Die großen Alten von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Die großen Alten von H. P. Lovecraft

Originalausgabe erschienen 2009, 336 Seiten.ISBN 3865520677.

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Inhalt:

  • Das Unnennbare
  • Kühle Luft
  • Der schreckliche alte Mann
  • Die lauernde Furcht
  • Das seltsame Haus hoch oben im Nebel
  • Das Grab
  • Der böse Geistliche
  • Der Hund
  • Das Tier in der Höhle
  • Nyarlathotep
  • Die Fakten über Arthur Jermyn und seine Familie
  • Der Fall Charles Dexter Ward
  • Bonusmaterial:
    • Samuel Loveman: Howard Phillips Lovecraft
    • Joseph P. Brennan: H. P. Lovecraft – Eine Würdigung

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Schrecken findet einen würdigen Abschluss …vorerst“86

Horror-Rezension von Jochen König

Mit Die Großen Alten ist der sechste und letzte Band der H.P. Lovecrafts „Bibliothek des Schreckens“ bei Festa erschienen. Im Zentrum steht gleich die erste und längste Story, „Der Fall Charles Dexter Ward“. Mit fast 180 Seiten eher ein Roman als eine Geschichte, behandelt „Der Fall Charles Dexter Ward“ zentrale Themen des Lovecraftschen Kosmos. Zum einen geht es wieder um die Erlangung (okkulten) Wissens und den Preis, den man bereit ist dafür zu bezahlen. Ein Motiv, das Clive Barker maßgeblich beeinflusst haben dürfte. „Nichts ist umsonst, nicht einmal der Tod, denn der kostet das Leben“: Das wussten bereits unsere Urgroßmütter und H.P. Lovecraft gibt dem sarkastischen Sinnspruch ein Gesicht.  Diesmal das Charles Dexter Wards, das bis zum Ende zwar sein eigenes bleibt, doch was sich dahinter verbirgt ist mit multipler Persönlichkeitsstörung noch milde ausgedrückt. Seine Ahnenforschung auf den Spuren des mysteriösen Joseph Curwen treibt ihn rund um den Erdball und schließlich in den Wahnsinn. So scheint es zumindest den Menschen, die seinen Lebens- und Leidensweg verfolgen. Auf deren Aussagen ist der Leser angewiesen. Denn das ist der Kniff der ausufernden Geschichte: obwohl Charles Ward sogar die Titelfigur ist, wird  sein Wesen und Wirken nur von Außenstehenden beschrieben und erzählt. Ward bleibt ein Schemen, wie auch nahezu alle Gräueltaten, die das Geschehen reichhaltig untermalen, nur auf Hörensagen beruhen. So findet sich Dr. Willett, der handelnde Stellvertreter des Lesers, eher in einer fiebrigen Phantasmagorie wieder, als gegen reale Mächte des Bösen anzukämpfen.

Es liegt an Lovecrafts erzählerischem Geschick, dass die Geschichte auch auf Dauer spannend bleibt, und das schleichende Grauen seine Bahn zieht. Hier wird deutlich, dass der Autor alles andere als der literarische Grobmotoriker ist, als der er – gerade von Zeitgenossen -  mitunter süffisant hingestellt wird. Sein teilweiser exzessiver Gebrauch von Adjektiven, die gerade unbelebtes Material mit schauerlichen Eigenschaften in Verbindung bringen, sorgt dafür, dass Anspannung sowie die Erwartung des wahrhaften Schreckens fast permanent gewahrt bleiben. Ohne, dass etwas Grauenerregendes tatsächlich passiert. Denn obwohl es von Leichen, tödlichen Begebenheiten, massiven Verletzungen geradezu wimmelt, bleibt der Splatter-Gehalt des Lovecraftschen Oeuvres geradezu verschwindend gering. Er schafft die Stimmung, bereitet den Leser auf das Schlimmstmögliche vor, lässt es eintreten – im Ungefähren und aus der Distanz betrachtet.  Lovecraft setzt auf die Phantasie seiner Leser, baut darauf, dass sie in der Lage sind, seine Geschichten im Kopf weiter zu schreiben und zu erleben. Eine fast theoretische Abhandlung dazu ist in diesem Band die kurze Story „Das Unnennbare“, in dem Randolph Carter, Lovecrafts Serienfigur (und alter Ego?), als Autor von zweifelhaftem Ruf seine phantastischen Geschichten vor einem materialistisch eingestellten Freund vehement verteidigt. Dass er am Ende fast unfreiwillig triumphiert und der Materialismus des Freundes sich nur als schützende Fassade entpuppt, dürfte niemand wundern. Den Eingeweihten ist natürlich klar: hier plaudert Lovecraft mit sich selbst und für den Leser springt ein gruseliges Kleinod heraus.

Das hat nichts mit den Metzelorgien aktueller Bestseller-Autoren zu tun, die kaum noch etwas der Vorstellungskraft ihrer Rezipienten überlassen. Lovecraft traut seinen Lesern mehr zu. Darum enden auch einige seiner Geschichten in kosmischen Schwaden („Der Hund“, „Nyarlathotep“), schwingen sich in verträumte Fantasy-Gefilde hoch („Das seltsame Haus im Nebel“) oder würden sich gar als Vorlage für die ironisch-moralischen „Tales from the Crypt“ eigenen („Der schreckliche alte Mann“, „Die Fakten über Arthur Jermyn und seine Familie“, „Der böse Geistliche“). Wobei „Der böse Geistliche“ eindrücklich zeigt, dass Lovecraft auch durch Zurückhaltung glänzen kann. 

„Kühle Luft“ und „Die Gruft“  erzählen vom verzweifelten und vergeblichen Kampf gegen die eigene Sterblichkeit. „Das Tier in der Höhle“ ist die passende Gute-Nacht-Geschichte für Klaustrophobiker und dürfte den Machern des fabelhaften Films „The Descent“ nicht unbekannt sein.

Bleibt mit „Das Grauen in Red Hook“ noch eine außergewöhnliche Geschichte übrig. Begibt sich Lovecraft doch in den Bereich des urbanen Horrors. Keine entlegenen Häuser auf kaum zu erklimmenden Klippen,  keine Grüfte auf alten Friedhöfen, keine dunklen Vorfahren in der tiefsten Provinz; stattdessen schäbige Gassen, Industrieviertel und Wohnblocks in Slums, in denen mordlustige Beschwörungen alter Gottheiten stattfinden. Der Polizist Thomas Malone reist an die Grenzen seines Verstandes. Nicht in Arkham, nicht an der Miskatonic-Universität und auch nicht in Dunwich – sondern mitten in New York. Allzu leicht lässt sich hier der Misanthrop Howard Lovecraft finden, über den Samuel Loveman in seiner biographischen Skizze schreibt:

Lovecrafts Aufenthalt in New York [...] war geprägt von rückhaltloser Auflehnung gegen alles, was diese riesige Stadt zu bieten hat. Er hasste den Lärm. Die grenzenlose Rohheit der Einwohner, die gewalttätigen und schmutzigen Slums.

Die Grundlage für das Grauen in Red Hook

Der Band endet mit einem Essay Joseph Payne Brennans, das tatsächlich den Untertitel „Eine Würdigung“ trägt. Dabei ist es nichts weniger als das. Brennan geht auf Kuschelkurs mit dem vehementen Lovecraft-Kritiker Edmund Wilson, negiert die Bedeutung des Cthulhu-Mythos und benennt einige frühe Geschichten Lovecrafts als erinnerungswert, entlässt den Leser aber mit dem schalen Gefühl, dass Howard Phillips Lovecraft ein mediokrer Autor war, dessen schmales Oeuvre lediglich durch ein paar herausragende Erzählungen veredelt wird. 55 Jahre später liest man den Text belustigt. Und obwohl die von Brennan benannten Stories („Die Musik des Erich Zann“, „Ratten im Gemäuer“, „Außenseiter“) tatsächlich zu den Höhepunkten in Lovecrafts Schaffen zählen; lässt sich eines mit Sicherheit sagen: kaum ein von Autorenhand erschaffenes Universum hat so viele Wellen geschlagen wie der Cthulhu-Mythos. Literarisch, musikalisch, filmisch. Danke dafür, und danke an den Festa Verlag, dass er diesen Mythos – und mehr – in neuer, passender Übersetzung wieder zugänglich gemacht hat. Zum Abschluss vielleicht mit dem homogensten Band der Reihe.

So schwer das Universum der „GROSSEN ALTEN“ in bewegte Bilder umzusetzen ist, hat es gerade zum vorliegenden Band einige herausragende Umsetzungen gegeben. Dicht am Original und äußerst gelungen ist die Verfilmung von „Kühle Luft“ mit David Warner als Dr. Madden. Zu finden als eine von drei Episoden der „Necronomicon“-Kompilation, die zudem eine derb-blutige Interpretation des „Grauens in Red Hook“ zu bieten hat. Als eine seiner Poe-Adaptionen vermarktet, bietet Roger Corman mit „Die Folterkammer des Hexenjägers“ eine eigene, aber höchst schlüssige und Lovecrafts Geist transportierende Interpretation vom „Fall Charles Dexter Ward“. Ist der deutsche Titel schon der galoppierende Irrsinn, fällt einem beim Original „The Haunted Palace“, das sich auf Edgar Allan Poes gleichnamiges Gedicht beruft, endgültig die Kinnlade gen Boden. Hier zeigte sich bereits vor rund 50 Jahren, was heute noch gilt: „Es kann nichts bescheuert genug klingen, um Heerscharen in die Kinos zu locken“. Hat damals selten funktioniert und tut es heute genauso wenig.

Filme wie „The Descent“, „Hellraiser“ oder – Sam Raimis „Tanz der Teufel“ dürfen zudem eine tiefe Verbeugung vor dem Mentor ihres bluttriefenden Treibens machen.  Für den interessierten Erforscher fremder Stratosphären lohnen sich beide Medien.

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