H. Beam Piper

Über seine Herkunft und sein Privatleben bewahrte H. Beam Piper stets Stillschweigen, wenn er es nicht sogar vorzog, gezielt Fehlinformationen in die Welt zu setzen. Nicht einmal sein Vorname war lange sicher bekannt; Piper selbst nannte sich „Horace“, doch geboren wurde er als Henry Beam Piper am 23. März 1904 in Altoona im US-Staat Pennsylvania. Er verlebte eine ruhige Jugend in eher ärmlichen Verhältnissen, da sein Vater sich in vielen unterbezahlten Stellungen versuchte und eine echte Karriere nie in Gang kam. Aus diesem Grund blieb Pipers schulische Ausbildung auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum beschränkt; ein Manko, das ihm stets zu schaffen machte und zu einer seiner Unwahrheiten führte: Als Piper 1922 in die Dienste der Pennsylvania Railroad trat, geschah dies nicht als Ingenieur. Wie sein Vater arbeitete er in untergeordneten Positionen, u. a. als Streckengänger und Nachtwächter. In seiner Freizeit bildete sich Piper autodidaktisch; er las unzählige Bücher und eignete sich auf diese Weise Wissen an, ohne dadurch das Fehlen einer formalen Ausbildung ausgleichen zu können.

Bereits in den 1920er Jahren begann Piper zu schreiben. Es sollte jedoch bis nach dem II. Weltkrieg dauern, bevor seine erste Geschichte gedruckt wurde. „Time and Again“ (dt. „Zeit und wieder Zeit“ bzw. „Zeitsprung“) erschien 1947 im Magazin „Astounding Science Fiction“ und schien das Werk eines Mannes zu sein, der bereits als perfekter Autor aus dem Ei geschlüpft war. Tatsächlich hatte Piper eine lange Reihe von Ablehnungen hinter sich, bevor seine Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt wurden. Er veröffentlichte bis weit in die 1950er Jahre vor allem SF-Kurzgeschichten. 1953 erschien ein Krimi. Seine ersten SF-Romane entstanden in Zusammenarbeit mit John J. McGuire (1917-1981); viele Werke basierten auf früheren Storys.

Pipers Werk lässt sich in zwei Hauptthemen gliedern. Die „Terro-Human Future History“ beschreibt die Geschichte der Menschheit in den nächsten sechs Jahrtausenden. Ähnlich ehrgeizig angelegt wie ähnliche Zukunftsgeschichten von Isaac Asimov oder Robert A. Heinlein, blieb Pipers Zyklus vor allem in den späten Zeitabschnitten Stückwerk. Die „Paratime“-Storys, zu denen noch der Roman „Lord Kalvan of Otherwhen“ (dt. „Der Mann, der die Zeit betrog“) zählt, spielen in parallelen Zeitströmen, in denen die Geschichte alternative Verläufe genommen hat; so wurden beispielsweise die USA von West nach Ost besiedelt.

Während die Literaturkritik Pipers Hang zur Space Opera eher missbilligte, erkennt sie längst seinen Rang als früher Meister einer Science Fiction, die den gesellschaftlichen Konflikt und seine Folgen thematisiert und extrapoliert. In diese Kategorie fällt Pipers berühmtestes und wahrscheinlich bestes Werk. „Little Fuzzy“ erschien 1962 und schildert kritisch die Ausbeutung eines Planeten durch allzu profitgierige Erdmenschen, die den intelligenten aber nicht ´zivilisierten´ Ureinwohnern das Recht auf Selbstbestimmung absprechen.

Pipers Romane der frühen 1960er zeigen einen Verfasser, der gleichzeitig klassische SF schrieb und den Anschluss an die modernen Strömungen hielt. Allerdings blieben die Verkaufszahlen und damit Pipers Einkünfte moderat. 1956 hatte er die Pennsylvania Railroad verlassen, um seinen Lebensunterhalt zukünftig als Schriftsteller zu verdienen. Dieser Plan ging nur bedingt auf. Piper wurde depressiv und sah sich als Autor gescheitert. Ohnehin ein Einzelgänger, zog er sich vollständig zurück. Sein Stolz ließ es nicht zu, um Hilfe zu bitten. Pipers Geschichten erzählen immer wieder von Männern, die sich ihren Schwierigkeiten selbst stellen und sie überwinden. Als ihm dies selbst realiter nicht gelang, zog er das, was er für die logische Konsequenz hielt: Vermutlich am 6. November 1964 griff er zu einer Pistole aus seiner beachtlichen Waffensammlung und erschoss sich. Die Leiche wurde erst Tage später gefunden.

Die Wieder- und Neuentdeckung seines Werkes erlebte Piper nicht mehr. Seine „Fuzzy“-Romane – das Manuskript eines dritten Bandes tauchte erst in den 1980er Jahren auf – und vor allem seine Parazeit-Storys haben viele spätere Autoren wie Jerry Pournelle, Charles Stross, Michael Kurland oder Elizabeth Banks beindruckt und inspiriert. Zu ihnen stößt John Scalzi, der 2011 einen neuen „Fuzzy“-Roman vorlegen wird; der Verlag hofft auf den Beginn eines lukrativen Franchises. H. Beam Piper bleibt also präsent; nur in Deutschland ist er vom Buchmarkt verschwunden und vergessen. [Michael Drewniok]*

(*Anmerkung: Diese Kurzbiografie basiert auf den weiter unten genannten Websites und Buchtiteln)

mehr über H. Beam Piper:

Phantastisches von H. Beam Piper:

  • Andere Fuzzy-Romane
    • (1981) William Tuning: Fuzzy Bones
    • (1982) Ardath Mayhar: Golden Dream: A Fuzzy Odyssee
    • (2011) John Scalzi: Fuzzy Nation
  • Andere SF-Romane
    • (1957) Null-ABC / Krisenjahr 2140 (mit John J. McGuire)
      Crisis in 2140
    • (1958) A Planet for Texans / Lone Star Planet (mit John J. McGuire)
    • (1982) First Cycle (mit Michael Kurland)
  • Storysammlungen
    • (1980) The Worlds of H. Beam Piper
    • (2006) Flight from Tomorrow
    • (2006) Graveyard of Dreams
    • (2006) Naudsonce
    • (2007) Time and Time Again
    • (2007) Ministry of Disturbance
  • Kriminalroman
    • (1953) Murder in the Gunroom
  • Über H. Beam Piper
    • (1994) Gordon Benson/Phil Stephensen-Payne: H. Beam Piper. Emperor of Paratime: A Working Bibliography
    • (2002) Hardy Kettlitz (in Zusammenarbeit mit Klaus Geus und Hermann Ritter): Die vergessenen Science-Fiction-Klassiker: Murray Leinster, C. L. Moore & Henry Kuttner, H. Beam Piper, Leigh Brackett, Gustav Meyrink
    • (2008) John F. Carr: H. Beam Piper: A Biography