Des Kaisers neue Axt

von Christoph Hardebusch

In seinem Essay „Äxte am Stamm der Moderne – Fantasy und Romantik“ stellt Dr. Frank Weinreich eine literarische Verwandtschaft zwischen der Romantik und Fantasy her. Auf den ersten Blick wirkt diese behauptete Verwurzelung der Fantasy durchaus schlüssig, da Weinreich überzeugende Argumente für die Ähnlichkeit findet, aber auch Unterschiede aufzeigt, die einem Nachkommen durchaus zustehen würden. Und der Gedanke ist reizvoll, denn durch die Verbindung zu einer gerade wieder entdeckten und geehrten Spielart der Kunst erhält die Fantasy natürlich auch gleichzeitig deren Weihen. Zudem sind literaturtheoretische Ausflüge in die Niederungen der Fantasy selten, weshalb ihnen automatisch ein gewisses Gewicht zukommt. Mit Weinreich hat sich dazu noch ein echter Kenner der Materie dieser Theorie angenommen, der sich durch seine sachkundigen Veröffentlichungen zum Thema Phantastik und Fantasy, zuletzt mit Fantasy. Einführung (2007, Oldib-Verlag, Essen) bereits einen Namen gemacht hat. Der Essay listet gewichtige Argumente, denen man nur allzu gern Gehör schenken möchte.

Allerdings muss man sagen, dass der Vergleich zu kurz gegriffen ist. Sowohl die Romantik, der hier nur in ihrer deutschen Spielart Rechnung getragen wird, als auch die Fantasy bieten ein zu weites Feld, um darin derartige Parallelen überzeugend verankern zu können. Die Romantik war ja durchaus nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern vielmehr eine europäische Strömung, die in ihren Ausprägungen von Eichendorff, Novalis und Hölderlin über Byron und Shelley bis hin zu Baudelaire reichte, um nur ein paar der bekannteren Vertreter zu nennen. Weinreich bezieht sich in seinem Essay auf das derzeit sehr erfolgreiche Buch Romantik. Eine deutsche Affäre von Rüdiger Safranski, das ebenfalls diese sehr enge Perspektive wählt. Eine derartige Sichtweise wird aber der Romantik in ihrer Nationalgrenzen überschreitenden Weitläufigkeit nicht wirklich gerecht.

Auch die Fantasy lässt sich nicht rein auf romantische Motive reduzieren. Ein Rückzug auf das Romantische, eine Abkehr von der Moderne, wie Weinreich sie postuliert, findet nur in Teilen statt. Interessant ist auch der Aspekt, dass Weinreich die Dark-Wave- und Gothic-Szene als Beleg anführt, dabei aber unterschlägt, dass diese sich viel eher auf die Dunkle Romantik angelsächsischer Prägung bezieht. Kein Wunder, denn auch hier handelt es durchaus um eine internationale Szene.

Wer eine genauere Replik auf die Kernthesen von Weinreichs Essay erwartet, wird an dieser Stelle enttäuscht werden. An dieser Stelle wird auf einen anderen Aspekt eingegangen: Die Motivation hinter dem Essay.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Diskurs teilweise spekulativ bleiben muss. Aber einerseits ist die Suche nach der Intention eines Autors durchaus kein unbekanntes Feld der Literaturwissenschaft, andererseits kann durch diese Spekulationen vielleicht ein Licht auf ein grundlegendes Dilemma der Fantasy geworfen werden. Wie oben bereits erwähnt, hätte eine theoretische Nachfolge der Fantasy auf die Romantik, oder gar die Erklärung der Fantasy zur romantischen Literatur, eine gewisse Legitimation der Fantasy als literarisches Genre zur Folge. Die Romantik erlebt derzeit eine Renaissance (man beachte das Wortspiel), Safranskis Buch geistert durch alle Feuilletons, und kaum jemand würde der Romantik als Literaturgattung ihre literaturgeschichtliche Bedeutung absprechen. Würde Weinreichs Theorie also zutreffen, käme sie einem philologischen Ritterschlag der Fantasy gleich. Das ist erst einmal nicht negativ, sondern innovativ. Endlich dürfen Buchhändler Hoffmann neben Hoffmann, Martin neben Mereau und Novik neben Novalis stellen. Und auch für das eigene Wohnzimmer braucht man keine falschen Buchrücken mehr. Sorgen bereitet nur der Gedanke dahinter, denn der sagt aus: Die Fantasy hat diese Aufwertung nötig.

Tatsächlich kann man, wenn man sich ein wenig mit der Darstellung der Fantasy im Speziellen und der Phantastik im Allgemeinen in den Medien beschäftigt, eine deutliche Tendenz feststellen. Bis zu den großen Erfolgen phantastischer Filme und Bücher in den letzten Jahren tauchte sie mehr oder minder komplett nicht auf. Seit dem magischen Jackson-Jahr 2001 und den Büchern um Harry Potter, ist das Beste, worauf man hoffen kann, eine Art fassungsloses Staunen über John Ronald Reuel Tolkien, Markus Heitz, Joanne K. Rowling und Cornelia Funke. Die beiden letztgenannten haben und hatten immerhin den Vorteil, dass sie Jugendliteratur schreiben; ein Bereich, in dem weitaus mehr erlaubt ist. Die Vorwürfe, die gegen Fantasy erhoben werden, sind alt und vielgestaltig – Eskapismus, Naivität, reaktionäre Weltbilder fördernd und fordernd, stilistisch ungenügend – und natürlich in Teilen zutreffend. Lediglich in ihrem pauschalisierenden Allgemeingültigkeitsanspruch treffen sie ihr Ziel nicht.

Schon ein kurzer geschichtlicher Rückblick zeigt, dass Fantasy ein recht junges Genre ist. Benutzt man den Begriff im heutigen Sinne, kann man ihre Anfänge im angehenden 20. Jahrhundert verordnen. Der Beginn von dem, was auch Weinreich „moderne Fantasy“ nennt, kann sehr grob mit dem Erscheinen der amerikanischen TB-Ausgabe von Der Herr der Ringe in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts veranschlagt werden, wobei hier nicht ältere Klassiker des Genres wie E.R. Eddison, Mervyn Peake oder auch Fritz Leiber und Robert E. Howard unterschlagen werden sollen.

Diesem jungen Genre wird eine Skepsis entgegen gebracht, die durchaus verständlich ist. Es ist auch keineswegs das erste Genre, das sich derartigen Anschuldigungen ausgesetzt sieht; tatsächlich ist es – rein geschichtlich gesehen – auch nicht viel länger her, da der Belletristik in ihrer Gesamtheit ebendiese Vorwürfe gemacht wurden. Der Kriminalroman, kurz Krimi, galt bis in die 70er-Jahre als anspruchslos und verrohend, und es hat einige Zeit gedauert, bis diese Schwellen überwunden wurden.

Im Zusammenhang mit dieser Skepsis ist Weinreichs Essay problematisch. Denn es hat den Anschein, als ob versucht wird, eine Blöße der Fantasy zu verdecken, und ihr das Mäntelchen der romantischen Legitimation umzuhängen. Fantasy ist aber in den vergangenen Jahrzehnten alles andere als ein homogenes Genre geblieben. Manche Pulp-Veröffentlichung der 70er-Jahre ist sicher im Giftschrank besser aufgehoben als im Bücherregal, doch manche literarische Perle braucht sich nicht hinter der romantischen Tracht zu verbergen. Täte sie es trotzdem, wäre es schade um die unverwechselbaren Stimmen einiger Phantasten.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Romantik – gerade in ihrer deutschen Ausprägung – oft genug genau jenen Vorwürfen gerecht wurde, die gegen die Fantasy erhoben werden. Der Rückzug vom Sozialen aufs Private, die Verklärung der Umwelt und Natur, die Darstellung einer überhöhten Gefühlswelt. In einer literaturgeschichtlichen Debatte über die Romantik mögen diese als lässliche Sünden auftauchen; in der Frage nach dem Anspruch der Fantasy sind sie schwerwiegende Argumente für alle jene, die ihr ablehnend gegenüber stehen. Vieles, das der Romantik gemäß war, ist es moderner Literatur nicht mehr. Zu Recht erkannte schon Walter Benjamin:„Es träumt sich nicht mehr von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben.“

Selbstverständlich lassen sich Parallelen zwischen einem Teil der Fantasy und einem Teil der Romantik finden. Fantasyautoren beziehen sich, wie alle anderen Autoren auch, auf kulturelle Vorbilder und sind in ihren jeweiligen Kulturen verwurzelt. Beispiele für Intertextualität gibt es durchaus, und einige der Argumente Weinreichs entbehren nicht der Relevanz. Aber da die Anzahl der Fantasyschaffenden inzwischen immer größer wird, werden zwangsweise auch ihre kreativen Quellen umfassender. In der Tat sollte es ebenso einfach möglich sein, Bezüge zwischen Fantasy und vielen anderen Spielarten der Literatur und Kunst im Allgemeinen zu finden. In ihrer zeitgenössischen Ausprägung hat sie ihre Wurzeln im angelsächsischen Sprachraum, und auch die deutsche Fantasy bezieht sich auf diese Vorbilder. In den letzten Jahrzehnten hat die Fantasy sich entwickelt, ihre eigenen Bezugspunkte, Motive, Traditionen und selbstverständlich auch Klischees entwickelt. Es gilt, sich auf die Vorzüge und Stärken der Fantasy zu besinnen, und sie als umfassende Literaturgattung zu etablieren, dabei aber nicht die Augen vor den Schwächen zu verschließen.

Die Gefahr besteht, dass Weinreichs Essay unter den falschen Gesichtspunkten gelesen wird. Sein Einsatz für eine literaturwissenschaftliche Aufarbeitung kann gar nicht hoch genug gelobt werden, aber eine deutliche Verbindung zwischen Romantik und Fantasy zu postulieren, oder letztere gar zur Erbin der Romantik zu erklären, wird einer Anerkennung der Fantasy als literarische Gattung über das Genre hinaus keinen Vorschub leisten.

Zum Abschluss sei mir ein persönliches Fazit erlaubt. Ich wünsche mir, dass die Fantasy auf eigenen Beinen steht, wacklig vielleicht, aber ohne Krückstöcke. Natürlich gibt es einen großen Anteil dieses schon von seiner Natur her popkulturellen Genres, der niemals den kritischen Betrachtungen des Feuilletons oder der Literaturwissenschaft standhalten wird. Das ist wenig verwunderlich, denn ähnliches lässt sich über beinahe jedes Genre sagen. Aber die Fantasy sollte sich nicht ihre eigene Deutungshoheit nehmen lassen und sollte nicht Idealen hinterher hecheln, die sie per definitionem nicht erreichen kann. Es gibt die China Miévilles, die R. Scott Bakkers, die Peter S. Beagles, die Tobias O. Meißners und viele mehr. Wenn diese Autoren der Fantasy nicht Anspruch geben, wird keine noch so eloquent herbei gewünschte Verbindung zur Romantik das tun. Die Fantasy ist keine Axt am Stamm der Moderne, sie ist ein Teil der Moderne.