Frank Rainer Scheck & Erik Hauser: Als ich tot war Band 2 von Frank Rainer Scheck & Erik Hauser

Buchvorstellungund Rezension

Frank Rainer Scheck & Erik Hauser: Als ich tot war Band 2 von Frank Rainer Scheck & Erik Hauser

Originalausgabe erschienen 2008, 320 Seiten.ISBN 389840272X.

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In Kürze:

Furcht und Leidenschaft, Verfall und Tod: das sind die großen Themen der britischen Dekadenzphantastik.In 30 makabren Geschichten – die meisten davon deutsche Erstveröffentlichungen – gewinnt das dunkle Erbe der Dekadenz faszinierende Gestalt.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Dem Vergessen entrissene Schätze“100

Horror-Rezension von Elmar Huber

„Allein der Anblick dieser Schreckensgestalt ließ sie erzittern, wusste sie doch, dass sie den Tod vor sich hatte. Aber dass ein Buch vor ihm lag, das hob ihr Herz, und mutig trat sie vor und nahm selbst dem Buch gegenüber Platz – worauf ihr schien, als durchschauere es hörbar die Gräber.“
(Emilia Dilke: Der Schrein des Todes)

Robert Hichens: Die Rückkehr der Seele

Nach der Hochzeit bezieht ein junges Paar den Stammsitz des Ehemannes. Doch plötzlich entwickelt die junge Frau eine immer stärker werdende, unerklärliche Abneigung gegen ihren Ehemann. Immer mehr verändert sie sich nach dem Einzug in ihr neues Zuhause. Dieser Wandel scheint mit der Vergangenheit ihres Mannes und den Taten zusammenzuhängen, die er als Junge auf diesem Landsitz begangen hat.

Durch einzelne Szenen, die die Ehefrau mehr und mehr katzenhaft erscheinen lässt, schürt Robert Hitchens zunehmend den Verdacht des Lesers. Und auch der Titel legt schon nahe, um was es hier geht. Obwohl die sadistischen Neigungen des Ehemanns seit seinen Kindheitstagen abgeflaut sind, ereilt ihn doch die Vergeltung für seine lange zurückliegenden Taten.

R. Murray Gilchrist: Der Basilisk

Nachdem sein Liebeswerben wiederholt ohne Reaktion bleibt, erklärt sich Marina endlich dem Freienden. Der Anblick eines Basilisken hat ihr Herz in Stein verwandelt. Doch ihre Lust entflammt und gemeinsam suchen sie das Nest des Basilisken auf, um diesem ein Opfer zu bringen.

Ein Beitrag, der mehr auf Wirkung abzielt, als ein logisches Ende zu präsentieren. Marinas Erlösung scheint ein neuer Fluch zu sein, den sie allerdings freudig begrüßt.

R. Murray Gilchrist: Die Hexe

Seltsam abwesend kommt ihm seine Liebste plötzlich vor. Die aufgegriffene Hexe scheint mit ihrer Veränderung in Zusammenhang zu stehen. Er folgt dem Hinweis der Hexe und tatsächlich erscheint des Nachts am genannten Ort seine Liebste.

Enigmatischer noch als „Der Basilisk“ wird auch in „Die Hexe“ nichts erklärt. Den Personen scheint die Handlung der Geschichte, ausgehend von deren Reaktionen, logisch und selbsterklärend zu sein. Dem Leser tun sich dagegen Rätsel auf. Gemeinsam sind beiden Geschichten die seltsam abwesend wirkenden Frauengestalten, die unter dem Bann einer fremden Macht stehen.

Ronald Firbank: Eine Tragödie in Grün

Von ihrem Ehemann vernachlässigt und gelangweilt von den gesellschaftlichen Erwartungen fällt Lady Georgia Blueharnis unversehens ein Zauberbuch in die Hände, das ihr ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.

Der deutlich überspitzt ironische Stil und die Art der Figurenzeichnung erinnern stark an Terry Pratchett (oder wohl eher umgekehrt).

Emilia Dilke: Der Schrein des Todes

Um die Geheimnisse des Lebens zu ergründen müsse sie sich mit dem Tod vermählen, hatte die weise Hexe gesagt. Tatsächlich gelingt es ihr, einen Schrein des Todes zu finden und dort ihre Hochzeitsnacht zu verbringen.

Zunächst sehr abstrakt beginnt „Der Schrein des Todes“ schon bald einen heftigen Sog zu entwickeln, der seinen Höhepunkt in der einsamen Vermählung des Mädchens mit dem Tod findet.

Barry Pain: Sklavin des Mondes

Nahezu süchtig nach Tanz ist Prinzessin Viola enttäuscht von den Männern, die nur mechanische Schritte ausführen und nicht das Wesen des Tanzen begreifen. In einer Vollmondnacht findet die Prinzessin endlich einen ebenbürtigen Tanzpartner. Seitdem drängt es sie bei jedem Vollmond hinaus.

Die tanzende Viola wirkt in ihrem einsamen Tanz wie ein unschuldiges Kind. Doch steht der vermeintlich einsame Tanz, durch den Viola sich endlich ausleben kann, für das Nachgeben einer unheiligen Verführung. Diese Schwäche wird durch Verdammnis bestraft.

Vernon Lee: Der Gekreuzigte

Eine am Ufer angespülte Steinfigur des armlosen gekreuzigten Christus ist der Auslöser für einige Wunder in der nahen Kirche. Dort an einem Kreuz befestigt, scheint sich die Figur unzufrieden zu winden. Alle Versuche, das passende Kreuz für die Figur zu erstellen scheitern. Auch von nächtlichen Flötenspiel und Wolfgeheul wird berichtet. Erst die Unterlagen eines Kirchenprozesses gibt Aufschluss über die Wahrheit.

Folgerichtig durchkonzipiert verlässt sich „Der Gekreuzigte“ nicht ausschließlich auf die Beschreibung der übernatürlichen Geschehnisse. Mit verschiedenen Stilmitteln (Gegenwartshandlung, Erzählung, Prozessakten) baut Vernon Lee um die beschriebenen Ereignisse eine – durch den Stilmix – formal ungewöhnliche aber konsequent schlüssige Erzählung. Großartig.

Vernon Lee: Die gnadenreiche Madonna

Auf dass ihm sein sprichwörtliches Glück nicht verlasse, betet der Ritter Don Juan Gusman del Pulgar ergeben vor der Madonna der sieben Dolche für ihren Beistand. Gerade die Auswirkungen seiner amourösen Abenteuer haben in Vergangenheit doch einige Opfer gefordert. Seine jüngste Eroberung soll eine sagenhafte Königstochter sein, begraben in einem unterirdischen Palast.

Das Hauptaugemerk liegt hier in der letztendlichen Besinnung des Lebemanns Don Juan auf die Heilige Jungfrau seiner Kirche, die er im letzten Moment der göttinnengleichen Königstochter vorzieht. Diese Entscheidung wird für den flatterhaften Bonviant zugleich Verderben und Erlösung. Diese Geschichte fordert einiges an Konzentration, werden doch viele Handlungen Don Juans erst im Nachhinein erklärt.

Vernon Lee: Die Puppe

Auf der Jagd nach Tand und Trödel stößt die Erzählerin in einer Abstellkammer auf eine lebensgroße Puppe, die der ersten Frau eines lange verstorbenen Grafen nachgebildet ist. Fasziniert von der Puppe beginnt sie, deren Geschichte und damit die Geschichte der Gräfin zu recherchieren. So gelangt sie zu der Überzeugung, die Puppe von ihrem unwürdigen Dasein erlösen zu müssen.

Mit eindeutig sexuellen Untertönen versehen handelt „Die Puppe“ von einer empfindsamen Frau, die das Unglück eines unbelebten Gegenstandes spürt. Vernon Lee gelingt es, der starren Puppe Leben einzuhauchen und man erwartet jeden Augeblick, dass sich diese bewegt. Doch die Autorin wählt nicht diesen simplen Effekt. Und obwohl die Puppe bis zum Ende leblos bleibt spürt man förmlich die Erlösung, die das versöhnliche Ende bringt.

Arthur Machen: Ein Idealist

Angewiedert von den obszönen Reden seiner Kollegen ist Symonds auf dem Nachhauseweg in Gedanken versunken, wie er diesen oberflächlichen Dummköpfen das nächste Mal geistreich begegnen kann. Endlich zuhause kann er in seiner Wohnung seine ganz persönliche Zerstreuung genießen.

Arthur Machen benutzt ein Motiv, dass auch heute noch gern verwendet wird. Der belächelte Sonderling, der unter seiner feigen Fassade etwas ganz und gar unerwartetes und schreckliches verbirgt. Durch den Verzicht auf eine Spannungskurve kommt das Ende um so heimtückischer.

Arthur Machen: Der Klub, den es nicht gibt

Auf der Flucht vor einem Unwetter erhalten zwei Gentlemen in den Räumen eines exklusiven Klubs Schutz vor dem Regen. In diesem Klub tummeln sich prominente Größen des ganzen Landes. Nachdem einer dieser Männer als Verlierer eines seltsamen Spiels unerklärlich von der Bildfläche verschwindet, stellen die beiden Freunde Nachforschungen an.

Auch hier wähnt Machen den Leser in scheinbarer Sicherheit, indem zunächst die harmlosen Erlebnisse der beiden Freunde beschrieben werden, bevor das Phantastische in diese geordnete Welt einbricht.

Arthur Machen: Die Tür öffnet sich...

Ein Journalist wird auf das unerklärliche Verschwinden von Secretan Jones aufmerksam. Sechs Wochen war dieser verschwunden, bevor er in seinem Arbeitszimmer wieder auftauchte, als sei er nie fort gewesen.

Das Öffnen einer Gartentür führt zu einer sechswöchigen Abwesenheit des Geistlichen. Natürlich fragt sich der Leser, wo Scretan Jones diese Zeit verbracht hat. Doch Arthur Machen beschäftigt sich eher mit dem Unterfangen eines Journalisten, den Verschwundenen dazu zu befragen. Was geschehen ist verbleibt im Dunkel.

M.P. Shiel: Huguenins Weib

Auf Bitten seines Freundes Huguenin, der von einer ungewohnten Melanchloie befallen scheint, besucht der Erzähler diesen auf der Insel Delos. Huguenin erzählt von seiner Frau, die der Lehre der Seelenwanderung anhängt und die daran glaubt, dass es für jede Seele die geeignete Form gäbe, unsichtbar für die meisten Menschen ob deren blasphemischen Gestalten. Nach dem Tod von Huguenins Frau verschschwindet deren Leichnam, doch etwas anderes befindet sich statt dessen in der Grabkammer.

Auch wenn der Handlungsort auf die Insel Delos verlegt und weitere Elemente eingefügt wurden, weist Huguenins Weib deutliche Parallelen zu Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ auf. Dass dennoch keine bloße Nacherzählung entstanden ist ist Shiels Hang zu bombastischen Settings zu verdanken, der im krassen Gegensatz zu Poes Pragamatismus steht.

M.P. Shiel: Vaila

Der Erzähler besucht seinen Freund Harfager in dessen Familiensitz auf der Insel Vaila. Die Familienlegende rückt den Bau des Hauses unter einen schlechten Stern. Die Insel Vaila ist den Gewalten der Natur ausgeliefert, das Hausäußere gleicht einem Schiffrumpf, der an den Boden gekettet ist. Das Hausinnere ist von ständigem Tosen erfüllt, das eine Unterhaltung unmöglich macht. Eine geheimnisvolle Vorrichtung scheint den baldigen Untergang des Hauses vorherzusagen.

Und wieder nutzt Shiel eindeutig Motive aus Poes „Haus Usher“ (Das Gehör des Hausherren ist überempflindlich, die Leiche eines weiblichen Familienmitglieds befindet sich im Haus, der letztendliche und buchstäbliche Untergang des Hauses), um diese in einen Kontext mit universalen Kräften zu setzen, in dem Harfagers Familiensitz eine zentrale Stellung hat. Aufgrund der Beschreibungen wähnt sich der Leser eher an Bord eines metallenen Schiffes, das dem Strum preisgegeben ist, denn in einem Haus. Eine ständige, fremdartige und allmächtige Bedrohung scheint auf das Gebäude zu wirken.

Shiel hat später mit „House of Sounds“ (dt.: „Das Haus im Sturm“ in „Lovecrafts dunkle Idole“, Festa-Verlag) noch eine überarbeitete Version von „Vaila“ verfasst.

M.P. Shiel: Tulsa

Nachdem der Herrscher, der einzig dem Erlangen von Weisheit verpflichtet ist, in den Chroniken seiner Familie die immer wiederkehrenden Muster entdeckt, die zum Verderben seiner Vorväter geführt haben, leistet er einen Schwur, diese verderblichen Wege nicht zu beschreiten. Doch das Schicksal holt ihn letztendlich ein.

Versehen mit dem Motiv der Wiedergeburt schildert Shiel in „Tulsa“ das Wirken des unausweichlichen Schicksals über Generationen hinweg. Dabei nimmt er die Perspektive der Herrschers ein und vermittelt so dessen Denkweise, dass jeder kleine Schritt, den er vom Pfad der Beständigkeit abweicht doch keine Auswirkungen auf sein Schicksal haben kann. doch die Gesamtheit der Fehltritte führt schließlich zum Verderben.

Der moralische Zeigefinger wird erhoben

Auch in „Als ich tot war 2“ sind die Zeichen der Dekadenzzeit weithin sichtbar. Depression und Niedergang manifestieren sich in den literarischen Äquivalenten Verfall und Siechtum (geistig wie körperlich). Deutlich wird in einigen Beiträgen der moralische Zeigefinger gehoben, der anzeigen soll, dass eine Abweichung vom gesellschaftskonformen Weg nur im Verderben enden kann. Stets werden diejenigen, die über die Stänge schlagen bestraft oder zumindest gewarnt.

Dass die Autoren der Dekandenzzeit allerdings nicht ausschließlich in Weltschmerz badeten bzw. ihre Mitmenschen auf dem rechten Weg halten wollten, beweist hier Ronald Firbank mit seiner „Tragödie in Grün“, die bei mir nach kurzer Eingewöhnung ein stetes Grinsen hervorgerufen hat.

Der altertümliche und überholte Stil der Geschichten mag für den Gelegenheitsleser gewöhnungsbedürftig sein, doch die Stimmungen werden durch die heutzutage ungeläufige Wortwahl und den gewissenhaften Aufbau der Geschichten maßgeblich beeinflusst oder, wie es an einer Stelle über den Autoren R. Murray Gilchrist heißt, „geht dieser archaische Duktus in den phantastischen Texten eine reizvolle Verbindung mit dem Inhalt ein“. Eine Aussage, die sich auf nahezu alle Beiträge hier erweitern lässt.

An dieser Stelle auch an Kompliment an die durchgehend hervorragenden Übersetzungen. Die Übersetzer beider Bände rekrutieren sich, neben den Herausgebern selbst, nahezu vollständig aus Teilnehmern eines Anglizistikstudiums der Universität Heidelberg, an der auch Erik Hauser als Dozent tätig ist. Ein interessanter und gelungener Versuch, stehen doch die Texte denen professioneller Übersetzer in nichts nach. Im Gegenteil, virtuos treffen die Übersetzer einen angenehm antiquierten Ton, der die Stimmungen der Geschichten perfekt transportiert. Ausnahme sind die Übersetzungen von Eric Count Stenbocks Geschichten, die von Michael Siefener (2 von 3 bereits für die Metzengerstein-Augabe von „Studien des Todes“ Blitz-Verlag, 1999) angefertigt wurden.

Den Geschichten sind wieder mehrseitige (!) Informationen über die jeweiligen AutorInnen vorangestellt. Abgerundet wird dieser zweite Band mit einer Kurzvorstellung der ÜbersetzerInnen und einer editorischen Notiz zu den Erstveröffentlichungen und Übersetzungen der Geschichten.

Die edle Umschlaggestaltung und die Titelgrafik wurden einmal mehr von Mark Freier gefertigt, der das derzeitige Erscheinungsbild von Blitz maßgeblich prägt. Dazu sind Frontispizien des Dekadenzmalers Aubrey Beardsley enthalten. Zugaben, die niemand vermisst hätte und dren Vorhandensein damit für die liebevolle Zusammenstellung der Sammlung steht.

„Als ich tot war 1 und 2“ erweisen sich als perfekter Start der „Meisterwerke der dunklen Phantastik“-Reihe, der ein hoffentlich langes Bestehen beschieden ist. Den Herausgebern sei gratuliert und gedankt, dass sie diese Schätze gehoben und so dem Vergessen entrissen haben. Es bleibt zu hoffen, dass noch viele Sammlungen dieser Art folgen. Für den April 2010 ist im Blitz-Verlag der Band „Priester des Todes“ (Deutsche Geschichten der Dekadenzzeit) von Herausgeber Frank Rainer Scheck angekündigt.

Frank Rainer Scheck wurde „für die Herausgabe phantastischer Literatur bei den Verlagen DuMont und Blitz, wobei er die Leser mit vielen interessanten Wiederentdeckungen bekannt machte“ (Quelle: www.edfc.de) ausgezeichnet mit dem seit 1979 verliehenen Deutschen Fantasy Preis 2007 des edfc (Erster Deutscher Fantasy Club).

Wie alle „Meisterwerke der dunklen Phantastik“ erscheinen beide „Als ich tot war“-Bände als edle Hardcover mit Schutzumschlag.

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