Interview mit E. L. Greiff

„Ich habe gewissermaßen dem universellen Lösungsmittel Wasser noch fantastischere Eigenschaften zugeschrieben als die, die es ohnehin schon hat.“

E.L. Greiff, die Autorin der „Zwölf Wasser“ Trilogie, deren Auftakt „Zu den Anfängen“ im Oktober 2012 erschienen ist, trafen wir auf der Frankfurter Buchmesse. Sie erzählte uns, wie sie auf die Idee gekommen ist, ein Fantasy-Epos über das Wasser und das Menschsein zu schreiben, und warum sie Bücher nicht mag, die man in einem Rutsch lesen kann.

Phantastik-Couch.de: Darf ich fragen, wofür die Abkürzung E.L. steht? Du hast Dich vor Veröffentlichung des ersten „Zwölf Wasser“ Bandes „Zu den Anfängen“ etwas geheimnisvoll gegeben, zum Beispiel während der Fragerunde auf der dtv-Facebook-Seite. Warum?

E. L. Greiff: Die Abkürzung E. L. steht für Ella Luisa. Ich hatte folgenden Grund für diese Zurückhaltung: Ich wollte als Person hinter dem Buchtext zurücktreten. Der Text ist mir wichtig und wer ihn schreibt, ist für mich zweitrangig. Ich weiß natürlich, dass die Leser gern wissen möchten, wer derjenige ist, und daher gebe ich jetzt auch Auskunft.

Phantastik-Couch.de: Magst du Dich unseren Lesern ein wenig vorstellen?

E. L. Greiff: Ich bin in Südafrika geboren, dort aber ganz schnell weggezogen. Ich bin deutsch sozialisiert und habe in Berlin und Bochum gelebt, nun wohne ich aber in den Niederlanden. Ich habe die Nähe zum Wasser gern und bin dort ganz nah an der Küste. Aber eigentlich bin ich Deutsche.

Phantastik-Couch.de: Was hast du bisher gemacht und wie bist Du zum Schreiben gekommen?

E. L. Greiff: Ich habe am Theater gearbeitet. Geschrieben habe ich immer in irgendeiner Form, z.B. Reden, Essays und Erzählungen. Ich schreibe auch ganz unliterarische Geschäftsberichte für Unternehmen.

Phantastik-Couch.de: Wie ist Dir ganz am Anfang die Idee zu der Serie „Zwölf Wasser“ gekommen, was war die Initialzündung?

E. L. Greiff: Ich kochte Kaffee und meine Kaffeemaschine röchelte ganz schrecklich, war schon wieder verkalkt. In dem Moment, als ich mich über dieses verkalkte Wasser aufgeregt habe, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich dachte, wie arrogant meine Reaktion doch ist. Wie froh wir sein können, Trinkwasser mit einer unvergleichlichen Qualität zu haben, was längst nicht selbstverständlich ist. Es kamen mir Fragen wie: „Was ist außer Kalk sonst noch im Wasser gelöst?“ in den Sinn. Diese Gedanken entwickelten sich weiter: „Was ist, wenn alles, was vom Wasser durchströmt ist, eine Spur darin zurücklässt?“ Ich habe gewissermaßen dem universellen Lösungsmittel Wasser noch fantastischere Eigenschaften zugeschrieben als die, die es ohnehin schon hat. Und so entstand innerhalb von einem Tag die Idee mit Wasser als Informationsträger. Die weitere Entwicklung der Geschichte dauerte natürlich länger

Phantastik-Couch.de: Wie lange ist das jetzt her?

E. L. Greiff: Über vier Jahre ist es her, seit ich angefangen habe, mir die Geschichte auszudenken. Es hat sehr lange gedauert, bis die „Zwölf Wasser“-Welt fertiggestellt war, das war alles andere als ein „on the go“ Prozess. Ich habe mir auch Regeln auferlegt und folge außerdem der Logik – konkret bedeutet das: Wenn die Helden zu Fuß unterwegs sind, sind sie eben auch langsam. Da wird dann nicht spontan ein superschnelles Reittier in die Geschichte eingebaut.

E. L. Greiff

Phantastik-Couch.de: Wie organisierst Du Dein Schreiben? Bist Du ein Autor, der Chronologie und Schauplätze als Grundgerüst vorab plant? Oder gehen Schreibprozess und Organisation bei Dir fließend ineinander über?

E. L. Greiff: Früher war es eher so, dass ich spontan geschrieben habe. Aber ein dreibändiges Buch mit am Ende fast 2000 Seiten habe ich zuvor nie gemacht, darin hatte ich keine Erfahrung. Es ist etwas ganz anderes, als wenn man einen Essay über 50 Seiten oder eine Geschichte über 200 Seiten schreibt. Deswegen plotte ich. Ich habe zwar noch nicht alle Bände fertig geschrieben, aber komplett geplottet. Sonst hätte ich die Bücher auch nie meinem Agenten oder einem Verlag anbieten können. Es ist für mich aber schwierig, alles komplett durchzuplanen, denn auf dem Weg kommt es immer wieder zu Abweichungen. Zum Beispiel war die Figur Wigo nicht geplant, der Mann ist irgendwann aufgetaucht. Auf einmal stand er da und hat diese Pram-Geschichte und den Prolog für sich beansprucht. Diese Szenen im ersten Band „Zu den Anfängen“ habe ich umgebaut, weil ich merkte, dass die Figur immer wichtiger wird.

Phantastik-Couch.de: Das hätte ich als letztes vermutet, dass Wigo nicht eingeplant war. Weil er einen wichtigen Teil des Hintergrunds ausmacht.

E. L. Greiff: Der Hintergrund war schon da, aber ich wollte den zunächst auf eine andere Art und Weise erzählen. Aber ich merkte dann, dass der mit der Figur Wigo viel besser funktioniert. So etwas passiert immer wieder.

Phantastik-Couch.de: Du baust in „Zwölf Wasser“ eine ganz eigene High-Fantasy-Welt auf, die keinerlei Ähnlichkeiten mit z.B. Mittelerde, der Tolkien-Welt hat. War es Dir ein Anliegen, etwas völlig Neues zu erschaffen oder hat sich das aus der Geschichte ergeben?

E. L. Greiff: Ich glaube, es war beides. Die Geschichte sollte sich nicht in eine schon bestehende Welt einfügen, beispielsweise in der Art, das Elben Wasser lesen können. Es ist nicht so, dass ich unbedingt Fantasy schreiben muss oder mich als Fantasy-Autorin verstehe. Ich brauchte jedoch einen Rahmen, in dem ich etwas über das Wasser und das Menschsein erzählen konnte. Fantasy war der richtige Rahmen dafür, den wollte ich mir aber selber stecken. Ich lese gern Fantasy und Phantastik, auch sehr gern die Klassiker. Aber ich konnte einfach keine Orks in dieser Welt gebrauchen. Und man möchte als Autor einfach die richtige Welt für die Geschichte erschaffen, das macht wirklich Spaß.

Phantastik-Couch.de: Könntest Du trotzdem literarische Vorbilder zur „Zwölf Wasser“ Serie nennen? Der philosophisch anmutende Ansatz erinnert an Ursula K. LeGuin und ihre „Erdsee“ Bücher.

E. L. Greiff: Ich habe die „Erdsee“-Bücher erst kürzlich gelesen. Jetzt, wo sie kenne, kann ich den Vergleich verstehen. Ich war ganz erstaunt, weil der Erzählstrom, den LeGuin gestaltet hat, ohne viel Action auskommt, das fand ich sehr interessant. Ich wollte zwar nicht so schreiben wie LeGuin, aber ich kann mich in „Erdsee“ durchaus wiederfinden. Literarische Vorbilder gibt es nicht. Ich bin von Stephen King fasziniert, wie er Figuren einführt und Situationen beschreibt. Vielleicht nehme ich von seiner Art intuitiv etwas in meine Geschichten mit. Manchmal wird über seine Bücher gesagt, sie könnten 200 Seiten weniger haben. Das empfinde ich nicht so, ich muss als Leserin ein Buch nicht schnell fertig gelesen haben. Das ist für mich ein völlig seltsamer Gedanke. In der High-Fantasy ist es möglich, dass man z.B. eine Reiseroute ausführlich beschreibt. Das ist das, was mir an dem Genre Spaß macht. Man muss im Leben schon genug hetzen.

Phantastik-Couch.de: Die Völker der Merzer und der Welsen werden sehr anschaulich porträtiert. Gibt es für ihre Kultur und Geschichte Vorbilder?

E. L. Greiff: Ich habe mich nicht bewusst nach bestimmten Völkern aus Filmen, Büchern oder der Realität gerichtet. Für mich waren „innere“ Konflikte wichtig und ich habe die Völker daraus entwickelt. Die Merzer sind die Suchenden, in ihrer Entwicklung ist viel Bewegung. Die Welsen sind diejenigen, die festgesetzt wurden, die hungernden. Dagegen sind die Pramer die Reichen, die Kapitalisten. Ich habe aus inneren Zuständen heraus versucht, die Völker zu charakterisieren. In Band zwei kommen die Kwother dazu, ein sehr traditionsbewusstes, rückwärtsgerichtetes Volk. Das sind modellhafte Konstruktionen und man muss sie ein bisschen auf bestimmte Eigenschaften zuspitzen, damit die Geschichte erzählt werden kann. Eigentlich gucke ich dabei in unsere Welt. Zwar ist jeder Mensch ein Individuum, aber natürlich unterscheiden sich z.B. Deutsche von den Niederländern. Obwohl oft angenommen wird, dass sie sich ähneln, weil sie Nachbarn sind. Ich bilde ab, was ich an kulturellen Unterschieden sehe und erlebe.

Phantastik-Couch.de: Inwiefern liegt Dir das Thema „Wasser“ am Herzen? Machst Du Dir Gedanken, über die weltweite Versorgung mit Trinkwasser, oder bezüglich des Wasserverbrauchs, der Wasserverschmutzung? Ist das ein Thema, das Dich politisch umtreibt?

E. L. Greiff: Ich bin zwar nicht als Aktivistin tätig, vielleicht noch nicht. Wenn man in den Niederlanden lebt, kommt man um das Thema nicht herum. Die Niederländer haben immer zu viel Wasser. Sie sind Könige des Deichbaus und der Landgewinnung, trotzen dem Meer Land ab. Das hat mich beeinflusst und ein umgekehrtes Szenario hervorgerufen. Würde ich in der Wüste leben, hätte ich mir vielleicht Massen von Wasser gewünscht und wäre in die „Erdsee“ gegangen. Aber überall wo ich hinsehe ist Wasser. In der Welt von „Zwölf Wasser“ geht es also um Mangel, die Quellen versiegen. Und es ist so, viele Menschen leben in Regionen, wo es in Zukunft kein Wasser mehr geben wird. Es ist ungerecht verteilt. Zum Beispiel im Süden von Spanien, wo viele Früchte angebaut werden, die wir hier weiter nördlich essen, verwüstet das Land und der Grundwasserspiegel sinkt dramatisch. Wir in Deutschland oder den Niederlanden werden zwar nicht an Wasserknappheit leiden, aber viele andere.

Phantastik-Couch.de: Darf man Deine „Zwölf Wasser“ Geschichte auch als Parabel verstehen? Hältst Du es für denkbar, dass wir eines Tages Kriege um die Wasserversorgung führen werden?

E. L. Greiff: Ich gehe fest davon aus, dass das passieren wird. Wasser ist lebenswichtig, ist Macht und ein Wirtschaftsfaktor. Die chinesische Regierung hat beispielsweise Millionen von Menschen für ein Staudammprojekt umgesiedelt. Entlang des Jordans gibt es erhebliche Probleme, dort stoßen die Interessen von Israel, Jordanien und der Palästinenser aufeinander. Flüsse kümmern sich ja nicht um Grenzen. Man stelle sich einen Fluss wie den Rhein vor, der durch sechs verschiedene Länder fließt. Was passiert, wenn z.B. die Schweiz das Rheinwasser abzweigen würde? Was passiert dann mit Köln? Was passiert mit den Niederlanden, wenn kein Rheinwasser mehr ankommt? So etwas kann extrem problematisch werden und Flüsse, die mehrere Nationen versorgen, gibt es reichlich.

Phantastik-Couch.de: Arbeitest Du momentan noch am zweiten Teil oder schon am Finale? Kannst Du schon einen kleinen Ausblick auf den zweiten Teil geben?

E. L. Greiff: Ich schreibe noch am zweiten Teil und muss mich jetzt ranhalten. Aber es ist wesentlich einfacher, den zweiten Teil zu schreiben. Ich muss keinen Entwurf mehr anlegen, kann mich auf die schon vorhandenen Handlungsstränge konzentrieren und diese zu Ende führen bzw. aufs Finale hin zuspitzen. Ich möchte auf keinen Fall einen vierten Teil schreiben und einen sauberen Abschluss haben. Ich denke, ich werde pünktlich fertig.

Phantastik-Couch.de: Es wurde in Kritiken angemerkt, dass es im ersten Teil der „Zwölf Wasser“ gewisse Längen gibt, das bestimmte Handlungsstränge und Beschreibungen zu ausführlich waren. Würdest Du sagen, dass der zweite Band in der Hinsicht vielleicht ein wenig anders ist?

E. L. Greiff: Ja, ganz anders – ich kann jetzt auf vielem aufbauen und das beschleunigt natürlich das Erzähltempo. Aber mir war klar, dass diese Kritik kommen würde. Als Leser kann man vielleicht nicht sofort nachvollziehen, warum man erst über 100 Seiten mit einem Hirten durch die Landschaft zuckelt, wo das Buch doch vom Wasser handeln soll. Nun, das liegt einfach an der Struktur des Buchs. Denn ich verstehe es als ein Buch in drei Teilen und es wird am Ende nicht 600, sondern 2000 Seiten lang sein. Die 100 Seiten also, die der junge Babu am Anfang bekommt, sind im Verhältnis zu der Bedeutung, die er später in der Geschichte hat, eigentlich nicht viel. Ich versuche etwas zu schreiben, das sowohl in der Gesamtstruktur, als auch im einzelnen Band Sinn hat. Das ist nicht immer ganz einfach – weder für mich, noch für die Leser. Aber ich musste mich über das, was vielleicht derzeit gerade „in“ ist, auch ein Stück weit hinwegsetzen. „Zwölf Wasser“ ist sicher kein Buch, das man einfach wegliest. Es ist ein Buch für Leser, die sich einlassen und nicht sofort Ergebnisse erwarten. Letztlich kann ich nur so erzählen, wie es mir als Autor für die Geschichte wahr und richtig vorkommt. Oder anders gesagt: Ich habe das Bedürfnis, es der Geschichte recht zu machen und dabei kann ich es leider nicht jedem recht machen, damit muss und kann ich leben.

Phantastik-Couch.de: Ella Luisa, wir danken Dir ganz herzlich für das nette Gespräch hier auf der Buchmesse.

E. L. Greiff: Ich danke für die interessanten Fragen – hat mir wirklich Spaß gemacht!

Das Interview führte Eva Bergschneider im Oktober 2012 auf der Buchmesse in Frankfurt