Interview mit Hanka Jobke

„Im Endeffekt ist es das, was Lektoren tun: Sie arbeiten für den Autor, haben aber eigentlich das Wohl des Lesers im Sinn.“

Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs – was macht eigentlich eine Lektorin? Carsten Steenbergen befragte für uns die freie Lektorin (und neue Phantastik-Couch Rezensentin) Hanka Jobke über ihre Arbeit, die außer dem Lektorat und Ko-Lektorat auch das „Goldmarie“-Konzept beinhaltet. Was darunter zu verstehen ist, erfahren Sie im Phantastik-Couch Interview.

Phantastik-Couch.de: Hallo Hanka Jobke, du arbeitest als freie Lektorin. Was genau bietest du Autoren an?

Hanka Jobke: Hilfe. Jeder Autor kennt unangenehme oder zeitraubende Aufgaben, die er lieber nicht selbst machen möchte oder kann. Die Autorschaft ist eine verzweigte Unternehmung, da neben dem eigentlichen Schreiben noch viele andere Aufgaben auf dem Plan stehen: Korrekturen durchsehen, Korrespondenzen pflegen, Recherchen anstellen und anderes. Zudem begraben tausenderlei Nebenprojekte den Schreibtisch unter sich, und bestenfalls schwirren noch Zeitdruck und leichte Zweifel wie die Fliegen drum herum. Und hier komme ich ins Spiel, als Assistentin für jede Art der Arbeit am Text. Inoffiziell bin ich eine Goldmarie, offiziell nennt sich der Beruf freie Lektorin.

Phantastik-Couch.de: Wann hast du dich dazu entschieden, freie Lektorin zu werden?

Hanka Jobke: Ich arbeitete nach meinem Abitur als Regieassistentin in einem kleinen Theater, entschied aber, mein Glück vorerst nicht in der Theaterbranche zu suchen. Meine Talente bündelten sich in geschriebenen Worten – und da die Königsdisziplin der Germanistik das Lektorat ist, begab ich mich auf den Weg durch das literaturwissenschaftliche Studium samt diverser Praktika und Projekte in die Selbstständigkeit.

Phantastik-Couch.de: Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus?

Hanka Jobke: Das wüsste der typische Arbeitstag auch gern. Das einzig Konstante dürfte die erste Tasse Kaffee am Morgen sein, bei der ich darüber nachdenke, wie genau dieser Tag verlaufen wird; welche Projekte anstehen, welche dringend sind, und um welche zukünftigen Projekte ich mich kümmern werde. Meine liebsten Arbeitsmaterialien sind meine Sammlung von Bibliotheksausweisen und meine BahnCard.

Phantastik-Couch.de: Wie kommt der Begriff „Goldmarie“ in Bezug auf deine Arbeit zustande? Märchenhafter Fleiß und Tugend?

Hanka Jobke: Wie schön, dass die Assoziation funktioniert! Mit dem Goldmarie-Konzept biete ich speziell Autoren meine Hilfe an. Auf meiner Website (www.lektographem.de/goldmarie) sind ein paar der bisherigen Aufgaben aufgelistet, wie Recherche, Kollationierung und Charakterisierung. Sicher könnte ich auch ganz toll Betten ausschütteln, aber ich räume lieber in den Textwelten der Schriftsteller auf.

Phantastik-Couch.de: Korrektorat und Lektorat machen einen Großteil deines Angebots aus. Was unterscheidet deine Arbeit von der anderer freier Lektoren?

Hanka Jobke: Korrektorat und Lektorat sind die Basis meines Berufs, nehmen aber nur etwa die Hälfte der Zeit in Anspruch. Das Besondere an meiner Arbeit ist – und das klingt jetzt nach einem ganz miesen Werbeslogan -, dass ich mich den Kunden und ihren Vorstellungen weitestgehend anpasse. Verhandlungen, Arbeitsbedingungen, seltsame Ideen – die Neugier auf die Arbeit ist mir wichtiger als die starren Strukturen aus Zeitmanagement und Preistabellen, wie sie einige meiner Kollegen pflegen.

Phantastik-Couch.de: Wie viel Zeit vergeht für eine Normseite? Wie viel für ein ganzes Buch? Kann man das überhaupt pauschal benennen?

Hanka Jobke: Texte sind so unterschiedlich wie ihre Autoren. Daher steht vor jedem Lektorat/Korrektorat eine Probearbeit. Auf etwa fünf Seiten zeige ich dem Kunden, was er erwarten kann, und mache mir zugleich ein Bild von der Qualität des Textes, sodass ich ihm Auskunft geben kann, ob ich für eine Seite fünf Minuten im Korrektorat oder eine Stunde im Lektorat brauchen werde.

Phantastik-Couch.de: Du hast bereits mit sehr bekannten Autoren wie Kai Meyer und Bernhard Hennen zusammengearbeitet. Unterscheidet sich die Arbeit mit großen Namen von der mit Autoren von weniger Bekanntheit?

Hanka Jobke: Die Unterschiede liegen weniger im Namen denn in der Einstellung zum Beruf. Ein Laienautor, der seit fünf Jahren all sein Herzblut in seine Doktorarbeit steckt, ist zumeist in einer anderen Verfassung als Profis wie Meyer oder Hennen. Im Endeffekt geht es aber immer um den Text, und auch weniger bekannte Autoren legen zuweilen qualitativ gute Arbeiten und genaue Vorstellungen über die Zusammenarbeit vor.

Phantastik-Couch.de: Unter anderem hast du die Recherche und das Zusammenstellen von Zusatzmaterial zu diversen Romanen von Kai Meyer übernommen. Wie gestaltet sich das, wenn du ein dir fremdes Thema angehst?

Hanka Jobke: Jeder, der mal eine seriöse Facharbeit schrieb, kennt das Rezept: Man wühle sich wochenlang im Netz, in Bibliotheken und Archiven durch Material, stricke sich daraus gemäß des Themas einen roten Faden, und verpacke es dann so, dass es auch jemand anderer noch lesen möchte. Vor einigen Wochen hielt ich einen Fachvortrag über die phantastische Figur Golem; samt Bebilderung und Filmausschnitten wurde dies für die anwesenden Phantastik-Autoren und -Leser eine recht unterhaltsame Angelegenheit.

Phantastik-Couch.de: Und was liest du privat?

Hanka Jobke: Phantastik. Ich hatte eine lange Krimiphase, lese gern sprachlich gut gemachte Romane oder unterhaltsame Bestseller – aber mein Herzblut gehört der phantastischen Literatur in all ihren Ausprägungen, von Horror bis High Fantasy, sowohl im fachlichen als auch belletristischen Bereich.

Phantastik-Couch.de: Auf deiner Webseite steht unter Referenzen: „Verfassen und Einlesen des Hörbuches »Der Vertauschte Tag«“. Sind das weitere deiner Talente, Autorin und Sprecherin?

Hanka Jobke: Wer das Handwerk des Schreibens verstanden hat, ist meist auch in der Lage, selbst Texte zu verfassen. Für mehr als ein paar Kurzgeschichten reichten meine Ideen bisher allerdings nicht. Was mein Sprechstimmchen angeht – es war eine Erfahrung wert, aber es gibt begabtere Menschen, denen ich viel lieber zuhören möchte. Meine beeindruckendste stimmliche Leistung liegt wohl in der Aufnahme diverser Krächz-, Kreisch- und Schnaufgeräusche für einen Zombiefilm.

Phantastik-Couch.de: Zusätzlich konzipierst du Websites und unterhältst diese, zum Beispiel Kai Meyers eindrucksvolle Website zu „Die Alchimistin“, oder auch Bernhard Hennens Site. Geschieht das in enger Absprache mit dem Autor?

Hanka Jobke: Das Werk formt die Website. Die Autoren vertrauten mir dahingehend, sodass die engen Absprachen eher zwischen mir, dem Programmierer und dem Designer erfolgen. Das Design verhilft der Site zu der Stimmung, welche Autor und Verlag überzeugen soll. Meine Arbeit geschieht dort, wo sie immer passiert: im Hintergrund respektive dem Back-End. Ich ordne die Inhalte, erstelle Strukturen und optimiere die Leserfreundlichkeit. Denn im Endeffekt ist es das, was Lektoren tun: Sie arbeiten für den Autor, haben aber eigentlich das Wohl des Lesers im Sinn.

Phantastik-Couch.de: Wie geht es jetzt bei dir weiter?

Hanka Jobke: Ich werde nun meinen Kaffee austrinken, eine Kurzgeschichte korrigieren, ein Filmexposé überarbeiten und einige Notizen für eine Art Ghostwriting-Projekt anfertigen. Und mir vielleicht schon mal ein Hotelzimmer für die nächste Buchmesse reservieren, bevor ich am Ende des Tages mit einem guten phantastischen Roman ins Bett falle.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für deine Zeit und für die Zukunft alles Gute.

Das Interview führte Carsten Steenbergen im Januar 2013