Die Zukunft der Fantasy – was bleibt?

Das Ende des Fantasy-Booms wurde bereits zu verschiedenen Gelegenheiten vorhergesagt. Mit „Harry Potter“ wäre alles vorbei, hieß es. Die Völkerfantasy ruiniere das Genre. Irgendwann wäre alles wieder bei den guten alten Zeiten, als Fantasy nur von Rollenspielern, Metal-Fans und fanatischen Tolkien-Anhängern gelesen wurde.

Inzwischen sind es fast 10 Jahre, seit die erste Harry-Potter-Welle durch Deuschland rollte, und immer wieder haben sich Prophezeiungen über das Ende des Booms als falsch erwiesen. Doch wie sieht es jetzt aus? In den letzten 10 Jahren haben sich die großen, die wirklich großen Fantasy-Bestseller beinahe lückenlos aneinandergereiht. „Harry Potter“ und die neue Übersetzung des „Herrn der Ringe“ haben den Boom begonnen. Dann kamen „Eragon“, die Tintenwelt-Trilogie und zuletzt die „Bis(s)“-Reihe. Natürlich gab es dazwischen viele kleinere Bestseller. Die genannten Titel allerdings sind die, von denen die meisten schon einmal gehört haben, über die überall berichtet wurde, und für die die Leute teilweise um Mitternacht vor den Buchhandlungen Schlange standen.

Auch momentan steht ein solcher großer Bestseller unter den Top Ten. „Bis(s) zum letzten Sonnenstrahl“, der unerwartete fünfte Teil von Stephenie Meyers Vampir-Romanen. Doch was folgt darauf? Bisher ist kein Titel in Sicht. Falls sich das nicht in den nächsten Monaten ändert, wird die Kette unterbrochen.

Ende in Sicht?

Schaut man sich die kleineren Fantasy-Bestseller der aktuellen Zeit an, findet man dort vor allem Romantasy. Gutaussehende Vampire, Gestaltswandler, Engel und noch mal Vampire. Der letzte Fantasy-Titel, der es ohne einen Schwerpunkt auf Romantik in die Bestseller-Listen geschafft hat, war „Sonea“ von Trudi Canavan. Die Fortsetzung einer erfolgreichen Trilogie.
Was hat das zu bedeuten? Wird aus der gesamten Fantasy-Familie nur die Romantasy erfolgreich bleiben, während der Rest tatsächlich wiederum nur von Rollenspielern und Metal-Fans gelesen wird? Nein, sicher nicht.

Andrea Bottlinger

Andrea Bottlinger ist noch eine Prüfung davon entfernt, ihr Studium in Buchwissenschaft, Literaturwissenschaft und Ägyptologie zu beenden. Sie arbeitet nebenher als freie Lektorin und Autorin. Ihre Magisterarbeit hat sie über den Fantasy-Boom im deutschen Buchmarkt geschrieben.

Autorenhomepage von Andrea Bottlinger

Man könnte sagen, dass auf den Fantasy-Boom momentan ein Romantasy-Boom folgt. Aber auch den anderen Subgenres der Fantasy geht es immer noch besser als vor dem Jahr 2001, in dem „Der Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ in die Kinos kamen. Es gibt viel mehr Verlage, die Fantasy herausbringen, und damit auch eine größere Auswahl. Doch nicht nur die Zahl der Titel, sondern auch deren Bandbreite ist gewachsen.

Schaut man sich ältere literturwissenschaftliche Abhandlungen über Fantasy an, so stellt man fest, dass das Genre dort meist als in einer Welt spielend definiert wird, die rein gar nichts mit der unsrigen zu tun hat. Höchstens Romane im Stil von Narnia werden zugelassen, in denen die reale Welt nur eine Rahmenhandlung darstellt – „Harry Potter“ wird hier dazugezählt. Diese Definition ist ein Relikt vergangener Zeiten und mag früher zu großen Teilen zutreffend gewesen sein. Heutzutage steht sie allerdings in einem deutlichen Gegensatz zu der großen Vielfalt, die das Genre aufzuweisen hat.

Urban Fantasy ist hierbei eines der Stichwörter. Viele neuere Romane bringen für Fantasy typische Elemente oder Storystrukturen wie die Heldenreise in Zusammenhang mit der realen Welt. Die Wächter-Tetralogie von Sergej Lukianenko ist hier das bekannteste Beispiel. Aber auch viele deutsche Autoren folgen diesem Konzept. Man nehme nur Christoph Marzi.

Derartige Romane gab es natürlich auch vor dem Boom schon, doch ihre große Menge in neuerer Zeit macht die Veränderung deutlich, die das Fantasy-Genre in den letzten 10 Jahren durchlaufen hat.

Ebenso steht es mit dem Subgenre der historischen Fantasy, das sich ebenfalls immer größerer Beliebtheit erfreut. Mit Naomi Noviks Feuerreiter-Reihe, Christoph Hardebuschs „Die Werwölfe“ und dem Victoria Schlederers „Des Teufels Maskerade“, dem Gewinnerroman des „Schreiben Sie einen magischen Bestseller“-Wettbewerbs von Heyne, feiert es Erfolge, die sich sehen lassen können.

Bei all dem verdrängen die neuen Subgenres die klassische Fantasy nicht. Spätestens mit dem Filmstart des „kleinen Hobbits“ sollte diese sogar einen neuen Aufschwung erleben. Diese Vielfalt alter und neuer Subgenres wird der Fantasy sicher auch in Zukunft erhalten bleiben.
Ebenso die neuen Autoren. Im Verlauf des Booms haben die Verlage nicht nur neue Subgenres für sich entdeckt, sondern auch vermehrt im eigenen Land nach Autoren gesucht, anstatt ihr Programm zu einem großen Teil auf Übersetzungen aufzubauen. Einige dieser Autoren sind inzwischen so erfolgreich, dass kein Verlag im Traum daran denken würde, sie wieder fallen zu lassen, nur weil der Fantasy-Boom langsam etwas abflacht.

Um es kurz zu machen …zu den guten oder auch nicht so guten alten Zeiten wird niemand mehr zurückkehren. Auch wenn der Boom abebbt und selbst die Romantasy es nur noch sporadisch in die Bestsellerlisten schafft, bleibt das Fantasy-Genre in Deutschland um einiges reicher als zuvor. Zudem ist die gesellschaftliche Akzeptanz des Genres gestiegen. Eine ganze Generation ist mit „Harry Potter“, „Tintenherz“ und „Bis(s) zum Morgengrauen“ aufgewachsen. Die Chancen, dass diese Generation immer wieder gelegentlich zum Fantasy-Roman greifen wird wie viele Leute heutzutage zum Krimi – ohne sich groß etwas dabei zu denken und ohne einen Haufen Vorurteile – stehen recht gut. Man kann also frohen Mutes in die Zukunft sehen.