Interview mit Cassandra Clare

„Die Figur, die in den Chroniken der Unterwelt mir am ähnlichsten ist, ist Simon. Und in den Chroniken der Schattenjäger ist es Tessa, einfach weil sie so viel liest.“

In der modernen Urban Fantasy gehören Cassandra Clares „Chroniken der Unterwelt“ zu den populärsten Büchern überhaupt. Eine breite Fangemeinde liest und liebt die Abenteuer von Clary, der Schattenjägerin. Auch die zweite Serie „Chroniken de Schattenjäger“, zeitlich vorgelagert im viktorianischen London angesiedelt, verspricht ein Erfolg zu werden. Auf Lesungen entdeckt man Abbilder der Figuren im Buch, Cosplayer in Clary-Kostümierung, zuletzt im Rahmen der litCologne in Köln. Da muss man schon einmal eine Weile auf sein Interview warten, denn die Autorin kümmert sich zuerst um ihre Fans. Zum Glück bekamen wir schließlich doch noch interessante Antworten auf unsere Fragen nach den Schattenjägern und ihrer Erschafferin.

Phantastik-Couch.de: Cassandra, bitte stell Dich unseren Lesern vor. Wo lebst Du, wie und wo schreibst Du Deine Bücher?

Cassandra Clare: Ich bin Cassandra Clare, die Autorin zweier Fantasy-Reihen für Jugendliche. Eine heißt Mortal Instruments, auf Deutsch „Chroniken der Unterwelt“ und die andere Infernal Devices, auf Deutsch „Chroniken der Schattenjäger“. Ich lebe in der Nähe der Stadt Boston mit meinem Mann und habe drei Katzen. Und ich schreibe jeden Tag.

Phantastik-Couch.de: In Deiner Kindheit hast du in vielen verschiedenen Ländern gelebt. Denkst Du, dass diese frühe Erfahrungen, die du in unterschiedlichen Kulturen gesammelt hast, es einfacher für Dich gemacht haben, phantastische Welten und Figuren zu erfinden?

Cassandra Clare: Ja, ich glaube schon, dass das stimmt. Mark Twain hat einmal gesagt, dass die Welt ein Buch ist und die, die nicht reisen, nur eine Seite davon lesen. Ich glaube, das stimmt total. Je mehr man reist, umso mehr bekommt eine Ahnung davon, wie groß die Welt ist und ein Gefühl für die Vielfalt der Geschichte und Mythologie der Welt. Und das kann man in eine reichere und vielseitigere Fantasy einfließen lassen.

Phantastik-Couch.de: Deine Karriere begann damit, dass Du Fan-Fiction für „Harry Potter“ und „The Lord of the Rings“ geschrieben hast. Denkst Du, Fan-Fiction zu schreiben ist eine gute Übung für Autoren?

Cassandra Clare: Ich halte jede Art des Schreibens für eine wichtige Übung. Man sollte nicht Fan-Fiction schreiben, wenn man keine Lust darauf hat. Das sollte man nur machen, wenn es einem Spaß macht. Aber in Creative-Writing-Schulen ist es schon üblich, dass der Lehrer als Aufgabe sagt: schreib mal diese Geschichte im Stil von Hemingway oder führe diese Handlung weiter, allerdings vom Gesichtspunkt einer anderen Figur aus. Und so funktioniert Fan-Fiction auch. Es gibt Dir eine gewisse Grundlage um anzufangen, einfach weil schon das Grundgerüst vorgegeben ist. Darum denke ich, dass ist eine genau so gute Übung wie journalistisches Schreiben oder technisches Schreiben. Aber noch einmal, schreib Fan-fiction nur, wenn es Dir Spaß macht.

Cassandra Clare

Phantastik-Couch.de: Durch Deinen Blog und auf Lesungen wie heute hast Du einen direkten Draht zu Deinen Lesern. Wie wichtig ist Dir das?

Cassandra Clare: Das ist mir sehr wichtig. Ich halte Kontakt mit meinen Fans durch den Blog und versuche wirklich täglich Fragen zu beantworten. Ich habe auch ein Twitter- und ein Facebook-account. Ich glaube fest daran, dass soziale Netzwerke einem Autoren einen einzigartigen Einblick in die Köpfe der Fans der Fans geben können und das schätze ich sehr hoch.

Phantastik-Couch.de: Wir haben bei der Fragestunde nach der Lesung mitbekommen wie viele Vorschläge Du für Deine Bücher von Deinen Lesern bekommst. Hast Du jemals eine Idee aufgegriffen?

Cassandra Clare: Nicht so richtig, einfach aufgrund wie das Bücherveröffentlichen funktioniert. Zu der Zeit, wenn ein Buch rausgegeben wird und die Leute mir dazu Vorschläge machen habe ich schon das nächste Buch geschrieben oder sogar das Buch danach. Sie hängen sozusagen ein wenig immer hinterher. Aber im allgemeineren Sinn ist es natürlich schon hilfreich. Wenn zum Beispiel jemand sagt, dass er gern mehr über einen gewissen Aspekt des Buches wüsste oder über den Hintergrund einer Person, das kann absolut auf das, was ich zukünftig schreibe Einfluss nehmen.

Phantastik-Couch.de: „Die Chroniken der Schattenjäger“ spielen in London, nicht in Manhattan. Warum hast Du dich für London entschieden?.

Cassandra Clare: Ich war vor einigen Jahren für eine Lesung in London. Und wie so oft in England war das Wetter recht düster und neblig. Ich war spazieren und an einer alten Brücke dachte ich, die war schon lange da, bevor wir auf die Welt kamen und wird auch lange nach uns hier sein. Typische Autorengedanken schätze ich Und auf einmal tauchte da vor meinem geistigen Auge dieses Bild von einem Jungen und einem Mädchen in viktorianischen Klamotten auf, sie waren auf der einen Seite der Brücke und seltsame Kreaturen, „Clockwerk-Kreaturen“ auf der anderen Seite der Brücke jagten sie. So ging das mit Clockwork Angel los.

Phantastik-Couch.de: Manche Leser sagen, es gäbe Parallelen der beiden Serien bei den Figuren wie auch bei der Handlung. Wie stehst Du dazu?

Cassandra Clare: Ich glaube durchaus, dass es absichtliche Parallelen zwischen den beiden Serien gibt und auch Beziehungen, die so aufgebaut sind, dass sie oberflächlich ähnlich wirken. Aber die meisten Leser, die ich getroffen habe, die das zweite Buch der Chroniken der Schattenjäger gelesen haben, denken dann nicht mehr, dass alles so ähnlich und nur eine Wiederholung ist. Denn der Grundgedanke ist, dass die Ausgangssituation ähnlich ist, aber dass sich das Ganze dann völlig anders entwickelt. Es war meine Idee gewisse Archetypen als Figuren zu nehmen, aber in unterschiedlichen Situationen, die unterschiedlich ausgehen. Dementsprechend kann ich schon verstehen, warum sich manche Leser zu Beginn Sorgen machen, dass alles gleich sein wird, aber ich kann sie beruhigen: es wird alles ganz anders ausgehen.

Phantastik-Couch.de: „Die Chroniken der Schattenjäger“ ist zwar später von Dir geschrieben worden, spielt aber hundert Jahre vor der „Chroniken der Unterwelt“. Welche Serie ist einfacher zu schreiben und welche macht Dir mehr Spaß zu schreiben?

Cassandra Clare: Was einfacher ist und was mehr Spaß macht ist nicht ein- und dasselbe. Einfacher sind sicher die Chroniken der Unterwelt, schlichtweg weil sie nicht so viel aufwendige Recherche benötigen wie die Chroniken der Schattenjäger. Die Vorbereitung dazu dauerte ein halbes Jahr bevor ich überhaupt mit Schreiben anfing. In der Zeit las ich nur Bücher, die in der viktorianischen Zeit spielten und alle Filme, die ich mir anschaute spielten auch damals. Außerdem las ich Sachbücher und Geschichtsbücher über die Ära und am Ende fühlte es sich so an, als ob ich in einer viktorianischen Zeitblase lebte. Meine Freunde erklärten, dass ich sogar anfing so zu sprechen als ob ich 1878 leben würde. Es war ein sehr intensiver Prozess. Für jedes der Bücher habe ich sehr genau recherchiert. Das kann sehr schwierig sein, lohnt sich aber auch sehr, wenn man merkt, dass man es dann richtig hin bekommt. Also würde ich schon sagen, die Chroniken der Schattenjäger sind schwieriger aber vielleicht auch lohnenswerter zu schreiben und die Chroniken der Unterwelt sind unverfälschter und lustiger zu schreiben.

Phantastik-Couch.de: In Deutschland ist Steampunk ziemlich angesagt im Moment. War es ein Zufall, dass du die Chroniken der Schattenjäger im 19. Jahrhundert in London spielen lässt, in einem typischen Steampunk-Szenario oder hast Du das absichtlich gemacht?

Cassandra Clare: Für mich ist es interessant zu erfahren, dass Steampunk in Deutschland populär ist, weil in den Vereinigten Staaten ist das noch nicht so. Ich hatte zwar schon davon gehört und war sehr interessiert an Steampunk, aber es war auf jeden Fall mehr eine Untergrundbewegung. Es gibt zwar Klassiker des Steampunk, aber das sind keine Bestseller und kamen nicht so wirklich groß raus. Dementsprechend als ich darüber nachdachte ein solches Buch zu schreiben, dachte ich mehr so Teil einer Nischen-Ästhetik zu werden, die ich wirklich schätze. Ich hoffe wirklich, dass es sich auch in den USA mehr durchsetzt. Meine Bücher, die von Scott Westerfeld und von ein paar anderen, die recht bekannt sind im Moment sind Steampunk. Ich hoffe, dass bedeutet, dass es ein Trend ist, der stärker wird

Phantastik-Couch.de: Hast Du eine Lieblingsfigur?

Cassandra Clare: Ich kann nicht wirklich eine Lieblingsfigur benennen, dass wäre wie ein Lieblingskind zu wählen. Aber die Figur, die in den „Chroniken der Unterwelt“ mir am ähnlichsten ist ist Simon. Und in den „Chroniken der Schattenjäger“ ist es Tessa, einfach weil sie so viel liest.

Phantastik-Couch.de: War es Dein großer Traum Schriftstellerin zu werden?

Cassandra Clare: Ja, ich wollte Autorin werden, seit dem ich etwas 12 war und mein erstes Buch geschrieben habe.

Phantastik-Couch.de: Hast du jetzt, als erfolgreiche Schriftstellerin einen neuen großen Lebenstraum?

Cassandra Clare: Ach, ich bin sehr froh, wie die Dinge sich entwickelt haben. Mein großer Traum ist es, dass jedes Buch besser wird als die davor, als Schriftstellerin immer noch ein bisschen besser zu werden und hoffentlich eine lange Karriere zu haben.

Phantastik-Couch.de: Wir von der Phantastik-Couch.de sind selbstverständlich große Fantasy-Fans. Aber kannst Du dir vorstellen zu einem anderen Genre zu wechseln?

Cassandra Clare: Oh, I liebe wirklich Fantasy. Ich muss zugeben, Fantasy lese ich am liebsten und am liebsten schreibe ich auch Fantasy. Zwei Sachen, die ich aber gern machen würde wäre Fantasy für Erwachsene zu schreiben und auch für Kinder. So in etwa für die Altersgruppe, die Percy Jackson oder Harry Potter liest. Ich würde gern über verschiedene phantastische Welten schreiben, Aber ja, ich glaube schon, dass ich der Fantasy treu bleibe. Wann immer ich versucht habe realistische Fiktion zu schreiben, dachte ich immer: Was soll denn jetzt bloß passieren, es ist alles so langweilig. Es wäre so viel spannender, wenn jetzt ein paar Drachen oder Zombies angreifen würden! (Sie lacht.)

Das Gespräch führten Eva Bergschneider und Verena Wolf im März 2012
Übersetzung unf Foto: Verena Wolf
Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.