1Q84 von Haruki Murakami

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „Ichi kyū hachi yon“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 1021 Seiten.ISBN 3832195874.Übersetzung ins Deutsche von .

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In Kürze:

1984. Aomame hat zwei verschieden große Ohren. Beim Rendezvous mit einem reichen Ölhändler zückt sie eine Nadel und ersticht ihn. Ein Auftragsmord, um altes Unrecht zu sühnen. Tengo ist Hobby-Schriftsteller. Er soll einen Roman der exzentrischen 17-jährigen Fukaeri überarbeiten, damit sie einen Literaturpreis bekommt. Der Text ist äußerst originell, aber schlecht geschrieben, ein riskanter Auftrag. Aomame wundert sich, warum die Nachrichten ihren Mord nicht melden. Ist sie in eine Parallelwelt geraten? Um diese Sphäre vom gewöhnlichen Leben im Jahr 1984 zu unterscheiden, gibt Aomame der neuen, unheimlichen Welt den Namen 1Q84.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Kleine Leute statt großer Bruder“90

Science-Fiction-Rezension von Eva Bergschneider

Aomame ist Fitnesstrainerin und Auftragskillerin. Als Aomame in die Anderswelt „1Q84“ eintritt, ist sie gerade auf dem Weg zu einem Kunden, den sie ins Jenseits befördern soll. Sie sieht einen Polizisten, der eine andere Uniform und Bewaffnung trägt als der, dem sie am Morgen begegnet ist. Nach der Tötung des Frauenschänders beginnt Aomame zu recherchieren und stößt auf Berichte über Ereignisse, von denen sie bisher nichts gehört hatte. Die blutige Auseinandersetzung zwischen der Polizei und einer militanten Sekte hat zu einer Modernisierung der Polizeiausrüstung geführt. Schließlich entdeckt Aomame ein sichtbares Zeichen, von dem ebenfalls niemand Notiz zu nehmen scheint, der Mond hat einen Bruder bekommen. Sich mit einer neuen Realität abfindend, besucht Aomame das Frauenhaus ihrer Auftraggeberin, wo ein vergewaltigtes und unfruchtbares Mädchen eingezogen ist. Aomame erhält ihren letzten und gefährlichsten Auftrag, Tsubasas Peiniger, den hermetisch abgeschotteten Führer der „Vorreiter“-Sekte umzubringen.

Tengo möchte gern Schriftsteller werden, hat aber bisher noch nichts eigenes veröffentlichen können. So lehrt Tengo Mathematik an einer Nachhilfeschule und schreibt für einen Verlag, was so anfällt. Ein Romanmanuskript, das für den Debütpreis der hauseigenen Literaturzeitschrift eingereicht wurde, fasziniert ihn. Tengo diskutiert mit seinem Chef die Chancen, dass „Die Puppe aus Luft“ in die engere Auswahl kommt. Dabei bietet ihm Komatsu an, das Skript zu überarbeiten und somit zum Preisträger und Bestseller zu machen. Doch zunächst gilt es, das Einverständnis der erst 17-jährigen Autorin Fukaeri zu erhalten. Und so lernt Tengo eine seltsame und schöne junge Frau kennen, die in den Bergen in einer Sektenkommune aufwuchs, dort die „Little People“ kennen lernte und mit ihnen die Puppe aus Luft baute.

Einsame Figuren in der Welt mit zwei Monden

Die Erlebnisse der beiden Hauptprotagonisten Aomame und Tengo Kawana werden abwechselnd erzählt. Wir begegnen charakterlich unterschiedlichen Großstadtmenschen in Tokio, die beide vom Leben nicht verwöhnt wurden und einsam sind. Ihnen gemein ist ihr Übergang in eine phantastisch anmutende Welt und die Hoffnung auf wahre Liebe. Doch zunächst sind beide zur Erfüllung ihrer Aufgaben bestimmt.

Aomame eignet sich am Anfang nur bedingt zur Sympathieträgerin, denn zumindest der an ein demokratisches Rechtssystem glaubende Leser wird ihre praktizierte Selbstjustiz nicht billigen. Zudem wirkt sie kühl, scheint an persönlichen Beziehungen nicht interessiert zu sein und wählt ihre Sexualpartner nach der Kopfform und Penisgröße aus.

Erst als die Polizistin Ayumi in ihr Leben tritt und wir mehr über Aomames Verhältnis zu der Auftraggeberin, der „alten Dame“ und ihrem Leibwächter, dem Koreaner Tamaru, erfahren, kommt sie dem Leser emotional näher und ihre Motive, Frauenschänder zu ermorden, erscheinen plausibel.

Tengo kommt, nach dem gängigen westlichen Vorurteil, als ein untypischer Japaner herüber. Er ist ein Multitalent und finanzierte sein Mathematikstudium über ein Judo-Stipendium. Doch statt eine Sportlerkarriere oder die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, wird er Nachhilfelehrer, der drei Tage pro Woche Schüler für die Aufnahmetests der Universitäten vorbereitet. Den Rest der Woche verbringt er mit Schreiben und hat freitags mit seiner 10 Jahre älteren, verheirateten Freundin Sex. Tengo ist zufrieden, Ambiotionen persönlicher oder beruflicher Art sind ihm fremd. Das ändert sich, als Fukaeri in sein Leben tritt. Er engagiert sich für einen Menschen, nähert sich sogar seinem ungeliebten Vater, will nun endlich den Erfolg als Schriftsteller.

Murakami nähert sich seinen Figuren mit Respekt, beschreibt in schnörkellosen und präzisen Worten ihren Alltag und führt den Leser behutsam an ihr Leben und Handeln heran. Wir betrachten die Geschehnisse stets aus ihrer Perspektive, zunächst mit einem gewissen „Sicherheitsabstand“, dann mit immer mehr Facetten und Details. Da bleibt es nicht aus, dass sich einige Szenen wiederholen, wie Tengos früheste Erinnerung an seine Mutter oder der entscheidende Händedruck, den sich Aomame und Tengo in der Grundschule gaben. Gedankengänge der Protagonisten werden mitunter seitenlang wiedergegeben. Gern bereichert Murakami seine Handlung mit Parabeln und Geschichten, die die Charakterentwicklung oder die Geschehnisse reflektieren. Diese erzählerischen Mittel stellen die Geduld des Lesers manchmal auf eine harte Probe, verleihen jedoch nicht nur den Figuren Authentizität, sondern dem gesamten Roman eine ungewöhnliche Tiefe und Atmosphäre.

„...eine Françoise Sagan, die die Luft des magischen Realismus geatmet“

Vom magischen Realismus hat der Japaner Haruki Murakami, wie schon in vielen seiner Bücher, tiefe Züge genommen. „1Q84“ ist kein Alternativweltroman im klassischen Sinne, denn diese andere Realität wird nur sehr vage von unserer abgegrenzt. Es wird zwar eine Situation beschrieben, die der Beginn des Zeitalters der „Little People“ sein könnte. Doch ob dieses Ereignis generell den Lauf der Dinge in eine andere Richtung gelenkt hat oder lediglich Fukaeris Erstkontakt mit 1Q84 darstellt, bleibt unklar. Die Frage nach dem „Was wäre wenn?“ spielt hier keine Rolle, denn das wenn ist weder für die Protagonisten noch für den Leser wirklich fassbar. 1Q84 passiert einfach, für jede Figur anders, schleichend und hintergründig, woraus der Roman seine stetige Spannung zieht.

Der Titel „1Q84“ kann die Anlehnung an Orwells Dystopie „1984“ nicht verleugnen. Unter dem Einfluss des Nazi- und des Stalinistischen Terrors beschrieb der Brite 1946/1947 einen totalitären Überwachungsstaat, in dem ein Liebespaar einen aussichtslosen Kampf um die Freiheit führt. Auf den ersten Blick fallen nur wenige Ähnlichkeiten zwischen „1Q84“ und „1984“ auf, obwohl die Handlung in diesem Jahr spielt. Denn statt des „Großen Bruders“ beeinflussen hier die „Little People“ das Geschehen. Inwieweit sie die Geschicke der Menschheit determinieren, bleibt abzuwarten. Die deutsche Ausgabe „1Q84“ entspricht zwei Büchern einer Trilogie, der finale Band ist in Japan bereits erschienen und soll in Deutschland im nächsten Herbst erhältlich sein. Allerdings agieren auch hier zwei Menschen, die die Suche nach der wahren Liebe antreibt. Nach der innigen Begegnung, in der Tengo für die Außenseiterin Aomame Partei ergriff, haben sich beide aus den Augen verloren, aber nie vergessen. Und so bewegen sich Aomames und Tengos Schicksale unaufhaltsam aufeinander zu und lassen den Leser bangend, hoffend und fragend zurück – bis zu seinem nächsten Eintritt in „1Q84“.

Ihre Meinung zu »Haruki Murakami: 1Q84«

MrNice zu »Haruki Murakami: 1Q84«13.12.2010
Eine Frau namens Aomame sitzt im Taxi und steckt im Stau. Um ihren wichtigen Geschäftstermin einzuhalten, steigt sie aus und versucht über eine Nottreppe und weitere Umwege noch pünktlich an ihr Ziel zu kommen. Aber es handelt sich um keinen normalen Geschäftstermin, denn Aomame ist eine Serienmörderin im Dienst der Gerechtigkeit. Und irgendwie ist seit diesem Tag alles ein bisschen seltsam.
Ein Schriftsteller namens Tengo soll ein von einer 17jährigen eingereichtes Romanmanuskript überarbeiten. So stark überarbeiten, dass es eigentlich schon an Betrug grenzt. Tengo will das Einverständnis der Autorin und trifft sich mit ihr. Aber sie entpuppt sich als Legasthenikerin, die den Titel ihres Romans nicht kennt, andererseits aber eigene Kindheitserfahrungen zu beschreiben scheint. Und irgendwie ist seit diesem Tag alles ein bisschen seltsam.
Irgendetwas ist schräg. Und irgendwie scheinen die beiden Geschichten, die kapitelweise abwechselnd erzählt werden, zusammen zu hängen. In beiden Erzählsträngen spielt ein Händedruck eine große Rolle, wird die Sinfonietta von Janacek gehört, beide Protagonisten waren in ihrer Kindheit auf die eine oder andere Art Außenseiter. Und beide sehen plötzlich zwei Monde am Himmel.
In die Handlung eingebettet ist die Beschreibung der Situation der Frauen in der japanischen Gesellschaft, sowohl beruflich als auch in der Partnerschaft. Von Unterdrückungsmechanismen und Gewalt wird berichtet, aber auch von der Kraft der Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen und aktiv werden, um der Männergewalt etwas entgegen zu setzen. Zumindest im Roman geschieht dies auch sehr handfest, wie man an Aomame und ihrer Auftraggeberin sieht.
Nach und nach wird die Verbindung, die zwischen den beiden Protagonisten besteht, sichtbar. Die Erzählstränge bewegen sich aufeinander zu, aber nicht linear, sondern eher in einer Art Schleife. Die Verbundenheit zwischen Aomame und Tengo wird immer deutlicher. Und auch, wie der Roman der 17jährigen und die religiöse Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen ist, mit allem zusammenhängt. Auch die Auftraggeberin der Morde an Kinderschändern und sogar die Täter selbst gehören zum großen Ganzen der Geschichte um Aomame und Tengo.
Ich bin ja immer ein wenig skeptisch, wenn im Vorfeld ein solch großer Hype zum Erscheinen eines Buches veranstaltet und es als opus magnus angekündigt wird. Zu oft wird übertrieben. Aber nicht in diesem Fall.
Dieses Buch ist wirklich ein opus magnum, ein echtes Meisterwerk! Es ist so brilliant geschrieben und so genial komponiert, die diffizile Mischung aus Gesellschaftsroman, Krimi und Fantasy ist so harmonisch gelungen, dass es mir den Atem verschlagen hat. Die Charaktere sind plastisch und tief, selbst die Nebenfiguren sind liebevoll ausgestaltet.
Was im Buch über den von Tengo überarbeiteten Roman gesagt wird, trifft auch auf das Buch selbst zu:
'Die Geschichte handelte zwar von surrealen Erlebnissen in einer phantastischen Welt, rief jedoch natürliche Anteilnahme hervor. Wahrscheinlich weckte die Geschichte Empfindungen, die sich unterhalb der bewussten Ebene abspielten. Die Leser gerieten in den Sog dieser Empfindungen und verschlangen das Buch.'

So ging es mir auch. Ich habe dieses Buch verschlungen und bin völlig begeistert. 1Q84 hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefangen genommen, und der Umfang hätte ruhig noch größer als 1030 Seiten sein dürfen. Seitdem ich dieses Buch gelesen habe, hat Haruki Murakami jedenfalls einen Fan mehr.
Kurz: Kaufen, schenken lassen, ausleihen ' egal, aber: Lest dieses Buch!
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