Interview mit Bernd Rümmelein

„Kryson“ kann man als Plädoyer gegen den Krieg und dessen schreckliche Folgen sehen.

Bernd Rümmelein, Gewinner des Wolfgang-Hohlbein-Preises 2009, erklärte sich direkt nach der Preisverleihung im März gern dazu bereit, uns ein ausführliches und sehr erhellendes E-Mail-Interview zu seinem Debut-Roman und seinem Einstieg in die Welt des professionellen Autorentums zu geben. Wir bedanken uns an dieser Stelle nochmals für seine Geduld bis zur Veröffentlichung des fertigen Interviews und den angenehmen, sympathischen Schriftwechsel. 

Phantastik-Couch.de: Zuerst einmal, Bernd: Nochmals herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Wolfgang-Holbein-Preises 2009. Wie fühlt sich das jetzt, mit einigen Wochen Abstand, an?

Bernd Rümmelein: Vielen herzlichen Dank. Auf der Messe war ich wirklich überrascht über die vielen Fans und Interessierten, die sich am 14. März auf der Preisverleihung eingefunden hatten. Es gab viel an gutem Zuspruch. Eine tolle Veranstaltung, wie ich fand. Das macht Mut und natürlich Lust auf „mehr davon“. Es war für mich eine große Ehre und Freude vor diesem tollen Publikum den Preis entgegennehmen und aus „Kryson“ lesen zu dürfen. Vielen Dank an dieser Stelle an die Fans, Wolfgang Hohlbein und Ueberreuter mit allen Beteiligten. Alle waren super zuvorkommend und sehr nett.
Mit etwas Abstand fühlt es sich immer noch sehr gut an, selbst wenn es im Alltag auf eigenartige Weise „unwirklich“ erscheint. Es war etwas Besonderes.

Phantastik-Couch.de: Hat sich seit der Preisverleihung und der offiziellen Vorstellung Deines Debut-Romanes etwas für Dich verändert?

Bernd Rümmelein: Es hat sich für mich in meinem Leben tatsächlich nicht viel verändert. Ich stehe fest auf dem Boden der Realität, habe eine wunderbare Familie, einen festen Beruf und führe ein wirklich erfülltes Leben. Das war vor der Preisverleihung so und ist auch danach weiterhin so. Natürlich gibt es den ein oder anderen Glückwunsch von unerwarteter Seite. Es gibt einige Interviewanfragen von interessierten Journalisten und Angebote von anderen Verlagen, die es bislang in dieser Form nicht gab. Das freut mich natürlich, weil es mir weitere Perspektiven aufzeigt und neue Möglichkeiten eröffnet.

Phantastik-Couch.de: Dein erster Verlag, Otherworld, (und mit diesem zusammen Dein „Kryson“) ist ja im März diesen Jahres zum österreichischen Verlag Ueberreuter als neue All-Age-Fantasy-Sparte gewechselt. Inwiefern beeinflusst das jetzt Deine Arbeit und die Zukunft der geplanten Serie?

Bernd Rümmelein: Der „Otherworld“-Zukauf hat keinen Einfluss auf meine Arbeit oder die Serie. „Kryson“ war ein Wettbewerbsbeitrag für den Wolfgang-Hohlbein-Preis. Ich habe das Manuskript bei Ueberreuter eingereicht. Die Rechte an der Serie gehörten und gehören „Ueberreuter“, insoweit ist Otherworld tatsächlich nur ein Label – allerdings ein sehr starkes -, das der Verlag im nachhinein gekauft hat. Sicherlich steht die Einführung des Labels für ein Umdenken und eine Neuausrichtung des Verlages Ueberreuter in der Fantasyschiene. Besonders schön finde ich natürlich, dass ich an diesem meiner Meinung nach sehr wichtigen Schritt teilhaben darf und mit meinen Büchern einen hoffentlich wesentlichen Beitrag leisten kann, diese Neuausrichtung zu einem Erfolg werden zu lassen.

Phantastik-Couch.de: Zu „Kryson“: Kannst Du unseren Lesern kurz schildern, was sie auf Deiner Welt – und vor allem im ersten Band „Die Schlacht am Rayhin“ erwartet?

Bernd Rümmelein: Die Kurzvariante? Ein buntes, düsteres und episches Panorama aus Liebe, Hass, Krieg und dem fortwährenden Kampf der Gegensätze bekommen die Leser dieses Buches vorgesetzt. Die etwas ausführlichere Variante: Die Leser erwartet ein High-Fantasy Epos, das ich mit einigen zusätzlichen, düsteren Elementen aus der Dark Fantasy angereichert habe. „Kryson“ ist eine sehr komplexe Welt. Das Buch selbst würde ich – klar ich bin der Autor – als durchaus anspruchsvoll bezeichnen. Jedenfalls habe ich meine ganze blühende Phantasie in dieses Buch gelegt. Besonderen Wert habe ich auf die Ausgestaltung dieser Welt und die Charaktertiefe gelegt. Es ist sicher kein allzu leicht zu konsumierendes Werk. Es gilt, die Welt in ihren unterschiedlichen Ebenen zu ergründen. Das mag anfangs schwerer fallen, gelingt aber den meisten Lesern – soweit ich die meisten Stimmen bisher gehört habe – spätestens nach dem zweiten Kapitel sehr gut und dann immer besser. Den ersten Band würde ich als etwas actionlastiger bezeichnen, was natürlich an dem Szenario eines Krieges und der bevorstehenden Entscheidungsschlacht liegt.

Was gibt es noch über den ersten Band zu sagen? „Kryson“ ist kein Kinder- oder Jugendfantasybuch. Es ist hart, stellenweise brutal und nicht blutleer. Allerdings gehört die geschilderte Härte zu diesem Szenario einfach dazu. Sie steht nicht für sich alleine da. Krieg ist kein Spaß und bringt keine strahlenden Helden hervor, sondern bedeutet am Ende nur Schmerz und Verzweiflung. Wenn du so willst, kannst Du „Kryson“ auch als Plädoyer gegen den Krieg und dessen schreckliche Folgen sehen. Im Übrigen darf man sich auf neue, ungewohnte Völker, fremdartige Länder und Sitten, schreckliche, übernatürliche Wesen, eine interessante Art der Magie und einige außergewöhnliche Charaktere freuen. Einer meiner Lieblingscharaktere ist übrigens Nalkaar, der Todsänger.

Phantastik-Couch.de: Kryson ist, sowohl, was die geplante Anzahl der Bände angeht, als auch stilistisch auf jeden Fall epische High-Fantasy. Immerhin ist der Zyklus ja bereits jetzt auf sechs Bände ausgelegt, von denen die ersten drei schon im September erscheinen sollen. Ueberreuter spricht wohl nicht umsonst vom „größten, deutschen Fantasy-Epos“. Was hat Dich dazu bewegt, Dir für Deinen Erstling gleich einen derartigen Brocken schwerer Kost vorzunehmen?

Bernd Rümmelein: Schwer zu sagen. Immerhin wird einem meist davon abgeraten, mit einem solch umfassenden Werk anzufangen. Allerdings bin ich ein Mensch, der auf solche Stimmen eigenartigerweise gar nicht hört. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich „Kryson“ einfach schreiben – seit zwanzig Jahren schon – und verspürte anfangs gar nicht den Wunsch, dieses Buch bei einem Verlag einzureichen oder gar zu veröffentlichen. Dann war der erste Band fertig, die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt und ich begann mit dem zweiten Band. Danach ging alles schnell.

Phantastik-Couch.de: Und wo wir schon dabei sind – „Die Schlacht am Rayhin“ hat gute 560 Seiten, Band zwei und drei sind ja offensichtlich ebenfalls schon fertig. Wenn man in Betracht zieht, dass Du ja noch einen Hauptberuf hast – wie lange (und wann) hast Du daran geschrieben?

Bernd Rümmelein: Ich hatte zum Glück einen kleinen Vorsprung und keinen allzu großen Abgabedruck, was die Abgabe der ersten drei Bände von „Kryson“ betraf. Die beiden Folgebände sind jeweils deutlich länger geraten als der erste Band. „Die Schlacht am Rayhin“ ist schon im Laufe des Jahres 2005 entstanden. Die reine Schreibarbeit am ersten Band hat etwa ein Jahr – mit kürzeren Pausen dazwischen – in Anspruch genommen. Die Fertigstellung des Manuskripts war dann im Sommer 2006, noch bevor die Ausschreibung zum Wolfgang-Hohlbein-Preis erfolgte. Im Oktober 2006 habe ich mit dem zweiten Band begonnen, der dann im Sommer 2007 fertig war. Aufgrund der hohen beruflichen Auslastung konnte ich in der Zeit von September 2007 bis Ende März 2008 nicht weiter an „Kryson“ arbeiten. Danach folgte allerdings der dritte Band, den ich im April 2008 angefangen und dem Verlag im September 2008 vorgelegt habe. Normalerweise brauche ich also für einen Band dieser Größe etwa sechs bis neun Monate.

Phantastik-Couch.de: Wie bringst Du Alltag, den Hauptberuf (zumindest, solange er das noch ist) und Schreibarbeit unter einen Hut? Kannst Du Deinen Hauptberuf und die Schreibarbeit überhaupt noch miteinander vereinen?

Bernd Rümmelein: Ich will die zweite Frage vorab mit einem eindeutigen „Ja, das geht“ beantworten. Ich bin und bleibe ein Viel- und Schnellschreiber. Schreiben ist eine Leidenschaft. Von daher muss das einfach funktionieren, denn der Beruf gibt mir die Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit, um überhaupt schreiben zu können. Das entscheidende Kriterium für Beruf und Schreibarbeit ist für mich aber eine gute Planbarkeit und ein vernünftig durchorganisierter Tagesablauf mit festen Schreibzeiten. Letztere habe ich regelmäßig in die nächtlichen Stunden gelegt.

Phantastik-Couch.de: Neben sehr detaillierter Charakterisierung der einzelnen Figuren hast Du offensichtlich sehr viel Zeit mit dem Weltenbau verbracht – was hat Dich dazu angeregt?

Bernd Rümmelein: Zunächst einmal macht es sehr viel Spaß, sich eine eigene Welt auszudenken und diese dann Stück für Stück auszugestalten: Völker, Kulturen, Religionen, Flora und Fauna, Wetterbedingungen, Naturereignisse, Wirtschafts- und Staatsysteme bis hin zum eigenen Währungssystem. Die Idee mit den beiden Sonnen – die ich als Bild im Kopf hatte – habe ich zum Beispiel lange mit einem Astrophysiker und Mathematiker diskutiert. Er war begeistert, berechnete und zeichnete mir dann tatsächlich nach meinen Vorgaben und Vorstellungen ein funktionierendes Modell auf und erklärte mir einige Auswirkungen. Ich brauchte eine Weile, bis ich es voll und ganz verstanden hatte. Aber dann habe ich es natürlich wie geplant verwendet und weiter visualisiert. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit. Bei Magiesystemen ist das besonders schwierig, weil sie theoretisch „Willkür“ und Zufälle nach dem Prinzip „alles ist möglich“ fördern und Naturgesetze aufheben. Ich habe versucht, „Kryson“ möglichst plausibel und nachvollziehbar auszugestalten, ohne die Möglichkeiten allzu sehr einzuschränken und hoffe, dass mir das einigermaßen gelungen ist.

Phantastik-Couch.de: Kryson spielt ja sehr intensiv mit Gegenpolen, mit „Licht und Finsternis“, dem „dunklen Hirten“ und dem „weißen Schäfer“, mit der Frage nach „Gut und Böse“. Auch Deine Figuren sind (bis auf wenige Ausnahmen) zumindest im ersten Band sehr klar einer Position zugeordnet – Elemente, die eigentlich in der modernen Fantasy in den letzten Jahren mehr und mehr in den Hintergrund treten, zugunsten von weniger klaren, „realistischeren“ Weltbildern. Warum hast Du die klassische Form der schablonenhaften Archetypen gewählt? Oder täuscht der erste Band gar und führt den Leser auf eine falsche Spur?

Bernd Rümmelein: Das ist richtig. Die Grundidee ist der stete Kampf zwischen dem Gleichgewicht und dafür brauchte ich zunächst einen deutlich abgesteckten Rahmen und klare Gegensätze, um in diese Welt einzuführen. Man darf sich aber von dieser anfänglichen Abgrenzung nicht täuschen lassen. „Schwarz“ und „Weiß“, „Licht“ und „Schatten“ oder auch „Gut“ und „Böse“, sind nicht so wie sie vordergründig aussehen mögen. Der weite Blick hinter die Fassade und in die unterschiedlichen Ebenen von „Kryson“ ist entscheidend.

Der erste Band von „Kryson“ mag auf den ersten Blick mit einigen Elementen und der Schlacht an einem Fluss tatsächlich „altmodisch“ daherkommen, ist aber im Grunde ein sehr modernes und etwas anderes Fantasyepos, als man dies bislang von deutschsprachigen Fantasybüchern gewohnt sein mag. Für den ersten Band und die Einführung in eine fremde, barbarische Welt hat sich der auf einen eindeutigen Höhepunkt – die Schlacht – zusteuernde Plot deshalb geradezu angeboten. Dahinter steckt aber weit mehr. Wichtig war für mich vor allen Dingen die Schaffung einer historischen Grundlage dieser Welt, die in ihrer Entwicklung weit zurück reicht. In Rückblicken wird diese immer mehr erhellt werden und damit auch das Verstehen und Hineinwachsen in die Welt von „Kryson“ vertieft werden.

Phantastik-Couch.de: Wie bei allen Debut-Romanen stellt sich natürlich die Frage nach den Vorbildern? Wen würdest Du zu Deinen literarischen Vorbildern zählen?

Bernd Rümmelein: Ich weiß nicht, ob ich echte Vorbilder habe. Es gibt Bücher, die mich wirklich fasziniert haben. Thomas Mann „Der Erwählte“ gehört mit Sicherheit zu diesen Werken. Was die Fantasy angeht, habe ich Michael Moorcock, Gene Wolfe und Stephen R. Donaldson in den achtziger Jahren verschlungen. George R. R. Martin und Tad Williams gehören zu meinen heutigen Favoriten, wobei ich gestehen muss, dass Patrick Rothfuss mit „Der Name des Windes“ eines der schönsten Fantasybücher geschrieben hat, die ich je gelesen habe.

Phantastik-Couch.de: Was liest Du zurzeit?

Bernd Rümmelein: Ich habe gerade „Der Name des Windes“ von Patrick Rothfuss gelesen. Aktuell lese ich zur eigenen Weiterbildung und Entspannung „Blutportale“ von Markus Heitz. Das ist zwar nicht ganz so anspruchsvoll, aber allemal unterhaltend. Daneben versuche ich endlich mit „Schattenfall“ von R. Scott Bakker weiterzukommen, das sich bislang spannend und sehr komplex angelassen hat.

Phantastik-Couch.de: Was motiviert Dich zum schreiben, was bewegt Dich – und was inspiriert Dich?

Bernd Rümmelein: Es ist es das gute Gefühl, kreativ sein zu können. Und natürlich schreibe ich liebend gerne für meine Frau und meine beiden Söhne. Echte Inspirationen sind bei mir unterschiedlichster Natur. Sie können überall auftreten und kommen oft überraschend. Meist sind es einfache Dinge in meiner Wahrnehmung. Es kann die besondere Gestalt einer Wolke am Himmel sein. Ein Gewitter oder gar ein Sturm. Manchmal ist es Musik, meist klassische Musik. Allerdings nicht die leicht beschwingte, sondern meist die schwere Kost. Gustav Mahler gehört beispielsweise zu den Komponisten, die ich auch während des Schreibens hören kann. Was bewegt mich? Kurz und knapp: Die Liebe zu meiner Frau und meinen Kindern und die Schicksale anderer Menschen bewegen mich.

Phantastik-Couch.de: Auch wenn Du noch eine Weile an Deinem Zyklus beschäftigt sein dürftest – Welches Genre, welche Geschichte zu schreiben würde Dich noch reizen? Was sind Deine Pläne für die Zeit nach Kryson?

Bernd Rümmelein: Nun da gibt es sicherlich Einiges, was mich reizen würde. Angefangen von einem wirklich bösen und düsteren Thriller bis hin zu phantastischen Romanen. Der Fantasy werde ich aber wohl immer treu bleiben. Ja, und auch ein Vampirroman – bitte schön unabhängig vom derzeitigen, nicht abreissen wollenden Boom – muss irgendwann fertig geschrieben werden. Aber natürlich gibt es noch unendlich viele Ideen für Geschichten, die sich umsetzen lassen. Gerne würde ich die Geschichte um „Rorgue“ aus „Des Kriegers Herz“ zu einem Roman ausbauen. Und dann gibt es noch ein Konzept für ein wirklich astreines und schönes, poetisch angehauchtes Fantasybuch. Einen nicht allzu ausufernden Einteiler, den ich ebenfalls gerne umsetzen würde. Vielen Dank für die Fragen, Tom.

Phantastik-Couch.de: Ich bedanke mich für Deine Geduld und die schnellen, ausführlichen Antworten, Bernd, und wünsche Dir viel Erfolg!

Das Interview mit Bernd Rümmelein führte Tom Orgel
Die Redaktion hat einige Kürzungen in den Fragen und Antworten vorgenommen.