Ich vergesse immer das Wetter

Ein Treffen mit Jennifer Fallon im australischen Outback

Ich bin typisch überpünktlich vor 17 Uhr im „Oscar´s Café und Restaurant“ mitten in Alice Springs ganz in der roten Mitte von Australien. Draußen sind es 30 Grad, drinnen wegen der Klimaanlage gefühlte 15 Grad. Nervös trommle ich mit den Fingern. Drei, vier Gäste sind sonst noch da, alles Pärchen, nur ein Stück weiter sitzt allein eine Frau und scheint auch auf jemanden zu warten, ihre Hände spielen mit dem John Grisham-Wälzer, der vor ihr auf dem Holztisch liegt. Ist sie das: Jennifer Fallon?

Auf ihrer Homepage und überhaupt im Netz habe ich nur ein einziges Schwarz-Weiß-Foto gefunden, schräg von oben ist die Autorin aufgenommen, mit hoch toupierten Haaren und viel Lipgloss. Hm. Vom Alter könnte es passen. Aber ist das wirklich die Fantasy-Autorin, die laut dem Netz mit 17 heiratete und mit 22 Jahren schon Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn war, unzählige Pflegekinder hatte, die alle möglichen Jobs hatte von der Chefsekretärin bis zur Kaufhausdetektivin, den „Gymnastics Club“ von Alice Springs gründete, sich von ihrem Mann scheiden ließ, der nie daran geglaubt hatte, dass sie veröffentlicht werden würde, dann mit der „Demon Child Trilogie“ ihren ersten Bestseller landete und seitdem international mit jedem Buch Erfolge feiert? Warum nicht? Aber „Grisham“ dabei zu haben für ein Interview? Nee. Nach weiteren zehn Minuten wird mir Grisham egal, ich beuge mich hinüber: „Excuse me, are you Jennifer Fallon?“

Die Dame schaut mich verblüfft an, der Name sagt ihr offensichtlich nichts und schüttelt den Kopf. Verlegen entschuldige ich mich. Grisham! Konnte ja nicht sein. Da parkt draußen ein Geländewagen, groß prangt hinten auf dem Nummernschild „Fallon.“ Eine mittelgroße Frau steigt aus, schaut beim Näherkommen neugierig durch die großen Restaurant-Scheiben, erkennt mich offensichtlich auf Anhieb und winkt fröhlich. So einfach kann es sein. Am Eingang grüßt sie die Kellnerin wie eine alte Freundin, kommt dann zielstrebig zu meinen Tisch: „Hi Verena, nice to meet you! Ihr Händedruck ist fest und warm. Jennifer ist etwas mollig, auf dem Kopf ins offene lange Haar zurückgeschoben trägt sie eine Sonnenbrille, der Türkis an ihrer Halskette passt genau zu ihrer Strickjacke über dem schwarzen Top. Helle Augen mustern mich mit interessierter Professionalität. Ich hätte sie vom Foto nicht erkannt. Die Autorin wirkt viel sympathischer und moderner und entspricht eindeutig keinem Klischee einer introvertierten, schüchternen Schriftstellerin. Sie redet viel und gerne. Ihre Stimme ist akzentuiert, klingt wie die einer freundlichen, aber strengen Lehrerin, die genau weiß, wovon sie spricht. Richtig, sie unterrichtet auch, das passt.

Jennifer erklärt, sie hätte sich erst jetzt mit mir treffen können, da sie ganz normal tagsüber arbeite. Am Anfang als sie mit ihrem Debüt Erfolg hatte, hätte sie ihre bisherige Arbeit gekündigt, aber das Schreiben sei eine einsame Sache. Als jemand wegen Krankheit länger ausfiel, hatte ihr alter Arbeitgeber gefragt, ob sie nicht einspringen wolle. Sie wollte. Ihre Bedingung war allerdings, wenn sie durch sei mit den Datenbanken, würde sie nebenher am Computer schreiben. Er war einverstanden. Jennifer lacht. “Er glaubte wohl nicht, dass ich das machen würde. Aber ich kann überall schreiben.„ Es klingt sachlich, nicht nach Eigenlob. An der Arbeit käme sie unter Menschen. Sonst wäre ihr zu langweilig. Ich frage nach den Pflegekindern und bin fast enttäuscht, dass im Moment nur ihre Tochter bei ihr lebt, mit ihrem Enkel, aber man wisse nie. Eine neue Katze hätte sie immerhin gerade wieder aufgelesen.

Jennifer ist voller Energie und humorvoll, aber steht mit beiden Beiden sehr rational auf der Erde, an ihr ist nichts weltfremdes. Warum also gerade Fantasy? Die Antwort kommt prompt. “Weil ich da ganze Gesellschaften, Welten und Gedankenkonstrukte durchspielen kann. Was wäre wenn ist immer der Ausgangspunkt. Die erschaffenen Wirklichkeit müssen stringent sein, durchdacht, glaubwürdig.„ Das sei ihr extrem wichtig, bei ihren aber auch bei Büchern anderer Autoren. Jennifer klingt dabei wie eine analysierende Wissenschaftlerin. Spannend werde es bei den bösen Figuren. Wie viel Schreckliches kann jemand tun und trotzdem beim Leser durchkommen. “I make you love him.„ Sie lacht und man merkt ihre Begeisterung für das, was sie tut. Sie wirkt so offen und zuversichtlich wie viele ihrer Charaktere.

Auf die Frage, ob sie ihre Romane plane nickt Jennifer energisch. Absolut, sie plane alles genau durch, bevor sie mit dem Schreiben anfängt. Das Schreiben selbst wäre nur noch wie das Ausmalen eines Bildes. 500 Worte am Tag ist ihr Pensum. Aktuell hat sie es schon übererfüllt, darum hätte sie die nächsten Tage sozusagen schreibfrei. Nein, viele Autoren kenne sie nicht, mit Trudi Canavan ist sie allerdings befreundet, die beiden mailen sich, geben sich Tipps, lesen Szenen gegen. “Aber oft würgt sie mich ab, wenn ich ihr auf die Nerven gehe und Trudi gerade keine Zeit ab.„ Jennifer Fallon zuckt nachsichtig die Achseln. Es scheint sie nicht zu stören.

Sie lebe gern in Alice Springs. Der Ort ist klein, aber sehr international, Leute von überall kämen hierhin und blieben. Das gefiele ihr. Ob Australien oder die Wüste ihre Arbeit beeinflusse? Sie überlegt, denkt nach, erklärt, oft würde sie gefragt, ob die Kultur der Aboriginies einfließe, ihre Geschichten, die Traumzeit. Ernst betont Jennifer, das sei aber nicht ihre Kultur. Es käme ihr vor, als ob sie sich mit fremden Federn schmücken würde. Das Wetter! ruft sie dann aus. Das vergesse sie immer in ihren Büchern. Denn hier im “Red Centre„ sei es immer heiß und sonnig. Und drinnen, durch die Klimaanlagen immer schön angenehm. Das möge sie. Frierend nicke ich.

Man merkt, dass sie oft im Oscar`s ist, sie ist entspannt wie in ihrem eigenen Wohnzimmer. “Dahin hätte ich Dich auch gern eingeladen, aber das ganze Haus wird renoviert, ist eine einzige Baustelle.„ Wieder ihr Lachen. Aber das hier sei das beste Restaurant der Stadt, bekräftigt Jennifer. Sie hätte dem Oscar`s sogar eine Geschichte gewidmet. Wir bestellen noch zwei Apfelschorlen.

Wie sie überhaupt zum Schreiben kam, frage ich. Ach, schon mit 14 hätte sie gewusst, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Vorsichtig werfe ich ein, dass ja erst im Jahr 2000 ihre erstes Buch raus gekommen wäre, versuche ihre sichere Fassade anzukratzen. Klappt nicht. Ja, gibt Jennifer freimütig zu, klar, erst mit vierzig Jahren, aber sie hätte immer gewusst, dass sie eines Tages Schriftstellerin sein würde, egal was andere sagten. Darum hätte sie wohl alles, vor allem ihre Arbeit nie zu ernst gesehen. Das hätte ihren Ex-Mann verrückt gemacht. Sie zuckt wieder die Achseln. Ihre Agentin sage immer, bevor man 35 sei hätte man sowieso nicht genug Erfahrung um was anständiges schreiben zu können. Der Schalk in ihren Mundwinkeln macht klar, dass nicht nur ihre Agentin dieser Meinung ist.

Ob sie einen Tipp für alle hätte, die Autoren werden wollen. Entschieden und ohne Pardon stellt sie klar: einfach etwas Gutes schreiben. Alles andere falle nicht ins Gewicht. Sie hätte erst etwas weggeschickt, als sie sich sicher war, es sei gut. Es hat auf Anhieb geklappt. Ohne Kontakte vorher. Sie nickt bekräftigend und schiebt unbewusst ihre Strickjackenärmel etwas höher, als wolle sie sagen, Ärmel hochkrempeln und anpacken. Simple as that.

An ihrem Finger trägt Jennifer Silberschmuck, auch den Elbenring aus “Der Herr der Ringe". Sie ist Tolkien-Fan erklärt sie und auch darum nach Neuseeland gereist. Ob ich da mal war? Ich verneine und sie schwärmt von Wasserfällen, der Landschaft, dem Meer. Sie hätte aber sowieso eine Schwäche für Wasser. Wenn sie woanders hinkäme, wäre sie immer empört wenn es nicht regne. Nur so als Wechsel zur Wüste in Alice Springs. Also wenn sie umziehe, dann als nächstes dahin, nach Neuseeland! Sie wirkt so entschieden, dass ich damit rechne, die nächsten Monate in ihrem Blog zu lesen, dass sie mit Sack und Pack Australien verlässt. Da ruft ihre Tochter auf dem iPhone an. Jennifer redet kurz mit ihr, legt auf, erklärt mir sachlich, ihr Enkel hätte Hunger und sie hätte versprochen rechtzeitig zum Essen wieder da zu sein, nimmt ihr pinkschrilles Portemonnaie, verabschiedet sich freundlich von mir und geht hinaus zur ihrem Fallon-Auto, neuen Aufgaben entgegen, die es anzugehen gilt. [Verena Wolf]