Interview mit Jacqueline Carey

„Und ich hoffe, die Leute merken, dass es nicht nur ein Sexbuch ist!“

Das sagte Jacqueline Carey’s Großtante nach der Lektüre von „Kushiel“. Die Autorin selbst meint allerdings, dass ihr Roman immer noch recht zahm ist im Vergleich mit der derzeitigen Welle von Vampir- und Werwolfsex.

Phantastik-Couch.de: Jacqueline Carey, bitte erzähle unseren Lesern kurz von dir.

Jacqueline Carey: Mit dem Schreiben habe ich angefangen, als ich 16 war und mich in der Schule langweilte. Ich habe immer damit weitergemacht, aber erst nach dem College gemerkt, als ich in London lebte und in einer Buchhandlung arbeitete und herauszufinden versuchte, was ich mit meinem leben anstellen soll, dass mein intensives Hobby nach noch mehr verlangte. Danach habe ich mit noch mehr Einsatz geschrieben und meine Texte eingereicht. Es gibt da einige unveröffentlichte Romane von mir, die niemals das Tageslicht erblicken werden. Zehn Jahre später habe ich dann den ersten Kushiel-Roman begonnen, und ich wusste, dass er bei weitem das Beste war, was ich jemals geschrieben hatte. Und voilà! Ein Zehnjahres-Übernachterfolg.

Phantastik-Couch.de: Dein erster Kushiel-Roman ist an vielen Stellen sehr eindeutig, ich würde ihm als Film beinahe eine „Ab 18“-Wertung geben. Wie waren die Reaktionen damals, speziell in den puritanischen Kreisen Amerikas?

Jacqueline Carey: Überraschenderweise waren die Reaktionen generell sehr positiv. Die ersten Rezensionen waren überschwänglich und reflektierten die Tatsache, dass die provokanten Elemente nicht unbegründet oder zurschaustellend eingesetzt werden, sondern die Klischees der Heldin-als-Opfer untergraben, die in vielen Teilen der gegenwärtigen Kultur vorkommen. Das hat die Stimmung beeinflusst. Auch sind die Beschreibungen nicht so detailliert, wie es anfangs erscheinen mag; es ist eigentlich eher die psychologische Wirkung, die sie eindeutiger erscheinen lässt, als sie sind. Dennoch habe ich mir eine Menge beißender Kritik bei Amazon eingefangen!

Phantastik-Couch.de: Welche waren damals deine Lieblingskommentare?

Jacqueline Carey: Mein Lieblingskommentar kam von meiner 87jährigen Großtante Harriett, die immer viel gelesen hat und mir viel Unterstützung zukommen ließ. Wegen des erotischen Inhalts machte es mich nervös, ihr das Buch zu lesen zu geben. Sobald sie damit fertig war, rief sie mich an, um mir zu sagen, dass sie es wunderbar fand. Nachdem sie es eine Weile gelobt hatte, sagte sie sehr einfühlsam: „Und ich hoffe, die Leute merken, dass es nicht nur ein Sexbuch ist!“ Als ich den Locus Award für den besten Erstlingsroman gewann, dankte ich allen im Namen meiner Großtante Harriett.

Mein Lieblings-Negativkommentar kam von einer Leserin, die dem Buch zwei Sterne gegeben hatte. Sie fühlte sich von dem Inhalt vor den Kopf gestoßen und hätte wohl nur einen Stern gegeben, aber sie räumte ein, dass die Sprache sehr schön war. „Wie auch immer, man kann einen Haufen Kot vergolden, es bleibt aber ein Haufen Kot“, das waren ihre Worte. Ich musste sehr darüber lachen.

Phantastik-Couch.de: Provozierst du gerne?

Jacqueline Carey: Um der Provokation willen, nein. Aber ich schaffe gerne Werke, die sowohl Gedanken provozieren als auch unterhalten. Es macht mich glücklich, wenn Leute darüber diskutieren, ob Phèdre eine feministische Heldin ist oder nicht…und besonders, wenn sie dann entscheiden, dass sie eine ist! Genau wie ein vielzitierter Satz aus dem Buch es ausdrückt: „Das, was nachgibt, ist nicht immer schwach.“

Phantastik-Couch.de: War es denn schwierig, einen Verlag zu finden, auch für die deutsche Ausgabe?

Jacqueline Carey: Nach der zehnjährigen Trockenzeit mit älteren Werken hatte ich das Glück, einen Agenten zu finden, dem das Buch sehr am Herzen lag. Wir konnten einige US-Verlage für das Buch interessieren, bevor wir eine Option von Tor akzeptierten. Soweit ich mich erinnere, gingen die deutschen Rechte sehr schnell über den Tisch, aber leider hat sich das Buch dann nicht so gut verkauft, wie erwartet und wurde nicht mehr aufgelegt.

Phantastik-Couch.de: Woran lag das deiner Meinung nach?

Jacqueline Carey: Ein Wort: Umschlaggestaltung! Aber auch der Markt hat sich in der kurzen Zeit verändert. In den letzten Jahren gab es einen Anstieg bei Paranormal Romance, ich schätze, dass die potenzielle Leserschaft für Bücher, die epische Fantasy mit erotischen Elementen kombinieren, angewachsen ist. „Kushiel“ wirkt jetzt vielleicht sogar zahm im Vegleich mit der Epidemie von Werwolf- und Vampirsex, die losgelassen wurde!

Phantastik-Couch.de: Wie werden die deutschsprachigen Leser reagieren? Oder die Medien?

Jacqueline Carey: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich hoffe nur, sie werde mir wegen der Nordland-Barbaren verzeihen. Irgendwer muss für die Bösewichte in epischer Fantasy nun mal herhalten.

Phantastik-Couch.de: Im Lexikon steht, dass „Kushiel“ ein Engel ist, der die Leute in der Hölle für ihre Sünden bestraft. Das ist natürlich das genaue Gegenteil der Religion „Liebe, wie es dir beliebt“, die in Terre D’Anges praktiziert wird, und auch der Tatsache, dass die Heldin körperlichen Schmerzen ausgesetzt wird, oder?

Jacqueline Carey: Ich habe das mit einem revisionistischen Dreh versehen. In meiner Theologie wurde der Engel Kushiel bestraft, weil er seine Ämter zu sehr liebte. Er – und sieben andere Engel – sind Abtrünnige, die ihre Posten verlassen haben, um dem Gesegneten Elua zu folgen, eine Gottheit, die aus dem Blut Christi und den Tränen Maria Magdalenas geboren wurde und deren Gebot „Liebe, wie es dir beliebt“ lautet. Phèdre, meine Heldin, ist die Erwählte Kushiels, göttlich bestimmt, um im Schmerz Genuss zu finden. Das ganze hat also seine eigene innere Folgerichtigkeit… jedenfalls in meiner fiktiven Welt.

Phantastik-Couch.de: Ohne indiskret zu sein: Wieviel von Jacqueline Carey steckt in Kushiel?

Jacqueline Carey: Genau die richtige Menge!

Phantastik-Couch.de: Würdest du den Roman als Historische Fantasy mit starkem erotischem Einschlag bezeichnen oder eher als Erotische Fantasy mit historischem Rahmen?

Jacqueline Carey: Definitiv ersteres. Es ist eine umfangreiche Geschichte mit Intrigen und Abenteuern. Das erotische Element ist nur eine Facette davon.

Phantastik-Couch.de: „Kushiel“ steckt voller Details, kannst du es dir als Film vorstellen? Wen würdest du in der Hauptrolle sehen?

Jacqueline Carey: Aber ja! Ich glaube aber, dass es schwierig umzusetzen wäre, weil es auf tausendfache Weise daneben gehen könnte. Alle paar Jahre spricht mich ein junger leidenschaftlicher Filmemacher mit großer Vision an, aber ohne Beziehungen oder Einfluss. Ich muss auch zugeben, dass ich nicht gut bei dem Spiel „Besetze den Film“ bin. Falls es dennoch dazu kommen sollte, würde ich eine eher unbekannte Darstellerin für Phèdre bevorzugen.

Phantastik-Couch.de: Gut, welches sind deine Lieblingsautoren? Und was liest du gerade?

Jacqueline Carey: Ein Autor, den ich bewundere und den ich meinen Fans immer wieder empfehle, ist Guy Gavriel Kay. Er schreibt Historische Fantasy  mit starken mythologischen Elementen und emotional erwachsenen Charakteren. Die Autorin, die mich am meisten beeinflusst hat, ist Mary Renault, sie hat historische Romane geschrieben, die im antiken Griechenland spielen.

Meine Leseliste ist eklektisch, weil ich stets recherchiere und fast alle Genres lese. Im Moment enthält sie „Trash Sex Magic“, zeitgenössischer Magischer Realismus; „A Nail Through the Heart“, ein Krimi; Patrick O’Brians wieder veröffentlichtes „Road to Samarcand“ und ein Buch über Nahrungssuche in der Wildnis, das „Stalking the Wild Asparagus“ heißt.

Phantastik-Couch.de: Du arbeitest gerade an der zweiten Kushiel-Trilogie, was kommt danach?

Jacqueline Carey: Ich plane, noch eine weitere Trilogie im selben Milieu anzusiedeln. Ein Bonusprojekt ist „Santa Olivia“, ich nenne es eine Post-Punk-Wüsten-Grenzstadt-Fabel, Boxen und süße verliebte Mädchen spielen darin eine Rolle. Es ist völlig anders als die Kushiel-Bücher und wird unter einem Pseudonym veröffentlicht, das aber ein offenes Geheimnis ist.

Phantastik-Couch.de: Hast du vor, demnächst in den deutschsprachigen Teil Europas zu reisen? Was möchtest du deinen Lesern hier sagen?

Jacqueline Carey: Leider nein, aber hoffentlich eines Tages. Meine Leser können sich immer auf meiner Website über Veranstaltungen und Auftritte informieren – und natürlich über die berüchtigte Tattoo-Galerie!

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Gespräch, Jacqueline Carey!

Jacqueline Carey: Es war mir ein Vergnügen, und vielen Dank!

Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.