Edgar Rice Burroughs

Edgar Rice Burroughs, geboren am 1. September 1875 in Chicago, Illinois, blickte 1912 auf ein eher frustrierendes Leben zurück. Nach der Schulzeit hatte er wie so viele tatendurstige junge Männer seiner Generation eine Laufbahn als Soldat ins Auge gefasst. Aus der angestrebten Offizierslaufbahn an der Elite-Militärakademie West Point wurde jedoch nichts; Burroughs wurde einfacher Soldat und jagte in den Bergen von Arizona aufständische Apachen. Nach nur zehn Monaten Dienst wurde er nach einer schweren Erkrankung ausgemustert. Enttäuscht kehrte der junge Mann ins Zivilleben zurück, heiratete und startete ebenso eifrig wie erfolglos ins private Berufsleben. Burroughs arbeitete u. a. als Goldschürfer, Viehtreiber, Hausierer, Verkehrspolizist und Vertreter.

Die Schriftstellerei war für Burroughs zunächst nichts als ein weiterer Versuch, zu Geld zu kommen. Er zeigte sich nicht unbedingt als begnadeter Stilist, aber als geborener Geschichtenerzähler und debütierte im Februar 1912 mit „A Princess Of Mars“, einem Science Fiction-Fantasy-Spektakel. Kurz darauf erschien Tarzan auf der Bildfläche, und Burroughs’ finanzielle Nöte gehörten bald der Vergangenheit an. Er entwickelte ungeahntes Talent als Geschäftsmann und war bereits 1919 Millionär. Ungewöhnlich weitsichtig war vor allem sein Schachzug, die Rechte an der Figur des Tarzan nicht zu verkaufen. 1923 gründete er Edgar Rice Burroughs, Incorporated, eine Denkfabrik, deren Mitarbeiter ausschließlich damit beschäftigt waren, die Werke ihres Meisters zu vermarkten; kein Wunder, dass der Reichtum Burroughs bei seinem Tod am 19. März 1950 den der sagenhaften Stadt Opar weit übertraf.

Burroughs verfasste insgesamt 24 Romane und Storysammlungen, in denen Tarzan die Hauptrolle spielte; dazu kamen 67 weitere Bücher außerhalb dieser Serie. Sein schriftstellerisches Talent konnte mit diesem Arbeitstempo allerdings nur bedingt Schritt halten: So ist der erste „Tarzan“-Roman sicherlich auch der beste, was allerdings nicht bedeutet, dass die Folgebände langweilig wären: „Tarzans Rückkehr“ lässt in Form und Inhalt gewisse Fortschritte seines Verfassers erkennen. Erst die späten Abenteuer sind mit Vorsicht zu genießen, aber da war Burroughs, der Schriftsteller, längst zum lebenden Anachronismus erstarrt, war Afrika längst nicht mehr der dunkle, geheimnisvolle Kontinent voller weißer, unerforschter Flecken und für den unternehmungslustigen Tarzan so eng geworden, dass ihn sein ratloser geistiger Vater schon einmal ins Innere der Erde schickte, um ihn dort auf den Spuren von Jules Verne und Arthur Conan Doyle mit Dinosauriern und Urmenschen ringen zu lassen („Tarzan at the Earth’s Core“, 1930; dt. „Tarzan am Mittelpunkt der Erde“).

Natürlich ist „Tarzan“ heute in erster Linie Nostalgie und Naivität. Burroughs’ Wissen über Afrika hielt sich selbst für den Laien erkennbar in sehr engen Grenzen. Die Natur ist feindselig, die Tierwelt notorisch angriffslustig, die schwarzen Ureinwohner sind entweder kindisch-unterwürfige „Neger“ oder tückische „Wilde“. Das stößt heute zu Recht sauer auf, doch solche Vorwürfe hätten weder Burroughs noch seine Leser einst verstanden. Sie glaubten noch fest an das scheinbar von Gott gegebene Vorrecht des Weißen Mannes, sich die Welt untertan zu machen. Außerdem machte sich Burroughs um die authentische Rekonstruktion Afrikas wenige Gedanken, falls überhaupt! Er wollte in erster Linie unterhalten – und selbstverständlich tüchtig Geld verdienen! Das darf man nicht vergessen, wenn man heute vom Podest des mit der Gnade der späten Geburt gesegneten Kritikers Burroughs einen schlampig recherchierenden Chauvinisten schimpft.

Die Qualität der Handlung ist stark abhängig von der Tagesform des Verfassers. Besonders die frühen „Tarzan“-Romane verraten den Zeitdruck, unter dem Burroughs stand. Da sie zunächst als Fortsetzungsgeschichten in Magazinen erschienen, sind sie in ihrer Struktur eher episodisch: Jede Folge musste den Leser mit einem eigenen Höhepunkt fesseln und zum Kauf der nächsten Magazin-Nummer animieren. Nachträglich konnte oder wollte Burroughs dies offensichtlich nicht mehr ändern: Wieso Zeit an eine Überarbeitung verschwenden, statt sie in eine wesentlich einträglichere Fortsetzung zu investieren?

mehr über Edgar Rice Burroughs:

Phantastisches von Edgar Rice Burroughs

  • Tarzan-die Fortsetzungen
    • (1966) Tarzan and the Valley of Gold (von Fritz Leiber)
    • (1972) Tarzan Alive. A Definitive Biography of Lord Greystoke (von Philip José Farmer)
    • (1996) Tarzan: The Epic Adventures (von Robert A. Salvatore)
    • (1999) The Dark Heart of Time: A Tarzan Novel
  • Pellucidar/Inner Earth-Serie
    • (1914/22) At the Earth’s Core
    • (1915/23) Pellucidar
    • (1929/30) Tanar of Pellucidar
    • (1929-30/1930) Tarzan am Mittelpunkt der Erde
      Tarzan at the Earth’s Core
    • (1937/1937) Back to the Stone Age
    • (1944) Land of Terror
    • (1963) Savage Pellucidar!
  • andere Bücher
    • (1913/25) The Cave Girl
    • (1913/29) The Monster Men
    • (1914/21) The Mucker
    • (1914/27) The Outlaw of Torn
    • (1914-15/1925) The Eternal Savage / The Eternal Lover
    • (1914-15/1926) The Mad King
    • (1915/55) The Man-Eater
    • (1915-16/1955) Beyond Thirty / The Lost Continent
    • (1916/65) The Girl From Farris’s
    • (1917/38) The Lad and the Lion
    • (1918/24) Caprona: Im Reich der Dinosaurier
      The Land That Time Forgot
    • (1918/37) The Oakdale Affair
    • (1918/37) The Rider
    • (1921/66) The Efficiency Expert
    • (1922/23) The Girl From Hollywood
    • (1923/26) The Moon Maid
    • (1924/25) The Bandit of Hell’s Bend
    • (1927/27) The War Chief
    • (1928/33) Apache Devil
    • (1931/32) The Land of Hidden Men / Jungle Girl
    • (1936/1964) The Resurrection of Jimber-Jaw
    • (1939/1974) Beware! / The Scientists Revolt (als John Tyler McCulloch)
    • (1940/40) The Deputy Sheriff of Comanche County
    • (1942/64) Beyond the Farthest Star
    • (1967) I Am a Barbarian
    • (1998) Minidoka, 937th Earl of One Mile Series M. (Comic)
    • (1999) You Lucky Girl!
    • (1999) Marchia of the Doorstep
    • (2001) Forgotten Tales of Love and Murder
  • Über E. R. Burroughs (Auswahl)
    • (1981) Tarzan: der barfüßige Held (von Joachim Schiele)
    • (1986) Tarzan und die Herrenrasse: Rassismus in der Literatur (von Norbert Bernhard)
    • (2003) Edgar Rice Burroughs and Tarzan. A Biography (von Robert W. Fenton)
    • (2004) Tarzan und Hollywood: Von Johnny Weismuller bis Gordon Scott – Die klassischen Tarzan-Filme von Produzent Sol Lesser (von Reiner Boller/Julian Lesser)

(Anmerkung: E. R. Burroughs Geschichten erschienen in der Regel zunächst in Fortsetzungen in „Pulp“-Magazinen und wurden erst später in Buchform publiziert. Die Jahreszahl vor dem Schrägstrich gibt deshalb die Magazinausgabe, die dahinter die Bucherstausgabe an.)