Interview mit Heidrun Jänchen

„Die Science Fiction ist im Grunde Gegenwartsliteratur.“

Heidrun Jänchen, Physikerin und Herausgeberin der SF im Wurdack Verlag, sprach mit uns nicht nur über ihre Storysammlung „Willkommen auf Aurora“. Sondern auch darüber, wie man vom sozialistischen Realismus zur phantastischen Literatur kommt, was als Stolperstein für ihre Geschichten fungiert und warum sie jeden Tag einen Schraubenzieher in der Hand hält.

Phantastik-Couch.de: Heidrun, bitte stell Dich unseren Lesern kurz vor. Wo lebst Du, wie kamst Du zur Phantastik und Science-Fiction und was inspiriert Dich zu Deinen Geschichten?

Heidrun Jänchen: Das ist gleich ein ganzer Sack Fragen, also ...
Ich bin Physiker – das prägt die Art zu denken. Aufgewachsen bin ich im Landkreis Karl-Marx-Stadt. Kürzer kann man Ort, Zeit und gesellschaftliche Verhältnisse nicht zusammenfassen. Ein FDJ-Poetenseminar, eine Werkstatt für schreibende Schüler und Lehrlinge, hat mich 1982 zum ersten Mal nach Jena gebracht. Das war Liebe auf den ersten Blick; zwei Jahre später bin ich zum Studium gekommen und bis heute geblieben. Mit der phantastischen Literatur hat mich meine große Schwester infiziert. Die brachte als Preis vom Rezitationswettbewerb der Schule Ilja Warschawskis Buch „Der Traumladen“ mit. Natürlich habe ich das gelesen und mich prompt infiziert. Meine Schwester hat mir auch das erste Buch von Karel Čapek geschenkt. Seither bin ich süchtig. Dann war da noch die Schule, die uns den „sozialistischen Realismus“ so lange um die Ohren gehauen hat, bis man irgendwas Unrealistisches zur Kompensation brauchte. Der letzte Grund ist das Dilemma eines schreibenden Teenagers. Jeder fragt unweigerlich: „Hast du das wirklich erlebt?“ Da werden Raumschiffe und Drachen eine Frage der Notwehr. Die Frage nach der Inspiration ist schwieriger. Bei vorgegebenen Themen setze ich mich manchmal hin und schreibe einen Misthaufen auf: alles zum Thema auf ein Blatt. Das starre ich so lange an, bis irgendwas wie eine Story aussieht. Normalerweise stolpere ich einfach über etwas und denke: He, da könnte man doch …Als Stolperstein funktioniert fast alles, nicht selten die Tageszeitung.

Phantastik-Couch.de: Du bist Sächsin, dort zu DDR-Zeiten aufgewachsen. Beeinflusst Deine Herkunft Dein Schreiben? Heute ist nur noch recht wenig darüber bekannt, dass die DDR viele hervorragende, mitunter sehr systemkritisch schreibende SF-Autoren wie z.B. Michael Szameit hervorgebracht hat. Siehst Du Dein Werk in deren Tradition?

Heidrun Jänchen: Es ist witzig, dass überall Szameit auftaucht, seit er den Untergang der SF proklamiert hat. Tatsächlich hat mich die SF in der DDR geprägt; das ging gar nicht anders. Ich habe einfach alles gelesen, was mir zwischen die Finger kam. Allerdings gab es andere, die mich stärker beeindruckt haben, etwa die Brauns und die Steinmüllers, ganz besonders auch Gerd Prokop mit seinen utopischen Krimis und Franz Fühmann mit seinem Erzählungsband „Saiäns Fiktschn“.

Dazu kommt noch etwas anderes: Erst nach der Wiedervereinigung habe ich festgestellt, dass die Welt in der DDR absurderweise viel größer war. Es gab SF aus dem gesamten Ostblock, aber auch mal eine Sammlung französischer und italienischer oder skandinavischer SF. Hinter denen musste man zwar herrennen wie der Teufel nach der armen Seele, aber es gab sie. Ich kann mich nicht erinnern, im vereinigten Deutschland so etwas gesehen zu haben – mit Ausnahme von „Eine Trillion Euro“, das Andreas Eschbach herausgegeben hat. Dabei gäbe es gerade bei unseren französischen Nachbarn eine Menge zu entdecken. Mein großes Vorbild waren lange Zeit die Strugazkis – über „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ habe ich sogar meinen Abituraufsatz geschrieben.

Die andere Seite war, dass man in der DDR mit einem wohldefinierten Zukunftsbild aufgewachsen ist. Für mich war klar, dass es im Jahr 2000 keine Kriege und keine Hungersnöte mehr geben wird, und ich habe mich auf diese Welt gefreut. Diese utopische Erwartungshaltung wird man nicht mehr los. Ich empfinde es als großen Vorteil, beide Systeme kennengelernt zu haben – man nimmt dadurch nichts als selbstverständlich hin. Ein ganz anderes Thema ist der Lokalpatriotismus, den ich mir gelegentlich leiste. Da landet unter Umständen ein Ufo hinter einem sächsischen Gemüsegarten. Auch Jena kommt in meinen Erzählungen immer wieder vor. Die regionalen Unterschiede haben mir bei den internationalen Sammlungen immer Spaß gemacht. Das ist wie mit dem Essen: Die thüringische Küche ist anders als die griechische oder spanische, auch wenn alles gut schmeckt.

Phantastik-Couch.de: Inwieweit liefern Dir Deine Ausbildung zur Physikerin und Dein Job als Entwicklerin Ideen für die SF?

Heidrun Jänchen: Selten. Die Physik hilft eher, keinen Mumpitz zu schreiben. Davon können die von mir lektorierten Autoren Lieder singen. Denen rechne ich schon mal die Größe von Schutthaufen oder die Helligkeit der Sonne auf dem Jupiter vor. Das Dasein als schreibender Arbeiter schlägt schon eher auf die Literatur durch. Man steckt mitten in der Globalisierung. Arbeitsverdichtung ist kein Fremdwort aus der Soziologie. Als Betriebsrat schlage ich mich mit der Leiharbeit herum. Man hat es auch öfters mit grauenvollen Produktideen zu tun, etwa Kleidung, die die Funktion eines Fernsehers übernehmen kann, mit Display und Lautsprecher. Eine Autoren-Kollegin, Nadine Boos, hat einmal gesagt, jeden Tag einen Schraubenzieher anzufassen, sei gut für die geistige Gesundheit. Insofern hält mich die Arbeit im Labor bei Verstand. Ich habe ein ganzes Sortiment Schraubenzieher.

Heidrun Jänchen

Phantastik-Couch.de: Dein neustes Buch „Willkommen auf Aurora“ (erschienen bei Wurdack, 2012) enthält siebzehn Kurzgeschichten. Die Königsdisziplin der SF. „Die alte Garde“ (Ballard, Bradbury etc.) hat einen Großteil ihres Oeuvres der kurzen Form gewidmet. Warum ist die Shortstory in der (deutschsprachigen) SF nur noch eine Randerscheinung?

Heidrun Jänchen: Das müsste man die Verlage fragen. Die großen betreiben klar Risikominimierung. Da ist ein Autor, der eine zehnbändige Romanreihe schreibt, eine sichere Bank. Erzählungsbände machen dagegen eine Menge Arbeit, weil man zwei Dutzend Autoren zusammen halten muss, aber der wirtschaftliche Erfolg ist eher ungewiss. Die Buchhandlungen, insbesondere die großen Ketten, stellen lieber zehnmal nebeneinander den Bestseller aus den USA ins Regal als eine deutsche Erzählungssammlung. Ich weiß eigentlich nur, dass es nicht an den Lesern liegt. Die mögen meistens Romane und Erzählungen gleichermaßen, und auf Cons gehen die Story-Bände immer weg.

Phantastik-Couch.de: Deine Protagonisten sind keine Winnertypen. Oft sind es an ihren Karriere-Optionen gemessen wenig erfolgreiche, sympathische Durchschnittsleute. Woher kommen diese Figuren?

Heidrun Jänchen: Aus der wirklichen Welt. Ich habe tagtäglich mit diesen Leuten zu tun. Superhelden fand ich nie sehr interessant. Was gibt es langweiligeres, als allen überlegen zu sein? Noch blöder finde ich diese Lifestyle-Literatur, wo alle Eventmanager sind oder „irgendwas mit Werbung“ machen und unter Beziehungsstress leiden. Spannender ist für mich, warum gewöhnliche Leute plötzlich sagen: Bis hierher und nicht weiter. Warum sie irgendwann nicht mehr den Kopf einziehen. Für manche Figuren gibt es eine Vorlage im wirklichen Leben, aber in der Story entwickeln sie meistens einen eigenen Kopf, sodass sich die Vorbilder selbst nicht mehr erkennen. Glücklicherweise.

Phantastik-Couch.de: Von der Idee bis zur fertig gedruckten Geschichte, Wie entsteht eine Story? Wo liegen die Tücken? Denkst du schon beim Schreiben daran, eine gewisse Erwartungshaltung von Seiten der Leser oder den Verlegern zu erfüllen?

Heidrun Jänchen: Ich fange von hinten an: Zwischen Manuskript und gedrucktem Buch liegen idealerweise ein Lektorat, wo ein geduldiger Mensch die Fehler herausfischt, ein guter Drucksatz und das Korrektorat, das von aufgeklärten Religionen als Bußübung anerkannt wird. Danach kann man nur noch hoffen, dass die Druckerei keinen Schaden anrichtet. Ich habe aber auch schon erlebt, dass zwischen Manuskript und Buch nur ein Satzprogramm lag. Das Ergebnis war danach. Davor ist es unübersichtlicher. Mit Ernst Wurdack habe ich zum Glück einen Verleger, der seine Autoren nicht mit zu viel Erwartung traktiert. Er hätte es gern spannend, und das passiert bei mir meist automatisch. Ich mag es, irgendwas in die Luft zu sprengen. Gelegentlich hört man von mir den Spruch: „Blut muss fließen auf dem Theater, sonst geht keiner hin.“ Beim Schreiben denke ich aber kaum über den Leser nach, da bin ich mit meinen Figuren beschäftigt.

Am Anfang steht ein Thema. Manchmal steht das über Jahre in einem unübersichtlichen Winkel meines Gehirns herum. Irgendwann kommt ein Protagonist dazu, der mit dem Thema ein Problem hat. An dieser Stelle kann ich anfangen zu schreiben. Ich habe zwar meistens eine vage Vorstellung davon, wohin die Story laufen soll, aber die wirklich guten kippen irgendwann um: Der Protagonist tut irgendwas, was ich nie geplant hatte. Wenn das passiert, atme ich erleichtert auf, weil ich weiß, dass mein störrischer Held lebt und die Story eine zwingende Logik entwickelt hat. Bleibt dieser Effekt aus, schreibe ich die Geschichte unter Umständen komplett von vorn. „In die Finsternis“ aus dem Aurora-Band ist so ein Fall. Der Protagonist wollte einfach keinen Konflikt entwickeln. Also habe ich ihn in die zweite Reihe geschickt und einem anderen die Hauptrolle gegeben, und der haderte schon auf Seite eins mit sich und der Welt. Eine gute Geschichte muss wehtun.

Mir geht es eigentlich wie dem Zauberer in Peter Beagles „Das letzte Einhorn“: In höchster Not fleht er die Magie an, doch bitte irgendetwas zu tun – und hat dann reichlich zu tun, die Folgen auszubügeln. Das mache ich auch, etwa wenn ich merke, dass ich auf Seite 10 einen Deus ex machina aus der Tasche ziehe – dann überlege ich schon, wie ich den Leser auf Seite 4 darauf vorbereiten kann. Es soll aber auch Leute geben, die ihre Storys ordentlich planen.

Phantastik-Couch.de: Die Science- Fiction hat zurzeit in Deutschland – leider – einen vergleichsweise schweren Stand. Woran liegt das Deiner Meinung nach? Sind zukunftsweisende Ideen ein zu anspruchsvolles Thema für den heutigen Lesergeschmack? Oder anders gefragt: Ist es heute schwieriger SF zu schreiben als noch vor fünfzig Jahren, als echte Utopien (zumindest in technologischer Hinsicht) noch attraktiver waren? Hat die Zeit manchen Zukunftsentwurf eingeholt?

Heidrun Jänchen: Vor fünfzig Jahren ging es bergauf. Besonders in Deutschland konnte es ja kaum weiter bergab gehen. Die Menschen haben gesehen, dass die Technik ihnen das Leben leichter macht, und die oben erwähnte Vision von der glücklichen Zukunft gab es auch noch. Im Moment herrscht an vielen Stellen der Frust vor. Die Vision ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Technik wird zunehmend auch als Bedrohung wahrgenommen. Es ist ja schön, dass man mit dem Handy jederzeit erreichbar ist, aber das hat eine Kehrseite: Man ist jederzeit erreichbar. Im Grunde hat man nie Feierabend. Kein Problem, am Abend noch schnell eine e-Mail des Kunden aus den USA zu beantworten, sobald die Kinder im Bett sind. Die Statistiken der Krankenkassen zeigen einen rapiden Anstieg geistiger Erkrankungen, weil die Leute das Tempo nicht mehr durchhalten.

Ich glaube, das ist der Grund, warum viele Menschen sich eher in Richtung Vergangenheit orientieren. Mittelerde ist eine heile Welt, die so zwar nie existiert hat, aber tröstlich ist. Solche Entwicklungen hat es immer schon gegeben, darüber hat sich schon Cervantes mit seinem Don Quixote lustig gemacht. Ich glaube nicht, dass es Themen gibt, die zu anspruchsvoll sind. Wer liest, verträgt einiges. Wer sich nur berieseln lassen will, der schaut Serien auf RTL. Und die Zeit hinkt tatsächlich hinter den Plänen für die Zukunft hinterher. Die USA etwa haben sich gerade aus der bemannten Raumfahrt verabschiedet. Eigentlich sollten wir längst auf dem Mond wohnen, wäre es nach der SF gegangen.

Phantastik-Couch.de: In Krisenzeiten war die SF häufig ein Indikator des Ist-Zustandes und heimliches Medium für Kritik. Wie fragil stufst Du unsere heutigen gesellschaftlichen Gefüge ein, beispielsweise in der EU? Und kann die utopische Literatur überhaupt noch unseren komplexen Lebensmodellen gerecht werden?

Heidrun Jänchen: Das ist eine wirklich schwierige Frage. Wir haben gesehen, dass das gegenwärtige System erstaunlich stabil ist. Es erfindet sich immer wieder neu. In der Weltwirtschaftskrise 1929 sah alles nach dem Ende der Welt aus, aber seither hat sich sehr wenig verändert, wenn man mal vom Bühnenbild mit Computern, Autos und denkenden Kühlschränken absieht. Das Wirtschaftssystem generiert noch immer fiktive Werte und vernichtet sie in der nächsten Krise.

Andererseits gibt es inzwischen in der EU wieder Leute, die hungern. Ich habe einen Bericht über Spanien gesehen, wo es kein Geld mehr für die Heizung der Schulen im Winter gibt. Dort ist die Hälfte der jungen Leute arbeitslos. Wenn die Leute nichts mehr zu verlieren haben, sind sie auch weniger bereit stillzuhalten. Wenn man nicht bald umdenkt und endlich das Geld von denen nimmt, die an der Krise prächtig verdient haben, wird es Revolten geben. Die Anfänge sieht man in Griechenland.

Die Science Fiction ist im Grunde Gegenwartsliteratur. Die Autoren reagieren sehr sensibel auf das, was um sie herum vorgeht. Als die Agenda 2010 eingeführt wurde, kamen massenhaft Erzählungen mit sozialen Themen in die Redaktion, und als der Krieg in Afghanistan begann, kamen die Antikriegsstorys. Natürlich wird man mit einem Roman nicht die Welt verändern, aber man kann einzelne Menschen ändern, indem man ihnen erzählt, dass nichts so alternativlos ist, wie immer behauptet wird. Es gibt Alternativen, und es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Phantastik-Couch.de: Ist es in unserer übersättigten Konsumgesellschaft schwieriger, den Wohlstandsmenschen mit „Ideen“ und alternativen Lebenskonzepten aufzurütteln?

Heidrun Jänchen: Welche übersättigte Konsumgesellschaft? Ich kenne eine junge Frau, die eine qualifizierte Arbeit macht, dafür ganze 1300 Euro brutto bekommt und sich noch sagen lassen muss, dass sei doch ein guter Verdienst. Sie ist Leiharbeiterin. Die Kollegin am Nachbarplatz verdient 35 Prozent mehr. Ich kenne Dozenten an der Jenaer Universität, die Hartz IV-Leistungen beziehen, weil sie als Lehrbeauftragte nicht fest angestellt sind, sondern Semester für Semester um ihre Seminare kämpfen müssen. Das Problem ist eher, dass diese Leute sich an ihren täglichen Sorgen aufreiben und irgendwann keinen Mut mehr haben, etwas anderes zu versuchen. Man macht sie klein, man redet ihnen ein, dass sie an ihren Problemen selbst schuld sind.

Dann gibt es die anderen, die zwar keine existentiellen Sorgen haben und grundsätzlich für eine andere, gerechtere Gesellschaft zu haben wären, aber da ist noch die Dienstreise, die Telefonkonferenz mit dem Kunden, ein unverschiebbarer Termin, die unbezahlten Überstunden …Wenn sie endlich zu Hause sind und die Kinder im Bett, dann fallen sie vorm Fernseher um. Ich denke, es liegt eher an den Verlagen, die lieber seichte Unterhaltung als Ideen wollen. Kleinverlage ausdrücklich ausgenommen. In den Nischen tut sich alles Mögliche.

Phantastik-Couch.de: Wie beurteilst Du den derzeitigen Trend der „Young adult Dystopien“? Ist es in deinen Augen einfach eine weichgespülte Variante der Dystopie, oder ein hoffnungsvoller Ansatz, jungen Lesern wieder an fiktionale Zukunftsbilder heranzuführen?

Heidrun Jänchen: Zum Teil ist es wahrscheinlich nur die neue bunte Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Vampire waren gestern, Elfen vorgestern. Die Bücher-Industrie erzeugt Trends, weil sie hofft, damit Leser zu binden. Dystopien haben außerdem einen enormen Vorteil: Der Konflikt ist eingebaut. Die Welt widerspricht dem Ideal von Leser und Autor, also muss man sich dagegen auflehnen, und schon kommt die Story in Gang. Wenn es allen Leuten gut geht, ist das viel schwieriger – weswegen Utopien dazu neigen, langweilig zu sein. Ich habe mit zwölf „Der Irrtum des Großen Zauberers“ von den Brauns gelesen. Das würde heute vielleicht auch in die Dystopie-Kategorie fallen, und es ist ein Buch, das ich bis heute zitiere. Die Plikato-Birne, die glücklich, aber dämlich macht, wird einem im wirklichen Leben regelmäßig vorgesetzt, wenn auch in leicht veränderter Form. Was man aus einer bestimmten Schublade herausholt, liegt immer am Autor. Man kann genretypischen Einheitsbrei schreiben oder subversive Kunst.

Phantastik-Couch.de: Hast du Suzanne Collins „Hunger Games“ gelesen oder den Kinofilm gesehen?

Heidrun Jänchen: Ah, das ist dann doch die peinliche Frage. Ich habe fast nie gelesen oder gesehen, was gerade angesagt ist. Nicht dass ich das für eine besondere Charakterstärke halten würde. Es gibt Unmengen von Büchern, und worauf da mein gieriges Auge fällt, ist Zufall. Die einzigen Bücher, die ich sofort nach Erscheinen lese, sind die von Terry Pratchett.

Phantastik-Couch.de: Welche Literatur liest Du? Besonders SF oder ganz andere? Welches Buch zur Zeit?

Heidrun Jänchen: Ich lese alles Mögliche. Sehr viel Phantastisches, aber mit zunehmendem Alter auch immer mehr Sachbücher, wie etwa „Die Schock-Strategie“ von Naomi Klein. Im Moment habe ich gerade Henning Venskes „Lallbacken“ auf dem Nachttisch – eine saubere Analyse des Politikergeschwafels, dem wir täglich ausgesetzt sind. Allerdings erwischt man sich dabei, selbst die gleichen oder ähnliche Phrasen zu verwenden; insofern ist es auch pädagogisch. Darunter liegt Frank Haubolds „Die Kinder der Schattenstadt“ und wartet. Auf dem Sofa liegt das „Schwarzbuch Leiharbeit“ der IG Metall, und auf dem Computer Karsten Kruschels „Vilm – Das Dickicht“, das sich – idealerweise wie erwähnt – im Lektorat befindet.

Phantastik-Couch.de: Wir danken Dir ganz herzlich, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst.

Heidrun Jänchen: Den Dank gebe ich gern zurück: Danke, dass ich über meine Leidenschaft reden durfte.

Das Interview führten Thomas Nussbaumer und Eva Bergschneider im April 2012