Erin Hunter – ein Porträt

„Ich reagiere auf meine Fans allergisch“

Im gediegenen Hotel „Zum Wasserturm“ wartet Victoria Holmes schon auf mich in einer gemütlich aussehenden Sesselecke vor alten, hohen Backsteinwänden. Das Ambiente passt zu der blassen Frau mit dem schmalen Gesicht mit den hellbraunen, knapp schulterlangen Haaren und der farblich passenden Brille. Sie lächelt und begrüßt mich überraschend mit einem akzentfreien deutschen Satz. Sie mag Sprachen, erklärt sie bescheiden, sie spricht vor allem französisch, aber hätte extra ein paar deutsche Vokabeln für diese, ihre erste Lesereise in Deutschland gelernt. Wie professionell. Victoria Holmes ist Teil des weiblichen Autorenteams „Erin Hunter“, das die erfolgreichen Warrior Cats Bücher schreibt. Die Fantasy-Serie um einen Katzenclan schaffte es zuerst in den vereinigten Staaten auf die Bestsellerliste, bevor sie auch in Europa bekannt und mit zunehmenden Erfolg in 27 Sprachen übersetzt wurde. Die 2. Staffel kommt gerade auf dem Markt, die Bücher erscheinen in atemberaubend kurzem Abstand. Wie schafft Erin Hunter das?

„Ich bin der Kopf des Teams“ erklärt Vicky zuvorkommend, aber bestimmt. Sie entwerfe die Handlung, schreibe sie nieder und die anderen Autorinnen Kate Cary, Cherith Baldry und Tui Sutherland formulieren die Geschichten dann aus. „Sie arbeiten für mich“.

Ein wenig schnell wie eine höfliche Floskel fügt sie hinzu: „Aber ich betrachte sie längst als Freunde“. Untereinander haben sich ihre Mitstreiterinnen noch nie getroffen, das sei auch nicht nötig. Sie stünde mit ihnen allen in Kontakt, aber sie allein würde als Erin Hunter die Interviews geben und zu Lesungen reisen.

Ob denn diese Art des Schreibens – einer diktiert, die anderen setzen um – die Zukunft des Autorenberufs wäre. Vicky überlegt, erklärt dann nur sachlich, man könne so einfach schneller schreiben, das sei ein Vorteil. „Wenn ich die Zeit hätte, würde ich die Bücher gern alle selbst schreiben“. Zwischen den Zeilen wird deutlich, sie – und der Verlag – haben aber eben nicht die Zeit.

Vicky spricht langsam und deutlich, so als nehme sie taktvoll Rücksicht darauf, dass Englisch nicht meine Muttersprache ist. Sie hat eine angenehme Stimme und ist bei jeder Frage absolut freundlich, antwortet ausführlich und bleibt gleichzeitig völlig distanziert. Eine Mischung, die nur Profis so souverän beherrschen. Ich spreche sie auf ihren Erfolg an und sie erklärt, auf die Frage, was sie arbeite, sage sie stets wahrheitsgemäß: „Ich verdiene mein Geld mit Bücher schreiben“. Die klassische Gegenfrage sei: „Oh, Sie haben was veröffentlicht?“ Meist antworte sie dann nur „hm,ja,“ aber manchmal auch: „Ja und ich habe über 10 Millionen Bücher verkauft!“

Erin Hunter

Aber das wäre nicht angeben, sondern einfach eine Tatsache, die sie selbst immer noch erstaunt. Sie hätte genauso gut auch genau dieselben Bücher schreiben können und kein einziges hätte sich verkauft. „Ich habe irgendwie einfach Glück gehabt.“ Es wirkt unangreifbar glatt, ein wenig einstudiert.

Ob sie das Pseudonym als Vor- oder Nachteil sähe. Ach, sie empfände es schon als schön, nicht wirklich Erin Hunter zu sein und auch etwas Privatsphäre zu behalten. Aber sie lebe nicht anonym. In den USA wüssten sowieso die meisten, wer sie sei, wie sie aussehe, ihren echten Namen; aber für sie selbst mache es schon einen Unterschied. Victoria zeigt auf den Ring den sie trägt. Es ist ein regelrechter Klunker mit einem sehr großen roten Stein, der eher zu Dumbledore passen würde als zu der höflichen, geschmackvoll, aber zurückhaltend gekleideten Engländerin. Den Ring trüge sie nur, wenn sie Erin Hunter wäre. Damit sie wisse, jetzt ist sie gerade nicht Victoria Holmes, sondern Erin Hunter. Dann wäre sie ein wenig selbstbewusster, sogar ein wenig größer, ein bisschen schöner, strahlender. Es wäre wie ein Kostüm. Ihr magischer Ring. Ich nicke etwas verwirrt.

Victoria erklärt, dass es nie ihr Ziel gewesen sei, Schriftstellerin zu sein, Es wäre schön, damit erfolgreich zu sein. Aber sie wolle noch vieles anderes machen, reisen, in Gefängnissen unterrichten, vielleicht etwas ganz anderes. Schriftsteller wäre nur ein Schritt auf ihrem Weg, nicht das Ziel. Andere Sachen, die man machen könne, wären gleich wichtig, gleich richtig. Mir ist nicht klar, ob Victoria davon überzeugt ist oder nur so sagt, weil es genau das ist, was ein Profi sagen würde, um wie eine sympathische, aber bescheidene Autorin rüber zu kommen.

Ob sie denn Katzen möge und darum die Idee zu der Saga hatte. „Ich mag sie nicht, nicht“ erwidert sie diplomatisch. Mit der Idee sei der amerikanische Verlag HarperCollins an sie herangetreten. Sie wollten EIN Buch über Wildkatzen und sie hatte eingewilligt. So ging es los. Ihre Lieblingstiere wären aber eigentlich Hunde, Pferde und Otter. Aha, endlich mal etwas persönliches. Ihr Mann und sie hätten einen Hund fügt Vicky freundlich hinzu.

„Also kein absoluter Katzentyp?“ hake ich nach. Die Autorin schüttelt milde den Kopf und verrät. „Ich habe sogar eine Katzenhaar-Allergie.“ Das sei ein Problem, denn viele ihrer Fans hätten Katzen und kämen oft über und über mit Katzenhaaren bedeckt zu den Autogrammstunden. „Dann muss ich sagen, Entschuldigung ich bin allergisch gegen Sie, bleiben Sie bloß weg!“ Vicky schmunzelt. „Nennen denn ihre Fans auch ihre vierbeinigen Freunde nach Charakteren aus den Büchern?“ Sie seufzt etwas ratlos.„Andauernd.“ In Taschen brächten sie die Katzen gleich mit, würden sie öffnen und dann sagen: „Schauen Sie, das ist Moonshadow.“ Und ihre Antwort? Sie lacht kurz leise: „Aha, sehr schön, machen Sie die Tasche wieder zu, ja?“

Viele ihrer Fans seien Erwachsene. Das käme ihr sehr entgegen. Vicky beugt sich vor und redet eindringlich. „Ich schreibe über das, was mich bewegt, Mobbing, Vorurteile, Altern, Rassismus. Ob das dann Katzen sind, die die Dinge erleben ist nicht so wichtig.“ Sie fände es deshalb auch irritierend, dass die „Warrior Cats“ als Fantasy bezeichnet würde. Fantasy wäre für sie irreale Dinge mit Magie. „Für mich sind das aber realistische Geschichten, über Menschen, über sehr menschliche Themen.“ Darum wäre auch der Tod ein Thema. Manche Erwachsene würde aufregen, dass Charaktere stürben oder die Bücher „für Kinder“ zu gewalttätig seien. „Dann ist meine Antwort immer: Ach, schauen Ihre Kinder nie Fernsehen?“ Sie wolle über das wahre Leben schreiben. Aber dabei nicht die Welt ändern. Jeder könne nur seine eigene Welt ändern. Vielleicht würden ihre Spuren etwas länger überdauern als zum Beispiel meine, weil es eben diese Bücher gäbe, aber das würde nicht bedeuten, dass sie ein besserer Mensch sei. Victoria lächelt freundlich und sieht dabei wie eine wohlerzogene, englische Dame aus, die Konversation betreibt, nur ohne Teetasse.

Wird es eine Verfilmung geben? „Ach, ich hoffe es sehr. Das wäre ein tolles Extra.“ Aber noch sei nicht klar, wann und wie. Es solle, wenn, ein animierter Film sein, aber gerade, weil die Bücher doch sehr düster wären und nicht wie z.B. Shrek bunt, lustig und für jedes Alter geeignet, wäre es schwierig das filmisch umzusetzen. Die Filmfrage sei außerdem die Lieblingsfrage in Amerika. Immer. Darum freue sie sich auf ihre deutschen Fans, sie sei gespannt auf deren Fragen. Das ist das Stichwort: Es wird Zeit. Victoria ist stehend überraschend klein. Wir schütteln uns die Hände. Ihre Finger sind unaufgeregt kühl. Ich wünsche ihr viel Spaß, viel Erfolg zu wünschen ist ja überflüssig. Als sie Richtung gläsernen Hoteleingang geht, blitzt kurz im hereinfallenden Sonnenlicht ihr roter Fingerring auf. Die schlanke Frau wirkt plötzlich einen Tick größer und selbstbewusster und dafür einen Hauch weniger erschreckend professionell. Ich glaube, ich habe gerade kurz einen Blick auf die wahre Erin Hunter erhascht.

Verena Wolf