Interview mit Alan Campbell Juli 2007

„Wenn Gott also tot ist, werden wir nicht alle zugrunde gehen“

Der Schotte Alan Campbell hat bislang als Entwickler von Computerspielen wie „Grand Theft Auto“ gearbeitet. Der Fantasy-Roman „Scar Night“ ist sein Debüt als Schriftsteller, in das er seine Game-Erfahrung einbauen konnte. Wie das mit den wuchtigen Themen Sünde, Moral, Blut und Erlösung zusammenpasst, hat er uns in einem Gespräch mit ihm verraten.

Phantastik-Couch.de: Alan, was hat dich dazu gebracht, „Scar Night“ zu schreiben?

Alan Campbell: Ich lese für mein Leben gern Geschichten, was unausweichlich dazu geführt hat, meine eigenen zu schreiben. Als ich die Zeit dazu fand, begann ich zu schreiben. Es fing mit einem einfachen Satz an, aus dem eine Szene wurde, und dann wuchs alles immer weiter, bis ich bemerkte, dass es eine lange und komplexe Geschichte war, die ich in den Händen hatte.

Phantastik-Couch.de: Welchen Einfluss hat deine Erfahrung als Computerspiel-Entwickler darauf?

Alan Campbell: Ich bin mir nicht sicher, ob es das Schreiben an sich beeinflusst hat oder eher den Schreibprozess. Da ich an groß angelegten Computerspiel-Projekten arbeite, habe ich wahrscheinlich mehr Geduld als früher. Ein Buch zu schreiben ist ein bisschen wie ein Spiel zu entwickeln, weil man es Stück für Stück aufbaut, um dann dauernd zum „debuggen“ nach hinten zu springen.

Phantastik-Couch.de: Kannst du dir „Scar Night“ als Computerspiel vorstellen?

Alan Campbell: Oh ja. Aber eher wie „Myst“ als seine Art Puzzle oder Abenteuer zum nachdenken, nicht so sehr als actionreiche Metzelei. (Falls das hier irgendwelche Spielentwickler lesen, dann kann ich ihnen nur sagen, das „Scar Night“ das beste Action-Metzelei-Spiel der Welt ergäbe, sie sollten sich also unverzüglich mit meinem Agenten in Verbindung setzen.)

Phantastik-Couch.de: Bevorzugst du Mac oder PC? ‹berzeugung oder Pragmatismus?

Alan Campbell: Ich habe keine Erfahrung mit Macs, also eher PC. Und immer Pragmatismus – ich glaube vollständig daran, auch ohne Belege oder Beweise.

Phantastik-Couch.de: Religion spielt eine zentrale Rolle in „Scar Night“, es geht um Sünde, Erlösung und ewiges Leben. Woher kommt diese doch sehr mystische Herangehensweise?

Alan Campbell: Deepgate erschien mir wie ein passender Ort, diese Dinge zu untersuchen, aus dem einfachen Grund weil die Stadt über einem unerforschten und möglicherweise bodenlosen Abgrund hängt.

Phantastik-Couch.de: Für die Einwohner von Deepgate ist der Himmel geschlossen, stattdessen kommen alle in die Hölle, wo sie zu Geistern werden; Engelwerden instrumentalisiert, sterben aber aus: Das drückt eine sehr nihilistische Sicht auf Religion und Gesellschaft aus. Nietzsche behauptete „Gott ist tot“, glaubst du das auch?

Alan Campbell: Da die Bibel Menschenopfer, Sklaverei und Steinigung als Strafe für Gotteslästerung und Ehebruch befürwortet, ist sie eigentlich nicht gerade die beste Referenz für moralisches Handeln. Jedenfalls kann man sie nicht wörtlich nehmen. Ich glaube aber, dass die allermeisten Leute wissen, was richtig und was falsch ist. Wenn Gott also tot ist, werden wir nicht alle zugrunde gehen.

Phantastik-Couch.de: Die Figur Devon ist eine klassischer verrückter Wissenschaftler, dessen Erfindungen ihn psychisch und physisch verkrüppelt haben. Hast du schlechte Erfahrungen mit der Wissenschaft gemacht?

Alan Campbell: Eigentlich nicht. Im Schullabor habe ich mal Bromiddämpfe eingeatmet, danach fühlte ich mich etwas benebelt, aber das war’s auch schon. Andererseits weiß ich nicht, ob ich es mir genauso ginge, wenn ich in der Nähe von Tschernobyl wohnen würde.

Phantastik-Couch.de: Sind die Spine in „Scar Night“ nach dem Vorbild des perfekten Soldaten erschaffen – emotionslos und schmerzfrei, töten ohne zu fragen?

Alan Campbell: Die Spine haben kein Gewissen und sind nicht in der Lage, Befehle zu hinterfrage, aber das macht sie als Soldaten nicht effektiver. Rachel wurde noch nicht initiiert und kann deshalb nicht alles tun, was die anderen Anwärter können. Aber aufgrund ihrer Intelligenz hat sie gegenüber ihren Kameraden Vorteile.

Phantastik-Couch.de: In deinem Blog schreibst du, dass du in Budapest gewesen bist. Hat das die Erschaffung Deepgates beeinflusst?

Alan Campbell: Budapest hat mir ausgesprochen gut gefallen, aber in Deepgate steckt mehr von Edinburgh.

Phantastik-Couch.de: Und von Schloss Ghormenghast.

Alan Campbell: Stimmt, dass kann ich nicht wegargumentieren. Ghormenghast hat mich schwer beeindruckt, als ich noch Student war. Ich glaube, weil ich das Buch einfach nicht aus der Hand legen konnte, habe ich die Prüfung in Integralrechnung versägt. Aber die Tatsache, dass ich in dem Fach schlecht war, hat auch nicht gerade zum Erfolg beigetragen.

Phantastik-Couch.de: Würdest du in Deepgate leben wollen?

Alan Campbell: Nur mit Garten. Aber da die Grundstückspreise in den Bezirken Lilley und Bridgeview sehr hoch sind, wird es wohl nicht dazu kommen. Wahrscheinlich müsste ich eine Wohnung in Workers Warrens mieten, wo ich mich nicht sehr wohl fühlen würde.

Phantastik-Couch.de: Wer gehört zu deinen Lieblingsautoren?

Alan Campbell: Außer Mervyn Peake und vielen anderen mag ich George R. R. Martin, Stephen Donaldson und M. John Harrison. Die Geschichten von Clark Ashton Smith mit ihren verrottenden Gräbern, Vampiren und merkwürdigen, komplizierten fremdartigen Welten haben auch etwas in mir ausgelöst – das ist wunderbar bizarres Zeug.

Phantastik-Couch.de: Es gibt Diskussionen über die Unterschiede zwischen schottischer und englischer Fantasy und Science Fiction – gibt es die wirklich? Und ist „Scar Night“ dann schottische Fantasy?

Alan Campbell: Ich glaube nicht, dass es da eine unterschiedliche Herangehensweise gibt. „Scar Night“ hat manchmal möglicherweise eine Art schottisches Feeling, weil ich natürlich von meiner Umgebung beeinflusst werde: Namen von Orten, die städtische Umgebung, sogar wie um mich herum gesprochen wird.

Phantastik-Couch.de: Die anglo-amerikanische und australische Fantasy hat den Pfad verlassen, den Tolkien angelegt hat. Wohin wird sie sich wenden?

Alan Campbell: Ich habe wirklich keine Ahnung, aber es wird großen Spaß machen, das herauszufinden. Wenn Drachenreiter Handys zu Verständigung einsetzen, dann werde ich glücklich sein.

Phantastik-Couch.de: Was hältst du von deutscher Fantasy?

Alan Campbell: Leider spreche ich kein Deutsch, deshalb bin ich in Sachen deutscher Fantasy nicht auf dem neuesten Stand. Wenn ich an deutsche Fantasy oder zumindest germanische Fantasy denke, dann fällt mir sofort das Nibelungenlied ein. Mein Musiklehrer hat uns mal eine Aufnahme von Wagners „Der Ring des Nibelungen“ vorgespielt und die Geschichte dazu erklärt. Wahrscheinlich war ich damals zu jung, um die Musik recht zu würdigen, aber ich erinnere mich daran, wie mich Siegfried und Brunhilde, die Götter, Zwerge und Giganten fasziniert haben. Das war lange, bevor ich begann, Fantasy zu lesen. Aber vielleicht hat es einen Keim gesetzt.

Phantastik-Couch.de: Wie hoch ist dein momentaner Bücherstapel und was liegt obenauf?

Alan Campbell: Mein derzeitiger Bücherstapel füllt den Großteil zweier Zimmer aus. Weil ich zurzeit am nächsten Buch arbeite, habe ich kaum aktuelle Fantasy gelesen. Stattdessen habe ich mich wieder den alten Klassikern zugewandt, die ich schon so oft gelesen habe, dass ich sie fast auswendig kenne. Vielleicht befürchte ich auch, etwas zu entdecken, dass dem ähnelt, was ich selbst schreibe. Die alten Bücher hingegen werden mich nicht mehr beeinflussen, als sie es schon getan haben.

Phantastik-Couch.de: Wann können wir mit dem nächsten Deepgate-Roman rechnen?

Alan Campbell: Ich hoffe, Anfang des nächsten Jahres.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Interview, Alan!

Alan Campbell: Danke, dass ihr mich gefragt habt.

Interview und Übersetzung: Frank Dudley. Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.