seiner portugiesischen Muttersprache mit sprachlichen Strukturen Afrikas an. Ein Bemühen, das hoffentlich auch den Dialog zwischen den Afrikanern und den ehemaligen europäischen Kolonialisten fördert. Auch zahlreiche Autoren im Exil nehmen sich dem ´afrikanischen Erbe´ an, unter ihnen beispielsweise die Afroamerikanerin Toni Morrison (*1931). Ihre starken Themen sind Rassismus und die Geschichte der Sklaverei mit all ihren Nachwehen.

Der magische Realismus – eine weltumspannende Faszination

Diese Aufzählungen ließen sich beliebig verlängern und ergänzen, denn der magische Realismus steht für eine der kreativsten Daseinsformen der zeitgenössischen Weltliteratur, wenn auch nur wenige Autoren den Begriff auf ihr eigenes Werk anwenden. Vielleicht ist es auch nur der Unwille, sich kategorisieren zu lassen. Andererseits handelt es sich beim magischen Realismus bestimmt nicht um Genre-Literatur, für die man sich gar schämen müsste und deren Grenzen bald abgesteckt wären. Im Gegenteil: Eher könnte man ihn als ein künstlerisches Programm bezeichnen, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist. Oder anders gesagt: es geht um Literatur und Unterhaltung, ja ums fantasievolle Geschichtenerzählen auf höchstem Niveau. Unter den Verfechtern des magischen Realismus befinden sich immerhin eine Handvoll Nobelpreisträger: José Saramago (*1922), Günter Grass, Miguel Ángel Asturias und Gabriel Garcia Marquez. Der magische Realismus ist aber keine literarische Kraftmeierei, sondern schlicht die Entflammung für die Literatur und die Leidenschaft des Erzählens.