Interview Jennifer Benkau

„Solange man eine gewisse eigene Stimme findet und sich nicht vollkommen verbiegt, um gefällig zu werden, kann man auch in beliebten Ecken noch neue Wege finden.“

Jennifer Benkau – den Namen kannten Sie vielleicht noch nicht, bevor ihr paranormal-romantisches Werk „Nybbas Nächte“ zu unserem Buch des Monats August gekürt wurde. Uns hat das Erstlingswerk der jungen Autorin so positiv überrascht, das wir unbedingt mehr über sie und die Entstehung dieser dämonischen Liebesgeschichte erfahren wollten. Lesen Sie in unserem Interview, warum Jennifer Benkau dieses Trendthema reizt und wie sie lebt und arbeitet.

Phantastik-Couch.de: Jennifer, Du bist die „Buch des Monats“-Autorin der August-Phantastik-Couch. Was sollten unsere Leser sonst noch über Dich wissen?

Jennifer Benkau: Hallo zusammen. Schön hier zu sein, auf eurer gemütlichen Couch :-) Ich bin 31 Jahre alt und lebe mit meinem Mann, meinen drei Kindern und zwei Katzen in der Klingenstadt Solingen. „Nybbas Träume“, der Auftakt der Schattendämonen, war mein Romandebüt im Jahre 2010; neben dieser Trilogie gibt es von mir bislang noch den „Phoenixfluch“, einen Einzeltitel. Außerdem schreibe ich unter dem Pseudonym Jean Francis phantastische Erotik.

Phantastik-Couch.de: Deine „Nybbas“-Trilogie reiht sich in die Reihe der zur Zeit sehr populären paranormalen Romanzen ein. Was reizt Dich an diesem Genre?

Jennifer Benkau: Och, so ungefähr alles abseits der kuschelweichen Lenor-Vampire ...Okay, ernsthaft. Die Vorstellung, etwas Gefährliches, Wildes trotz aller Risiken auf seine Seite zu bringen, ist einfach eine sehr beliebte, nicht nur bei Frauen und nicht nur zurzeit. Man denke an Klassiker wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Das Phantom der Oper“. Die Faszination, sich mit etwas Wildem zu verbinden, fängt schon bei kleinen Mädchen und Jungs an, die davon träumen, das vermeintlich böse Black-Beauty-Pferd oder den Wolf zu zähmen, und gemeinsam Abenteuer zu bestehen. Paranormal Liebesromane sind im besten Fall nichts anderes: Eine Mischung aus Abenteuer und Romantik.
Diese Romane decken etwas ab, worum wir in der Realität besser einen weiten Bogen ziehen. Mal ehrlich: Der kryptische Düstermacho mit Superkräften taugt fürs wahre Leben nicht, und der Sexappeal menschlicher Mücken ist in Wahrheit auch nicht so überwältigend. Keiner von uns würde ernsthaft leben wollen wie die Romanheldin – und genau darum können uns Bücher, in denen sich dieses Abenteuer risikofrei ausleben lässt, so viel geben. Weil es Fiktion ist und bleibt, denn sobald wir das Buch zuschlagen, gibt es keine Dämonen und Vampire mehr und der nette Nachbar mit Plauze kann wieder zum tollsten Mann der Welt mutieren.
Als Autorin reizt mich vor allem das Spiel mit der bösen Seite in mir und im Leser: Die amoralischen Figuren, die aus menschlicher Sicht „schlecht“ sind (oder aus den besten Gründen Katastrophen verursachen). Es macht großen Spaß, mal nicht den Helden die Welt retten zu lassen, sondern Helden loszulassen, vor denen die Welt eher gerettet werden müsste.

Phantastik-Couch.de: Es wird ja immer wieder gesagt, dass Autoren das schreiben, was sie selbst gerne lesen. Liest du gerne Urban Fantasy oder paranormale Liebesromane, hast du eventuell sogar Lieblingsreihen? Welche Autoren gehören denn zu Deinen Favoriten?

Jennifer Benkau: Meine Favoriten finden sich fast alle im Jugend- oder Young Adult-Bereich der (romantischen) Fantasy. Da lasse ich mir kaum eine Neuerscheinung entgehen. Mein Highlight in diesem Genre war in diesem Jahr „The Girl with Glass Feet“, ein ganz märchenhaftes, stilles, tragisches Buch von Ali Shaw, der das Potential hat, mein Lieblingsautor zu werden. Ansonsten lese ich durch die Bank alles, was mich spontan anspricht, momentan verfolge ich z.B. mit sehr viel Spaß die romantische Steampunk-Serie von Gail Carriger. Eine Lieblingsreihe kann ich aber nicht nennen, das wechselt bei mir mit der Stimmung. Und viele der kultigen Dark-Romance-Reihen (Black Dagger, Die schwarzen Juwelen, Anita Blake, usw.) habe ich bisher noch gar nicht angefangen. Die Auswahl ist einfach so groß. (Und das ist toll.)

Phantastik-Couch.de: War es für Dich nicht ein großes Risiko, ein Trendthema zu bedienen, für das es momentan viele namhafte Konkurrenten (z.B. Charlaine Harris, Lara Adrian, Jeaniene Frost) gibt?

Jennifer Benkau

Jennifer Benkau: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht. Ich kann – und will! – nur die Geschichten erzählen, die zu mir kommen, und die nehmen keine Rücksicht, ob der Trend noch kommt, besteht oder schon abgeflaut ist (wobei das erste nicht weniger problematisch ist als das letzte). Außerdem denke ich, dass es in anderen Genres ähnlich abläuft: Die Themen, die besonders viele Menschen interessieren, werden selbstverständlich auch häufiger erzählt, bzw. häufiger verlegt. Ich denke, solange man eine gewisse eigene Stimme findet und sich nicht vollkommen verbiegt, um gefällig zu werden, kann man auch in beliebten Ecken noch neue Wege finden. Notfalls eben querfeldein durchs Unterholz.

Phantastik-Couch.de: Wie bist du auf das Thema ´Dämonen´ gekommen. Hattest du die Figuren oder die Geschichte von Joana schon länger im Kopf?

Jennifer Benkau: Dämonen haben mich immer schon gereizt, weil das Thema schier endlose Möglichkeiten bietet. Dämonen können weise, gute Geister sein und ebenso grauslige Höllenwesen oder alles Mögliche dazwischen. Bei mir verkörpern sie die Menschen, von denen die beschworen werden – mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften. Die Geschichte um Nicholas, den Nybbas, entstand – Achtung, Kitsch! – bei Nacht am Strand. It was a dark and stormy night …Ist wirklich wahr! Taxifahrerin Joana existierte als Figur zu dem Zeitpunkt bereits; sie war Nebenfigur in einer Dystopie, die inzwischen ebenfalls geschrieben steht (ohne Joana). Ich musste sie unbedingt aus diesem Manuskript herausschreiben, weil ich mir kaum vorstellen konnte, dass eine andere Figur mit Nicholas klarkommen würde.

Phantastik-Couch.de: Im ersten Teil spielt die Handlung in Deutschland. In „Nybbas Nächten“ holst du geografisch weiter aus. Es beginnt in Boston, dann Portugal, London und die Haupthandlung spielt in Island. Was hat dich veranlasst, Island als Schauplatz zu wählen und warst du selbst schon einmal in Island?

Jennifer Benkau: Zu meinem größten Kummer nicht, aber das hole ich nach, sobald ausreichend Bücher verkauft wurden. Ich spekuliere darauf, dass auch viele meiner Leser noch nicht in Island waren, sodass die kleinen Patzer, die sich durch ortsfremde Recherche vermutlich ergeben haben, in nicht furchtbar viele Augen fallen. Ich brauchte für die Geschichte einen abgelegenen, schwer zugänglichen Ort mit hinreichend mysteriösem Hintergrund. Island bot sich vor allem wegen seiner spektakulären Werwolfprozesse an – und das, obwohl es auf Island doch nie Wölfe gab. Das schreit doch nach Dämonen! Außerdem durfte ich das Cover vor dem Schreiben des Romans sehen und wusste sofort: Ich brauche ganz dringend, definitiv und unbedingt Nordlichter. Zuletzt wollte ich einfach gerne mal nach Island :-)

Phantastik-Couch.de: Amerikanische Bücher neigen manchmal zu einem ´Hollywood-Stil´,immer größer, höher, weiter und die Helden gehen mit einem Messer im Rücken noch lange nicht nach Hause. Deine Geschichte zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass es zwar genügend Action gibt, aber nie in diesem übertrieben Stil. Deine Figuren wirken sehr echt, ihre Gefühle und ihre Handlungsweisen sind gut nachvollziehbar. Wie entwickelst du deine Protagonisten?

Jennifer Benkau: Ich muss zugeben: ich bin die Nervensäge, die im Kino immer ironisch „Wie realistisch!“ nörgelt, wenn der Held den Antagonisten noch mit der Axt im Kopf vermöbelt. Andererseits setzt die Realität leider auch ziemlich enge Grenzen. Meine Dämonen bietet mir den Vorteil, dass sie einen Menschenkörper haben (der bei Blutverlust auch mal sehr menschlich in Ohnmacht fällt) sowie einen Dämonenkörper – und der hält einiges aus, sodass ich, wenn der ins Spiel kommt, auch mal mit einer Prise Hollywood-Gemetzel würzen kann. Grundsätzlich versuche ich, durch die Augen meiner Figuren zu sehen, mit ihren Gedanken zu denken und durch ihre Haut zu fühlen. Ich versuche, den Leser Action ebenso wie Emotion miterleben zu lassen. Allzu überdramatisierte Darstellungen würden mich selbst rauswerfen aus der Perspektive; ich bevorzuge eine Dramatik, die der Leser noch nachvollziehen kann, weil sie sich von der Realität nicht meilenweit wegbewegt.

Phantastik-Couch.de: Was ist bei dir zuerst da, die Geschichte oder die Protagonisten? Bist Du jemand, der seine Schauplätze und Plots akkurat plant, oder schreibst Du eher intuitiv?

Jennifer Benkau: Die Figuren sind immer zuerst da, und wenn ich es schaffe, sie zu sinnigen Konstellationen zusammenzubringen, verraten sie mir ihre Geschichten. Ich hab eine Weile versucht, mit durchgeplanten Szenentreatments zu arbeiten, aber früher oder später entwickeln sich meine Geschichten immer ganz anders als zuerst gedacht. Um ehrlich zu sein, bin ich selbst manchmal fasziniert, dass am Ende trotzdem alles Sinn ergibt – das Unterbewusstsein leistet da Erstaunliches. In jedem Fall mache ich inzwischen nur noch grobe Konzepte mit reichlich Platz zum Abweichen in alle Richtungen.

Phantastik-Couch.de: Wann und wo schreibst Du? Du bist ja auch Mutter von drei Kindern.

Jennifer Benkau: Wenn ich professioneller und konsequenter wäre, würde ich vor allem vormittags arbeiten, wenn die Kinder in Schule und Kindergarten sind. Leider bin ich das eine überhaupt nicht und das andere noch weniger. Ich schreibe also, wann immer sich Zeit dafür findet, vor allem abends und nachts.

Phantastik-Couch.de: Wie kam es dazu, dass der Sieben-Verlag die „Nybbas“-Romane veröffentlicht? Was hat den Verlag letztendlich überzeugt?

Jennifer Benkau: Ich vermute ja, Nicholas hat meine Lektorin manipuliert ...Nein, das war anders. Ich habe mich damals mit einem ziemlich alternativen Young-Adult-Vampirroman beim SiebenVerlag vorgestellt, das war aber nicht das, was der Verlag suchte. Wohl aber gefiel ihnen etwas an meiner Schreibe und so fragte man mich, ob ich nicht noch etwas in der Schublade hätte, das sich mehr in Richtung klassische Dark-Romance bewegt. Hatte ich nicht. Aber Lust, es zu versuchen, die hatte ich schon.

Phantastik-Couch.de: Ist der letzte Teil schon fertig geschrieben und wann kommt er heraus?

Jennifer Benkau: Nein, ist er nicht. Da ich inzwischen auch für einen anderen Verlag schreibe, muss ich die Manuskripte etwas koordinieren. Der dritte (und letzte) Teil der Schattendämonen – „Nybbas Blut“ – kommt im Herbst an die Reihe und wird im Juni 2012 erscheinen.

Phantastik-Couch.de: Was schreibst Du außer paranormaler Romanzen?

Jennifer Benkau: Momentan konzentriere ich mich vor allem auf Bücher für junge Erwachsene. Back to the roots, könnte man sagen. Im Frühjahr 2012 erscheint bei script5/ Loewe der erste Band einer zweiteiligen Dystopie. Ein phantastischer Young-Adult- Roman ist außerdem in Planung. Alles Weitere wird sich zeigen. Ich fühle mich bislang mehr als wohl in diesen Genres, aber dauerhaft festlegen mag ich mich nicht.

Phantastik-Couch.de: Du wurdest in Solingen geboren und bist offensichtlich dort geblieben. Was macht Solingen zu dem Ort, an dem Du leben möchtest? Würdest Du Solingen als Deine Heimat bezeichnen?

Jennifer Benkau: Mir persönlich ist Heimat und auch Heimeligkeit gar nicht besonders wichtig. Ich bleibe ganz pragmatisch hier in Solingen, solange es sich anbietet, wäre aber auch ohne Bedenken mitsamt meiner Bagage morgen weg, wenn die Umstände mich fortlocken würden. Ich glaube, ich könnte mich fast überall einnisten.

Phantastik-Couch.de: Auf Deiner Homepage erfährt man, dass Dir Musik sehr wichtig ist. Zu welcher Gelegenheit hörst Du welche Art von Musik gern?

Jennifer Benkau: Eigentlich läuft hier permanent Musik; nur wenn ich lese, bevorzuge ich es still. Zum Plotten und Szenen im Kopf durchspielen liebe ich es, dramaturgisch passende Musik aufzulegen; meist alternative Rock, ein bisschen Grunge, aber ich höre auch gerne mal was Klassisches, Rock aus den 80ern oder deutschen Pop-Rock. Im Moment läuft Jupiter Jones rauf und runter – die haben wahnsinnig inspirierende Texte. Die mir liebsten Szenen sind übrigens fast alle beim Autofahren oder Spazierengehen mit lauter Musik entstanden.

Phantastik-Couch.de: Danke Jennifer, dass Du Dir die Zeit für unsere Fragen genommen hast!

Jennifer Benkau: Ich danke für euer Interesse und für die spannenden Fragen, und wünsche allen Leser jederzeit das richtige Buch :-)
Vielleicht mag der eine oder andere ja mal auf meiner Facebook-Autorenseite vorbeischauen?

Das Interview führten Anja Helmers und Eva Bergschneider im August 2011.