Interview mit Daniela Knor

„Strahlende Helden ohne Fehl und Tadel liegen mir nicht so sehr“

Phantastik-Couch.de sprach mit der Fantasy-Autorin über ihren Werdegang, über ihren steigenden Bekanntheitsgrad, aber vor allem über ihren neuen Roman „Sternenwächter“ .

Phantastik-Couch.de: Wie hat sich Ihr Werdegang als Autorin entwickelt, wie ist es Ihnen gelungen, ihr Hobby zum Beruf zu machen?

Daniela Knor: Für mich war eigentlich schon in meiner Schulzeit klar, dass ich Autorin werden will. Als Hobby habe ich das Schreiben nie betrachtet; es stellte sich also die Frage, wie ich es zu meinem Beruf machen kann. Daran habe ich bereits während des Studiums nebenher gearbeitet und bei den Verlagen die üblichen Absagen bekommen, bis mir die Idee kam, das Hobby Rollenspiel mit dem Schreiben zu verbinden. Bei Fantasy Productions war man von meinen Texten sofort überzeugt, sodass bald eine enge Zusammenarbeit daraus wurde. So bekam ich einen Fuß in die Tür der Verlagswelt und mit der Zeit wurden dann auch Lektoren größerer Verlage auf meine Romane aufmerksam.

Phantastik-Couch.de: Wie sieht bei Ihnen der Arbeitsalltag aus, wenn Sie an einem Roman schreiben? Schreiben Sie ganz diszipliniert täglich 8 Stunden, oder passiert das eher in Schüben? Was inspiriert Sie und wie überwinden Sie Schreibblockaden?

Daniela Knor: Mein Arbeitsalltag erfordert tatsächlich viel Selbstdisziplin, denn es gibt ja keinen Vorgesetzten, der mir über die Schulter schaut, ob ich auch arbeite. Das eigentliche Schreiben halte ich zwar nur selten 8 Stunden am Tag durch, aber es gibt ja auch viel anderes, das zur Entstehung eines Romans gehört, wie die Recherche, das Entwerfen der Hintergründe, das Ausdenken von Namen, die konkrete Planung der nächsten Szene, des nächsten Kapitels etc. Es ist wirklich ein Vollzeitjob. Im Grunde sind es dieselben Dinge, die mich inspirieren und mir helfen, wenn ich mal blockiert bin. Dazu gehört auf jeden Fall Musik. Musik weckt Gefühle und Bilder, die mich dann zu Szenen oder Figuren anregen. Und dazu gehört auch die Natur. Bei Bewegung an der frischen Luft kommen mir oft die besten Ideen.

Phantastik-Couch.de: Wie ist überhaupt die Idee zu dieser Serie, die mit „Nachtreiter“ beginnt, entstanden? Was war zuerst da? Der Weltentwurf, die Figuren oder die Story?

Daniela Knor: Alle drei Elemente sind über viele Jahre organisch gewachsen. In meinen ältesten Entwürfen gab es nur ein paar der Figuren, die jetzt große Rollen spielen. Arion, Sava und Rodan gehören zu diesen Protagonisten der ersten Stunde, als die Story noch in den Kinderschuhen steckte. Weltentwurf und Romanhandlung sind sehr eng miteinander verzahnt, sodass ich beides gleichzeitig entwickeln musste. Mit dem Anwachsen der Welt kamen weitere Völker wie die Phykadonier hinzu, die dann auch starke Figuren brauchten, um ihren Teil zur Geschichte beizutragen. So kam eins zum anderen, und es geht beim eigentlichen Niederschreiben des Romans immer noch weiter.

Phantastik-Couch.de: Die Phykadonier sind ein ganz besonderes Volk, mit einer prägnanten Kultur und Religion. Sie erinnern ein wenig an Indianer oder auch an afrikanische Nomadenstämme. Mögen Sie uns verraten, welche Kulturen, Religionen und Sprachen Sie recherchiert und studiert haben, um dieses faszinierende Volk zu entwickeln? Wie viel Zeit mussten Sie dafür investieren?

Daniela Knor: Da ich über etliche Jahre hinweg immer wieder daran gearbeitet habe, kann ich den Zeitbedarf nicht gut schätzen. Anfangs dachte ich dabei an ein berittenes Nomadenvolk aus historischer Zeit wie die Hunnen oder die Magyaren, weshalb ich bei der Sprache der Phykadonier gern auf ungarische Wortstämme zurückgreife. Aber als ich Kultur und Religion konkreter ausarbeitete, wollte ich den Gegensatz zu den Rittern verstärken und beschäftigte mich intensiver mit den sibirischen und zentralasiatischen Spielarten des Schamanismus. Dadurch kamen dann auch mongolische Einflüsse hinzu. Indianische Elemente habe ich nicht bewusst hinzugenommen, aber einige Dinge wie Grachanns Adlerfedern wirken natürlich indianisch, weil wir solche Haartrachten am ehesten mit Indianern verbinden.

Phantastik-Couch.de: Das unheimliche Treiben der Dämonen sorgt in den Romanen „Nachtreiter“ und „Sternenwächter“ oft für eine unheimliche Atmosphäre. Liegen Ihnen die düsteren Motive eher als zum Beispiel die strahlenden Helden, die gegen Drachen kämpfen?

Daniela Knor: Strahlende Helden ohne Fehl und Tadel liegen mir in der Tat nicht so sehr. Für meinen Geschmack müssen Protagonisten auch dunkle Seiten haben oder manchmal fragwürdige Dinge tun, um glaubwürdig zu sein. Darüber hinaus gefällt mir an den düsteren Motiven, dass sie viel mehr Möglichkeiten bieten, Spannung und eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Nicht umsonst fürchten Kinder nur nachts, dass unter ihrem Bett ein Monster lauern könnte. Im hellen Tageslicht fühlen wir uns dagegen sicher.

Phantastik-Couch.de: Auch in Ihrer Fantasy-Serie überwiegen die männlichen Protagonisten bei weitem. Hatten Sie als Autorin nicht das Bedürfnis, mehr Frauen in die Fantasy einzuführen?

Daniela Knor: Das ist eine Frage der Geschichte, die man erzählen möchte. Sava gehörte ja zu den ersten, war vielleicht sogar die früheste der Figuren, und mir schwebte von Beginn an vor, dass sie sich gegen große Widerstände von „fremdbestimmtem Heiratsmaterial“ zu einer selbstbestimmten, mächtigen Priesterin entwickeln sollte. Eine solche Geschichte kann nur in einer Gesellschaft angesiedelt sein, die Frauen unterdrückt. Daraus ergab sich, dass Männer das dominierende Geschlecht sind und viele wichtige Funktionen besetzen. Quasi als Gegengewicht habe ich die sehr unabhängige Anidim und die mächtigen alten Frauen (die Hohepriesterin und die Weltenwanderin) ins Spiel gebracht, und passend zu Savas Wandlung spielen Frauen im Verlauf der Trilogie eine immer wichtigere Rolle. Im dritten Band wird es dann neben Sava noch eine zweite weibliche Perspektive geben, sodass sich das Verhältnis etwas ausgleicht.

Phantastik-Couch.de: Zur Zeit ist ja die sogenannte „All-Age“ Fantasy sehr angesagt. Ihre Bücher möchte man dagegen nicht unbedingt jungen Lesern in die Hand drücken, würden sie doch in „Sternenwächter“ auch über Vergewaltigung und Kannibalismus lesen. Haben Sie bewusst diese Fantasy-Romane für ein erwachsenes Publikum geschrieben, um das Genre ein wenig aus dieser „Jugendliteratur“ Schublade heraus zu holen, in die es immer noch gern gesteckt wird?

Daniela Knor: Ja und nein. Ich schreibe zwar bewusst für ein erwachsenes Publikum, aber da ich als Jugendliche selbst lieber Erwachsenen- als Jugendbücher gelesen habe, entspricht das auch mehr meinem persönlichen Geschmack. Mir geht es aber auch darum, keine verklärte, heile „Pseudo-Mittelalter“-Welt zu zeigen, so als wäre in einer solchen Welt automatisch alles eitel Sonnenschein. Feudalismus war – wenn überhaupt – stets nur für den Adel erstrebenswert. Dass es in einer solchen Gesellschaft zu Willkür und Machtmissbrauch kommt, liegt wohl in der Natur der Sache. Der Kannibalismus ist dagegen einfach nur ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Kulturen und Wertesysteme sein können. In einer Umwelt, die knapp an Nahrung ist, kann es ein Überlebensvorteil sein, die Toten zu essen, und dann entwickelt sich unter Umständen ein Brauch daraus.

Phantastik-Couch.de: „Nachtreiter“ und „Sternenwächter“ sind in recht kurze Kapitel, in der das Geschehen aus wechselnden Perspektiven der verschiedenen Protagonisten geschildert wird, aufgeteilt. Wie darf man sich die Entstehung der Texte vorstellen? Haben Sie zuerst z. B. Arions Geschichte und dann die Grachanns geschrieben und anschließend die Unterteilung gemacht, oder sind die Kapitel in der chronologischen Reihenfolge entstanden, in der wir sie lesen?

Daniela Knor: Da variiere ich. Wenn ein Handlungsstrang eine Weile eigenständig bleibt (der Protagonist also den anderen Figuren mit eigenen Perspektiven nicht begegnet), schreibe ich gern einige Kapitel am Stück, um in derselben Perspektive bleiben zu können. Die Unterteilung steht dabei aber meist schon vorher fest. An anderen Stellen schreibe ich dagegen in der Reihenfolge, wie es später auch gelesen wird. So lassen sich Wiederholungen und Kontinuitätsfehler besser vermeiden, aber es ist natürlich anspruchsvoller, ständig wieder „in einen anderen Kopf“ schlüpfen zu müssen.

Phantastik-Couch.de: Diese Kapitel enden häufig mit Cliffhängern, in der die Protagonisten in einer furchtbaren Gefahr zurückgelassen werden. War es schwierig, so spannende Situationen zu erfinden, dass man als Leser am liebsten zum nächsten Kapitel mit der Figur weiterblättern möchte?

Daniela Knor: Das fällt mir eigentlich nicht schwerer, als andere Wendungen zu planen, die eher der Story eine überraschende Richtung geben sollen. Die spannenden Situationen erfinde ich ja zum größten Teil bereits vorab, wenn ich die Handlung des Romans plane, und dabei weiß ich oft noch nicht, an welchen Stellen ich die Kapitel später beenden werde. Das ergibt sich dann eher beim Schreiben, dass ich plötzlich denke: Hier muss jetzt der Schnitt hin. Manchmal springt mich allerdings auch beim Planen schon eine solche Stelle an. Dann vermerke ich das gleich im Storyboard.

Phantastik-Couch.de: Welche Autoren lesen Sie selbst gerne? Haben Sie Vorbilder?

Daniela Knor: Früher habe ich in Leuten wie Marion Zimmer Bradley, Evangeline Walton und Richard Adams große Vorbilder gesehen. Mit der Zeit wurde es mir jedoch immer wichtiger, mich von ihnen zu lösen, und einen eigenen Stil zu entwickeln. Daher habe ich heute keine Vorbilder mehr, aber es ist selbstverständlich, dass das eigene Schreiben von allen Autoren beeinflusst wird, deren Werke man gern liest. Zu meinen aktuellen Lieblingsautoren gehören Bernard Cornwell, Tad Williams, und Schriftstellerinnen jenseits der Phantastik wie Marianne Fredriksson und Christa Wolf.

Phantastik-Couch.de: Wie gefällt Ihnen der Rummel um ihre Person, der sich ja automatisch mit dem höheren Bekanntheitsgrad einstellt? Was nervt Sie und was genießen Sie daran?

Daniela Knor: So ein Rummel wie um Pop- oder Filmstars wird (zum Glück!) ja nicht einmal um weltbekannte Autoren gemacht, sodass es um eine relativ neue Autorin wie mich eher ruhig zugeht. Natürlich nehmen öffentliche Termine, Interviews, Leseranfragen und Pressekontakte einen immer größeren Raum in meinem Leben ein, aber durch die Arbeit im Rollenspielbereich hatte ich die Möglichkeit, langsam in das Autorendasein hineinzuwachsen. Es bringt bis jetzt deutlich mehr positive als negative Aspekte mit sich, denn welche schönere Bestätigung kann es für einen Autor geben, als Fan-Post und gute Kritiken zu erhalten?

Phantastik-Couch.de: Sie schreiben ja schon seit Ihrer Kindheit. Immer Fantasy, oder haben Sie auch andere Genre ausprobiert? Können Sie sich für die Zukunft vorstellen, etwas ganz anderes, als Fantasy zu schreiben? Krimis, Science-Fiction, Drama?

Daniela Knor: Als Jugendliche habe ich mich neben Fantasy – wie so viele andere – auch an Lyrik versucht, aber die Prosa liegt mir eindeutig mehr. Später habe ich mich auch an den Gegenwartsroman heran getastet. Das Ergebnis hat mich selbst bis jetzt noch nicht überzeugt, weshalb ich noch keinen Verlag für ein solches Projekt suche, aber das kann ich mir für die Zukunft ebenso vorstellen wie Science Fiction und den Historischen Roman. Zu allen drei Bereichen habe ich konkrete Ideen, die ich neben der Fantasy nach und nach umsetzen möchte.

Phantastik-Couch.de: Im Moment schreiben Sie vermutlich am dritten Teil der Serie um die „Nachtreiter“. Können Sie schon den Titel für das Finale verraten, oder wann der Roman ungefähr erscheinen wird? Worauf dürfen sich Ihre Fans danach freuen?

Daniela Knor: Der geplante Titel für den dritten Band ist „Sonnenkrieger“, und er wird voraussichtlich im nächsten Frühjahr erscheinen. Was danach kommt, wird vom Verlag und mir zur Zeit noch beraten. Möglicherweise zunächst ein Science Fiction-Roman, aber sicher auch wieder Fantasy. In der Welt der „Nachtreiter“ gibt es noch einiges zu entdecken, das sich für weitere, eigenständige Romane anbietet.

Phantastik-Couch.de: Wir danken Ihnen, Frau Knor, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit Phantastik-Couch genommen haben.

Daniela Knor: War mir ein Vergnügen, und ich danke für Ihr Interesse an meinen Romanen.

Das Interview mit Daniela Knor führte Eva Bergschneider