Die Katzen von Ulthar von H. P. Lovecraft

Buchvorstellungund Rezension

Die Katzen von Ulthar von H. P. Lovecraft

deutsche Ausgabe erstmals 1980, 200 Seiten.ISBN 3518392557.Übersetzung ins Deutsche von Michael Walter.

»Die Katzen von Ulthar« kaufen oder zum Merkzettel hinzufügen

bestellen bei amazon

in mein Bücherregal

Das meint phantastik-couch.de: „Fantasylektüre mit Katzenjammer“50

Horror-Rezension von Michael Matzer

Dieser Band ist keine Sammlung von Horrorgeschichten, wie man sie sonst von Lovecraft kennt, sondern bietet fünf Fantasy-Erzählungen sowie den Kurzroman „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“. Vereinendes Bindeglied zwischen den Stories ist die Figur des Randolph Carter, eines Alter Egos des Autors.

Die Katzen von Ulthar

Die sehr kurze Story erklärt, wie es kam, dass in dem Städtchen Ulthar keine Katze mehr getötet werden darf. (HPL liebte Katzen.) Zu den geschilderten Ereignissen gehört auch das Eingreifen einer Göttin, der ägyptischen Gottheit Bastet.

Das Weiße Schiff

Ein Leuchtturmwärter an der Ostküste träumt von jenem Weißen Schiff, das jedes Jahr aus dem Süden zu kommen pflegt. An Bord winkt ihm stets ein alter bärtiger Mann, mitzukommen. Doch da der Schiffsverkehr immer weniger geworden, hat der Wärter nichts zu tun, und so geht er diesmal „auf den Mondscheinstrahlen“ hinüber zum Schiff. Man segelt nach Süden und folgt einem blauen Vogel: in die Länder Zar, Thalarion und Xura. Doch alle sind zwar wunderschön und üppig, doch ihr Geruch entstammt einem Leichenhaus. Dafür ist Sona-Nyl, das „Land der Phantasie“, grün und fruchtbar und sicher, wo weder Schmerz noch Tod vorkommen.

Entgegen dem Rat des alten Mannes will jedoch unser Leuchtturmwärter jenseits der Basaltsäulen der Westens segeln, ins „Land der Hoffnung“. Doch, ach!, dort wartet nur ein rauschender Katarakt, in dem das Weiße Schiff zerschellt. Und als er wieder erwacht, findet er tatsächlich am Fuße der Klippen, auf denen sein Leuchtturm steht, den blauen Vogel tot und die Balken des Weißen Schiffs zerbrochen.

Diese schöne Story à la Lord Dunsany und E.R. Eddison ist natürlich höchst allegorisch: „Land der Phantasie“ und „Land der Hoffnung“ sind eindeutige sprechende Namen. Die Bedeutung ist entsprechend klar: Während die Phantasie sicher, schmerz- und todlos ist, trügt der Schein des „Landes der Hoffnung“ ebenso wie die Länder der Schönheit. Hier macht der Autor eine eindeutige Aussage: Er zieht die Phantasie der Realität und ihren Illusionen vor. Genau wie der Held in der folgenden Geschichte. …

Celephais

Der Jüngling Kuranes träumt sich aus seiner Londoner Mansardenwohnung in das Land seiner Kindheit. Dort erschafft er die schöne Hafenstadt Celepahis, die im Tal Ooth-Nargai unter dem Berg Aran liegt. Die Händler auf den orientalischen Straßen kennen und begrüßen ihn freundlich. Frauen gibt es natürlich keine. Er geht an Bord eines Segelschiffs und fährt damit jenseits des Horizonts zur Wolkenstadt Serannian.

Leider wird seiner Träumerei jäh unterbrochen. Daher versucht er vergeblich, Celephais wiedezufinden. Um seine Schlafphasen zu verlängern, greift er zu teuren Drogen, v.a. haschisch. Als ihm das Geld ausgeht, wirft man ihn hinaus. Als Landstreicher irrt er zur Küste. Doch in seinem Traum wird er in eine Reiterkolonne der Stadt Celephais aufgenommen und darf sie anführen. In Glorie kehrt er in seine eigentliche Heimat zurück und wird dort zum König ernannt.

Diese pure Phantasie erinnert an Lord Dunsany und die nordischen Landschaften eines William Morris („Die Quelle am Ende der Welt“). Die Vision des kindlichen Paradieses scheint direkt einem Bilderbuch aus dem Goldenen zeitalter der Viktorianer und Edwardianer entnommen zu sein: unschuldige Schönheit mit dem Gefühl, hier der Herr zu sein. Es ist das Bewusstsein eines Kolonialherrschers, doch der Geschmack eines Dandys. Für den anglophilen Lovecraft war es der Idealzustand eines Gentleman.

Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath (1926/27)

Der Roman handelt von den traumartigen Erlebnissen des Randolph Carter, der autobiographische Züge (s.o.) aufweist. Auf der Suche nach der zauberhaften Stadt seiner Sehnsucht gelangt er in eine Unterwelt, die dem griechischen Totenreich Hades ähnelt. Dies ist Lovecrafts pittoreske Darstellung einer Hölle: eine Traumwelt, bevölkert mit seltsamen Erscheinungen und Fabelwesen wie den riesenhaften Shantak-Vögeln, den scheuen, aber freundlichen Zoogs, riesigen Ungeheuern wie Gugs und Ghasts sowie einer Schar von Ghoulen. Unter diesen befindet sich der bekannte Bostoner Maler Richard Upton Pickman, den Carter von früher kennt (vgl. „Pickmans Modell“).

Nach zahlreichen Abenteuern begegnet Carter in der aus Onyx erbauten Burg auf dem Gipfel des „unbekannten Kadath“ dem dämonischen Nyarlathotep, genannt das „kriechende Chaos“ und einer der mächtigsten und gerissensten „Großen Alten“.

Anstatt ihm den Weg zu der gesuchten Traumstadt zu weisen, verleitet der Dämon Carter dazu, einen kosmischen Flug auf dem Rücken eines monströsen, pferdeköpfigen Shantak-Vogels zu unternehmen. Der soll ihn zu dem chaotischen Abgrund bringen, wo der formlose Erzdämon Azathoth herrscht, dessen Namen man nicht laut aussprechen darf.

Carter ahnt die Gefahr, die ihm von Azathoth droht, und es gelingt ihm, noch rechtzeitig von dem Shantak abzuspringen. Nach endlosem, schwindelerrengendem Fall durch kosmische Räume findet Carter sich schließlich in seiner Heimatstadt Boston wieder. Er ist zum Ausgangspunkt seiner geträumten Odyssee zurückgekehrt.

Eine Aneinanderreihung von bizarren Einfällen

„Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ ist sehr umstritten, was die Beurteilung anbelangt. Liebhaber der heroischen Fantasy wie Lyon Sprague de Camp und der HPL-Verehrer Lin Carter äußerten sich lobend darüber. Andere hingegen wie der HPL-Herausgeber und -„Kollaborateur“ August Derleth meinten, dass es ein wenig gelungenes Werk sei. Dem kann ich nur zustimmen.

Es ist eine Aneinanderreihung von bizarren Einfällen, enthält zuweilen farbig geschilderte Episoden und reiche Symbolik, aber das Ganze enthält keine Klammer und baut keine innere Spannung auf. Wenn man wollte, könnte man die Geschichte für psychoanalytische Studien als Steinbruch benutzen, aber das liegt dem normalen Fantasyleser fern. Dem HPL-Freund fallen sicher zahlreiche Querverweise zu anderen HPL-Fantasies wie „Celephais“ auf, aber auch zum Cthulhu-Mythos, den HPL mit einer Schar eingeschworener Brieffreunde ausbaute.

Heutigen Lesern mit durchschnittlichen Ansprüchen an Fantasy und Horror werden jedoch die langen Beschreibungen und zahllosen ereignislosen Passagen langweilen. Und zumindest mir ging es so, dass ich die Lektüre kaum schaffte, ohne zuletzt völlig genervt zu sein.

Der Silberschlüssel

Randolph Carter verliert in jungen Jahren den Zugang zum Tor der Träume. Als ob er den Schlüssel zum Land seiner Kindheit verloren hätte. In den folgenden Jahren durchläuft er eine Auseinandersetzung mit dem Materialismus seiner Epoche, ja, er geht sogar nach Frankreich, um 1916 zu kämpfen. Er wendet sich dem Okkultismus zu, und in Arabien trifft er einen verrückten Schatzgräber (Abdul Alhazred?).

Doch erst in den Träumen, die er im Haus des Großvaters in seiner Heimatstadt hat, erhält er den ersten Hinweis zum Silberschlüssel. In einer geschnitzten Holzschachtel findet sich das Objekt. Wie unter geistigem Zwang reist er zu dem Bauernhaus seiner Ahnen, in dem er seine Kindheit verbrachte. Nach einer Nacht dort begibt er sich auf eine Erkundung in die „Schlangengrube“ genannte Höhle, die tief im Wald liegt. Und seitdem wurde nie wieder gewesen. Der Silberschlüssel aber auch nicht …

Durch die Tore des Silberschlüssels (Ko-Autor: E. Hoffman Price)

Vor vier Jahren, am 7. Oktober 1928, verschwand also Randolph Carter in einer Höhle in Neuengland. Er hinterließ lediglich ein Pergament-Manuskript, das mit merkwürdigen, rätselhaften Hieroglyphen bedeckt ist, sowie eine Fotografie seines antiken Silberschlüssels, den er mitnahm.

Nun geht es um die Aufteilung seines Nachlasses. In New Orleans sind vier Herrschaften zusammengekommen. Carters Cousin, der Anwalt Aspinwall, scheint ein Raffzahn und Zweifler zu sein. Doch ein Mystiker aus Arkham, ein gewisser Ward Phillips (= HPL!), behauptet, dass dies alles nicht rechtens sei, da Carter noch lebe und als König in der Traumstadt Ilek-Vad herrsche. Der Ex-Freund Carters, ein französischer Kriegskamerad und Mystiker namens de Marigny, führt den Vorsitz und ist unparteiisch.

Daher erweist sich der indische Brahmane namens Swami Chandraputra als Zünglein an der Waage. Er tischt den versammelten Herren eine abgefahrene Science Fiction-Story auf, die er aus Korrespondenz mit Carter erfahren haben will [und die den Großteil des Textes ausmacht]. Carter sei durch zwei Tore des Silberschlüssels gegangen, habe sich seiner stofflichen Hülle entledigt und so schließlich zum Planeten Yaddith gelangt. Dort lebte er unter klauenbewehrten, tapirschnauzigen Aliens, vorzugsweise im Körper des Zauberers Zkauba.

Doch musste Carter zu seinem Entsetzen feststellen, dass der Silberschlüssel nicht ausreichte, um ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Dazu brauchte er den Zauberspruch auf dem Pergament, das er in Neuengland zurückließ. Also baute sich Carter mit Hilfe des Zaubererkörpers ein Gefährt für die Durchquerung des Alls und machte sich auf die Reise zur Erde. Dort traf er im Jahr 1930 ein, allerdings nicht in menschlicher, sondern yaddithischer Gestalt.

Dreimal dürfen wir raten, wer sich nun hinter der Maske des Swami Chandraputra verbirgt …

Ein Gebräu an Philosophie

Mit Ausnahme des Kurzromans „Traumsuche...“ und der Erzählung „Durch die Tore...“ finde ich die meisten dieser Geschichten ziemlich belanglos. Man könnte sie romantische Unterhaltungsliteratur mit viel Phantasie bezeichnen. „Die Katzen von Ulthar“ ist so etwas wie eine Legende („wie etwas zu lesen ist“) oder Sage, denn sie dient dazu, eine kulturelle Eigenheit der Stadt Ulthar zu erklären. Meine Meinung zu „Traumsuche“ habe ich bereits dargelegt.

„Celephais“ und „Das Weiße Schiff“ sind so eine Art erträumtes Roadmovie, allerdings auf einem ebenfalls erträumten Kontinent. Die Karte zu diesen Ländern ist der Lovecraft-Biografie entnommen, die Lin Carter schrieb. Es gibt aber noch eine Karte, die viel detailreicher und schöner ist. Erhard Ringer hat sie für den Heyne-Verlag gezeichnet. Sie ist im Fantasy-Storyband „Ashtaru der Schreckliche“ (Heyne 06/3915) auf Seite 132/33 abgedruckt, um die Lovecraft-Story „Iranons Suche“ – ebenfalls ein Dunsany-Imitat – zu illustrieren. Leider konnte ich auch darauf „das unbekannte Kadath“ nicht finden.

Weitaus interessanter sind daher die zwei zusammengehörigen Silberschlüssel-Erzählungen. In beiden ist Randolph Carter die Hauptfigur. Faszinierte verfolgte ich die zahlreichen Verwandlungen Carters: vom Träumer über den Materialisten, hin zum Okkultisten und wieder zurück zum Träumer. Weil er seine echten Träume nur in der Kindheit wiederfindet, kehrt er in seine angestammte Heimat zurück, wo er exakt 45 Jahre zuvor bereits einmal auf das Geheimnis der Höhle „Schlangengrube“ gestoßen war und fortan die Zukunft voraussah (warum wohl?!). Im Jahr 1928 geht er durch dieses Tor wieder hindurch, um dort zwei Jahre später (oder 47 Jahre früher?) wieder zurückzukehren.

Die stufenweisen Verwandlungen Carters auf seinem Weg von der Erde zur Welt Yaddith folgen a) der modernen Quantenphysik, wie sie seit Einstein, Planck, Heisenberg bekannt war – die Geschichte wurde 1932 geschrieben und veröffentlicht. Daher ist auch schon die Entdeckung des Planeten Pluto, hier „Yuggoth“ genannt, im Jahr 1930 schon berücksichtigt. Und b) wird die Archentypentheorie des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung berücksichtigt. Beide Einflüsse werden zusammengebracht und mit dem Cthulhu-Mythos kombiniert.

Als Ergebnis sieht sich der Leser mit einem heftigen, aber interessanten Gebräu an Philosophie konfrontiert. Es dient dazu, die künftige Entwicklung des prototypischen Menschen Randolph Carter vorzuzeichnen. In England machte zur gleichen Zeot Olaf Stapledon das gleiche: In den zwei Science Fiction-Romanen „Der Sternenschöpfer“ und „Die letzten und ersten Menschen“ breitet er eine weitgespannte Vision von der Weiterentwicklung des Menschen aus, die Milliarden Jahre in die Zukunft reicht (zuletzt abgedruckt bei Heyne in der „Bibliothek der Science Fiction-Literatur“).

Lovecraft und Price hingegen misslingt ihr Versuch, Carter als die Zukunft der Menschheit zur präsentieren, gründlich. Erstens haben sie nicht das philosophische Rüstzeug dafür, zweitens müssen sie an die Unterhaltung ihrer Leser denken und dafür immer darauf achten, irgendwelche Horroreffekte einzubauen. Dazu bedienen sie sich eine Sprache, die an den frühen HPL gemahnt: Alle Fremde ist entweder sinister, blasphemisch, ungeheuer, ominös, mysteriös oder gar „oblique“ (was im Grunde nur „schräg“ bedeutet). Der Übersetzer Michael Walter tut uns keinen großen Gefallen, dies alles so nah am Original zu belassen. Wie das Beispiel „oblique“ zeigt, kommt dabei manchmal Unsinn heraus.

Ko(s)mischer Unsinn obendrein! Ein Zauberer, der aussieht wie ein Tapir – ist dies also die Behausung, die ein „edler Geist“ wie Carter verdient hat? Wohl kaum!- Und während der ganzen Geschichte tickt eine „sargförmige Standuhr mit vier Zeigern einen unirdischen Rhythmus“. Na, Prost Mahlzeit! Die Stunden des Lesens jedenfalls tickten nur zäh und ungemütlich vorüber.

Für eingefleischte HPL-Fans hält dieser Band ein paar nette Erzählungen sowie den ungeschliffenen Roman „Traumsuche“ bereit. Doch den durchschnittlichen Phantastikleser dürften die Inhalte doch eher abschrecken. Für wirklich gute Unterhaltung ist hier nicht gesorgt.

Ihre Meinung zu »H. P. Lovecraft: Die Katzen von Ulthar«

Ihr Kommentar zu Die Katzen von Ulthar

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.