Interview mit Desirée und Frank Hoese

„Dass wir keine optimistischen Frohnaturen sind, merkt man unseren Storys wahrscheinlich an.“

Cyberpunk und Hardboiled sind eine Genre-Kombination, die sich nicht gerade durch eine optimistische Weltsicht auszeichnet. Wir haben das Dortmunder Autorenpaar Desirée und Frank Hoese gefragt, ob sie genauso zynische Eigenschaften haben, wie die Hauptfiguren ihres Romans „Die Zyanid-Connection“

Phantastik-Couch: Dass es zwei Schriftsteller in einer Ehe gibt, ist ja nichts Ungewöhnliches. Paul Auster und Siri Hustvedt fallen mir da spontan ein. Weitaus seltener sind aber Texte, die in solchen Konstellationen gemeinsam verfasst werden. Wie kam’s, dass ihr gemeinsam schreibt?

Desirée (*1973) und Frank (*1967) Hoese

Das in Dortmund lebende Autorenpaar veröffentlicht seit 2003 phantastische Kurzgeschichten in Anthologien und Magazinen, unter anderem im Computermagazin c?t, der SF-Reihe des Wurdack-Verlages und der von H.W.Mommers herausgegebenen VISIONEN-Reihe. Das Spektrum ihrer Texte reicht von den phantastischen Genres SF, Fantasy und Horror über Krimi bis hin zu Pulp und Genrepersiflagen. Medientechnisches Neuland betraten die Hoeses mit ihrer „Sci-Fi- Horror- Krimi- Diginovela“, dem auf CD-Rom erscheinenden Fortsetzungsroman Mit Haut und Haaren, der im Rahmen des Stadtmagazins „Makukn“ seit Oktober 2006 in Dortmund und Hamburg zu lesen ist.

Im Sommer 2007 erschien ihr Romanerstling Die Zyanid-Connection, ein Genremix aus Hardboiled-Krimi und Cyberpunk, im Wurdack-Verlag. Texte der Hoeses wurden in der Vergangenheit mehrfach für Auszeichnungen nominiert, zuletzt für den Kurd-Laßwitz-Preis 2007 und den Deutschen Science Fiction-Preis 2007.

Desiree und Frank Hoese: Das hat Ende 2002 mit den Outskirt-Storys in der c’t angefangen. Am Anfang stand Franks Idee, einen Serienmörder-Plot in einer Cyberpunk-Umgebung anzusiedeln. In dieser ersten Fassung war Wren noch ein typischer Hardboiled-Detektiv: einsam, zynisch, abgebrüht. Wir haben den ersten Storyentwurf zusammen durchgesprochen, und Desirée entwickelte Instants Figur, während wir uns unterhielten. Wir stellten fest, dass Wren dadurch ganz andere Züge bekam und die Story ganz anders funktionierte. Dann haben wir zusammen Ideen zum Setting gesammelt, zum Hintergrund der Outskirt-Gesellschaft undsoweiter. Am Ende hatten wir eine Menge Stoff, der voll und ganz durch diese Kooperation zustande gekommen war. Das hat Spaß gemacht, also sind wir – neben unseren Soloprojekten – dabei geblieben.

Phantastik-Couch: Und war Science Fiction schon immer euer beider Lieblingsgenre?

Desiree und Frank Hoese: Von einem Lieblingsgenre zu sprechen, trifft die Sache nicht ganz. Unsere Favoriten sind über eine Menge Genres verteilt, und SF ist eines davon. Außerdem haben wir nicht das gleiche Verhältnis zur SF: Frank als 67er Jahrgang hat die Raumfahrtbegeisterung der Apollo-Jahre quasi mit der Muttermilch verabreicht bekommen. Die Pionierstimmung dieser Zeit, die zum Teil sehr unkritischen und euphorischen Hoffnungen, die in den technischen Fortschritt gesetzt wurden, und die Ernüchterung, als die Kehrseite dieses Fortschritts immer stärker zutage trat, sind in einige unserer gemeinsamen Geschichten eingeflossen. Desirée ist eher im Fantasy- und Horror-Genre zuhause als in der SF, wenn auch einige Autoren, die großartige SF geschrieben haben – zum Beispiel Ursula K. LeGuin oder William Gibson – zu ihren Favoriten zählen. Aber im Grunde sollte man diese Genreschubladen nicht allzu ernst nehmen – viele großartige Geschichten sind Märchen, die nur ein zeitgemäßes Kostüm angelegt haben.

Phantastik-Couch: Habt ihr deshalb einen Genremix aus Cyberpunk und Hardboiled ausprobiert? Oder anders gefragt: War es an der Zeit, den Faden wieder aufzunehmen, den William Gibson drei Jahre vorher mit „Futurematic“ abgelegt hatte? Richard Morgan hat in 2002 ja auch seinen ersten Takeshi-Kovacs-Roman herausgebraucht, der mit diesen Motiven spielt.

Desirée: Eigentlich haben wir uns da gar nicht ausdrücklich auf irgendeine Genretradition oder irgendeinen Standard bezogen. Die Idee war da, also haben wir die Story geschrieben. Wir fanden, dass Cyberpunk und Hardboiled gut zusammen passen. Hardboiled-Detektive sind häufig unter ihrem Zynismus angeknackste Romantiker, die am miesen Zustand der Welt leiden. Perfekt für ein Cyberpunk-Setting. Außerdem passte das Thema – ein Serienkiller, der sich als Forschungsprojekt der Rüstungsindustrie entpuppt – einfach prima in eine derartige Umgebung.

Phantastik-Couch: Was ist mit der Eigendynamik der Charaktere: Findet Ihr euch in Ihnen wieder? Seid Ihr auch „angeknackste Romantiker“ mit einer abgeklärten Weltsicht?

Frank: Dass wir keine optimistischen Frohnaturen sind, merkt man unseren Storys wahrscheinlich an. Eigentlich leben wir in einer ziemlich barbarischen Zeit, die trotz großartiger technologischer Fortschritte von krasser Verteilungsungerechtigkeit, unsinniger Machtkonzentration und rapide wachsender Ausgrenzung von immer mehr Menschen geprägt ist, die nicht in der Lage sind, sich auch nur mit den elementarsten Dingen zu versorgen. Viele unserer Geschichten drehen sich um das Thema, wie Menschen en gros oder als Individuen zum Spielball der Machtinteressen von Konzernen oder Institutionen werden. Der Mensch als Maß aller Dinge – das ist tatsächlich eine romantische Vorstellung geworden. Vielleicht könnte man uns tatsächlich als „angeknackste Romantiker, die unter dem miesen Zustand der Welt leiden“ beschreiben – zumindest teilweise. Und natürlich sind unsere Helden auch Sprachrohre für unser eigenes Unbehagen angesichts vieler Entwicklungen, deren Zeuge wir sind.

Phantastik-Couch: Was wäre denn für euch unter diesem Gesichtspunkt schlimmer: Die immer größere Schere zwischen Arm und Reich oder der immer konsequentere Einsatz von Technologie? Wer entscheidet bei letzterem über richtig und falsch – eine Super-AI, die aufgrund aller verfügbaren Ethik-, Moral- und Geschichtsdaten die faktisch beste Lösung errechnet?

Desirée: Das wäre wohl ein Horrorszenario, eine ultimative Diktatur. Eine Lösung für alle? Das gibt es nicht. Es gibt viel zu viele regionale, kulturelle, ethnische und religiöse Unterschiede in der Welt, als dass man die Bevölkerung eines ganzen Planeten mit dem eisernen Rechen auf Linie ziehen könnte. Es gibt sehr unterschiedliche Konzepte darüber, wie Menschen leben sollten. Welcher Rat der Superweisen sollte festlegen, wessen Konzept das brauchbarste ist? Und was geschieht mir den Menschen, die anderer Meinung sind? Schon die Vorstellung, es gäbe nur eine einzige richtige Lösung – eine richtige Religion, eine Form globaler Ökonomie und so weiter – ist schiere Weltflucht, weil sie mit der tatsächlichen Vielfalt von Konzepten, die in der Welt existieren, nicht fertig wird.

Konsequenter Einsatz von Technologie ist eine zweischneidige Sache. Technologie findet ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern wird von Menschen, die diese Technologie bezahlen können, in ihrem Interesse eingesetzt. Die Absicht, die dahinter steht, entscheidet letztlich, ob tatsächlich alle Menschen von ihrem Einsatz profitieren oder nur einige wenige. Wenn ich zum Beispiel höre, dass elektronische Fußfesseln gegen Schulschwänzer eingesetzt werden sollen, dann wird mir kotzübel. Technik ist immer nur so intelligent wie die Menschen, die sie bedienen.

Phantastik-Couch: Dass der Einsatz von High-Tech durchaus eine zweischneidige Sache ist, habt ihr Instant Auger in der Geschichte „Prometheus-Falle“ ja deutlich spüren lassen, als ihre Körper- und Brainbooster komplett ausgefallen sind. Aber zurück zur Absicht hinter dem Einsatz: Wren und Auger haben für mich etwas von Robin Hood in ihrem Widerstand gegen die Staatsmacht. Auch einige Bosse der verschiedenen Outskirts habt ihr mit einer romantisierten Ganovenehre versehen. Werden sie nicht irgendwann daran scheitern?

Frank: Und ob! Die Realität holt sie ein. Im letzten Drittel von „Zyanid“ – vor allem in „Zucker“ – beginnen die alten Konfliktlinien der Gangs wieder aufzubrechen. Bereits bei der Gründung des Konsortiums ist mit der Ermordung der Bosse Geeks und Patakis die Axt an die Wurzel dieses Pflänzchens gelegt worden. Die Bosse beherrschen zwar große Territorien, aber eben nur Territorien. An einem derartig globalen Projekt, wie sie es sich vorgenommen haben, müssen sie scheitern, denn dieses aus dem Boden gestampfte Joint-venture kann sich nicht wirklich einbilden, alle Fäden in der Hand zu behalten, wenn einflussreiche Global Player ins Spiel kommen. Einige Bosse haben das so geäußert. Custos und Roweenas Dominanz ist ein weiteres Problem. Nach dem Crash der CBC drängen asiatische Finanzkonsortien in die Lücke, denen es nicht besonders schwer fallen wird, dieses Aktionsbündnis von innen heraus aufzubrechen. Das allerdings ist Stoff für ein Sequel – in „Zyanid“ konnten wir das nicht mehr unterbringen. In „Die Prometheus-Falle“ haben wir Roweenas geboostete Hunde benutzt, um die Haltung der Bosse zu karikieren: Hinter ihrem freundlichen Grinsen blitzt ein stählernes Gebiss auf. Durch die Tünche von Romantik und Ganovenehre wird immer wieder die Bereitschaft deutlich, auch über Leichen zu gehen, wenn es nötig ist. In einem angedachten Sequel würden Wren und Instant getrennte Wege gehen; auch das ist in den Figuren angelegt.

Phantastik-Couch: Damit stoßt ihr die Tür aber ganz weit auf. Könnten ihre Wege sie auch von New Athens und den Outskirts wegführen? Etwa in den Orbit oder auf andere Planeten? Und wie weit reicht der Arm der CyberBionicCorporation?

Desirée: Na klar. Es gibt zum Beispiel eine Konferenz in Djakarta, an der Wren und Custo teilnehmen. Überhaupt wird das Geschehen wesentlich internationaler, mit einer Allianz neu gegründeter autonomer Zonen in den alten Elendsgebieten. Instant bleibt möglicherweise auch nicht in den Outskirts. Was die Raumfahrt betrifft, gibt es ja nur die Minen auf dem Mars …andere Planeten fallen damit weg. Natürlich könnte man dort etwas auf die Beine stellen. Ist aber bis jetzt nicht vorgesehen. Was die CBC betrifft, die ist nach dem Crash in eine Menge kleinerer Unternehmen zersplittert. Natürlich gibt es da noch Leute, die sehr, sehr böse auf Custo, Wren und Instant sind …seeehr böse! Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Phantastik-Couch: Apropos Zukunftsmusik: Werdet ihr die weitere Story wieder in einzelne Episoden aufteilen, um sie in C’t zu veröffentlichen, wird es sofort eine komplette Sammlung geben oder könnte gar eine längere Erzählform möglich sein?

Frank: Für die c’t haben wir zwei andere Storys in Arbeit. Wenn es ein Sequel zu „Zyanid“ geben sollte, dann als Roman. Das hängt aber von vielen Dingen ab, zum Beispiel davon, wie „Zyanid“ beim Publikum ankommt. Und abgesehen davon arbeiten wir gerade an anderen Projekten, auch in anderen Genres. Die haben gerade Vorrang.

Phantastik-Couch: Wir sind schon darauf gespannt Und vielen Dank für das Interview!