Interview mit Dan Wells

„Meine Schwiegermutter fragte – heimlich – meine Frau, ob sie denn denke, ich sei gefährlich“

Phantastik-Couch.de spricht mit Dan Wells über seinen spektakulären Thriller „Ich bin kein Serienmörder“.

Phantastik-Couch.de: Als erstes eine immer wieder gestellte Frage, auf die es manchmal sehr überraschende Antworten gibt: Wie bist Du dazu gekommen, Schriftsteller zu werden?

Dan Wells: Ich wurde Schriftsteller, weil meine Eltern viel lasen. Mein Vater hat uns fast jeden Abend vorgelesen und ich kann mich nicht daran erinnern, meine Mutter jemals ohne ein Buch in ihrer Hand gesehen zu haben. Ich bin inmitten von Büchern aufgewachsen und es erschien mir nur logisch, irgendwann mit schreiben anzufangen. Als ich sieben Jahre alt war, eröffnete ich meinen Eltern, dass ich plante, später Schriftsteller zu werden und ich wollte nie mehr etwas anderes machen. Leider ist die heutige Schulausbildung darauf ausgerichtet, Büroangestellte hervorzubringen, nicht Künstler, und als ich mit der Highschool fertig war, war ich der Überzeugung, dass man als Autor nicht seinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Dann besuchte ich einen „Creative-Writing“-Kurs bei David Farland, einem Fantasy-Schriftsteller und er sagte uns direkt am allerersten Tag, dass man mit Schreiben eine absolut brauchbare Karriere machen könnte, wenn man bereit sei, die nötige Arbeit reinzustecken. Ich habe mich reingestürzt und nie zurückgeschaut. Also ich schätze mal, die Antwort ist: Durch meine Eltern hatte ich den Traum zu schreiben und Farland brachte mir bei, wie ich ihn wahr machen konnte.

Phantastik-Couch.de: Dein erster Horror-Roman „I am not a serial killer“ wurde im März 2009 in Großbritannien, nun in Deutschland und wird erst im nächsten Jahr in den USA veröffentlicht. Warum so spät in Deiner Heimat?

Dan Wells: Ich schätze, es lag einfach an den Terminen des Verlags. Wirklich, ich habe das Buch zuerst in den USA verkauft, aber das Programm war schon voll für ein Jahr oder zwei. Deutschland und Großbritannien konnten sich einfach schon früher um mein Buch kümmern. Keine sehr aufregende Antwort, tut mir Leid.

Phantastik-Couch.de: Mir ist in der deutschen Ausgabe Deines Buches aufgefallen, dass explizit darauf hingewiesen wird, das es sich nicht um einen autobiographischen Roman handelt (ich nehme an, in der englischen Ausgabe steht das auch). War Dir der Hinweis wichtig? Wenn ja, warum, wo der Roman doch eine phantastische, nicht reale Geschichte erzählt?

Dan Wells: Das ist eigentlich ein Witz, der auf meine Schwiegermutter abzielt. Sie liest sehr gern und war ganz aus dem Häuschen, als sie eine frühe Version des Manuskripts lesen durfte. Sie mochte es zwar sehr, aber gruselte sich wohl auch ein wenig vor mir, denn sie fragte – heimlich – meine Frau, ob sie denn denke, ich sei gefährlich oder gestört. Das ist weit öfter passiert, als ich erwartet habe. Als meine Schwester das Buch las, sagte sie: „Ich weiß nicht, was beängstigender ist: das Buch selbst oder die Tatsache, dass mein eigener Bruder es geschrieben hat.“ Ich glaube die meisten Leute, die mich kennen hätten einfach nicht gedacht, dass ich so etwas düsteres schreibe. Im echten Leben bin ich nämlich ein sehr glücklicher, fröhlicher Mensch.

Phantastik-Couch.de: Und wer war Dein Vorbild für die Hauptfigur, den 15-jährigen John ? Gibt es tatsächlich einen Soziopathen mit dieser Obsession für Serienmörder?

Dan Wells: Alle Details des „typischen“ Serienkiller-Charakters in dem Buch sind wahrheitsgetreu, aber die Figur John basiert auf niemand besonderen. Ich schrieb das Buch vor so langer Zeit, dass ich nicht einmal Dexter als Einfluss nennen kann, obwohl ich seitdem ein großer Fan von Jess Lindsay und der Dexter-Serie geworden bin. Ich schätze mit beeinflusste Richard Mathesons Roman „I am Legend“ (auf deutsch: „Ich bin Legende“ Anmerkung des Übersetzers). Ich mochte einfach den brillanten Rollentausch, als der Vampirjäger selbst zum gruseligen Freak wird und ich habe mir gedacht, dass es Spaß machen würde, eine ähnliche Grundidee zu nehmen: ein Serienkiller, der Serienkiller umbringt. Die Grundidee hat sich dann in eine ganz andere Richtung entwickelt, als ich damit gearbeitet habe, aber so hat es angefangen.

Phantastik-Couch.de: Ist John in Deinen Augen wirklich ein Soziopath? Eigentlich ist er doch ein ganz Netter und ernsthaft bemüht, ein normaler Teenager zu sein?

Dan Wells: John hat auf jeden Fall einen starke Tendenz in die Richtung, obwohl er weit ich-bewusster ist als alle Serienmörder, über die ich gelesen habe. Im nächsten Jahr werden zwei weitere Bücher über John veröffentlicht, in denen man weit tiefer in seinen Charakter einsteigt.

Phantastik-Couch.de: Die Gespräche, die John mit Dr. Neblin, führt, helfen ihm, die Fassade eines normalen Lebens vorzutäuschen. Denkst Du, das ein Psychiater wirklich so therapieren würde?

Dan Wells: Die Therapiesitzungen kosteten mich eine Menge Recherche, viele Überarbeitungen und öfter ein: „Du machst doch eine Therapie, bitte lies das hier mal und sag mir, ob es so stimmig ist“. Ich kämpfte mit diesen Stellen mehr als mit irgendeinem anderen Aspekt des Buches, um ehrlich zu sein. Die Endversion kommt insgesamt gut an, aber die Meinungen gehen weit auseinder, die Kommentare reichen von „Dr. Neblin wirkt nicht authentisch “ bis hin zu: „Mein Therapeut war ganz genau wie er.“

Phantastik-Couch.de: Waren diese Gespräche auch als Reflexion für den Leser gedacht, um Johns Charakter besser zu verstehen?

Dan Wells: Schon bevor ich mit dem Schreiben anfing, wusste ich, dass John eine Menge Leute zum unterhalten brauchen würde. Weil er so einzigartig ist, kann eine Person allein unmöglich all seine Interessen teilen. Er spricht mit Max über den Mörder, mit seiner Mutter darüber, ein normales Leben zu führen und mit seiner Schwester darüber, wie schwer es ist, mit seiner Mutter zu reden. Dr. Neblin ist vor allem da, weil ich denke ein Mensch wie John würde wahrscheinlich einen Therapeuten haben, aber auch, weil John jemanden braucht, mit dem er sich über Psychologie unterhalten kann. Das Thema fasziniert John und er beschäftigt sich damit und es gab keinen anderen in der Geschichte, der sich auf demselben intellektuellen Level damit auseinandersetzt.

Phantastik-Couch.de: Warum hast Du ausgerechnet einen 15-jährigen Teenager auf die Jagd nach einem blutrünstigem Dämon geschickt? Warum keinen Erwachsenen?

Dan Wells: Die ursprüngliche Idee, die sich durch das gesamte Buch zieht, ist das Gedankenspiel: "Was, wenn ein Mensch alle Warnsignale zeigt, irgendwann zum Serienkiller zu werden und selbst alles mögliche daran setzt, das zu vermeiden? Ich habe über der Idee fast ein Jahr gebrütet, bevor ich das Buch schrieb und irgendwie kam ich immer wieder auf das Alter zurück. Der Charakter eines Serienmörders festigt sich in der Pubertät, dementsprechend erschien mir der Zeitpunkt haargenau davor der spannendste, die Weggabelung, an der er sich entscheiden muss. Zu beobachten, wie John mit sich ringt, sich entscheidet und sich in einen Serienkiller verwandelt (oder eben nicht), das ging nur in der Teenager-Zeit.

Phantastik-Couch.de: Würdest Du „I am not a serial killer“ einem Fünfzehnjährigen zu lesen geben? Oder ist der Roman für Jugendliche zu brutal?

Dan Wells: Das richtige Alter, das ich immer Leuten sage, ist „ungefähr 14, kommt auf die Reife an.“ Ich habe Zwanzigjährige kennen gelernt, von denen ich nicht glaube, dass sie schon so weit sind, das Buch zu lesen, aber auch Elfjährige, die es gelesen haben und es sehr mochten. Das Alter ist unwichtiger als die Leseerfahrung und ein gesundes Selbstbewusstsein, aber ich denke, ab 14, das passt schon.

Phantastik-Couch.de: Was empfandest Du, wenn Du Dich mit der anderen Hauptfigur, Mr. Crowley, beschäftigt hast? Mitleid? Angst? Abscheu?

Dan Wells: Mitleid ist vielleicht ein wenig zu hart, aber es kommt dem nah. Ich wollte Johns Entscheidung so schwer wie möglich machen, was bedeutet, dass man den Bösewicht vollkommen abstoßend finden, man sich aber gleichzeitig doch mit ihm identifizieren können sollte. In dem Punkt ist er John sehr ähnlich und einige Leser erklärten mir, dass sie sich nicht entscheiden konnten, wer am Ende siegen sollte. Eigentlich geht es für mich darum: John und der Dämon sind beide Außenseiter, die verzweifelt versuchen, dazu zu gehören, aber Sklave ihrer dunkleren Wesensart sind. Die Fähigkeit, ihre Veranlagung zu überwinden, wenn sie es denn können, macht sie erst zum Helden.

Phantastik-Couch.de: Wie sehr liegt Dir das grundlegende Thema des Romans, der Blick hinter die Fassade des „vermeintlich Bösen“, am Herzen?

Dan Wells: Wenn mich die Leute fragen, worum es in dem Buch geht, weiß ich nie, was ich sagen soll. Auf einer Ebene geht es um einen Jugendlichen, der ein Monster bekämpft. Auf einer anderen geht es darum, wie weit gehst du für etwas, an das du glaubst und auf noch einer anderen schlichtweg um Wille gegen Schicksal. Das wichtigste Thema für mich ist allerdings ein ganz anderes: Eigentlich ist es die Geschichte eines vaterlosen Jungen.

Phantastik-Couch.de: Zu „Ich bin kein Serienkiller“ soll es ja Fortsetzungen geben. Weißt Du schon, wie viele? Wird John irgendwann mal mit sich selbst ins Reine kommen?

Dan Wells: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es zwei weitere Teile, die bereits geschrieben sind. Eventuell wird es später weitere Geschichten zu erzählen geben, über John und die Menschen in seinem Leben, aber im Moment belasse ich es bei drei Teilen. Ich möchte nichts verraten, aber soviel kann ich sagen: im ersten Teil lässt John seine dunkle Seite frei und es ist sehr schwer, seiner dunklen Seite wieder Herr zu werden …

Phantastik-Couch.de: Wirst Du bei der bisherigen Auswahl der phantastischen Figuren, den Dämonen, bleiben? Oder sind auch andere Horrorgestalten, wie Vampire oder Zombies, denkbar?

Dan Wells: Es ist mir wichtig herauszustellen, dass das Monster des Buches nicht unbedingt ein Dämon sein muss, es ist nur eine Bezeichnung, die John benutzt, weil er nicht weiß, wie er ihn sonst nennen soll. Er borgt sich den Namen von einem anderen Serienmörder aus, bei David Berkowitz, der glaubte, dass ihn Dämonen zum Töten zwangen. Was immer sie wirklich sind, die zukünftigen Teile werden die Leser mit weiteren bekannt machen, die den Dämon des ersten Buchs regelrecht niedlich erscheinen lassen.

Phantastik-Couch.de: Liest du selbst am liebsten Horrorliteratur? Oder auch anderes? Gibt es Autoren, die Du besonders magst?

Dan Wells: Ich lese eigentlich alles, habe aber eine Vorliebe für historische Romane, Fantasy und „Klassische Literatur“. Einige meiner Lieblingsbücher sind „Dune – der Wüstenplanet“ von Frank Herbert, „Das Parfum“ von Patrick Süskind und „Les Miserables“ von Victor Hugo. Ich mag Schriftsteller wie Dostojewski, Bernard Cornwell, Neil Gaiman und Fred Saberhagen. Ich bin auch ein großer Anhänger der Poesie, ich mag Dichter wie A. A. Milne, Emily Bronte und John Keats. Im Moment lese ich gerade „The Darkness that Comes Before“ (auf deutsch: „Schattenfall“ Anmerkung des Übersetzers) von R. Scott Bakker und ich bin begeistert.

Phantastik-Couch.de: Hast du schon Ideen für zukünftige Projekte?

Dan Wells: Im Moment arbeite ich an einem weiteren Psychothriller und dann habe ich noch ein paar schräge Ideen im Hinterkopf, die ich gerne angehen möchte: Dark Fantasy, Steampunk, Zombies und all so was. Da ich nicht nur ein Genre lese, kann ich mir auch nicht vorstellen, nur ein Genre zu schreiben. Man sollte also besser auf alles gefasst sein!

Das Interview führte Eva Bergschneider, Übersetzung: Verena Wolf