Willkommen auf Aurora von

Buchvorstellungund Rezension

Willkommen auf Aurora von

Originalausgabe erschienen 2012, 320 Seiten.ISBN 393806580X.

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In Kürze:

»Ist das ihr Sohn?« Der Zollbeamte deutete auf das Kinderbett. Maria nickte. »Wir müssen ihn wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutze geistigen Eigentums beschlagnahmen. Er enthält die Gensequenz G93s4 und verstößt damit gegen das Patent WO 91174901. Über die eventuelle Vernichtung entscheidet der Patentinhaber.« Sie sind Soldaten, Bergleute, Leihkörper, Piloten, Ärzte und Polizisten. Sie haben das Kleingedruckte nicht gelesen, verlieben sich zur Unzeit, verfügen über eine völlig unnütze Resistenz gegen Maiszünsler oder hören die Gedanken anderer Menschen. Sie stecken bis zum Hals in Ärger, und sie haben eines gemeinsam: Sie finden sich nicht damit ab. In 17 Storys erzählt Kurd Laßwitz Preisträgerin Heidrun Jänchen, was aus der Welt werden könnte, wenn wir einfach so weitermachen – und was man dagegen tun kann.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Von Kraken-Konzernen und den Zumutungen der Zukunft“82

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

„Willkommen auf Aurora“ verheißt ein Spruchband mit dem die Soldaten auf Tau-7-IV empfangen werden. Doch die sind nicht gekommen um an einer nachbarschaftlichen Gartenparty teilzunehmen. Unter der Oberfläche des netten Empfangs, den die Siedler des Planeten Aurora den Militärs bereiten, brodelt ein Konflikt, der jederzeit in Gewalt umschlagen kann. Denn Tau-7-IV ist als einer von vielen Planeten des Universums in Besitz eines raffgierigen Konzerns, der wegen seiner Bodenschätze von großer Bedeutung ist. Jedes Handeln auf Aurora betrifft also Firmeneigentum und soll allein zum Wohl des Unternehmens und satter Gewinne geschehen. Was passiert aber, wenn eine solche Einnahmequelle nicht mehr genug Profit abwirft? Richtig, man stellt die Produktion ein und lässt die ganze Infrastruktur vergammeln. Im Fall von Aurora sind da aber noch ein paar Mineure und ihre Familien, die etwas dagegen haben, Job und Lebensgrundlage zu verlieren. Sie drohen die Schächte zu sprengen, sollte der Konzern die Fördermaschinen abziehen. Den Soldaten ist derweil aufgetragen worden, jede Eskalation zu verhindern, denn was schlecht fürs Image ist, ist letztlich auch schlecht für die Kasse. Und wie erklärt man sowas wiederum den Aktionären...?

Die titelgebende Erzählung aus Heidrun Jänchens erstem Erzählband überzeugt durch eine sorgfältig aufgebaute realistische Stimmung, wobei die Kontrolle des Militärs unmerklich in eine Lage der Unsicherheit und der latenten Bedrohung umschlägt, die von einem Pulk Frauen und spielender Kinder ausgeht. Bürger als gewiefte Guerilla-Taktiker? Zuletzt bestätigt sich die dumpfe Ahnung und es böllert im Paradies. Aber das Problem mit den aufsässigen Bewohnern Auroras ist noch weiter von seiner Lösung entfernt als zuvor.

Ein ähnliches Konzept verfolgt Jänchen mit „In die Finsternis“ und „Trigger“: Internationale Konzerne bedienen sich hemmungslos an den Bodenschätzen ferner Planeten, ohne Rücksicht auf deren Ökosystem oder Bevölkerung. Aber jeder business plan, den sich die Strategen in der Teppichetage zurechtgelegt haben, wird bei seiner Umsetzung zur Milchmädchenrechnung und gerät ins Strudeln, so wie der birnenförmige Planet in seiner Umlaufbahn in ´Trigger´. In selbiger Story wird trotz Widerständen von Seiten der Urbevölkerung ein Gebiet mit Bodenschätzen erschlossen, das über Jahrhunderte als Tabuzone galt. Als die Besetzer mit ihren Grabungen einen physikalischen GAU heraufbeschwören, ist es natürlich zu spät fürs Umdenken (Hiroshima lässt grüßen).

Auch wenn die eine oder andere von Jänchens Stories gerne dieses post-koloniale Gut-Böse-Schema verwendet, sind die Erzählungen alles andere als plumpe Fingerzeige von der Art ´Schau nur wie sich der Mensch selber zugrunde richtet´. Aber Gesellschaftskritik ist sicher ein Teil dieser Geschichten; mal ist sie raffiniert verpackt, mal eher offensichtlich, aber nur selten plump, so dass es mich störte, wie etwa in „Und dann die Stille“. Darin wird die künftige Menschheit solange von totalitärer Werbung gequält, bis sich die Leute zuletzt nur noch mit revolutionärem Pulver & Dampf zu helfen und für die ersehnte Einkehr der Ruhe zu sorgen wissen. Dabei nützt sich der Effekt des ´Anprangerns´ manchmal etwas ab. Klar genießen solche Kraken-Konzerne wenig Sympathie, die mit invasiven Methoden oder tumber Überall-Werbung die Versklavung und Verdummung der Menschheit vorantreiben. Ich denke, dass die Wirklichkeit aber noch viel übertriebener sein kann als jede Fiktion und bin der Meinung, dass in der Literatur mit subtilen Methoden oft mehr zu erreichen ist, weil sich der Leser weniger bevormundet fühlt, als wenn er den drohenden Zeigefinger des Autors zwischen den Zeilen schweben sieht.

„Elisa“ ist eine Story mit eher surrealem Touch, bei der man Einblick in ein Marketingunternehmen der ganz nahen Zukunft bekommt. Der Angestellte Jonathan ist kein Fachmann der Werbebranche, nicht mal begabter Laie, sondern schlicht ein Endverbraucher wie die große Mehrheit auch. Genau seine Durchschnittlichkeit befähigt ihn aber zu seinem Job, der darin besteht, auf intuitive Art und Weise und mithilfe eines Computers Formen und Farben in einem System zu ´ordnen´: So geht Produkt-Design in der Zukunft! Jonathan ist Teil eines unüberschaubaren Mechanismus und ein Großteil seiner Existenz (oder zumindest seines täglichen Broterwerbs) übersteigt den Horizont der menschlichen Begreifungskraft. In seiner Isolation entwickelt Jonathan starke Zuneigung zu der weiblichen Telefonstimme des ´psychologischen Hilfsdienstes´. Elisa: Mensch oder Programm? Liebe oder Wahngebilde? Eine Story, die mich auch formal überzeugte und bei der man als Leser nie die ganze Sicherheit bekommt, was denn da nun wirklich geschieht.

Andere Erzählungen haben satirische Züge: „Marias Sohn“ ist nichts als ein unschuldiger Säugling, der gleich nach seiner Geburt Eigentum eines eingetragenen Unternehmens wird. Denn der Kleine verstößt wegen einer für ihn nutzlosen Resistenz gegen Maiszünsler gegen das Urheberrecht.

„Adina sehen und...“ ist ein weiteres Highlight des Buches und erinnerte mich stark an Philip K. Dick. Was geschieht beim ´Klonen´ eines Körpers und mit den Bewusstseinen, die in jedem der beiden Körper einzeln weiterexistieren? Und inwieweit ist der ursprüngliche Körper für seinen Zwilling verantwortlich?

Ebenso spannend wie genial fand ich die Idee zu „Gemurkel“. Ausgeklügelte Technologie macht es darin möglich, dass ein Bewusstsein in einen fremden Körper übergehen kann. Der gutaussehende Marty ist einer von vielen, der seinen Körper an Fremde ´vermietet´. Und diejenigen, die einen solchen ´Wirtskörper´ in Anspruch nehmen, machen das wiederum aus ganz unterschiedlichen Gründen. Die meisten Motive sind arglos, oft geht es um Geschäftstermine, wo ein vielleicht unscheinbarer Typ gerne mal den smarten businessman markieren will. Tabu sind natürlich Prostitution und kriminelle Handlungen. Aber noch Schlimmeres widerfährt Marty: ein Kunde begeht mit seinem Körper Selbstmord. Martys Freunde sind verzweifelt. Gibt es Rettung für sein noch immer lebendiges, lediglich ´ausgelagertes´ Bewusstsein? ´Gemurkel´ ist eine Geschichte mit unglaublichem Potential aus der man ganze Romane schreiben könnte.

Die letzte Story des Buches „Stadt in der Steppe“ widmet sich einem menschlichen Klon, der seit Geburt Eigentum der Regierung ist. Doch eigentlich ist Kate ein normaler Teenager, weder hübsch noch übermäßig intelligent, aber mit einem Vorzug ausgestattet, der das Mädchen von allen anderen Menschen abhebt: sie kann Gedanken lesen. Gezüchtet und aufgewachsen in der Sterilität eines verborgenen Forschungstraktes, wird Kate bald zu ´echter´ Arbeit verknurrt. In einem staatlichen Gefängnis nimmt sie an Verhören teil und prüft die Gedanken der Angeklagten auf Lüge oder Wahrheit. Kate, die trotz ihrer Laborkindheit ein menschliches Wesen ist, entwickelt bald Pläne zur Flucht, denn auch sie ist letztlich nichts als eine Gefangene …

Vielseitige Spielmöglichkeiten der SF

Aurora enthält siebzehn spannende, handwerklich gut gemachte ´Was wäre, wenn...´-Geschichten, die uns die mögliche Entwicklung der Menschheit vor Augen führen. Manchmal auf ironische und witzige Weise, aber nie ohne Tiefgang. Jänchen nannte die SF in einem Interview einmal ´die Mythologie der Ingenieure´ und ich denke, diese Umschreibung muss sie sich zum Leitspruch genommen haben, als sie diese Geschichten schrieb. Wer gut aufpasst, entdeckt auch die eine oder andere Reminiszenz an die alten Größen des Genres, Dick, Clement u.a. Überhaupt verarbeitet Jänchen ein breites Spektrum an Spielmöglichkeiten der Zukunftsliteratur, egal ob Military SF oder eher psychologische und technologieorientierte Varianten, aber immer steht der Mensch im Zentrum. Lobenswert fand ich auch, dass sich die Texte einer einzigen Leseart verweigern und meist nicht über ein Ende verfügen, wo die Autorin hinsichtlich einer Pointe mit der Fliegenklatsche alles klar machen muss.

(Thomas Nussbaumer, April 2012)

Ihre Meinung zu »Heidrun Jänchen: Willkommen auf Aurora«

QuailT zu »Heidrun Jänchen: Willkommen auf Aurora«23.03.2013
Da wird Hirn sein!

Die Geschichtensammlung „Willkommen auf Aurora“ umfasst 17 ausnahmslos gute bis sehr gute Kurzgeschichten aus der Tastatur von Heidrun Jänchen. Die einzelnen Erzählungen spielen dabei wahlweise in einer sehr nahen Zukunft, die sogar fast einer fiktiven Gegenwart entspricht, oder einem interstellaren Zeitalter, das aber von den Eigenschaften und Beweggründen der einzelnen Akteure und dem wirtschaftlich-sozialen Umfeld her auch eher einer Variation der heutigen Zustände entspricht.

Dem System trotzen

Der Fokus der Autorin liegt meines Erachtens nicht auf knüppelharter Science „Faction“ sondern eher im Gedankenspiel des „Was wäre wenn ...“, dem sozialen Rahmen und den – oft schweren – Entscheidungen der einzelnen Handelnden. Die Fiction dient hier stets nur als Hintergrundfolie für die Konflikte und Herausforderungen, denen sich die Handelnden gegenübersehen. Dabei schafft es die Autorin meiner Ansicht nach meist sehr gut, die Charaktere und ihre oft mutigen, manchmal schmerzhaften und gelegentlich unkonventionellen Entscheidungen nachvollziehbar und doch überraschend zu konstruieren. Wiederkehrende Grundmotive der Geschichten sind: der Kampf gegen ein ungerechtes, unmenschliches und konfuses System; das Streben der Vernunft gegen Romantik, Dogmatismus und Irrglaube; die Behauptung des Individuellen gegen die Gleichmacherei, der Zusammenschluss Gleichgesinnter, der Kampf David gegen Goliath und die Anwendung der List. Gerade, dass Heidrun Jänchen aus der ehemaligen DDR stammt und diese Erfahrungen wunderbar in das Erzählte einfließen, verleiht den Kurzgeschichten eine Glaubwürdigkeit und Klarheit, die fernab des aufgesetzten Pathos vieler anglo-amerikanischer SciFi -Autoren liegen. Besonders schön ist hier ein literarischer Ausflug in die ostdeutsche Provinz, der, trotz seiner satirischen Züge, wunderbare Variationen aktueller Probleme wie Wohnungsknappheit, Lohndumping, Leiharbeit, Ärzteschwund, Überalterung und Verödung ländlicher Regionen bereithält.

Klare Worte

Wer hier aber Selbstgerechtigkeit, besserwisserische Sozialdidaktik-Lektüre und blutleere Gutmenschelei erwartet, ist derbe schief gewickelt: Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, keine unterwürfige Verbeugung vor dem aktuellen political-correctness-Diktat, es gibt keine Zwangsvergenderung. Gerade deshalb kommt der, wie ich finde, zutiefst menschliche Anspruch der Autorin voll zur Geltung und die einzelnen Geschichten entwickeln eine derartige Intensität und regen die eigene Neuronenbatterie kräftig an.

Fazit

Willkommen auf Aurora sollte in keiner intelligenten SciFi-Sammlung fehlen. Wer auf Autoren wie Eschbach, Jeschke, Kruschel und Iwoleit steht, dürfte hier sicher viel Freude haben. Wer hingegen lieber die Bedienungsanleitung für Fusionstriebwerke ließt, wird wohl nicht ganz so viel Freude haben. Aber letztendlich kann man als offener Leser mit dem Buch, seiner unverblümten Art und seinen subversiven Lösungsansätzen viel Spaß haben.
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