Interview mit Christian von Aster

„Kinder stehen für das Unverdorbene, Unindoktrinierte und Reine.“

Ende September erschien beim Stuttgarter Verlag Klett-Cotta mit »Der Schattenschnitzer« der neue Roman von Christian von Aster. Der Autor, der sich selbst als »genregrenzensaboteur & cascadeur du mot« bezeichnet, hat sich in den letzten Jahren nicht nur mit seiner Reihe »Die große Erzferkelprophezeiung« eine treue Anhängergemeinde aufgebaut, sondern vor allem auch, weil er zu den wenigen talentierten Schriftstellern gehört, die auch auf ihren Lesungen faszinieren können und sich ihren Titel als Orator redlich verdient haben.

Phantastik-Couch.de: Fangen wir doch mit einer leichten Frage an. Die Titelgestaltung Deines Romans ist für einen fantastischen Roman äußerst ansprechend – doch was stellt sie dar?

Christian von Aster: Die Figuren auf dem Titel stehen für den Rat der Schatten, der seit ehedem über das Gleichgewicht von Schatten und Menschen wacht und dafür Sorge trägt, dass sowohl die Geheimnisse der Schattenmagie gehütet werden als auch die Schatten nicht aufbegehren. Im Zentrum des Bildes steht der Schemen Jonas Mandelbrodts, der schlussendlich zum Spielball der Schatten werden und, während das Dunkel sich über die Welt legt, zu einem Wissenden wider Willen wird.

Das geschieht im Zuge einer Jahrhunderte alten Verschwörung, die auf einen Alchemisten zurückgeht, der sich in den Kopf gesetzt hat, Gott herauszufordern, das Gleichgewicht zu zerstören und die Schatten gegen ihre Herren, also uns, zu führen …

Phantastik-Couch.de: Mit Jonas Mandelbrodt steht ein kleiner Junge im Zentrum des Machtkampfs um die Welt der Schatten und der Menschen. Warum hast Du Dir einen kindlichen Protagonisten ausgesucht?

Christian von Aster: Weil Kinder natürlich für das Unverdorbene, Unindoktrinierte und Reine stehen. Sie sind das Gefäß in das Eltern und Gesellschaft füllen, was es braucht, um die Kinder zu funktionierenden Individuen im Sinne des Systems zu machen. Kinder sind darauf angewiesen, dass jemand ihnen den Weg in die Welt zeigt. In diesem Falle ist es eine eher eigentümlicher Weg und die Kinder lernen uraltes Wissen und das Wesen der Schatten, bevor sie überhaupt Mensch werden können. Wobei man freilich nicht annehmen sollte, dass es sich aufgrund dieser Protagonisten um ein Jugendbuch handelt.

Christian von Aster

Phantastik-Couch.de: Ein Jugendbuch ist es sicherlich nicht, denn die Erkenntnis, daß die Menschen sich tagtäglich gegenseitig belügen und betrügen lastet schwer auf Jonas und hindert ihn daran, wie ein normales Kind aufzuwachsen. Wie können die Schatten damit leben, daß sie alles über ihre Menschen wissen – und wie schlecht diese sind?

Christian von Aster: Schatten sind ursprünglich Diener. Wobei Sklave beinahe das bessere Wort ist. Und vor dem Hintergrund ist womöglich verständlich, wie sie damit leben können …

Phantastik-Couch.de: Sind die Schatten für Dich ein Symbol menschlicher Unvollkommenheit und ein Aufruf zu mehr Ehrlichkeit und Offenheit?

Christian von Aster: Bei C.G. Jung steht der Schatten für die dunkle Seite unserer Persönlichkeit, die anzunehmen wir lernen müssen. In der Mythologie steht er unter anderem auch als Sinnbild für die Seele. Und nachdem ich mich noch durch die ein oder andere schattige Deutung bewegt habe, sind die Schatten für mich am ehesten ein Spiegelbild unseres Selbst, in dessen Dunkel vor allem unsere ungeahnten Möglichkeiten liegen.

Phantastik-Couch.de: Welche Bedeutung spielen Alchemie und Magie in diesem Buch – und welche Rolle spielt George Ripley?

Christian von Aster: George Ripley war Alchemist – dem man übrigens ebenso wie Nicolas Flamel nachsagt, den Stein der Weisen gefunden zu haben – der als Initiierter der Schatten gilt und im Zentrum der Erzählung steht. Ripley war ein Schattenschnitzer, Vertreter der älteren Schule der Schattenkundigen und mischte die Elemente der Magie mit denen der Alchemie. Und die großen Ziele der Magier und Alchemisten unterschieden sich nicht sehr voneinander. Schlussendlich ging es um Transmutation, ewiges Leben und schlussendlich Macht. Und letzteres ist auch die Motivation die Schatten zu beherrschen. Besonders im Hinblick auf das klassische Motiv der Gleichsetzung des Schattens mit der menschlichen Seele.

Phantastik-Couch.de: Warum unterliegt die alte Kunst der Schattenschnitzer den „neuen“ Schattenmagiern, denen es nur um Macht geht – und nicht um das Gleichgewicht und Frieden zwischen Menschen und Schatten?

Christian von Aster: Vor allem aufgrund der Tatsache, dass die ältere Schule von Respekt gegenüber den Schatten geprägt ist. Sie betrachtet sie als eigenständige Lebewesen und würde sie niemals als Waffe einsetzen, missbrauchen oder ihnen ihren Willen aufzwingen. Die Schattenschnitzer hüteten das Wissen eher,  als dass sie es benutzten. Im Gegensatz zu den Schattensprechern, die über das gleiche Wissen verfügen, die Schatten aber eher als Mittel zum Zweck verstehen. Die Frage beantwortet sich wahrscheinlich am ehesten im Vergleich mit einer Waffe und dem Unterschied zwischen dem der sie hat, und dem der bereit ist sie einzusetzen.

Phantastik-Couch.de: Wie würdest Du Dein Buch in drei Sätzen zusammenfassen?

Christian von Aster: Altes Wissen findet neue Wege.  Die Schatten erheben sich gegen ihre Herren. Und zwischen uns und dem Ende der Welt stehen nur ein Autist und ein Mädchen ohne Schatten.

Phantastik-Couch.de: Ohne das Ende zu verraten – würdest Du es als Happy-end bezeichnen?

Christian von Aster: Ich würde es in diesem Zusammenhang zumindest als Ende bezeichnen.

Und die Tatsache, dass einige Leser mich bereits nach einer Fortsetzung fragten, ließ mich durchaus ein wenig schaudern …

Das Interview führte Marcel Bülles im Oktober 2011
Foto: © www.danielafricke.ch