Interview mit Carlos Ruiz Záfon

„Ich glaube, ich habe versucht, damit auszudrücken, dass dies der erste von mir geschriebene Roman ist, der sich wie “ich„ anfühlt und nicht so, als ob ich versuchte, jemand anderes zu sein.“

In der Juni-Ausgabe der Phantastik-Couch stellten wir Ihnen Carlos Ruiz Záfons Buch „Marina“ vor. Einen Horror-Roman, der vor seinem Welterfolg „Der Schatten des Windes“ entstand, diesem aber in Bezug auf sprachliche Raffinesse in nichts nachsteht. Lesen Sie in unserem Interview, warum „Marina“ Zafons persönlichste Geschichte ist.

Phantastik-Couch.de: In einem Brief an deine Leser in dem neu erschienen Roman „Marina“ schreibst du, dass diese Geschichte vielleicht Deine persönlichste sei. Warum? Hast du als fünfzehnjähriger Internatsschüler ein Mädchen wie die Hauptfigur Marina gekannt?

Carlos Ruiz Záfon: Alles, was man als Autor schreibt, ist persönlich. Aber im Fall von Marina steht mir die Geschichte nah aufgrund der Themen und Gefühle, die behandelt werden und weil es eine bestimmte Zeit meines Lebens beschreibt. Ich ging selbst auf eine solche Schule und kannte Mädchen, die Marina ein wenig ähnelten, aber die Figuren und die Geschichte sind erfunden, nicht autobiografisch. Wahrscheinlich fühle ich mich Marina so verbunden, weil mir die Geschichte viel bedeutete, als ich sie schrieb.

Phantasthik-Couch.de: Wie autobiographisch ist die Figur des Óscar Drai? Bist du auch jemandem wie Germán einmal begegnet?

Carlos Ruiz Záfon: Nein, ich habe weder German noch Oscar selbst getroffen. Er hat ein paar meiner Eigenschaften, aber andererseis haben ich und viele meiner Figuren ein wenig oder auch manchmal mehr als nur ein wenig gemeinsam.

Phantastik-Couch.de: Entspricht Óscars Schule, ein katholisches Internat, dem, das du selbst in Barcelona besucht hast? Und sind Óscars Streifzüge durch die Stadt deine eigenen?

Carlos Ruiz Záfon: Ja, die Schule ist schon ziemlich so wie die, auf die ich ging und Oscars Streifzüge ähneln meinen eigenen. Aber ich muss schon sagen, ich war ein weit größerer Herumtreiber und Entdecker. als Oscar es ist.

Carlos Ruiz Záfon

Phantastik-Couch.de: Du schreibst in diesem Brief auch, dass du mit diesem Roman deine „Stimme“ gefunden hast. Was bedeutet das aus deiner Sicht und woran wird der Leser diese erkennen?

Carlos Ruiz Záfon: Ich glaube ich habe versucht, damit auszudrücken, dass dies der erste von mir geschriebene Roman ist, der sich wie „ich“ anfühlt und nicht so, als ob ich versuchte, jemand anderes zu sein. Allerdings glaube ich nicht, dass diese Tatsache für den Leser wirklich wichtig ist.

Phantastik-Couch.de: Deine Romane zeichnet stets eine sehr eindringliche Sprache aus, du spielst gern mit Metaphern und Bildern. Deine Schauplätze und Figuren werden dem Leser einerseits vertraut, andererseits umgibt sie eine geheimnisvolle Aura. Wie machst du das? Wie spielt sich die Entstehung deiner Geschichten im Kopf ab?

Carlos Ruiz Záfon: Nun ja, ich arbeite hart daran, die Geschichte so effizient wie es mir überhaupt möglich ist, zu erzählen. Ich nutze viele Hilfsmittel und Techniken, die ich für dieses Ziel als nötig erachte. Ich finde, das ist die eigentliche Aufgabe eines Romanschriftstellers.

Phantastik-Couch.de: Du lebst und schreibst in Los Angeles. Doch bisher spielt keines deiner Bücher in Amerika, sondern überwiegend – wie auch „Marina“ – in deiner Geburtsstadt Barcelona. Wie kam es dazu, dass du Barcelona verlassen hast und warum kehrst du in deinen Büchern so gern dorthin zurück?

Carlos Ruiz Záfon: Ich lebe nur zeitweise in Los Angeles. Die übrige Zeit bin ich in Barcelona, also habe ich Barcelona nie wirklich verlassen. Barcelona ist meine Stadt, dort sind meine Wurzeln …Ich mag auch Kalifornien und es ist für mich eine zweite Heimat, ein Ort, an dem ich mich wohl fühle und ich in Ruhe arbeiten kann. So sehr ich Barcelona liebe, die Welt ist groß und es gibt viele interessante Ecken. Ich möchte so viel sehen, lernen und erfahren wie irgendwie möglich. Aber Barcelona trage ich immer im Herzen, wenn es mich nicht gerade umgibt.

Phantastik-Couch.de: Aufgrund deiner oft jungen Hauptfiguren werden viele deiner Bücher, insbesondere die „Nebel-Trilogie“ oder auch „Marina“, einer jugendlichen Zielgruppe zugeordnet. Siehst du selbst diese Bücher als Jugendbücher an? Warum schreibst du so gern Geschichten über Jugendliche?

Carlos Ruiz Záfon: Ich glaube es ist richtig und korrekt, dass die "Nebel-Trilogie" als Jugendbücher gelten. Ich habe sie für diese Altersgruppe geschrieben, hatte aber auch immer die Hoffnung, dass sie auch ältere Leser interessieren könnten. Bei Marina weiß ich nicht, ich denke es ist gar nicht so wichtig. Es ist schlichtweg ein Roman.

Phantastik-Couch.de: Deine Bücher sind Mixturen aus Schauerromanen, Krimis und Liebesgeschichten. Spiegeln diese Genrerichtungen auch deine eigenen Lesegewohnheiten wieder?

Carlos Ruiz Záfon: Nur bedingt. Ich lese viel und von allem ein bisschen. Ich lese zum Beispiel auch eine Menge Sachbücher. Und ich lese viele Genres, die ich nicht als Schriftsteller bearbeite. Ich interessiere mich einfach für vielerlei.

Phantastik-Couch.de: Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

Carlos Ruiz Záfon: „To End all Wars“ von Adam Horschild, ein Geschichtsbuch über den ersten Weltkrieg.

Phantastik-Couch.de: Man liest, dass du Drachen sammelst und dich mit ihnen verbunden fühlst. Was fasziniert dich an Drachen? Wirst du auch einmal einen Roman über sie schreiben?

Carlos Ruiz Záfon: Barcelona ist eine Stadt der Drachen und ich bin nur einer von ihnen. Ich mag die kleinen Monster. Ich glaube nicht, dass ich ein Buch über Drachen per se schreiben werde, aber in vielerlei Hinsicht schreibe ich schon über Drachen und was sie bedeuten, in weniger offensichtlicher Weise vielleicht.

Phantastik-Couch.de: Mir ist aufgefallen, dass du auf Fotos fast immer ernst schaust. Hat das einen bestimmten Grund?

Carlos Ruiz Záfon: Das müssen die Fotos eines Schwindlers gewesen sein. Ich lächle nämlich ziemlich oft! Zum Beispiel genau jetzt. …Mach schnell ein Bild!

Phantastik-Couch.de: In Deutschland wird leider zwischen Unterhaltungsliteratur und gehobener Literatur unterschieden und erstere von der Kritik oft nicht ernst genommen. "Der Schatten des Windes„, dein bisher erfolgreichstes Buch, wird als “ernsthafte" Literatur wahrgenommen und gewürdigt. Einem Vergleich zu diesem Werk müssen sich vermutlich alle anderen deiner Bücher stellen. Was hältst du davon? Ärgert dich das?

Carlos Ruiz Záfon: Selbst schuld schätze ich. Ich habe gar nichts dagegen, wenn eins meiner Bücher mit meinen anderen verglichen werden. Ich schätze, Menschen tendieren dazu. Ich bin einfach froh, wenn Leser so großzügig sind, mir ihre Zeit und Interesse zu widmen und meine Bücher lesen. Es steht ihnen selbstverständlich völlig frei, sie mit anderen Büchern zu vergleichen oder eben nicht.

Phantastik-Couch.de: Schreibst du im Moment an einem neuen Werk?

Carlos Ruiz Záfon: Ja.

Phantastik-Couch.de: Sind in naher Zukunft Lesungen mit dir in Deutschland geplant?

Carlos Ruiz Záfon: Das hoffe ich. Ich bereise sehr gern Deutschland und schaue mir das Land an. Bis dahin!

Phantastik-Couch.de: Bis dahin und DANKE für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Eva Bergschneider
Übersetzung: Verena Wolf