1Q84 (Buch 3) von Haruki Murakami

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „Ichi kyū hachi yon“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 578 Seiten.ISBN 3832195882.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

Als Tengo seinen komatösen Vater im Krankenhaus besuchen will, findet er in dessen Krankenbett eine Puppe aus Luft vor, die ein Abbild Aomames als junges Mädchen in sich birgt. Er greift nach ihrer Hand, und eine unsichtbare Verbindung entsteht. Fortan wartet Tengo darauf, der Puppe nochmals zu begegnen, doch vergebens. War das Signal nicht stark genug, um die zwischen Leben und Tod schwankende Aomame zu retten?
Unterdessen setzt die gefährliche Sekte alles daran, um den Mord an ihrem Leader aufzuklären. Aomames Spur wird von einem so unheimlichen wie unangenehmen Agenten aufgenommen. Er ermittelt mit tödlicher Präzision, doch schließlich bringt er mehr in Erfahrung, als gut für ihn ist

Das meint Phantastik-Couch.de: „In einer Welt der zwei Monde auf der Suche nach Liebe“90

Science-Fiction-Rezension von Eva Bergschneider

Nach gut einem Jahr Wartezeit erscheint nun endlich das lang ersehnte Finale von Murakamis Ausnahmewerk „1Q84“. In Japan erschienen die Bücher als Trilogie, während in Deutschland die ersten beiden Bücher zu einem opulenten, über 1000 Seiten starken Werk zusammengefasst wurden. Die Lektüre dieses Bandes führte den Leser in die magisch realistische Welt von „1Q84“ ein, in die Welt der Vorreitersekte, der kleinen Leute, in eine Welt mit zwei Monden und in Aomames und Tengos Welt. Viele Fragen blieben offen, zum Beispiel: Welche Rolle spielen die kleinen Leute in 1Q84? Wie und warum gerieten Tengo und Aomame in diese Welt? Gibt es einen Weg zurück und vor allem, werden sie einander finden?

Der spärliche Klappentext scheint ausgerechnet auf die letzte Frage Antwort zu geben. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Denn Aomame lebt nach der Ermordung des Leaders isoliert in einer Wohnung im Tokioter Stadtteil Koenji. Ein Versteck, welches Tamaru, der Leibwächter ihrer Auftraggeberin, organisiert hat und aus dem sie baldmöglichst wieder verschwinden soll. Doch Aomame möchte noch nicht gehen. Sie absolviert ihr Sportprogramm, isst, liest, träumt und setzt sich jeden Abend auf den Balkon, um den Spielplatz zu beobachten, auf dem sie Tengo gesehen hat, als er gerade den zweiten Mond entdeckte. Aomame wartet auf Tengos Rückkehr, denn sie glaubt von ihm ein Kind empfangen zu haben, obwohl sie ihn nur kurz aus der Ferne sah. Schließlich geht sie ein Risiko ein.

Tengo fährt in die Stadt der Katzen, zum Sanatorium seines Vaters, wo er die Puppe aus Luft mit Aomames Abbild in kindlicher Gestalt gefunden hat. Tag für Tag liest er seinem Vater vor, schreibt an seinem Buch und wartet darauf, dass die Puppe aus Luft ein weiteres mal erscheint.

Inzwischen folgt der von den Vorreitern beauftragte Ushikawa Aomames Spur. Er stößt auf ihre Verbindung zu Tengo, ausgerechnet dem Ghostwriter jenes Werks, das von den kleinen Leuten erzählt und zum Bestseller avancierte. Ushikawa mietet sich in Tengos Haus ein und wartet wie eine Spinne darauf, dass ihm seine Beute ins Netz geht.

Warten …

..scheint zunächst eine der Hauptbeschäftigungen unserer Protagonisten zu sein. Vielleicht stellt ihnen Haruki Murakami deswegen einen weiteren Erzähler zur Seite, Ushikawa, den schmierigen Privatschnüffler und Ex-Anwalt. In gewisser Weise fungiert der als Brecht’scher Erzähler, der durch seine Recherchen die Geschehnisse reflektiert. Zudem beeinflusst er maßgeblich Tengos und Aomames Tun. Ushikawa tut der Geschichte gut, ist besonders am Anfang ihr dynamischer Teil. Seine Suche führt allerdings auch ihn zu der Erkenntnis, dass die Welt 1Q84 ihre eigenen, unerbittlichen Gesetze hat.

Das soll allerdings nicht heißen, dass die Kapitel mit Aomame und Tengo langweilig wären, im Gegenteil. Nachdem in den ersten beiden Bänden Aomame den interessanteres Part spielte, erfahren wir hier Einzelheiten über Tengo, die seiner Geschichte mehr Plausibilität, aber auch Tiefe verleihen. Tengo verbringt zwei Wochen in Chikura, sitzt im Sanatorium seines Vaters an dessen Bett und liest ihm vor. Allerdings nicht aus familiärer Verbundenheit, sondern in der Hoffnung die „Puppe aus Luft“ mit dem Aomame-Avatar wiederzusehen. Stattdessen findet er seltsame Ratgeber, wie eine Eule und Schwester Kumi, die ihm den Weg aus der Stadt der Katzen weist.

Aomame ist schwanger, ohne Sex gehabt zu haben. Das wirkt anfangs befremdlich, doch im Nachhinein ist man erstaunt, wie leicht man dies als Tatsache annimmt. Das ist wirklich große Erzählkunst, mit der Murakami seinen magischen Realismus an den Leser bringt. Er schafft es, dass das Unwirkliche sich selbstverständlich in ein Gesamtbild einfügt.

Da waren doch noch …

..die kleinen Leute. Haben sie sich schmollend zurückgezogen? Mitnichten, sie bereiten sich auf den großen Schlussakkord vor, „Hoho“.

Was zeichnet nun „1Q84“ aus?

Wir begegnen Menschen, die (der eine mehr, der andere weniger) weder rundum gefällig, noch unsympathisch sind, die eine traurige Vergangenheit hinter sich gebracht haben und zunächst im Jahr 1984 allein im Leben stehen. Geschehnisse führen sie in eine andere Welt, in einer verzerrten, seltsamen Wirklichkeit aufeinander zu und immer wieder aneinander vorbei.

Murakami bietet dem Leser ein scheinbar simples Ende an, mancher mag ihm deswegen Kommerzialisierung vorwerfen. Andere mögen kritisieren, dass wesentliche Fragen unbeantwortet bleiben, wieder andere, das zu wenig passiert.

Nach dem Ende des zweiten Buchs musste die Geschichte fast zwangsläufig an Dynamik verlieren. Ein Showdown war abgeschlossen, die Protagonisten wären in jeder Geschichte und Welt in Deckung gegangen. So beginnt Buch 3 weniger aktionsreich, aber nicht weniger einnehmend und unterhaltsam. Dafür sorgt schon der Erzählstil des Autors, wie er einfach aber akribisch das „Leben an sich“ in Szene setzt. Wortgewaltig nennt man das, wie Murakami alltägliche Dialoge und Tätigkeiten sprachlich in Bilder zu fassen versteht. Wir genießen eine wunderbare Prosa mit feinsinnigem Humor in einem virtuosen Gesamtwerk, das uns aus der Realität Japans der 80er Jahre peu à peu in eine mystisch surreale Welt entführt. Dass Murakami keine Komplettlösung anbietet, ist typisch für ihn und macht sein Werk so wertvoll. Jeder Leser ist gefordert herauszufinden, was nun wirklich die treibende Kraft hinter den Ereignissen ist. Und ob Murakami in seiner Heimatstadt Tokio die beschriebene „Stadt der Katzen“ sieht. Nicht nur die dort allgegenwärtigen winkenden Glückskatzen und „Hello Kitty“ Figuren (dekorieren sogar Männerslips) mögen dieses nahe legen.

(Eva Bergschneider, Dezember 2011)

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