Was ist Fantasy-Literatur?

Die Fantasy-Literatur ist ein modernes Subgenre der Phantastik. Der Fantasy-Autor stellt in seinen Werken übernatürliche, irreale, märchenhafte und magische Elemente, Personen und Figuren in den Mittelpunkt.

Häufig kreiert der Autor eine ganz eigene Welt, mit ganz eigenen Lebensformen und Naturgesetzen, einer einzigartigen Entwicklungsgeschichte und einer einmaligen Geografie. Nicht selten befinden sich phantasievoll gestaltete Karten der vom Autor geschaffenen Welten und Länder im Buch. Die phantastische Welt kann allein oder parallel zur realen Welt existieren. In Werken mit mehreren Realitäten wird die Fantasy-Welt meistens nicht in Frage gestellt, es besteht keine Rivalität. Alle phantastischen Elemente sind Normalität, sie werden nicht erklärt oder hinterfragt, sondern einfach als gegeben akzeptiert.

Wen und was erwartet den Leser in der Fantasy-Literatur?

Die Fantasy-Literatur bedient sich oft alter Mythen, Volksmärchen und Sagen. Daher sind häufig Zauberer, Geister, Untote, Trolle, Elfen, Riesen und Zwerge anzutreffen. Ebenso treten zahlreiche andere Fabelwesen wie Drachen, Einhörner, Seeschlangen oder Werwölfe und andere von Tieren abgeleitete Figuren oder vermenschlichte Tiergestalten in Erscheinung.

Oft entspricht die Fantasy-Welt in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Struktur dem Mittelalter. Es besteht häufig eine monarchische Herrschaftstsruktur und ein klassisches aristokratisches Gesellschaftssystem. Es gibt aber auch Werke, in denen eine moderne oder eine utopisch-futuristische Gesellschaftsordnung vorliegt.

Ein klassisches Thema der Fantasy-Literatur ist die Quest, in der der Hauptcharakter eine bestimmte Aufgabe zu lösen hat, von der das Schicksal der Fantasy-Welt abhängt. Er dringt dabei in die Geheimnisse seiner Welt ein, findet Verbündete, erlernt die Nutzung der magischen Elemente und trifft auf Gegner, die ihn mit ihren Zauberkräften daran zu hindern versuchen, seine Aufgabe zu erfüllen. Die Geschichten der Fantasy-Literatur sind allerdings sehr vielfältig und können außerordentlich komplex sein. In einigen Fantasy Büchern findet die klassische „Gut“ gegen „Böse“ Auseinandersetzung statt, was allerdings nicht bedeuten muss, dass eine eindeutige Zuordnung der Charaktere möglich ist, die Figuren der Fantasy-Autoren entwickeln sich oft auf nicht vorhersehbare und für den Leser überraschende Weise.

Die Geschichte der Fantasy-Literatur

Die Wurzeln der Fantasy-Literatur liegen, wie schon angedeutet, im Bereich der Mythen, Sagen und Märchen.
Einige Motive und Erzählstrukturen erinnern an die Mythologie der Römer und Griechen und ihre klassischen Götter- und Heldensagen wie z.B. die Ilias von Homer (750 v. Chr.) oder auch an europäische Heldensagen wie das Nibelungenlied oder die König Arthus Sage (um 1155).

Die Entstehung der Volksmärchen lässt sich zeitlich nicht einordnen, sie wurden über große Zeiträume ausschließlich mündlich überliefert und irgendwann aufgeschrieben. Die erstmals in Deutsch schriftlich festgehaltenen Märchen stammen aus dem 17. Jahrhundert, weltweite Bedeutung erlangten jedoch erst die von Jakob und Wilhelm Grimm verfassten Kinder- und Hausmärchen (1815). Zu den Volksmärchen gehören auch orientalische Erzählungen, wie 1001 Nacht, deren Ursprünge bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, aber erst im 16./17. Jahrhundert in Ägypten niedergeschrieben wurden.

Entstehung im 19. Jahrhundert

Während des 18. Jahrhunderts, waren Unterhaltungsromane gesellschaftsfähig geworden, nicht länger waren es nur Bücher mit Bildungsanspruch, die Wertschätzung genossen. So führten Autoren wie E.T.A. Hoffmann und Edgar Allan Poe auch phantastische Elemente in ihre Werke ein.

Die Gattung des Abenteuer- und Schauerromans gewann zunehmend an Bedeutung und erwies sich als gut verkäuflich. Auch die Anfänge der Science-Fiction Literatur sind zu dieser Zeit entstanden. Der Grundstein zur Fantasy-Literatur wurde zu dieser Zeit von Autoren wie Jules Verne, Herbert George Wells, Mary Shelley (Frankenstein), Bram Stoker (Dracula), Robert Louis Stevenson (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde), Mark Twain (Ein Yankee aus Connecticut am Hofe des König Artus) und Oscar Wilde (Das Bildnis des Dorian Gray) gelegt.

Entwicklung im 20. Jahrhundert

Als Begründer der Fantasy als eigenes Literatur-Genre im 20. Jahrhundert ist zweifellos J.R.R. Tolkien zu nennen, der in den 60/70er Jahren eine weltweite Begeisterungswelle für seine Werke und die Fantasy-Literatur auslöste. Viele Autoren führen Tolkien heute noch als Vorbild an. Als weitere „Altmeister“ der Fantasy-Literatur gelten Fritz Leiber und C.S. Lewis.

Nach dem Tolkien-Boom der späten 60er Jahre versuchten einige Schriftsteller sich in dem neuen Genre zu etablieren, zb. in den späten 70er Jahren Terry Brooks und in den frühen 80ern Marion Zimmer Bradley. Parallel zur High Fantasy, die von Autoren wie Robin Hobb und Tad Williams geprägt wurde, entwickelten sich in den 90er Jahren Subgenre wie Urban-Fantasy oder Humoristische Fantasy.

Fantasy im 21. Jahrhundert

Derzeit erlebt die Fantasy-Literatur infolge von Peter Jacksons Verfilmung des Der Herr der Ringe und der Popularität der Harry-Potter-Romane von Joanne K. Rowling einen erneuten Boom. Immer vielschichtigere Themen lösen die gängigen Konventionen im Bereich High Fantasy ab, Autoren wie George R. R. Martin und Steven Erikson gelten als Väter einer neuen Fantasy-Autoren Generation.

Untergruppen der Fantasy-Literatur

Die Fantasy-Literatur kann in folgende nicht streng voneinander abgrenzbare Untergruppen gegliedert werden:

  • High Fantasy:
  • Klassische Fantasy, die in einer fiktiven Welt angesiedelt ist, zumeist mittelalterlich geprägt und mit Betonung der Magie, oftmals im Stil Tolkiens gehalten und entsprechend episch. Bekannte Werke und Autoren: Der kleine Hobbit, Das Silmarillion, Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien, Der Drachenbeinthron von Tad Williams, Das Spiel der Götter, Die Gärten des Mondes von Steven Erikson, Der Das-Lied-von-Eis- und Feuer-Zyklus von George R. R. Martin, der Erdsee-Zyklus von Ursula K. LeGuin.

  • Low Fantasy bzw. Sword and Sorcery:
  • Abenteuer- und Pulp-Literatur, die auf einer fiktiven Welt angesiedelt ist. Bekannte Werke und Autoren: Conan von Robert E. Howard, Lankhmar Zyklus von Fritz Leiber

  • Phantastik und Urban Fantasy:
  • klarer Realitätsbezug, aber gebrochen durch phantastische Elemente. Bekannte Werke und Autoren: American Gods von Neil Gaiman, Harry Potter von Joanne K. Rowling , Das magische Messer, Der goldene Kompass, Das Bernstein-Teleskop von Philip Pullman, Die Chroniken von Narnia von C.S. Lewis

  • Kunstmärchen, Märchenromane:
  • Märchenhafte und poetische Fantasy, auch modern gestaltete Märchen. Bekannte Werke: Die unendliche Geschichte von Michael Ende, Blaubarts Zimmer von Angela Carter

  • Animal Fantasy:
  • Fantasy im Tierreich, Tiere als Heldenfiguren. Bekannte Werke und Autoren: Die Wölfe der Zeit von William Horwood, Watership Down von Richard Adams, Gewiefte Wiesel von Garry D. Kilworth

  • Science Fantasy:
  • Mischung aus Fantasy und Science-Fiction Elementen; eine Variante dieser literarischen Richtung ist der Steampunk. Bekannte Werke und Autoren: Perdido Street Station von China Miéville, Darkover Zyklus von Marion Zimmer Bradley, Dragonrider-Serie von Anne McCaffrey, Otherland von Tad Williams, Der Wüstenplanet Zyklus von Frank Herbert

  • Dark Fantasy:
  • Fantasy mit starkem Horroreinschlag. Bekannte Werke und Autoren: Der Turm von Stephen King, Thomas Covenant der Zweifler von Stephen R. Donaldson, Die Saga von Kane von Karl Edward Wagner

  • Humoristische Fantasy:
  • parodistischer oder ironischer Umgang mit Fantasymotiven. Bekannte Werke und Autoren: Zamonien Zyklus von Walter Moers, Scheibenwelt Zyklus von Terry Pratchett, Dämonen-Reihe von Robert Asprin.

  • Social Fantasy:
  • Eine besondere Art der Fantasy-Literatur, die deutlich sozial-, gesellschaftskritische Themen sowie mögliche politische Utopien wie den Anarchismus in phantastischem und Science-Fiction Gewand behandelt. Als vertretene Autoren sind Ursula K. Le Guin, Marge Piercy und John Shirley und Frank Herbert zu nennen. Die Social Fantasy versucht dem Image der trivialen Fantasy-/SF-Literatur eine visionskräftige, politisch motivierte Literatur entgegen zusetzen.

Abgrenzung der Fantasy-Literatur zum Horror und Science-Fiction Genre

Die zur Phantastik-Literatur gehörenden Subgenre Fantasy, Horror und Science-Fiktion klar voneinander abzugrenzen, ist letztendlich nicht möglich, denn sie thematisieren alle das Übernatürliche und Unmögliche. Alle Phantastik-Genre bedienen sich nicht realer Elemente, um eine Geschichte zu erzählen, die ohne sie nicht denkbar wäre.
Besonders die Fantasy-Literatur bringt häufig Werke hervor, die mehreren Subgenren zugeordnet werden können (siehe: Dark-Fantasy, Science-Fantasy). Dennoch gibt es einige Unterschiede:

  • Die Science Fiction-Literatur versucht, die übernatürlichen Elemente logisch zu begründen. Es ist daher folgerichtig, dass Science-Fiction Geschichten in der Zukunft spielen, das ist bereits eine Erklärung dafür, dass ein Phänomen in der bestehenden Realität unmöglich ist. Die meisten Science-Fiction Werke erläutern auf wissenschaftlicher Grundlage basierende Theorien, die das Dasein von übernatürlichen und irrealen Phänomenen begründen.
  • Die Horror-Literatur bedient sich meist skurriler übernatürlichen Elemente, um Angst einflößende Ereignisse zu schildern und eine unheimliche Atmosphäre zu erschaffen. Dabei rücken oft gruselige überirdische Figuren (Monster, Untote, Vampire) in den Vordergrund, die die reale Welt bedrohen. Die unnatürlichen Phänomene werden hier nicht erläutert, sondern gezielt für den schaurigen Nervenkitzel eingesetzt.
  • Die Fantasy-Literatur setzt im Gegensatz zur Science-Fiction die übernatürlichen Elemente als gegeben voraus und verwendet sie auch nicht um ein bestimmtes Gefühl zu erzeugen. Die Einzigartigkeit der Fantasiewelt mit ihren Figuren und Phänomenen steht im Mittelpunkt, der Leser erlebt einen Teil ihrer Historie.

Fantasy-Literatur – Kinder- und Jugendliteratur?

Viele Fantasy-Werke kommen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, der gegenwärtige Fantasy-Boom sorgt dafür, dass diese Abgrenzung immer weniger wahrgenommen wird.

Dennoch schrieb Joanne K. Rowling ihre Harry Potter-Romane zunächst einmal für Kinder, auch Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ und die Pullman-Trilogie („Das magische Messer“, „Der goldene Kompass“, „Das Bernstein-Teleskop“) gehörten ursprünglich in den Bereich Jugendliteratur.

Sollten diese Werke deswegen von den Lesern anders gewertet und weniger ernst genommen werden? Dazu ein Kommentar von C.S. Lewis aus dem Vorwort der Narnia Chroniken:

„Kein Buch ist es wert, es mit zehn zu lesen, wenn es sich nicht ebenso (und oft noch weit mehr) lohnt, es mit fünfzig zu lesen.“

Einordnung von Fantasy in der sonstigen Literatur-Welt

Noch immer leidet die Fantasy unter einem schlechten Image und wird wahlweise als Jugendliteratur belächelt oder als Trivialliteratur abgelehnt. Besonders in Deutschland findet man einige harte Kritiker der Fantasy unter den Literaturkennern.

Das ZDF ermittelte 2004 in einer Umfrage die „Lieblingsbücher der Deutschen“ und stellte das Ergebnis in einer TV-Show vor. Erwartungsgemäß gewann J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, trotzdem konnte keiner der anwesenden deutschen Literaturexperten etwas Konstruktives dazu beitragen, die Laudatio hielt Jeanette Biedermann, die ganz offensichtlich nur den Hobbit gelesen hatte.

Hat die Fantasy-Literatur eine derartige Missachtung verdient?

Fantasy-Literatur versteht sich als Unterhaltungsliteratur, sie will nicht lehren und in der Regel keine gesellschaftliche Aufklärung betreiben. Fantasy-Autoren wird oft vorgeworfen, dass sie politische oder kulturelle Probleme ausblenden und sich stattdessen in eine archaische, oft hierarchische und zivilisatorisch rückständige Traumwelt flüchten. Dies wird von vielen Kritikern als Eskapismus gedeutet.

Worin besteht der Wert der Fantasy-Literatur?

Gute Fantasy ist von Anfang bis Ende pure Faszination: Wie bringt der Autor das Fremde, das Phantastische unter – kann er es stimmig einbinden und damit eine ganz eigene Atmosphäre erzeugen? Gute Fantasy kann eine Geschichte erzählen, die dem Leser nahe geht und ihn mitreißt, die eine Bedeutung hat und trotzdem im Kontext des Alltags nachvollziehbar ist. Wenn erzählte Kulturen wie echte Kulturen sind, und ein Schriftsteller mit seinem Sinn für Sprache die Höhenflüge seiner Phantasie mit Worten vermitteln kann, dann ist der Leser an ein Buch gefesselt und kann staunen.

Flucht aus dem Alltag in eine andere Welt und ein anderes Ich? Dazu muss sich der Fantasy-Liebhaber klar bekennen! Aber warum sollte er sich dieses Motiv vorwerfen lassen? Hatte Unterhaltung denn jemals einen anderen Sinn?
Und wenn jemand Fantasy mag, heißt das doch nicht, dass derjenige nicht mit seinem Alltag umgehen kann. Das ist keine Frage und nicht die Schuld des Genres, sondern eine individuelle Angelegenheit.

Fantasy ist und bleibt in erster Linie eine Form der Unterhaltung. Und auf die eigentliche Frage „Warum gerade Fantasy?“ lautet die Antwort schlicht: „Es macht einfach Spaß, gute Fantasy zu lesen!“

Eva Bergschneider