Die Wespenfabrik von Iain M. Banks

Buchvorstellungund Rezension

Die Wespenfabrik von Iain M. Banks

Originalausgabe erschienen 1984unter dem Titel „The Wasp Factory“,deutsche Ausgabe erstmals 1991, 242 Seiten.ISBN 3852862051.Übersetzung ins Deutsche von Irene Bonhorst / Thomas Ballhausen.

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In Kürze:

Francis Leslie Cauldhame lebt in seiner eigenen grausamen Fantasiewelt. Er tötet Tiere mit seiner Steinschleuder und spießt die Kadaver auf Pfähle – die Totems sollen sein Revier schützen. Zusammen mit seinem Vater lebt der Sechzehnjährige in einer Wildnis am Meer nahe eines schottischen Dorfes. Niemand außer Francis selbst weiß, daß er auch schon drei Menschen getötet hat, darunter seinen jüngeren Bruder Paul. Sein älterer Bruder Eric, der ebenfalls als gemeingefährlich gilt, sitzt in einer geschlossenen Anstalt. Doch eines Tages bricht er aus und kehrt nach Hause zurück …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Unkastrierte Gene“94

Science-Fiction-Rezension von Holger Wacker

Francis Leslie Cauldhame, genannt Frank und sechzehn Jahre alt, lebt mit seinem Vater Angus nahezu abgeschottet von der Außenwelt auf einer kleinen schottischen Insel, die über eine zu Fuß passierbare Hängebrücke mit dem Festland verbunden ist. Franks älterer Halbbruder Eric ist Insasse einer psychiatrischen Anstalt mit geringer Sicherheitsstufe. Zu Beginn der Erzählung bricht er dort aus. Mit Frank hält er telefonisch Kontakt und stellt seinen baldigen Besuch in Aussicht. Frank liebt seinen Bruder, weiß jedoch nicht, was er von dessen Anrufen halten soll.
Frank macht gerne lange Spaziergänge und betrinkt sich im Pub mit seinem kleinwüchsigen Freund Jamie. Er hat sich Waffen gebaut, eine Steinschleuder, einen Flammenwerfer und Bomben, um damit die Insel kontrollieren zu können, tötet Tiere und markiert mit den Kadavern sein Territorium.

Auf dem Dachboden des Elternhauses befindet sich ein von Frank bearbeitetes Uhrengehäuse von einem Meter Durchmesser, die Wespenfabrik. Sie ist mit Fallen versehen, in denen Wespen einen bestimmten Tod sterben, zerdrückt werden, in Franks Urin ertrinken oder verbrennen. Frank glaubt, dass die Todesart, für die eine Wespe sich angeblich entscheidet, Aussagen über die Zukunft ermöglicht.

Als Eric, der von der Polizei gesucht wird, dem Haus näher kommt, wird die Situation für Angus bedrohlich. Angus erzählt Frank, der einige ihn irritierende Dinge entdeckt hat, etwas, was sein Leben bis in die Eingeweide verändern wird.

Vater, Sohn und Machtmissbrauch

Das Original „The Wasp Factory“, wurde 1980 geschrieben und 1984 als Debüt des Schotten Iain Banks veröffentlicht, bevor dieser sich für die zwei Arten von Belletristik, die er schreibt, die Namen Iain Banks und Iain M. [= Menzies] Banks (Science Fiction) zulegte. Die deutsche Erstausgabe erschien in Übersetzung von Irene Bonhorst 1991 bei Heyne, (Science-fiction & Fantasy Bd. 4783), eine Neuausgabe 1997 (Heyne allgemeine Reihe Nr. 10270). Eine von Thomas Ballhausen und Karin Kaltenbrunner ergänzte und überarbeitete Neuausgabe hat 2011 der Milena Verlag herausgegeben.

Ein Thema in „Die Wespenfabrik“ ist das der Macht und ihres Missbrauchs. Angus hat Frank auf der Grundlage einer furchtbaren Lüge erzogen. Komplement ist die Selbsttäuschung, bis hin zu den Lesern, die am Ende gezwungen sind, das Bild, welches sie sich von Frank gemacht haben, grundlegend zu hinterfragen.

Angus ist Chemiker oder Biochemiker, Frank weiß dies nicht genau, und besessen von Ordnung und Regelmäßigkeit. Er verfügt über viel Wissen, das er für bedeutsam hält und Frank vermittelt. Dazu gehören auch manche abstruse Ansichten: die Erde ist ein Möbius-Streifen, die Persönlichkeit eines Menschen lässt sich aus der Qualität seiner Blähungen bestimmen. Angus erzählt Frank, Pathos sei einer der drei Musketiere und Fellatio ein Charakter in Shakespeares Hamlet. Er hasst Frauen. Beide Ehefrauen haben ihn nach der Geburt ihrer Kinder verlassen. Angus’ zweite Frau hat ihm ein Bein gebrochen.

Grotesker Bildungsroman

„Die Wespenfabrik“ lässt sich auch wie ein Bildungsroman lesen, in dem die Hauptfigur ein Sadist und Psychopath ist. Wir erfahren, was Frank bewegt und ängstigt, wie er aufgewachsen ist und lernen musste, sich in der Welt zurechtzufinden. In diesem Bemühen entwickelte er eine Art persönliche Religion, bestimmte deren Rituale und Reliquien.

Frank macht einen sehr intelligenten Eindruck, wirkt gelegentlich redundant und pflegt einige befremdliche und brutale Riten. Er ist doppelt isoliert, geografisch, weil er auf einer Insel lebt, sozial, weil er mit anderen Menschen so gut wie gar nichts zu tun hat. Damit die Lebenszeit schneller vergeht, spielt er sich als Herr der Insel auf, gibt Plätzen eigenartige Namen, hält Gericht über Tiere, führt eingebildete Kriege, von denen einer gegen ein tollwütiges Kaninchen in all seiner Grausamkeit beschrieben wird. Er hat eine lebhafte Einbildungskraft.

Frank lebt im Einklang mit seiner Umwelt. Er hasst Frauen und das Meer, letzteres aufgrund seiner symbolischen Bedeutung. Er hat keine männlichen Geschlechtsteile. Angus hat ihm erzählt, der Familienhund Saul habe sie ihm in der Kindheit abgebissen. Frank versieht sich in seiner Isolation auf extreme Weise mit einer männlichen Identität. Detailliert beschreibt er, wie er seine Cousinen Blyth und Esmerelda sowie sein Geschwisterchen Paul tötete, noch vor Vollendung seines zehnten Lebensjahres. Danach war mit dem Morden Schluss, denn diese Zeit war, wie Frank einmal sagt, nur eine Phase, die er durchlief.

Ein Gegenentwurf zu Frank ist Eric, der aus der Anstalt flieht, sich versteckt halten muss, Hunde grillt und sich auf die Begegnung mit seinem Vater vorbereitet. Nachts telefoniert er mit Frank, der die Gespräche vor dem Vater geheim hält.

Eric entspricht dem Männlichkeitsideal Franks. Frank liebt Eric und bewundert ihn, der aus einem angeblichen Abenteurergeist heraus nach London gezogen ist, um dort zu studieren. Frank ist in seiner Isolation gesellschaftlich nicht existent, sein Leben ist hoffnungslos, weil es außerhalb der Insel nicht möglich ist. Frank kann es sich nicht einmal vorstellen, sein „Revier“ zu verlassen.

Als Eric wahnsinnig wird, findet Frank eine Erklärung, mit der er seine Enttäuschung und seinen Abscheu eingrenzen kann. Erics Schwäche führt er nicht nur, aber insbesondere darauf zurück, dass sein Bruder zu dominante weibliche Anteile in sich trage. Er selbst hält sich für äußerst männlich, was auch seine extreme Grausamkeit belegen soll, die er in der biologischen Natur des Mannes verortet. Frank spürt trotz und gerade wegen seines Unfalls in der Kindheit seine Männlichkeit in seinen „nicht kastrierten Genen“.
Als Eric schließlich zu Hause eintrifft, erfährt Frank etwas über sich, was er sich nie hätte träumen lassen.

„Die Wespenfabrik“ entwickelt eine satirische Perspektive auf Geschlechterrollen, Männlichkeit, Religion, die Formung eines Menschen durch seine Erziehung und Umwelt. Franks Leben basiert auf einem grotesken Irrtum. Banks’ Roman dürfte einer der konsequentesten und brutalsten Beiträge zur Gender-Diskussion sein.

„Die Wespenfabrik“ ist weder ein schöner noch hoffnungsvoller Roman. Tatsächlich zeigt er eine Welt, in der es keine Hoffnung gibt, es sei denn als Illusion.

(Holger Wacker, Februar 2012)

Ihre Meinung zu »Iain M. Banks: Die Wespenfabrik«

Janko zu »Iain M. Banks: Die Wespenfabrik«19.01.2015
Ein Psychopath unter sich…ertrinkt in schaurig, orgiastischen Tierquäler-Phantasien. Nicht jedermanns Sache sicherlich und auch nicht mein Ding. Der Sinn des Geäußerten hat sich mir somit auch über die vollen 268 Seiten nicht so recht erschließen wollen. Sinnfreie Mono- und Dialoge reihen sich nahtlos aneinander. Auch die Handlung ist alles andere als geistreich. „Die Wespenfabrik“ scheint nicht mehr als ein schlechter Scherz zu sein. Der Plot hat durchaus seine Momente, die man allerdings fast schon mit der Lupe suchen muss. Ohnehin kann ich selten was mit den sogenannten Klassikern anfangen, falle aber immer wieder darauf herein. Der Schluss ist dermaßen grottenschlecht, dass man sich fragen muss, was sich der Autor dabei eigentlich gedacht hat. Warum „Die Wespenfabrik“ zu einem Bestseller avancierte, ist mir nach der Lektüre mehr als schleierhaft. Meine Wertung: 55/100.
Karsten Fischer zu »Iain M. Banks: Die Wespenfabrik«31.10.2008
Na, wenn das keine durchgeknallte Geschichte ist, dann kenn' ich keine. Es ist eigentlich eine Familiengeschichte, nur ist es keine durchschnittliche Familie und daher auch keine durchschnittliche Story. Es ist eine düstere, verdrehte Geschichte.
Iain Banks schafft hier etwas großartiges, denn er erzählt die Geschichte aus der Perspektive eines schwer gestörten Menschen, eines Psychopathen, der seine Zwänge als ganz normal empfindet und dementsprechend darüber hinwegsieht. Und dann gibt es noch den Bruder...

Nein, dies Buch ist nichts für Menschen mit ausgeprägter bildlicher Vorstellungskraft. Zuviel Verstörendes, zu viele Gegebenheiten die eigentlich Entsetzen auslösen müssten, dies aber dank der Erzählperspektive nicht tun.
In dem Buch gibt es keine Anreize zum Nachdenken, keine intellektuellen Stimuli. Es ist vielmehr eine emotionale Sonde, die, gut geschrieben, ohne Scheu und ohne Zögern die Abgründe menschlichen Verhaltens aufdeckt und diese - und das ist das erstaunlichste - alltagstauglich macht.
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