Die Insel des Dr. Moreau von H. G. Wells

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1896unter dem Titel „The Island of Dr. Moreau“,deutsche Ausgabe erstmals 1904, 192 Seiten.ISBN 3423140739.Übersetzung ins Deutsche von Felix Paul Greve und Christine Mrowietz.

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In Kürze:

Die schaurigen Experimente des Dr.Moreau haben sich für immer in die Geschichte der Einbildungskraft eingegraben. Abseits von aller Zivilisation auf einer Insel im Indischen Ozean, hat der unheimliche Arzt aus Tieren menschenähnliche Wesen geschaffen: Geschöpfe aus Affe und Ziege, Wolfswesen, Schweinemänner und einen Berhardinerhundmenschen. Sie können lediglich auf zwei Beinen stehen, sprechen ein rudimentäres Englisch und befolgen das oberste Gesetzt auf dieser gespenstischen Insel: Sie dürfen kein Blut trinken, damit ihre tierische Vergangenheit sich nicht durchsetzt und sich gegen ihren Schöpfer wendet. Als ein Schiffbrüchiger Engländer auf die Insel verschlagen wird, wird er Zeuge dieses gottlosen Versuchs, die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft ohne Rücksicht auf ethische Gebote durchzusetzen: „Bis auf diesen Tag hab’ ich mich um die Ethik der Angelegenheit noch nie gekümmert“, sagt Dr. Moreau. Das Studium der Natur macht den Menschen schließlich so gewissenlos wie die Natur selbst. „Ich bin vorwärts gegangen, ohne mich um irgendetwas anderes zu kümmern als um die Frage, die ich verfolge....“ Als eines Tages ein totes Kaninchen gefunden wird, mit zerbissenem Hals, sind die Tage des Arztes gezählt: Die Tiermenschen nehmen Rache an ihrem Erzeuger. Nur der junge Engländer überlebt und kann einer ungläubigen viktorianischen Gesellschaft die Geheimnisse des Dr. Moreau erzählen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Die Schrecken der plastischen Chirurgie“83

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

Der Engländer Prendick rettet sich nach dem Schiffbruch der ´Lady Vain´ mit letzter Kraft auf ein Beiboot, das er mit zwei weiteren Überlebenden teilt. Es geht ums nackte Überleben, denn Wasser und Zwieback werden knapp und sie ziehen je ein Hölzchen, welcher von den dreien sich ´opfern´ muss. Im darauffolgenden Handgemenge, gehen die beiden Männer über Bord und Prendick treibt allein mitten im Pazifik. Tage später wird er von einem kleinen Schoner aufgegriffen und einer von dessen Passagieren, ein angeblicher Arzt, nimmt sich Prendicks an. Dabei verdankt der überzeugte Abstinenzler seine Rettung ausgerechnet den alkoholischen Infusionen, die ihm der Arzt gemacht hat. Der Retter stellt sich später als Montgomery vor und Prendick erfährt, dass diesem auch die tierische Fracht gehört, die das Schiff geladen hat. Davis, der Kapitän der ´Ipecacuanha´ ist ein eher rustikaler Zeitgenosse und die ganze Mannschaft behandelt Montgomery und dessen Diener M’ling aus unbekannten Gründen wenig respektvoll. Letzterer wird gar ein paarmal grob angepöbelt und Prendick beginnt sich über den ´vertierten´ Ausdruck des Dienstboten zu wundern. Als sich Prendick bei einer Auseinandersetzung aus Mitleid mit M’ling solidarisiert und sich zwischen ihn und Kapitän Davis stellt, fällt er bei dem Schiffsbesitzer in Ungnade. Als der Schoner eine unbenannte Insel erreicht, wo der Arzt Montgomery mitsamt seiner animalischen Fracht von Bord geht, wird auch Prendick kurzerhand vom Kapitän in sein altes Beiboot verpflanzt und sich selbst überlassen. Prendick appelliert an seinen Retter Montgomery, ihn mit auf die Insel zu nehmen, doch der kennt nun plötzlich weniger Zartgefühl und weigert sich, den Schiffbrüchigen aufzunehmen. Der Schoner setzt ungetrübt seine Segel, Prendick ist wieder allein und will sich schon seinem Schicksal ergeben, als es sich Montgomery nochmals überlegt und Prendick mithilfe von ein paar ´Insulanern´ an Land holt. Prendick ist dankbar für seine erneute Rettung, doch ihm wird erklärt, dass er hier auf der Insel bloß geduldeter Gast sei. Denn dies sei eine wissenschaftliche Forschungsstation, die unter der Leitung eines zweiten Wissenschaftlers stünde, den Prendick aus der Ferne am Strand bereits gesehen hat. Man bringt ihn bis auf weiteres in einem einigermaßen gemütlichen Quartier unter und zuletzt macht Prendick die Bekanntschaft mit dem Leiter der Station, dem berüchtigten Dr. Moreau, der vor langer Zeit in England in Verruf geraten war und der auf der Insel nun sein Asyl gefunden hat.

Skrupellose Experimente und Fragen der Moral

Das namenlose Eiland ist seit längerem Drehort für Moreaus grausame Experimente: Seit Jahren vollzieht er in der ´ethischen Isolation´ plastische Operationen (ohne Narkose wohlgemerkt!), bei denen aus lebenden Tieren Menschen entstehen sollen. Vivisektion nennt man die Chirurgie am lebenden Organismus und die stand um 1900 noch in den Anfängen, ließ aber das Potential erahnen, das in dieser medizinischen Behandlungsmethode lag. Der Erzähler Prendick, der selber ein paar Semester Biologie studiert hatte, kennt die interessanten Fragen dieses Fachs, ohne jedoch Moreaus blinden Ehrgeiz zu teilen. Auf Prendicks Bedenken hin, was die Operationen betrifft, meint der gute Doktor:

„Bis auf diesen Tag hab´ ich mich um die Ethik der Angelegenheit noch nie bekümmert. Das Studium der Natur macht den Menschen schließlich so gewissenlos, wie die Natur selbst ist.“ (S. 102)

Ohne viel mehr über die Handlung zu verraten, darf gesagt werden, dass es Moreau schon recht gut gelingt menschenähnliche Wesen zu erschaffen. Diese Kreaturen leben außerhalb der Forschungsstation in einem ´Camp´ mitten im Dschungel und sind durch eine kauzige Religion und unter Androhung von drakonischen Strafen bei Nichtbeachtung der ´Hausgebote´ handzahm geworden. Die Tiermenschen bleiben außerdem durch Suggestion und regelmäßige Hypnose gefügig. Und dennoch ist Dr. Moreau bis jetzt die perfekte Umgestaltung, der perfekte Mensch, nicht gelungen. An einem von Montgomery mitgebrachten Puma will er nun sein Meisterstück versuchen. Dass dabei vieles schiefgehen muss, liegt in der Anlage einer Geschichte wie dieser.

Zeitlos gealtert

„Die Insel des Dr. Moreau“ ist einer von Wells frühen utopischen Romane, dem noch weitere und vielleicht genauso berühmte folgten („Der Unsichtbare“, „Krieg der Welten“ usw.). Er entstand 1896 und stellt bis heute eine beliebte thematische Vorlage dar, die von diversen Medien, besonders im Gruselbereich, immer wieder gerne aufgegriffen wird. Moreau, Frankensteins Bruder im Geiste, ist das Sinnbild des skrupellosen Forschers, der sich im Namen der Wissenschaft an wehrlosen Lebewesen vergreift. Ohne die Moralkeule zu schwingen, wird in dem Buch die Frage behandelt, was denn den Menschen zu einem Menschen und ein Tier zu einem Tier macht. Es geht Wells weniger darum, über die Methoden der Wissenschaft Rechenschaft abzulegen oder diese anzuprangern, als um die Frage nach der Tragweite jeder Handlung. Um das viel bemühte Beispiel der Gentechnik zu bemühen: Wann wird der Mensch, der in diesen Belangen noch immer als ein täppisches mit ´brisantem´ Spielzeug ausgerüstetes Baby gelten muss, reif sein um die Verantwortung seines Handelns zu tragen? Einige Argumente der Story, die Wells als ´pseudowissenschaftliche Stützen´ einbaute, sollten heute allerdings schlicht als phantastische Elemente angesehen werden. So wirken mitunter gewisse Argumentationen (auch für Laien) nicht mehr überzeugend. Moreau berichtet beispielsweise frohgemut, dass er einfach mal so an Gehirnen herumschnipselt und dass er darüber hinaus aus jeder tierischen Gestalt ein menschliches Wesen erschaffen könne. Doch was ist mit dem Knochenbau, der jedem Körper maßgeblich die Form gibt? Desweiteren werden Tiere verschiedener Arten einfach ´zusammengebastelt´, was ohne entsprechende (moderne!) Medikamente schwer nachvollziehbar ist. Auch nähern sich die Tiermenschen zuletzt unlogischerweise wieder ihren tierischen ´Ausgangsformen´ an. In diesen Punkten hat der Roman von seiner Überzeugungskraft eingebüßt. Die Geschichte funktioniert aber nicht wegen der wissenschaftlichen Fakten, sondern weil sie darüber hinaus einfach ´seriös´ erzählt ist. Es ist leicht zu erkennen, dass Wells einer der großen Schriftsteller seiner Zeit werden sollte.

Der Roman dürfte mit den Worten ´gealtert, aber gut erhalten´ treffend charakterisiert sein. Der Text liest sich flüssig und wirkt in der von Christine Mrowietz durchgesehenen Übersetzung von Felix Paul Greve nicht allzu altbacken, obwohl das Buch über hundert Jahre auf dem Buckel hat. Die inneren Konflikte des Protagonisten Prendick (der ja die ´Lesersicht´ vertritt) werden glaubhaft aufgezeigt und gleichzeitig wird uns eine unterhaltsame Abenteuergeschichte mit Anleihen bei Jules Verne oder Edgar Allan Poe erzählt. Die Geschichte dürfte trotz einiger technischer Mängel aus einem Stoff gemacht sein, der losgelöst von seinem Verfasser, die nächsten hundert Jahre übersteht. Ganz so wie es sich der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges (übrigens ein großer Wells-Fan) in seinem Nachwort wünschte.

(Thomas Nussbaumer, Februar 2012)

Ihre Meinung zu »H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau«

Stefan83 zu »H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau«26.05.2009
Mit "Die Insel des Dr. Moreau" schrieb H.G. Wells nicht nur eine der eindrucksvollsten Science-Fiction-Stories der Literaturgeschichte, sondern auch einen echten Genreklassiker im Bereich der phantastischen Spannungsliteratur, der selbst heute noch, im Zeitalter des Klonens, mit seiner Sichtweise schockiert und uns zu denken gibt.

Auch wenn er bezüglich seiner schriftstellerischen Qualitäten belächelt wurde, steht außer Frage: Wells Werke sind nach Vernes die wohl visionärsten des 19. Jahrhunderts und Sprungbrett für viele spätere Vertreter des Genres. Was die Bücher dabei so wertvoll macht, ist nicht nur die spannende Erzählung, sondern die oftmals philosophische Beleuchtung einer äußerst komplexen Thematik. In diesem Fall die Frage: "Was unterscheidet den Mensch von Tier?"

Die Geschichte wird rückblickend von Edward Prendick erzählt, einem ehemaligen Seefahrer, der nach einem Schiffbruch im Jahre 1887 die Bekanntschaft mit dem finsteren Montgomery macht und gemeinsam mit ihm auf einer abgelegenen Insel abgesetzt wird. Es ist die Heimat von Dr. Moreau, einst ein umstrittener Tierforscher in England, der sich nun zum fanatischen Wissenschaftler und Vivisekteur gewandelt hat, und mittels chirurgischer Mittel versucht, Tiere in Menschen umzuwandeln. Schockiert von dessen Rücksichtslosigkeit meidet Prendick die Nähe des Doktors und die seiner Gehilfen Montgomery und M'ling, einem ungestalten affenähnlichen Wesen. Bei seinen Erkundungszügen über die Insel trifft er bald eine ganze Horde schrecklicher Kreaturen, die nach dem Gesetz Moreau lebend, diesem den Gehorsam geschworen haben und denen der Genuss von Blut verboten ist. Als eines Tages ein zerfleischtes Kaninchen auftaucht, scheinen sich Prendicks schon anfangs vorhandene Befürchtungen zu bewahrheiten. Und aus den einstmaligen Herren werden nun Gejagte...

Wer genau hinschaut wird erkennen, dass Wells sich einiges bei anderen Autoren abgeschaut und für sein Buch verwendet hat. Von Shakespeares "Sturm" über Kiplings "Dschungelbuch" und Shelleys "Frankenstein" bis hin zu Defoes "Robinson Crusoe". Das Werk scheint überfüllt mit Reminiszenzen an die Genrekollegen, lässt aber neben der spannungsgeladenen Handlung noch tiefer blicken.

Wells offenbart ein zutiefst pessimistisches Menschenbild, in dem die Degeneration, also der Rückfall ins Zeitalter der Bestie, zu jedem Zeitpunkt genauso möglich ist wie eine fortschreitende Evolution. Hier schimmert eine starke moralische Kritik am Zeitgeist des Fin de Siècle durch, einer Zeit großer kultureller Ängste, in der der Verfall ein großes Thema war. So ist es wenig verwunderlich, dass Wells die technische Seite der Umwandlung völlig beiseite lässt und sich in erster Linie auf die Schilderung der konkreten, gefährlichen Situation, die sich für die Protagonisten aus den folgenschweren Experimenten Dr. Moreaus ergibt, stützt. Was folgt ist eine fesselnde Erzählung, die durchgängig für angenehmen Schauer sorgt und doch bis zum Ende und darüber hinaus zum Nachdenken anregt.

Insgesamt ist "Die Insel des Dr. Moreau" zweifellos ein wahrer Klassiker mit hohem Unterhaltungswert und tiefer Moral, der im Vergleich zu anderen Werken vielleicht bisher zuwenig Beachtung gefunden hat. Ein Buch, das wohl (leider) in den nächsten Jahren noch an Aktualität gewinnen wird.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
banana zu »H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau«25.05.2006
Sehr gutes Buch! Spannend und mitreissend geschrieben. Auch leicht zu verstehen, mit wenigen Fachbegriffen (für die faulen Schüler unter uns)! Ausserdem ist die Thematik im Buch sehr aktuell und wichtig.
Steffi zu »H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau«14.05.2006
Lese es für ein Seminar in der Uni...und bin gegen meine Erwartungen sehr angetan von "The Island of Dr. Moreau". Was mich persönlich am meisten interessiert, sind die ethisch-moralischen Grundsätze von Leben und Menschsein, die in diesem Buch angegriffen werden. Die Frage ist immer, bis zu welchem Punkt man das Tun der Wissenschaft ethisch und moralisch vertreten kann, und wann die Grenzen zur Abartigkeit und Gefahr überschritten sind... Das Klonen von Menschen wird erforscht und ich hoffe, dass es niemals endgültig umgesetzt wird, geschweige denn ein Vorhaben wie in diesem Buch jemals in Erwägung gezogen wird. Natürliche Fortpflanzung der Tiere und Menschen und eine gesunde medizinische Forschung sind meiner Meinung nach der gesündeste Weg.......
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