Gefährten der Nacht von Hans Joachim Alpers

Buchvorstellungund Rezension

Gefährten der Nacht von Hans Joachim Alpers

Originalausgabe erschienen 1985, 191 Seiten.ISBN 381181821X.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Perlen der neueren Phantastik sowie einige klassische Texte, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, präsentiert dieser Band. Thematisch reicht das Spektrum von der Fabel, von dem Mann, der den Drachen grau anmalte, über Wongs Fundbüro, in dem die verlorengegangene Eigenschaften der Menschen landen, bis hin zu dem Verstorbenen, der von leibhaftigen Walküren davongetragen wird.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Zwölf Reisen in fantastische Traumreiche“65

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

In zwölf Storys gehen keine Gespenster oder Werwölfe um; thematisiert werden die traumhaften, surrealen Seiten der Phantastik:

 – William F. Wu: Wongs Fundsachen (Wong’s Lost and Found Emporium, 1982): In diesem seltsamen Laden kannst du sogar ein neues Leben zu kaufen; doch Vorsicht: Irrtümer kommen vor, und die Ware ist vom Umtausch ausgeschlossen.

 – Ray Bradbury: Baby (The Small Assassin, 1943/54): Dieser Säugling könnte seine Eltern aus dem Weg räumen, wenn er unzufrieden ist – und das geschieht oft.

 – Peter W. Bachs: Backsteinhaus (1985): Bisher ist er nur im Traum aus dem Fenster gefallen, aber was würde geschehen, sollte sein Schlaf-Sturz einmal nicht durch Erwachen enden?

 – Lucius Shepherd: Der Mann, der den Drachen Griaule bemalte (The Man Who Painted the Dragon Griaule, 1984): Der Maler Meric Cattanay will einen gebirgsgroßen Drachen gleichzeitig bemalen und ihn vergiften.

 – Bob Leman: Der Tehama (The Tehama, 1981): Ein raffgieriges Bleichgesicht setzt indianische Magie ein, um die reiche Erbtante aus dem Weg zu räumen – und umgekehrt.

 – Florian F. Marzin: Vielleicht war es doch ein Fehler, daß Bonifatius die Donareiche fällte (1985): Asgard, Walhalla und seine Bewohner sind kein Mythos und konnten den Vertreibungsversuchen christlicher Missionare widerstehen.

 – Ian Watson: Der gütige Dämon (Samathiel’s Summons, 1982) Samathiel rettet jener ungeschickten Möchtegern-Zauberin, die ihn heraufbeschwor, zwar das Leben, erteilt ihr für ihre Frechheit aber eine Lektion nach Dämonen-Art.

 – Steve Rasnic Tem: Der Steinkopf (Stone Head, 1982): Das geflügelte Wort von der beseelten Kunst erfährt in dieser Geschichte eine völlig neue Bedeutung.

 – Lewis und Edith Shiner: Quaken in der Nacht (Things That Go Quack in the Night, 1983): Einer lange vernachlässigten Spezies der übernatürlichen Welt widerfährt endlich Gerechtigkeit – der Wer-Ente.

 – Michael K. Iwoleit: Zwielicht (1985): Ein Pechvogel geht nicht nur durch die Hölle, sondern auch durch eine Zeitschleife, aus der es kein Entkommen gibt.

 – Tanith Lee: Medusa (The Gorgon, 1983): Auf einer griechischen Insel stellt sich heraus, dass die Wahrheit jenseits der Sage eher tragisch als furchtbar ist.

 – H. P. Lovecraft und Robert H. Barlow: Das Nachtmeer (The Night Ocean, 1936): Wer nachts an seinen Gestaden wartet, wird seine Bewohner kennenlernen.

Phantastik der (leicht) abgedrehten Art

Willkommen beim wehmütigen Rückblick auf eine Zeit, die dem (etwas älteren) Freund der unheimlichen Literatur wie das Paradies vorkommt. Zwischen 1980 und 1985 musste er Geister & Grusel nicht für viel Geld bei diversen Spezial- und Kleinverlagen erwerben, sondern konnte einfach in den Buchladen gehen: Praktisch jeder deutsche (Taschenbuch-) Verlag besaß eine eigene phantastische Reihe.

„Moewig Phantastica“ ist längst Geschichte. Dabei hatte man sich hehre Ziele gesteckt. Anders als beispielsweise die zeitgleich erscheinenden Pabel-Taschenbücher, die unter inhaltsdeutlichen Reihennamen wie „Vampir“ oder „Dämonenkiller“ erschienen, hatte Moewig mehr im Sinn als den üblichen Kopf-ab-Horror. Das Übernatürliche kann tatsächlich „phantastisch“ im buchstäblichen Sinn sein: fantasievoll, seltsam, nicht unbedingt verständlich – ein echter Trip ins Ungewisse eben, wie ihn u. a. (der ebenfalls in dieser Sammlung vertretene) H. P. Lovecraft favorisierte.

Zwar holte die Realität die nur bedingt erfolgreiche sowie nicht besonders langlebige „Phantastica“-Reihe bald ein – es war eben doch erwähnte Kopf-ab-Fraktion, der das Geld lockerer saß -, doch mit Titeln wie „Gefährten der Nacht“ konnte in dieser Zeit doch der eigene Anspruch realisiert werden.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Diese Sammlung von Kurzgeschichten ist ein höchst ambitioniertes Projekt. Mit Hans Joachim Alpers (1943-2011) fungierte als Herausgeber ein schon damals ausgewiesener Kenner der Phantastik, der das Genre zusätzlich durch eine ganze Anzahl eigener Titel bereichert hat. Auch die Übersetzer tragen – Joachim Körber allen voran – bekannte Namen.

Das Feld der vorgestellten Autoren bietet ein interessantes aber uneinheitliches Bild. Ein Dutzend Geschichten aus fünfzig Jahren werden (Stand: 1985) präsentiert. Unter ihren Verfassern sind Namen, die damals wie heute für professionelles Schriftstellerhandwerk, wenn nicht sogar für Literatur stehen. Ian Watson, Lewis Shiner oder Lucius Shepherd sind hier zu nennen, und es ist fesselnd zu lesen, was diese Autoren leisteten, als sie hierzulande praktisch noch kaum oder gar nicht bekannt waren.

Shepherd legt definitiv die beste Geschichte der Sammlung vor. Seine Idee ist bizarr und wirklich neu, die Umsetzung nicht nur reich an entsprechenden Details, sondern insgesamt vorzüglich. Watson kann zumindest mit einer ungewöhnlichen Variante der üblichen Mär von der entgleisten Dämonen-Beschwörung aufwarten, ohne jemals wirklich zu begeistern. Die Shiners bemühen sich erfolgreich, keinen Augenblick ernst zu bleiben, und Tanith Lee ist wie immer Tanith Lee: eine seltsam erfolgreiche, zu schwülstiger Theatralik neigende, überaus fleißige Horror-, Science Fiction- und Fantasy-Autorin.

Bob Leman und Steve Rasnic Tem verhalf die Splatterpunk-Manie der späteren 1980er Jahre zu einer bescheidenen Blüte. Hierzulande brachten sie es über Beiträge zu diversen Story-Sammlungen nicht hinaus. Zumindest wenn man liest, was sie hier vorstellen, ist dies kein besonderer Verlust.

Nicht nur Gründe zur Freude

Die beiden Klassiker Ray Bradbury und H. P. Lovecraft werden nicht mit besonders gelungenen Beispielen ihres bemerkenswerten Werkes gewürdigt. Bradburys Story vom mörderischen Säugling erstaunt immerhin durch den für die 1940er Jahre recht ungewöhnlichen Plot. So ist es wohl auch oder sogar vor allem der Fluch der ursprünglich originellen, dann von allzu vielen Nachahmern aufgegriffenen und mit den Jahren schließlich zum Klischee geronnenen Idee, die „Baby“ um die Früchte seines bösen Auftritts bringt.

„Im Nachtmeer“ ist eine Lovecraft-Story, die erst viele Jahre nach dem Tod des Gruselmeisters (1890-1937) ´wiederentdeckt´ wurde. Eine Sensation darf man nicht erwarten. Lovecraft verdiente sich einen Teil seines Unterhalts als ´Berater´ für angehende Autoren oder solche, die sich dafür hielten. Wie es seine gründliche Art war, schrieb er dabei nicht selten die Geschichte in großen Zügen neu. Robert H. Barlow (1918-1951) gehört in die Reihe solcher Amateure, denen nur Lovecraft zu bescheidenem literarischen Ruhm verhalf. Wunder wirken konnte er freilich nicht. „Im Nachtmeer“ bietet über lange Seite durchaus eindrucksvolle Stimmungsbilder. Eine Geschichte entwickelt sich leider zu keinem Zeitpunkt daraus.

Herausgeber Alpers schmuggelt in seine Kollektion die Texte einiger deutscher Autoren ein. Dies war auch 1985 ein Wagnis, denn schon damals fiel der Vergleich mit den angelsächsischen Kolleginnen und Kollegen höchst deprimierend aus. Peter W. Bach und Michael K. Iwoleit wissen ihre wenig originellen Ideen wenigstens kompetent umzusetzen, während Marzins Walküren-Mär ohne Höhepunkt oder schlüssiges Finale den Leser irritiert und unzufrieden zurücklässt.

So geben denn die „Gefährten der Nacht“ dem Gruselfreund der Gegenwart keinen Anlass, hektisch die Antiquariate oder das Internet auf der Suche nach ihnen auf den Kopf zu stellen. Wenn er oder sie das Bändchen zufällig einmal findet, ist es dennoch für ein paar Mußestündchen gut.

(Dr. Michael Drewniok, Juni 2012)

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