Interview mit Frank Hebben

„...meist jedoch mit bösem Ende.“

„In meinen letzten Geschichten spielen Protagonisten die Hauptrolle, die sich in einem undurchschaubaren Szenario wiederfinden, welches sie selbst nicht vollständig verstehen, geschweige denn kontrollieren können: Es sind verlorene Gestalten, die sich erst emanzipieren müssen, um für sich selbst eine Veränderung der Lage herbeizuführen – meist jedoch mit bösem Ende.“

Phantastik-Couch.de: Warum schreibst Du Kurzgeschichten? Was reizt Dich an dieser Literaturgattung?

Frank Hebben: Ich bin ein ungeduldiger Leser, sehr sehr ungeduldig. Großprojekt meines Lebens war es, als Jungspunt, da war ich sechzehn, „Der Herr der Ringe“ durchzulesen. Und ich bin fast gestorben: 20 Seiten pro Tag, so habe ich mich weitergekämpft, mit Zeter und Mordio und jeder Menge: Komm zur Sache! Seitdem mache ich um Fantasy-Klötze einen gewaltigen Bogen. Kurzgeschichten sind da anders, mehr ein literarisches Sondereinsatzkommando: Schnell rein, schnell raus und so viele Tote wie möglich. Eine super Idee, ein toller Charakter und/oder ein tolles Szenario komprimiert auf den Punkt gebracht, das ist die große Kunst – das reizt mich an dieser Literaturgattung.

Phantastik-Couch.de: Im Vorwort zu Deiner Kurzgeschichtensammlung „Prothesengötter“ von Ronald M. Hahn wirst Du als „schlau, geistreich, kreativ, zuverlässig, fleißig und auch noch gut aussehend“ beschrieben. Wie findest Du diese Beschreibung über Dich selbst?

Frank Hebben: Maßlos untertrieben! Aber das passiert halt, wenn man das Vorwort zu seinen Meisterwerken von greisenden SF-Päpsten schreiben lässt. Und ich hatte ihm zur Vorsicht extra noch eine Liste mit passenden Charakterattributen zugesteckt: sexy, charmant, weltgewandt, königlich, ein Genius seines Fachs etc. etc. Aber wie ich Herrn Hahn kenne, hat er sie wieder auf halbem Weg zum Frisör verschludert. Aber da kann man halt nichts machen..

Phantastik-Couch.de: Du schreibst „Dark Industrial“- und „Cyberpunk“-Stories, also ziemlich düsteren Stoff. Viele Deiner Geschichten spielen in einer apokalyptischen Welt, so auch Deine letzte Veröffentlichung in der Computerzeitschrift c’t „Côte Noir“. Bist Du im täglichen Leben ein kritischer Mensch mit einer pessimistischen Weltsicht?

Frank Hebben: Wenn man sich die Menschheitsgeschichte einmal genauer anschaut, besser man tut es nicht, um sich nicht den Sonntag zu vermiesen, dann wird einem zwangsläufig sterbenselend zumute: Keine 70 Jahre ist der letzte Weltkrieg her, das sollte man nicht vergessen. Von den ganz alltäglichen Gräueltaten ganz zu schweigen. Trotzdem würde ich mich weniger als Pessimist als ein Realist bezeichnen – die Menschen sind so, waren immer so, werden es immer sein. An eine „Star Trek“-Idylle in 100 oder 200 Jahren glaube ich jedenfalls nicht.

Phantastik-Couch.de: Kommen Dir die Ideen zu Deinen Geschichten spontan oder steckt ein langwieriger Entwicklungsprozess dahinter? Wie lange schreibst Du an einer Geschichte?

Frank Hebben: In den vergangenen Monaten, wo mein Leben sich radikal verändert hat, habe ich bemerkt, dass mir zwischenzeitlich die Ideenantenne komplett abgeknickt ist: So viele andere Dinge im Kopf, so viel zu organisieren, zu machen, zu tun, dass ich die Prinzessin Muse schon mit aufs Stundenhotelzimmer hätte nehmen müssen, um mich ideentechnisch wieder einmal so richtig durch. …Wie dem auch sei: Es geht wieder! Meine Antenne hat ein Pflaster gekriegt und ist potent als wie zuvor. Ideen sind das eine, die Umsetzung eine andere: Ich lasse mir die Zeit, eine Geschichte so perfekt es eben geht zu machen; vor allem stilistisch keine Kompromisse – jedes Wort an die richtige Stelle! Das dauert, manchmal Tage, Wochen …

Phantastik-Couch.de: In der in einem Kontrollstaatszenario spielenden Geschichte „Marionettentheater“ bemühst Du Dich immer wieder darum, Gegenwartsbezüge aufzuzeigen, indem Du auf fast schon alltägliche Computer-Tools wie „Google-Earth“ und „Second Life“ verweist. Wie wichtig ist Dir der „mahnende Charakter“ Deiner Kurzgeschichte?

Frank Hebben: Eine „Moral von der Geschicht“ gibt es meistens, jedenfalls in meinen letzten Stories. Nur den mahnenden Zeigefinger verkneife ich mir – das geht in der Regel nämlich gut nach hinten los: Aufgrund der Kürze der Gattung wirkt eine direkte moralische Aussage meist erzwungen und künstlich aufgesetzt, um die Geschichte nachträglich noch aufzuwerten. So etwas Verwerfliches habe ich mir allein bei „Imperium Germanicum“ erlaubt, und dort stehe ich voll und ganz dazu. Das war leider Gottes nicht anders zu leisten …

Phantastik-Couch.de: „Marionettentheater“ hast Du an Schauplätzen angesiedelt, die für Dich ein Stück weit Heimat sein dürften. Sind „Elendsviertel unter der Fleher Brücke“ und „Sicherheitszone Rot, Neuss – ein gefährliches Pflaster“ Deine Zukunftsvisionen für diese im Moment recht beschauliche Gegend im Düsseldorfer Umland?

Frank Hebben: Das mag jetzt etwas seltsam klingen, aber: Ich schreibe Retro-Cyberpunk. Soll heißen, dass ich bei meinen Geschichten meist Szenarien der späten 80-iger Jahre skizziere. Und die gängigen Klischees dieser – nun ja, nennen wir es literarischen Epoche, als Zutaten verwende: Elendsviertel, Sicherheitszonen, das ist alles völlig Oldschool! Von Zukunftsvision kann also keine Rede sein, wobei mir diese Neusser manchmal schon ein wenig suspekt vorkommen …nur Spaß!

Phantastik-Couch.de: Deine Geschichte „Imperium Germanicum“ könnte man als Hommage an „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque betrachten. Trifft das zu und wenn ja, was bedeutet Dir dieser Klassiker aus dem 1. Weltkrieg?

Frank Hebben: Knapp daneben. „Imperium Germanicum“ ist unmittelbar nach der Lektüre von Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ entstanden – sozusagen als korrektive Instanz: Ein audio-visuelles Kriegsspektakel, okay, aber doch bitte mit der richtigen Gewichtung: Krieg produziert Elend, Chaos und Leid und sicherlich keine Stahlnaturen, die, durch Granaten und Trommelfeuer gehärtet und entschlackt, helleren Auges in die Welt hinausschreiten. Ich habe mir also einen Soldaten à la Jünger als Protagonist meiner Geschichte gegriffen, ihm ein Tagebuch und ein Gewehr in die Hand gedrückt und ihn zurück in die Hölle Schützengraben geschickt, bis er es schließlich kapiert hat: an Krieg ist nichts Heroisches! Dafür werden zu viele Menschen ohne erkennbaren Sinn verstümmelt und getötet. Und gerade die Frage nach dem Warum ist für den Ersten Weltkrieg symptomatisch; nicht grundlos spricht man von ihm als die „Mutterkatastrophe des 20 Jahrhunderts.“ Noch ein Wort zu den beiden Enden meiner Geschichten – ja, es gibt tatsächlich zwei: Für mich war es überaus wichtig, die Geschichte nachträglich aufzubrechen, um den Leser in die „reflektive Phase“ zu bringen, wo er über das Geschehene kurz nachsinnen kann. Denn auch eine Antikriegsgeschichte ist eine Kriegsgeschichte, weil sie konsumierbar, spannend ist und gerade hier liegt das Kernproblem: Das angenehme Gruseln statt blankem Schock. Zur obigen Frage: Remarque ist ganz solide Kost, ihm geht zum Guten aber das Reißerische, das „Mitreißende“, eben das Gefährliche ab, gegen das ich mich mit „Imperium Germanicum“ persönlich gewehrt habe.

Phantastik-Couch.de: „Memories“ spielt mit der Idee, negative Erinnerungen einfach zum Tausch anzubieten, in der Hoffnung, schöne Erinnerungen zu bekommen. Eine faszinierende Idee, schließlich schleppen wir alle Bilder im Kopf mit uns herum, die wir lieber los werden würden. Glaubst Du, dass viele Menschen die Möglichkeit, schlimme Erinnerungen los zu werden, nutzen würden, wenn es möglich wäre?

Frank Hebben: Schwierig zu beantworten. Vielleicht wäre es für viele Menschen schon eine große Erleichterung, zu wissen, dass sie jederzeit ihre schlechten Erinnerungen loswerden könnten, um es dann aber nicht zu tun. Schließlich prägen die Erinnerungen unseren Charakter mit; man wäre jemand anderer, würde man sie einfach abstreifen können wie eine faltige Lederhaut. Im Gegenzug verändert sich ja auch in meiner Geschichte die Persönlichkeit von Celiné, als sie unerwartet neue Erinnerungen in sich aufnimmt; sie wird härter, selbstbewusster. Jedenfalls: ein spannendes Gedankenexperiment!

Phantastik-Couch.de: Ein weiteres Motiv, ebenfalls in „Côte Noir“ oder auch in „Memories“, dass immer wieder auftaucht, ist das der Selbstfindung in einem Zeitalter, in dem sich unsere Erinnerungen auf Datenträgern befinden. Fürchtest Du, dass sich der Mensch im fortschreitenden Technikzeitalter selbst verlieren wird?

Frank Hebben: In meinen letzten Geschichten spielen Protagonisten die Hauptrolle, die sich in einem undurchschaubaren Szenario wiederfinden, welches sie selbst nicht vollständig verstehen, geschweige denn kontrollieren können: Es sind verlorene Gestalten, die sich erst emanzipieren müssen, um für sich selbst eine Veränderung der Lage herbeizuführen – meist jedoch mit bösem Ende. Mir ist wichtig, aufzuzeigen, dass Dinge erst hinterfragt werden sollten, bevor man etwas tut und die Folgen abzuschätzen. Bewusstes Handeln statt blindem Aktionismus und ja: Meines Erachtens besteht tatsächlich Gefahr, dass das Technikzeitalter die Menschen noch stärker von sich selbst ablenkt und von den Menschen, die um sie herum sind: In „Das Bild im leeren Rahmen“ pflegt ein Mann seine bettlägerige Frau, nur weil sie sich weigert, aus dem virtuellen Kosmos auszutreten. Als dann ihr virtueller Avatar auf seinem Monitor erscheint, ist sie weiter von ihm weg als irgend möglich, obwohl sie direkt neben ihm auf dem Bett liegt, als „Koma“-Patient. Solche Szenarien interessieren mich sehr.

Phantastik-Couch.de: Der Anthologienband „Darwins Schildkröte“ wird mit Philip K. Dicks Worten: »Ich habe immer befürchtet, dass mein eigener Fernseher, mein Bügeleisen oder Toaster, in der Abgeschiedenheit meiner Wohnung, wenn niemand sonst da war, mir zu helfen, erklären würden, dass sie die Macht übernommen haben und mir eine Liste mit Regeln präsentierten, die ich zu befolgen habe.« Hier werden Science-Fiction Kurzgeschichten mit Humor vorgestellt, auch eine neuere von Dir mit dem Titel „Fromme Küchengeräte“. Lernen wir Dich und Deine Stories von einer anderen, heiteren Seite als bisher kennen?

Frank Hebben: Ach, ich schreibe auch verrückte Sachen, je nach Lust und Laune. Beispielsweise die durchgeknallten Abenteuer des „Captain Kenneth“, einem Weltraum-Antiheld; völlig schräges Zeug! Zwei Folgen sind bereits als Hörspiel beim „Hörspielprojekt“ erschienen und stehen zum kostenlosen Download bereit. Für alle, die sich einmal ordentlich die Gehirnwindungen durchpusten lassen wollen. IHR SEID GEWARNT!

Phantastik-Couch.de: Du veröffentlichst Deine Kurzgeschichten häufig in Zeitschriften wie „c’t“ oder dem SF-Magazin „Nova“, an Du ja nun auch als Mit-Herausgeber fungierst. Hast du bewusst entschieden, in diesem Format zu publizieren, oder siehst Du diese Veröffentlichungen als ein mögliches Sprungbrett zu einem Dasein als Bestsellerautor?

Frank Hebben: Bestsellerautor lieber posthum, das würde mir gefallen, mit in den Olymp der ganz großen SF-Autoren aufzusteigen, wo wir uns gegenseitig schulterklopfend den Nektar und das Ambrosia reichen. Ach ja. Welch liebliche Vorstellung! Ansonsten behalte ich gerne meine Unabhängigkeit: Ich schreibe eine Geschichte, und dann schaue ich, ob und wie ich sie publizieren kann; das ist künstlerische Freiheit, die viele Vorteile hat. Okay, man wird nicht reich davon, fühlt sich aber besser. Immer auf den nächsten kommerziellen Erfolg zu schielen, nein, das wäre nichts für mich. (Erinnert mich an meine Worte, wenn ich in fünf Jahren mit meiner SS-Heyne-Jacht durchs Mittelmeer kreuze und den Playboy-Girls beim Blindekuhspiel zuschaue …).

Phantastik-Couch.de: Entspricht das Kurzgeschichtenformat genau dem, was Du schreiben möchtest, oder sind sie für Dich auch Fingerübungen zu einem umfassenderen Werk?

Frank Hebben: Kurz und knapp: Kurzgeschichten sind genau mein Ding! Schreiben kostet Zeit, und wenn ich vor der Wahl stünde, 13 neue geile Stories rauszuhauen oder einen einzigen Roman zu verfassen, steht meine Entscheidung bereits fest.

Phantastik-Couch.de: Welche Autoren liest Du selbst gern?

Frank Hebben: Thomas Ziegler. Michael K. Iwoleit. Philip K. Dick. Und ältere Sachen, z.B. „Tuzub 37“ von Paul Gurk oder „Rossums Universal Robots“. von Karel Capek.

Phantastik-Couch.de: Woran arbeitest Du im Moment und wo siehst Du Dich in 5 Jahren?

Frank Hebben: An einem Interview für Phantastik-Couch, viel Arbeit für viel Ruhm und wenig Geld! Als deutscher SF-Autor ist man Kummer gewöhnt, aber man macht´s ja gern. Ansonsten muss ich dringend Bücher und Kartons bzw. Bücher aus Kartons auspacken. In fünf Jahren, wo sehe ich mich da? Darüber werde ich jetzt eingehend nachdenken müssen …müssen …müssen …[Energiesparmodus an!]

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, Frank, für das Interview!

Das Interview mit Frank Hebben führte Eva Bergschneider