Ein neuer Tolkien – nach dreißig Jahren

Von Marcel Bülles

Drei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des Silmarillion erscheint nun Die Kinder Húrins. Diese Erzählung aus dem ersten Zeitalter Mittelerdes berichtet vom tragischen Schicksal Túrins und seiner Schwester Nienor nach der fünften Niederlage von Elben und Menschen in Beleriand gegen den bösen Vala Melkor, der ganz Mittelerde zu beherrschen versucht. Zum ersten Mal erscheinen die verschiedenen Varianten der Geschichte als eigenständiger Band und auf deutsch übersetzt.

Die Kinder Húrins

Im Jahr 472 des Ersten Zeitalters glauben Elben und Menschen, den bösen Vala Morgoth besiegen zu können und fordern ihn zur Schlacht heraus. Doch durch Verrat wird ihnen der Sieg genommen und er kann fast alle Gegner vernichten. Unter den Gefangenen ist Húrin, den Morgoth verflucht und mit ihm seine Familie: Morwen, dessen Frau, und seine beiden Kinder, Túrin und Nienor (eine weitere Tochter stirbt im Alter von drei Jahren). Morwen schickt Túrin in das Elbenreich Doriath, wo er von König Thingol als Pflegesohn aufgezogen wird; seine Schwester Nienor bleibt bei ihrer Mutter in Hithlum, das nun von bösen Menschen regiert wird, die Morgoth Untertan sind.

In Doriath wächst Túrin zu einem der größten Krieger aller Zeiten heran. Bald schon kann er dem Feind ernsthaften Schaden zufügen, doch als er nach mehreren Jahren des Kampfs in der Wildnis nach Doriath zurückkehrt, wird er von einem Elben für sein ungepflegtes Aussehen in den Hallen des Königs derart verhöhnt, dass er ihn im Zorn unbeabsichtigt tötet. Er fürchtet nun verurteilt zu werden und flieht aus Doriath, wird aber vom König in seiner Abwesenheit begnadigt und aufgefordert, in Ehren zurückzukehren.

Mehrere Jahre verbringt er in der Wildnis unter Gesetzlosen, bis er beschließt, sich Morgoth entgegenzustellen und seine Männer den Kampf gegen den Schrecken aus dem Norden aufnehmen. Doch die Orks sind mittlerweile zu zahlreich und mächtig, dass sie sich noch aufhalten lassen und er wird gefangen genommen. Auf dem Weg nach Norden wird er von seinem besten Freund Beleg befreit, den er aus Versehen tötet, und gelangt nach Nargothrond, einem der letzten bestehenden, elbischen Reiche und wird dort in Ehren aufgenommen. Hier beginnt er bald das Leben der Elben zu verändern, indem er sie zu offenem Kampf auffordert, den sie bis jetzt vermieden hatten, und somit die Macht von Morgoth auf den Plan ruft. Der Drache Glaurung kommt mit einem großen Heer nach Süden und vernichtet Nargothrond und verflucht Túrin seine Liebe Finduilas zu suchen, verhöhnt ihn aber zugleich als ehrlosen Sohn, der seine Mutter und Schwester allein gelassen hat.

Unter dem Bann des Drachen eilt er nicht der in Nargothrond gefangen genommenen Finduilas hinterher, sondern macht sich nach Hithlum auf, um Morwen und Nienor zu suchen. Glaurung wusste es schon, aber Túrin erfährt hier zu seinem Unglück, dass die beiden schon vor langer Zeit den Schutz von Doriath aufgesucht haben. Der Drache wollte ihn lediglich davon abhalten, Finduilas zu suchen. Als Túrin sich zornentbrannt auf die Suche nach ihr begibt, erfährt er, dass sie von den Orks getötet wurde.

Während er nach Norden eilte, um Morwen und Nienor zu suchen, haben diese vom Untergang Nargothronds erfahren und eilen dorthin, um Túrin zu finden, treffen aber nur auf Glaurung, der Nienor mit einem Bann belegt, der jegliche Erinnerung an ihr vergangenes Leben auslöscht. Túrin ist in der Zwischenzeit in Brethil aufgenommen worden und findet Nienor, ohne zu wissen, dass sie seine Schwester ist. Níniel nennt er sie, sie heiraten und sie wird von ihm schwanger. Im kommenden Jahr bedroht Glaurung Brethil, Túrin tötet ihn und mit seinen letzten Worten hebt Glaurung den Bann auf, der auf Nienor und Túrin lag und beide nehmen sich das Leben, als sie erkennen, dass sie Bruder und Schwester sind.

Diese stark vereinfachende Zusammenfassung kann mitnichten vermitteln, welche Tragik der Erzählung innewohnt. In Die Kinder Húrins gibt es nichts zu lachen. Als Glaurung vor den Toren Nargothronds verhöhnt, wird klar, welche Vergehen Túrin angelastet werden können:

„Undankbarer Pflegesohn, Bandit, Mörder deines Freundes, Dieb deiner Liebe, Usurpator von Nargothrond, unbesonnener Kriegshauptmann und Verräter deiner Sippe.“ 1)

Ursprung der Geschichte – das finnische Nationalepos Kalevala

Die wissenschaftliche Forschung zu Tolkien und seinen Werken hat in den letzten Jahrzehnten einen fast eigenständigen Zweig hervorgebracht, die Quellenforschung, die beim Oxforder Professor zuweilen bunte Blüten trieb. Mancher suchte buddhistische Themen in Mittelerde (und fand sie auch), aber zum Glück haben es vor allem die Mediävisten geschafft, viele der im Erzählfluss versteckten Ursprünge ans Tageslicht zu bringen.

Die Kinder Húrins ist ein dankbares Thema, denn wer das finnische Nationalepos, die Kalevala, einmal in der Hand gehalten und die Geschichte von Kullervo gelesen hat, der weiß, woher zumindest Túrin stammt:

Kullervo, der Sohn Kalervos, greift nach seinem scharfen Schwerte,
Dreht es hin und her, beschaut es, fragt es, sucht es auszuforschen;
Fragt das Schwert nach seinem Sinne, ob vielleicht es Lust verspüre,
Vom verruchten Fleisch zu fressen, von dem Frevlerblut zu trinken.

Mannes Willen weiß die Waffe, sie errät des Helden Rede,
Sie erwidert diese Worte: „Warum sollt ich nicht mit Wonne
Vom verruchten Fleische fressen, von dem Blut des Frevlers trinken,
Freß ich doch vom Fleisch des Reinen, trink vom Blut des Unschuldvollen.“ 2)

Diese Worte las J.R.R. Tolkien u.a. in einer finnischen Grammatik während seines Studiums am Exeter College in Oxford. Er reihte diese Erzählung in eine Linie mit der Erzählung von Sigurd, dem Völsungen und Ödipus ein, deren Tragik ihn sehr beeindruckt hatte. Noch während er als Soldat am ersten Weltkrieg teilnahm, begann er erste Versionen von Die Kinder Húrins zu schreiben und fast hundert Jahre später findet eine von seinem Sohn überarbeitete Version den Weg in den Buchhandel.

Fünf verschiedene Varianten der Erzählung

J.R.R. Tolkien ist den meisten Lesern als Autor des Herr der Ringe, des Hobbit und des Silmarillion bekannt. Die Filme Peter Jacksons haben dem Interesse am Schriftsteller keinen Abbruch getan, sondern seine Beliebtheit noch weiter gesteigert und Der Herr der Ringe ist der erfolgreichste Roman der Menschheitsgeschichte – die Zahlen variieren je nach Angabe zwischen einhundert und einhundertfünfzig Millionen produzierter Exemplare. Doch der Erfolg des phantastischen Meisterwerks, das bis heute moderne Fantasyliteratur beeinflusst oder an der sie sich zumindest messen lassen muss, hat sich nicht im selben Maß auf die Erzählungen des Ersten Zeitalters übertragen.

Der Herr der Ringe spielt im Dritten Zeitalters Mittelerde und nur in kurzen Referenzen wird auf die Ereignisse der Altvorderenzeit eingegangen. Eine der Erzählungen aus dem Ersten Zeitalter ist die Geschichte Túrins, die auch als Narn i Hín Húrin oder das längste der Lieder Beleriands bekannt ist. Der Sohn des britischen Erfolgsautoren, Christopher Tolkien, begann 1983 ein insgesamt zwölfbändiges Projekt namens The History of Middle-earth, das er 1996 abschloss und mit dem er eine wissenschaftliche Edition der Manuskripte seines Vaters veröffentlichte, die nur mit ihren ersten beiden Bänden als Das Buch der Verschollenen Geschichten auf deutsch zur Verfügung steht. Zuvor hatte er 1980 bereits Unfinished Tales of Númenor and Middle-earth (Nachrichten aus Mittelerde, 1983) herausgebracht, dessen großer Erfolg ihn zu dieser Reihe ermutigt hatte.

In Nachrichten aus Mittelerde befindet sich dann auch nach dem Silmarillion die erste Auseinandersetzung mit Túrin, die bis dato die längste in Prosa gehaltene Version war. In Das Buch der Verschollenen Geschichten II folgte eine weitere Prosa-Variante, 1985 in The Lays of Beleriand eine Version in Stabreim und eine letzte Prosa-Version 1994 in The War of the Jewels. Alle Versionen befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung, waren miteinander verwoben und wurden von Tolkien über Jahrzehnte hinweg immer wieder bearbeitet, aber niemals bis zu einem für eine Publikation akzeptablen Stadium gebracht.

Dies hat nun Christopher Tolkien übernommen und hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt, die Erzählung herauszubringen, bei der es sich am ehesten gelohnt hat: wenig vom publizierten Text stammt aus seiner Feder. Seine Aufgabe war es im wesentlichen, die unterschiedlichen Varianten miteinander zu einem kohärenten Text zu verschmelzen und diese Aufgabe hat er nach dreißig Jahren endlich erledigt, ohne dabei den wissenschaftlichen Apparat zu bemühen, der die History of Middle-earth auszeichnet, sie aber am Zugang zu einem größeren Publikum immer gehindert hat.

Ein Epos für die Postmoderne

Tolkien wurde oft vorgeworfen, sich mit seinem quasi-biblischen Schreibstil dem Pathos verschrieben zu haben, der im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß erschien und erst recht nicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Flache, unentwickelte Charaktere, Verherrlichung von Krieg und Gewalt und eine unkritische Darstellung von Ehre und Aufopferung zugunsten eines neo-christlich gefärbten Guten, dass Andersartige ausschließt – die Liste der Vorwürfe lässt sich beliebig erweitern. Gerade die Form des Silmarillion, das man mit Fug und Recht als vollwertiges Epos bezeichnen darf, schien bei seiner Veröffentlichung die Kritiker auf den Plan zu rufen, die diese literarische Form schon seit Jahrhunderten als tot erachtet hatten.

Der sachliche Zugang zu Tolkien ist der Moderne und dem etablierten Literaturkanon offensichtlich noch nicht möglich, verfallen etliche Stimmen in geradezu verächtliche Töne, unter ihnen Elke Heidenreich, die in einem weit publizierten Interview behauptete, sie hasse es, „[...] wenn Menschen mit Pelzohren Wunderdinge tun [...]“ – kurze Zeit später wurde Der Herr der Ringe 2004 im ZDF zum beliebtesten Buch der Deutschen gewählt.

Doch gerade die Moderne in ihrer Auseinandersetzung mit den Kriegen des 20. Jahrhunderts sollte die Möglichkeit erkennen, dass es sich bei J.R.R. Tolkiens Büchern oftmals um genau diese Auseinandersetzung handelt: John Garth argumentiert überzeugend in seinem wegweisenden Buch Tolkien and the Great War (Tolkien und der Erste Weltkrieg), dass die Erfahrungen des späteren Professors als Soldat einen erheblichen Einfluss auf Form und Inhalt seiner Erzählungen hatten. Auch wenn eine solche Argumentation immer mit Schwierigkeiten behaftet ist, weil der Text zur reinen Fundgrube biographischer Analyse der Person Tolkien wird, reiht Garth dennoch plausibel Tolkien in die Reihe kritischer Nachkriegsautoren und -poeten ein.

Die Kinder Húrins stellt keine Ausnahme dar, ist doch eine der logischsten Lesarten, dass Túrins Weg in seiner Tragik als sinnlos zu erachten ist: all seiner Kraft und seiner Waffenkunst zum Trotz findet er kein Glück, bringt der Krieg nur Unglück und Trauer über die, die er liebt. Wer nach einer message oder neudeutsch nach einer Aussage in diesem Buch suchen will, der kommt nicht um die Tatsache herum, dass Krieg und Gewalt in keinster Weise verherrlicht werden, sondern ihr ultimativ negativer Einfluss auf das Leben in Mittelerde ein Spiegelbild der Lebenszeit Tolkiens ist, die Zeit der Weltkriege.

Das „neue“ Buch – in Übersetzung

Teile des Buchs wurden bereits von Hans J. Schütz übersetzt. Die deutschen Fassungen der Nachrichten aus Mittelerde und die beiden Bände der Verschollenen Geschichten stammen aus seiner Feder. Große Teile der bisher unübersetzten Elemente, die in weiteren Bänden der History of Middle-earth zu finden sind, zeichnet der als Tolkienexperte ausgewiesene Helmut Pesch verantwortlich. Der gelernte Sprachwissenschaftler, der als erster zur Fantasyliteratur in Deutschland promovierte, hat sich außerdem einen Namen als Übersetzer und Schriftsteller gemacht und für Klett-Cotta u.a. auch das maßgebliche Werk Tom Shippeys Der Weg nach Mittelerde ins Deutsche übertragen.

„Neu“ im eigentlichen Sinne ist dieses Buch natürlich nicht. Christopher Tolkien hat es lediglich geschafft, in mühseliger Kleinstarbeit eine zusammenhängende Geschichte aus den erwähnten fünf Varianten zu entwickeln, dies es wert ist, gelesen zu werden. Da wichtige Teile bis jetzt noch nicht auf Deutsch erhältlich waren, wird mit diesem Werk eine der für Tolkien persönlich wichtigsten Erzählungen, die ihn sein Leben lang faszinierte, endlich auch in unserem Land erhältlich sein. Fazit: Ein Muss!

© 2007 Marcel R. Bülles
Der Autor Marcel Bülles ist Vorsitzender der Deutschen Tolkien-Gesellschaft

Quellen

1) Christopher Tolkien (Hrsg.): J.R.R. Tolkien. Das Silmarillion. Stuttgart: Klett-Cotta, 1991, S. 238.
2)
Elias Lönnrot, Lore Fromm, Hans Fromm: Kalevala. Wiesbaden: Marixverlag, 2005, S. 243.

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