Interview Karl-Heinz Witzko

„Fantasy braucht Revolutionen!“

Mit seinen Kobolden hat sich der deutsche Fantasy-Autor Karl-Heinz Witzko ein ganzes Stück von seiner Rollenspiel-Vergangenheit entfernt. Mit der Phantastik-Couch sprach er über den schweren Stand der Fantasy im deutschsprachigen Raum, über aktuelle Trends und seriöse Koboldfeldforschung.

Phantastik-Couch.de: Wann haben Sie Fantasy für sich entdeckt?

Karl-Heinz Witzko: Tatsächlich in mehreren Schüben. Während meines Studiums schwatzte mir ein Freund einen Roman auf, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte, nämlich den Herrn der Ringe. Den müsse ich unbedingt lesen, meinte er mit feuchten Augen. Und weil er seine deutsche Ausgabe des Buchs bereits verliehen hatte, hielt ich plötzlich, ohne viel dazu beigesteuert zu haben, ein etwa zehn Zentimeter dickes englisches Taschenbuch in Händen, das schon wegen seiner Maße eher nach ernster Arbeit aussah als nach Vergnügen. Deswegen blieb es zunächst lange unbeachtet liegen. Allerdings war mir bewusst, dass ich es irgendwann zurückgeben müsste. Da ich Andys Gefühle nicht verletzen wollte, fasste ich den schlauen Plan, die ersten dreißig Seiten zu lesen, um dann zerknirscht behaupten zu können: „;Es liegt nicht an dem Buch, Andreas, sondern allein an mir! Du weißt ja, Fantasy mit diesem ständigen Gerede über Feen und Zwerge ist nicht jedermanns Sache.“

Allerdings erging es mir dann so, wie Millionen anderen Lesern. Ich habe das Buch in jeder freien Minute gelesen. Selbst noch während der Stunden nach einer feuchtfröhlichen Silvesterfeier. Allerdings vermute ich, dass einige etwas seltsame Passagen des Buches, an die sich angeblich niemand außer mir erinnert, mit dieser Silvesternacht in Verbindung stehen.

Danach gesellten sich noch etwas T. H. White, Tanith Lee und Fred Saberhagen hinzu, doch dann war erst einmal Schluss mit Fantasy. Ich war immer mehr ein Science-Fiction-Leser gewesen. Die Rollenspiele brachten den nächsten Schub. Das lief fast wie beim ersten Mal, nur ohne Silvester. „;Das musst du unbedingt lesen!“ Als ich dann selber schrieb, las ich dann auch vermehrt die Romane meiner Kollegen.

Phantastik-Couch.de: Was schätzen Sie besonders an dem Genre?

Karl-Heinz Witzko: Eigentlich bin ich da nur durch die Fantasy-Rollenspiele hineingerutscht. Man lernt sozusagen die Sprache und versucht sie dann selbst zu sprechen. Begünstigt wurde das allerdings dadurch, dass ich als Kind mit den gängigen griechischen und römischen Sagen, mit den Nibelungen und Dietrich von Bern, mit Hauffs Geschichten aus dem Morgenland und Ivanhoe aufgewachsen bin.

Phantastik-Couch.de: Im deutschsprachigen Raum hat Fantasy einen schwereren Stand als in den englischsprachigen Ländern. Was meinen Sie woran liegt das?

Karl-Heinz Witzko: Ich greife auf Hörensagen zurück: Bis vor kurzem konnten die meisten Verlage mit Fantasy nicht sehr viel anfangen. Sie war nicht sonderlich angesehen, so dass die zuständigen Lektoren nicht immer einen leichten Stand hatten.
Hier hat sich sehr viel geändert. Heutzutage treffe ich Verlagsleute sogar auf Rollenspielcons, wo sie sich über ihrer Zielgruppe informieren.

Andererseits fehlten aber auch die Leser. Wenn es sie gab, dann oft nur für angelsächsische Autoren. Ich finde auch heutzutage in Foren noch oft die Meinung, dass man von einem deutschen Fantasyautor nicht allzu viel erwarten dürfe.

Phantastik-Couch.de: Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach Fantasy aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von amerikanischen, britischen und australischen Werken?

Karl-Heinz Witzko:Lassen Sie mich mit einem Bonmot meines Kollegen Bernhard antworten: Die Übersetzungskosten der Deutschen sind niedriger.

Was gemeinhin unter Fantasy verstanden wird, ist eine angelsächsische Erfindung. Die längere Erfahrung mit diesem Genre und die weitere Verbreitung der englischen Sprache, d. h. der größere Markt, sorgen für einen Globalisierungseffekt. Wir alle haben englischsprachige Autoren gelesen und können welche benennen, die wir gut finden. Bei nichtenglischsprachigen sieht das sofort anders aus. Das ist so ähnlich wie früher in der Popmusik. Die Unterschiede sind dann wahrscheinlich gar nicht so groß, es sei denn, der jeweilige Autor beschließt bewusst, andere Dinge zu beschreiben oder Themen aufzugreifen, als es sein englischer oder amerikanischer Kollege. Etwa indem er sich regionalen Legenden und Sagen zuwendet. Eine Fantasygeschichte, die sich an die Sage von der Nixe im Blautopf anlehnt, würde ich von einem Amerikaner nicht erwarten.

Phantastik-Couch.de: Welchen Trend sehen in der deutschsprachigen Fantasy?

Karl-Heinz Witzko: Mir fiel auf, dass viele neuere Autoren eine Rollenspielvergangenheit haben, sei’s nur als Spieler oder als Umfeld ihrer ersten Publikation. Das muss jedoch nichts zu bedeuten haben. Tolkien hätte womöglich auch gerne eine Rollenspielvergangenheit gehabt, falls es solche Spiele zu seiner Zeit schon gegeben hätte. Der auffälligste Trend – und das ist bestimmt keine Insiderinformation – ist der große Erfolg der Fantasyvölker-Romane, die in der Nachfolge von Die Orks auf den Markt kamen. Die Zeit wird zeigen, ob sich das als Segen oder Fluch auswirkt. Zum einen erhalten neuere deutsche Autoren damit eine gute Chance, sich zu etablieren. Man hofft auch, eine größere Leserschaft an diese Literatur zu gewöhnen. Anderseits besteht selbstredend die Gefahr, dass sich der Lesergeschmack normiert zu: Fantasy ist grundsätzlich acht Zentimeter dickes, episches Ringen wehrhafter Völker. Das wäre fatal. Denn Fantasy braucht Revolutionen. Mindestens so viele, wie sie die Science Fiction längst hatte.

Phantastik-Couch.de: Wen halten Sie für die wichtigsten unter den deutschsprachigen etablierten Autoren, wen für die aussichtsreichen Aspiranten?

Karl-Heinz Witzko: Ich muss gestehen, dass mir für die Beantwortung eigentlich der Überblick fehlt. Tatsächlich ist das eine typische Frage, mit der ich mich während der Arbeit an der Gezeitenweltserie an meine Kollegen Thomas Finn, Bernhard Hennen und Hadmar Wieser gewandt hätte: „;Tom, Bernie, wen halte ich für die wichtigsten Autoren?“ Die beiden kennen nämlich fast jeden.

Thomas hätte dann vielleicht geantwortet: „;Wolfgang Hohlbein kennst du?“ – „;Klar, mit dem war ich fast mal essen. Zudem ist er mit Bernhard bekannt.“ – „;Gut dann füge noch Andreas Eschbach, Cornelia Funke, Kai Meyer oder Frank Schätzing hinzu.“

Bei den Aspiranten fällt die Antwort leichter. Die letzten Jahre haben etliche neue Autoren hervorgebracht. Ein Teil hatte jetzt seine ersten großen Erfolge, bei anderen dauert es vielleicht noch etwas. Einige von ihnen treffe ich beinahe regelmäßig bei Lesungen und mit ein paar war ich tatsachlich schon essen (und nicht nur fast): Markus Heitz, Christoph Hardebusch, Heide Solveig Göttner, die schon genannten Thomas Finn und Bernhard Hennen, Monika Felten. Es gibt noch mehr. Nur fallen sie mir momentan nicht ein.

Phantastik-Couch.de: Sie haben bisher vor allem für das Fantasy-Rollenspiel „;Das schwarze Auge“ (DSA) Abenteuer und Bücher geschrieben. Was bedeutet diese Arbeit für Sie?

Karl-Heinz Witzko: Sie war sehr wichtig. Meine ersten und immer noch meisten Veröffentlichungen stammen aus dieser Periode und haben mir einige treue Stammleser beschert.

Phantastik-Couch.de: Spielen Sie noch regelmäßig? Wenn ja: Welche Spiele?

Karl-Heinz Witzko:Ich kam einige Zeit höchsten alle halbe Jahre noch zum Spielen, weil mir die Mitspieler für eine Rollenspielrunde fehlten. Inzwischen habe ich wieder eine feste Gruppe. Wir spielen Schwarzes Auge. Ich hätte auch nichts dagegen in den 1960ern als Werwolf oder cthulhuoider Forscher zu all den Konzerten zu gehen, die ich nur von Plattencovern oder aus der Literatur kenne.

Phantastik-Couch.de: Beeinflussen Rollenspiele auch Ihre Schreibe in Büchern wie „;Die Kobolde“, die nichts mit Aventurien oder anderen RPG-Welten zu tun haben?

Karl-Heinz Witzko:Das denke ich wohl. Man eignet sich ja durch das Basteln an Rollenspielvölkern eine bestimmte Arbeitsweise an. Das heißt, wenn ich ein neues Volk einführe, das langfristig eine Rolle spielen soll, müssen bestimmte Fragen beantwortet werden:
Wie heißen die Bewohner? Sprich, nach welcher Gesetzmäßigkeit werden ihre Namen gebildet?
Was charakterisiert ihre Architektur? Haben sie einen Götterhimmel? Wie sieht er aus? Was essen sie …usw.

Was Architekturfragen anbelangt, habe ich mir mittlerweile angewöhnt, einen Architektenfreund zu Rate zu ziehen. Ich erkläre ihm, was ich mir ungefähr vorstelle. Er hat dann meist ganz gute Einfälle und Anregungen.

Phantastik-Couch.de: Zurzeit erscheinen eine Menge Bücher, deren Titel schon Programm sind: Fantasy-Völker. Ich denke da an „;Die Elfen“, „;Die Orks“, „;Die Zwerge“ oder „;Die Drachen“. Was haben diese Bücher für Sie gemeinsam, was trennt sie?

Karl-Heinz Witzko: Tatsächlich haben sie nichts gemeinsam, außer dass das namensgebende Volk eine wichtige Rolle spielen sollte. Was sie trennt ist die spezifische Herangehensweise des Autors. Es gibt ja keine gemeinsame Welt, auf der diese Völker angesiedelt wären.

Phantastik-Couch.de: Anders als Hobbits oder Elben sind Kobolde keine Geschöpfe Tolkiens. Warum haben Sie sich gerade dieses Volk als Protagonisten ausgesucht? Was macht diese Wichte für Sie und die Leser besonders?

Karl-Heinz Witzko: Das geht auf eine Anregung meiner Lektorin zurück, die mich beim Traumbeben betreute. Allerdings waren zu der Zeit die ganzen coolen Völker, wie Orks, Elfen, Zwerge längst vergeben. Sie brachte dann die Kobolde ins Spiel. Ich war zuerst etwas skeptisch, da ich mir epische Schlachten, ausgetragen von Recken, die aufrecht unter den meisten Tischen hindurchspazieren können und bei man denen aufpassen muss, nicht ständig über sie zu stolpern, schwer vorstellen konnte. Gut, das haben andere Leute trotzdem gemacht. Meistens werden die Gegner dann angepasst und ebenfalls geschrumpft, so dass der Leser insgeheim nur alle Größen wieder verdoppeln muss, um wieder beim menschlichen Maß anzugelangen.

Was macht die Wichte besonders? Sie sind einfach anders. Sie haben selbst in der Gefahr noch eine unbeschwertere Lebensart. Ihre Geschichte ist kleiner. Sie handelt nicht von den Schicksalsstunden eines Volkes, sondern vom Überleben einer kleinen Gruppe ausgesprochener Individuen in einer für sie fremden und nicht immer verständlichen Welt.

Phantastik-Couch.de: Sie schreiben sehr witzig und einfallsreich, ganz dem Charakter von Kobolden entsprechend. Welche Szene in „;Die Kobolde“ hat Ihnen beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?

Karl-Heinz Witzko: Viele. Aber um wenigstens etwas konkreter zu werden: die beiden Pseudo-Märchen, in denen die Herkunft von Riettes Name erklärt wird. Es war einmal ein kleines Koboldmädchen …das äußerst bedenkliche Freunde hatte.

Phantastik-Couch.de: Woher nehmen Sie die Ideen für die Handlung? Von listigen Kobolden, die ihnen beim Gassi gehen über den Weg laufen? ;-))

Karl-Heinz Witzko:Leider nicht. Dahinter steckt viel harte Arbeit, seriöse Feldforschung und die Bereitschaft, eine Zeitlang alles ein wenig verdreht zu sehen. Die genannte Feldforschung bestand etwa in der Vermessung der kleinen Tochter von Freunden. Als interessantes Ergebnis kam dabei heraus, dass Kobolde wegen des schnellen Wachstums von Kleinkindern eigentlich ein sehr kleines Zeitfenster haben, in dem sie ihrem Tagewerk nachgehen können. Rasch ist der Säugling zu groß bzw. sind die Koboldärmchen zu kurz. Hebelwirkung und so.

Mit dem verdrehten Sehen ist es eine andere Sache. Die Türen haben zum Beispiel ihren Ursprung in alten amerikanischen Kriminalfilmen. Ich hatte das Bild von vier Kobolden im Kopf, die aus einer schwarzen Limousine sprangen, um eine Bank zu überfallen oder ein Kind zu stehlen. Dazu gehört immer ein Fluchtwagen mit Fahrer. …In der Fantasy gibt es keine Fluchtwagen. Also musste ein Ersatz her. Daraus wurde die Tür, die gleichzeitig Fahrer und Fluchtwagen ist. Ihre Reaktionen und wie sie von den anderen behandelt wird, sind nicht ohne Vorbild.

Phantastik-Couch.de: Kobolde sind tief verwurzelt in der germanischen Mythologie. Welche Quellen, welche Geschichten haben Sie inspiriert: Alte Sagen oder eher die Märchen der Gebrüder Grimm?

Karl-Heinz Witzko: Beides sogar. Zu Anfang wusste ich nicht sehr viel über Kobolde. Ich habe mir daher zuerst einen Überblick verschafft, welche Koboldvorstellungen es in den europäischen Mythen überhaupt gibt. Man kommt da zu einer sehr großen Gruppe von Haus- und Naturgeistern mit den erstaunlichsten Mitgliedern, die letztlich nur gemein haben, dass sie bösartig und nachtragend sind, was nun gerade das war, was ich am wenigsten brauchen konnte. Ich habe mir die markantesten Eigenschaften herausgegriffen und aus ihnen meine Kobolde zusammengebraut. Das Kleine Volk steuerte die Vorliebe für Milch bei, die Heinzelmännchen die handwerklichen Fähigkeiten, die Wechselbälger kamen mehr aus dem heimischen Raum, die Streiche gab es bei mehreren Varianten usw. Das wollte nun alles verstanden und mit Erklärungen versehen sein.

Was bedeutet etwa gute Handwerker? Sicher nicht nur besser als Menschen. Nein, Können und praktischer Nutzen sollten nicht zwangsläufig zusammengehören. Daher stellen die Kobolde gelegentlich Dinge her, deren praktischer Nutzen unbekannt ist, nur um sehen, ob sie es können. Das ist wie bei den alten Griechen und der Mathematik.
Was hat es mit Streichen auf sich? Sie sind nicht nur eine Blödelei, sondern ein wesentliches Kulturmerkmal. Streiche spielt man, um jemanden Willkommen zu heißen. Sie sind ein Zeichen von Wohlwollen und Wertschätzung und Ausdruck guten Benehmens.

Gegensätzlich dazu gibt es die bösen Streiche. Sie sind nicht lustig und bezeichnen Verhalten, das den Kobolden unverständlich ist. Sie sind ein Ausdruck der Anarchie, die den geordneten Koboldalltag durcheinander bringt. Oder wären es, wenn im Koboldland nicht sowieso Anarchie herrschte und der Alltag seiner Bewohner nicht reichlich chaotisch wäre.

Die Grimms kamen eher bei der Beschreibung der Menschenwelt ins Spiel, als ich mich entschied, mich nicht an einer geklonten Tolkien- oder Rollenspielwelt zu orientieren mit kriegerischen Zwergen, kriegerischen Elfen und mächtigen Magierbünden, sondern die Welt unserer Märchen als Blaupause zu nehmen. D. h. keine Zauberer, dafür Hexen und Feen. Kein Nebeneinander von Menschen und Nichtmenschen, sondern unsicheres Wissen bei der Menschenseite.. Manche glauben, dass es Kobolde und Wichtel gibt, andere halten sie für Aberglauben.

Phantastik-Couch.de: Zum Schluß – natürlich – die Frage: Was haben sie als Autor als nächstes geplant? Vielleicht „Die Schiffskobolde“ mit dem Klabautermann in der Hauptrolle? Maritime Fantasy gewinnt ja immer mehr Freunde.

Karl-Heinz Witzko: Die seefahrenden Kobolde, die ihre Mannschaften mit erfundenen Sprachen quälen sind reizvoll und nicht vergessen. Allerdings gibt es jemand, der es längst leid ist, im Dunkeln zu leben und sich von schleimigem Fisch und trockenen Mäusen zu ernähren, und der von einer Rückkehr auf seinen alten Platz träumt.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Witzko!

Dieses Interview führten Verena Wolf und Frank Dudley. Sie können es auch in der englischen Übersetzung nachlesen.