Handyman Jack von F. Paul Wilson

Buchvorstellungund Rezension

Handyman Jack von F. Paul Wilson

Originalausgabe erschienen 2008, 352 Seiten.ISBN nicht vorhanden.

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In Kürze:

Elf Meistererzählungen des Amerikaners F. Paul Wilson. Davon sechs um den Helden Handyman Jack, den „Mann für alle Fälle“, der seit Jahren mit jedem neuen Abenteuer die Bestsellerlisten stürmt.

Inhalt:

  • Zwischenspiel im Drugstore
    Interlude At Duane’s
  • Ein ganz normaler Tag
    A Day In The Life
  • Der lange Weg nach Haus
    The Long Way Home
  • Der letzte Rakosh
    The Last Rakosh
  • Familiennotdienst
    Home Repairs
  • In der Mangel
    The Wringer
  • Untermieter
    Tenants
  • Gesichter
    Faces
  • Dat-Tay-Vao
    Dat-Tay-Vao
  • Krabbler
    Bugs
  • Mitgefühl
    Feelings
  • Nachwort des Übersetzers: „Der Mann für alle Fälle“

Das meint phantastik-couch.de: „Von menschlichen und phantastischen Abgründen dieser Welt“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Elf Geschichten aus der Welt auf ihrem Weg in den Untergang: Sechsmal geht Handyman Jack, gesetzloser aber moralischer Retter der Unterprivilegierten, gegen Mörder, Wahnsinnige und Ungeheuer vor; fünf weitere Storys erzählen vom Einbruch des Phantastischen in die Realität, die das mit in der Regel katastrophalen Folgen quittiert: Harter Horror wurde gut ausgedacht oder spannend geschrieben; auf die meisten Geschichten trifft sogar beides zu: eine Sammlung, die Spaß macht:

  • Zwischenspiel im Drugstore („;Interlude at Duane’s“, 2006), S. 7-22: Ausgerechnet an einem Tag, als er waffenlos unterwegs ist, gerät Jack in einen Raubüberfall. Der Tatort – ein Supermarkt – bietet indes viele Verteidigungsmöglichkeiten für einen findigen Mann …
  • Ein ganz gewöhnlicher Tag („;A Day in the Life“, 1989), S. 23-68: Eine Schutzgeld-Mafia soll er ausschalten und ein rachsüchtiger Killer sitzt ihm im Nacken – Jack findet eine Möglichkeit, den Job mit der Gegenwehr zu kombinieren …
  • Der lange Weg nach Haus („;The Long Way Home“, 1992), S. 69-94: Was Jack stets fürchten musste, ist nun eingetreten: Die Polizei hat ihn, der zufällig in einen blutigen Überfall verwickelt wurde, gefasst und droht seine Identität aufzudecken …
  • Der letzte Rakosh („;The Last Rakosh“, 1990), S. 95-138: In einem Zirkus entdeckt Jack ein menschenfressendes Monster, dessen Eliminierung ihm misslingt, sodass er ihm schließlich in einen menschenleeren Sumpf folgen muss …
  • Familiennotdienst („;Home Repairs“, 1991), S. 139-160: Ungern mischt sich Jack in Ehestreitigkeiten ein; ein Vorbehalt, der sich schrecklich bestätigt, als eine von ihrem Gatten misshandelte und durch Jack befreite Ehefrau grausam zurückschlägt …
  • In der Mangel („;The Wringer“, 1996), S. 161-210: Ein Fremdenhasser peinigt einen US-arabischen Familienvater buchstäblich bis aufs Blut, doch dieser spielt seinen einzigen Trumpf aus: Er kennt Handyman Jack …
  • Untermieter („;Tenants“, 1988), S. 211-240: Ein Psychopath auf der Flucht überfällt einen alten, einsamen Mann – ein Drama, dessen Ende festzustehen scheint, bis sich des Alten nur bedingt irdischen Untermieter einmischen …
  • Gesichter („;Faces“, 1988), S. 241-268: Ein Serienmörder verstümmelt seine Opfer grausam, doch nicht Mordlust, sondern ein tragisches Schicksal steckt hinter seinen Taten …
  • Dat-Tay-Vao („;Dat-Tay-Vao“, 1987), S. 269-290: Der feiste Patsy wird vom Pech verfolgt, und es bleibt ihm auch treu, nachdem er sich in einen Wunderheiler verwandelt hat …
  • Krabbler („;Bugs“, 1992), S. 291-316: Egoist Hank bewegt sich ein wenig zu selbstbewusst durch eine Welt, die von menschenfressenden Insekten terrorisiert wird …
  • Mitgefühl („;Feelings“, 1988), S. 317-346: Anwalt Howard nimmt unbarmherzig seine Mitmenschen aus, bis ihm ein der Magie kundiges Opfer ein wahrlich übersinnliches Gespür für Mitleid einpflanzt, das ihm offensichtlich fehlte und ihm von nun an das Leben zur Hölle macht …
  • Nachwort des Übersetzers, S. 347-350
  • Originaltitel- und Copyrightangaben, S. 351

Wenn nichts & niemand mehr hilft …

Selbstjustiz ist bekanntermaßen verboten sowie moralisch fragwürdig. Die Medien geizen freilich nicht mit Berichten über Menschen, die der Rache den Vorzug vor der Gerechtigkeit gaben. Der Drang zur selbst verhängten und vollzogenen Strafe scheint folglich menschlich und weit verbreitet zu sein. Unterstützt wird er durch die hilflose Kenntnis der Nischen, die das Gesetz dem findigen Übeltäter (unterstützt von seinem Verteidiger) bieten kann.

„;Handyman Jack“ ist ein Mann, der sich ebenfalls in besagter Nische eingerichtet hat und dort die Gesetzesflüchtlinge erwartet. Er erledigt Jobs, die eindeutig illegal aber irgendwie trotzdem gerechtfertigt sind. Das zu entscheiden obliegt Jack, der ungeachtet seiner nicht selten mörderischen Praktiken ein Moralist ist. Sein Herz schlägt für die Schwachen, Verfolgten und Hilflosen. Nicht ausschließlich für Geld wird er aktiv. Er zimmert sich ein ethisches Gerüst, bevor er in den Kampf zieht. Als überzeugter Mörder oder Mitglied des organisierten Verbrechens sollte man sich besser nicht hilfesuchend an Handyman Jack wenden, denn eigentlich repräsentiert er das Gesetz stärker als Polizei und Justiz zusammen. Jack hat es allen modernen Zuckergusses entkleidet und auf seine archaischen Wurzeln zurückgeführt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das meint er durchaus wörtlich, wie er in den hier gesammelten Geschichten mehrfach deutlich macht.

Weil Jack ist, wer er ist, zahlt er oft drauf. Doch das Klischee vom weichen Kern unter einer rauen Schale weiß Autor Wilson geschickt zu vermeiden: Jacks Wesen beinhaltet eindeutig gewalttätige Züge. Einem ‚normalen‘ Menschen ist es schwerlich möglich, einem (nachweislich widerlichen) Schurken vorsätzlich die Beine zu brechen, wie Jack dies in „;Familiennotdienst“ plant und durchzieht. Vielleicht sollten wir Jack als ‚kontrollierten Psychopathen‘ bezeichnen. Wer ihn engagiert, zahlt deshalb selbst einen hohen Preis, denn wer mit dem Teufel isst, benötigt einen langen Löffel …Indem er auch diesen Aspekt deutlich anspricht, verleiht Wilson den Handyman-Jack-Geschichten eine Eindringlichkeit, die den fünf eher konventionellen (Horror-) Stories ohne Jack abgeht.

Jack fasst sich kurz

Die üblichen Abenteuer des Handyman Jack erstrecken sich über viele hundert Buchseiten. Dabei steht ihm das Gewand der Kurzgeschichte ausgesprochen gut: Hier findet Wilson den Rahmen, ganz andere Seiten seines Helden darzustellen. Gleich zweimal zeigt er uns Jack beispielsweise nicht bei einem Job, sondern als Außenseiter, der passiv in die Bredouille gerät: Jack wird in einen Überfall verwickelt („;Zwischenspiel im Drugstore“), und er rettet einem Polizisten das Leben („;Der lange Weg nach Haus“). Keine gute Tat bleibt ungestraft, und so muss Jack seinen Grips und seine exotische Waffenausrüstung im Bemühen um die Wahrung seiner Identität stärker strapazieren als im Kampf gegen Mafiosi und Monster.

Die hier gesammelten Storys fallen in ihrer Mehrzahl in die 14-jährige Lücke zwischen den Handyman-Jack Romanen „;The Tomb“ (1984, dt. „;Die Gruft“) und „;Der Spezialist“ (1998; dt. „;Legacies“). Wilson hatte Jack nach seinem ersten Auftritt im Finale sterbend zurückgelassen und gedachte die Figur eigentlich nicht mehr aufleben zu lassen. Die Reaktion seiner nach weiteren Jack-Abenteuern fragenden Leser stimmte Wilson nach und nach um, der Erfolg auch der Kurzgeschichten zeigte ihm das Potenzial von Handyman Jack, der sich seit 1998 regelmäßig einmal pro Jahr in eine neue Ein-Mann-Schlacht stürzt, die ab 2007 zusätzlich durch Jugendabenteuer ergänzt werden.

Der Untergang steht fest

Als hätte Jack mit seinen ‚menschlichen‘ Widersachern nicht schon alle Hände voll zu tun, trifft er immer wieder auf Kreaturen, die ganz und gar nicht der diesseitigen Welt zuzuordnen sind. Schon in „;The Tomb“ geriet er an menschenfressende Kreaturen, deren letztem Überlebenden er in „;Der letzte Rakosh“ erneut gegenübersteht.

Die Rakosh belegen, dass Jack sich in einem Paralleluniversum bewegt, der mit der Welt seiner Leser nicht oder nur bedingt identisch ist. Hier ist Jack nur eine von vielen Schachfiguren, die F. Paul Wilson auf ein Spielfeld gestellt hat, das den „;Adversary“-Zyklus durchläuft. Er beschreibt den Kampf der Menschheit, der seit Urzeiten mit der bösen Macht Rasalom tobt. Auserwählte Männer und Frauen führen ihn, während das Gros ihrer Mitmenschen ahnungslos bleibt.

Faktisch lässt sich Wilsons Gesamtwerk dem „;Adversary“-Zyklus einpassen. (Eine Chronologie der durch Romane und Kurzgeschichten fixierten Ereignisse findet sich u. a. hier: http://www.fksfl.de/elstercon2006/Adversary.htm) Auch Handyman Jack Erlebnisse sind Teil des Krieges, der einst in „;Nightworld“ mit dem Weltuntergang enden wird. Dieser Roman ist erstmals bereits 1992 erschienen Wilson wird ihn überarbeiten, wenn er den Stecker für den „;Adversary“-Zyklus zieht, und Jack einen finalen Auftritt gönnen.

Folgerichtig spielen die fünf Storys dieser Sammlung, in denen Jack nicht auftritt, dennoch in ‚seiner‘ Welt, die gleichzeitig die Welt ist, die sich auf den Endkampf mit Rasalom vorbereitet. Die Kobolde aus „;Die Untermieter“ und die Spinnenfrau aus „;Gesichter“ sind Teil der „;secret histories of the world“, wie Wilson sein Werk auch nennt. Wenn die „;Krabbler“ auftauchen, hat die Apokalypse bereits begonnen.

In Deutschland noch ganz am (Neu-) Anfang

Während die neu erscheinenden Romane um Jack in Deutschland vom Blanvalet Verlag veröffentlicht werden, kümmert sich der Festa Verlag um den „;Adversary“-Zyklus. Nur die ersten drei Bände waren hierzulande schon einmal erschienen. Sie werden – von Wilson inzwischen überarbeitet – neu herausgebracht und der Zyklus mit seinen letzten drei Romanen endlich komplettiert. Die in „;Handyman Jack“ gesammelten Kurzgeschichten sorgen endgültig für Vollständigkeit. Gut übersetzt und schön in einen festen Einband gebunden machen sie sich nicht nur gut im Bücherschrank, sondern sorgen zuverlässig für (mehr oder weniger) phantastisches Lesevergnügen.

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