Interview mit Charles Stross

„Das Internet ist auf sehr reale Weise chinesisch.“

Wenn ein Drachen gemeinsam mit einer Bande Orks in einem MMPORG die Bank ausraubt und aus diesem absurden Aufhänger ein SF-Near-Future-Thriller wird, dann kann nur Charles Stross am Werk gewesen sein. Wir haben ihn zu seinem neuen Buch „;Halting State“, zu schottischem Dialekt und chinesischen Internetdienstleistern interviewt.

Phantastik-Couch: Vorneweg: Warum sollte Schottland ein unabhängiger Staat sein?

Charles Stross: Frag lieber, warum Schottland kein unabhängiger Staat sein sollte. Wenn man es nämlich so betrachtet, ähnelt es sehr den anderen kleinen, relativ reichen westeuropäischen Staaten – Norwegen oder Island – und wir fragen nicht, ob diese ihr Staatswesen aufgeben und sich einem anderem und größerem Ganzen anschließen sollten, oder?

Es gibt eine ganze Menge grundsätzlich schlechter Stimmung zwischen Schottland und England, auf die ich lieber nicht in voller Länge eingehen will, die aber mit der konservativen Regierung in 1979 anfing, als das Vereinigte Königreich zum Nutzen von Südostengland regiert wurde. Das Argument für die schottische Unabhängigkeit basiert auf dem Versagen der Zentralregierung, ausgeglichen für alle Regionen zu arbeiten; englischer und schottischer Regionalismus sind bis zu diesem Punkt zwei Seiten derselben Medaille.

Phantastik-Couch: Während ich das Buch las, hatte ich manchmal das Gefühl, dass deine Verwendung des schottischen Dialekts die Unterschiede zwischen Schotten und Engländern unterstreicht. Und dabei verlangst du schon einiges von Amerikanern und Zweitsprachlern mit Wörtern wie „d’ye ken“ oder „bampots“ …

Charles Stross: Ich bin vor ungefähr vierzehn Jahren von England nach Schottland gezogen, es ist wirklich sehr unterschiedlich was Kultur und Sprache angeht – so unterschiedlich wie, sagen wir, Mississippi und Massachusetts.

Unter dem Aspekt, dass SF als Genre versucht, fremdartige Gesellschaften und Zivilisationen zu beschreiben, betrachtet: Was ist Science-Fiction-artiger, als der Versuch, eine ziemlich unterschiedliche Zivilisation zu beschreiben, die direkt vor unserer Nase existiert?

(Nebenbei: Aus historischen Gründen wurden die meisten meiner Romane in den USA veröffentlicht und dann in UK. Das hieß, dass sie für amerikanische Leser bearbeitet wurden, und sie wurden nicht ins britische Englisch zurück-editiert für den hiesigen Markt. Dieser Dampfwalzen-Angang an regional-kulturelle Nuancen erscheint mit schändlich, und mit „Halting State“ hatte ich eine Ausrede, etwas dagegen zu tun.)

Phantastik-Couch: Du scheinst ja eine Vorliebe für Dialekt und Jargon zu besitzen. In „Halting State“ spielst du beide Trümpfe und sie dienen als klare Unterscheidungsmerkmale der drei Protagonisten.

Charles Stross: Wenn man mit der Zweiten-Person-Perspektive spielt, muss man auf alle Fälle vermeiden, dem Leser zu sagen, was „sie“ denken. Das ist eine echte Hürde! Also habe ich nach anderen Wegen gesucht, um die Unterschiede in den drei Erzählperspektiven hervorzuheben, damit ihre jeweilige „Stimme“ den Leser daran erinnert, durch wessen Augen er gerade blickt.

Phantastik-Couch: Glaubst du, dass Onlinespiele wie Second Life oder World of Warcraft Menschen dort zusammenführen können, wo Sprache sie voneinander trennt?

Charles Stross: Irgendwie funktioniert es, aber nicht unbedingt so, wie wir es erwarten würden! (Vor ein paar Jahren hat das US-Militär mit „;America´s Army“ ein kostenloses Multiplayer-Spiel zum Zwecke der Rekrutenanwerbung veröffentlicht. Zu ihrer großen Überraschung, haben Hacker aus dem nahen Osten und Pakistan das Spiel gekapert und umprogrammiert: Nun konnte man anstelle eines Rollenspiels als US-Soldat, der in einen namenlosen Terroristenstaat im Nahen Osten einfällt, den Widerstand gegen die gesichtslose mechanisierte Invasionsmacht simulieren ...)

Phantastik-Couch: Du hast ja schon Erfahrung als Unternehmer gesammelt – kannst du dir vorstellen, noch einmal ein Computerspiel-Startup zu gründen?

Charles Stross: Nein. Auf keinen Fall. Ich bin glücklich mit meinem Texteditor und Autorenleben.

Phantastik-Couch: Tausende von Chinesen arbeiten bereits als eine Art Kabelträger für reiche Europäer und Amerikaner, die voll im Online-Gaming aufgehen. Was können wir von dieser Entwicklung noch erwarten?

Charles Stross: Warten wir mal ab, was passiert, wenn die Europäer und Amerikaner nicht mehr so reich sind und die Chinesen diese Art von Arbeit nach Indonesien und Bangladesh outgesourct haben. (Der Bevölkerungsanteil mit Internetanschluss ist schon jetzt in China der weltweit größte und er wächst weiter. Das Internet ist auf sehr reale Weise chinesisch.)

Phantastik-Couch: Zurück zum Buch. „;Halting State“ läuft unter der Kategorie „;SF Thriller“, was aber auch umgekehrt gelesen werden kann. Welche Einteilung , falls überhaupt, bevorzugst du?

Charles Stross: Ich sollte „;Thriller“ sagen, das gibt mehr Geld, aber ich werde meine SF-Wurzeln nicht verleugnen. Außerdem ist das meiste, was ich schreibe, zu einem gewissen Prozentsatz Cross-Genre. (Zum Beispiel sind die „;Laundry“-Bücher – „;Dämonentor“ und „;The Jennifer Morgue“ – Spionagethriller mit zusätzlichem Lovecraft-Horror. Sie gehören zum aufkeimenden Sub-Subgenre Okkulte Geheimdienste.)

Phantastik-Couch: Wenn wir uns den technologischen Fortschritt ansehen, so können wir vermuten, dass die von dir in „;Halting State“ beschriebene Zukunft nicht mehr weit ist. Die Zukunft hat auch William Gibsons Romane schneller überholt, als wir erwartet haben – worüber wirst du schreiben, wenn diese fiktionale Singularität eintrifft? Mehr Fantasy?

Charles Stross: Nein: Weil für mich am Horizont mehr Formen der zukunft auftauchen werden, über die ich schreiben kann!

Phantastik-Couch: Und was können wir von Charles Stross in der allernächsten Zukunft erwarten?

Charles Stross: Mein nächster Roman, „;Saturn´s Children“, ist eine Space Opera. Er ist auch eine Hommage an Robert A. Heinlein, dessen hundertster Geburtstag im letzten Jahr war (das Jahr, in dem ich den Roman schrieb). Heinleins Spätphase natürlich.

(Jeder schreibt Heinlein Young-Adult-Stoffe – warum sollte ich der Herde folgen?)

Phantastik-Couch: Letzte Frage: Hast du vor, nach Deutschland zu kommen? Vielleicht zur Frankfurter Buchmesse oder einem größeren Con?

Charles Stross: Grundsätzlich ja, aber in den nächsten sechs Monaten habe ich eine ganze Menge vor.

Vielleicht im nächsten Jahr!

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das Gespräch!

Frank Dudley führte und übersetzte dieses Interview für Phantastik-Couch im Mai 2008.