Interview mit Kai Meyer

Die erste Idee war ganz schlicht „Monster gegen Mafia“. Oder „Monster in der Mafia“. Oder "Mafia = Monster?"

Zu den Pionieren der Deutschen Phantastik zählt sicherlich Kai Meyer, der 1997 mit dem Auftakt seiner phantastischen Familiensaga „Die Alchimistin“ bekannt wurde. Erst fünf Jahre später kam die Fortsetzung „Die Unsterbliche“ heraus und nun soll es sogar einen dritten Band geben. Gleichzeitig erscheinen vom Autor selbst komplett überarbeitete Neuauflagen der ersten beiden Bände. Wie es dazu kam und warum Kai Meyer es einerseits hasste, sich selbst zu lektorieren, sich aber auch hin und wieder selbst auf die Schulter klopfte, erzählte er uns im Interview.

Phantastik-Couch.de: Bevor wir uns der Neuauflage der Alchimistin-Romane zuwenden, lass uns doch zunächst noch einmal zu Deinem Wechsel von Loewe zu Carlsen und der dort erschienen Arkadien-Trilogie zurückkommen. Was gab den Ausschlag, dass Du vor rund drei Jahren Loewe den Rücken kehrtest?

Kai Meyer: Autoren wechseln ihre Verlage gelegentlich. Man fährt ja auch nicht ein Leben lang dasselbe Auto. Loewe hat über zwanzig Bücher von mir veröffentlicht, das ist nicht wenig – der Verlag sitzt also auf einer ziemlichen Backlist. Jahrelang haben wir gut zusammengearbeitet und voneinander profitiert, und das werden wir durch diese Menge an Büchern wohl auch weiterhin. Carlsen wiederum dürfte der Wunschverlag der meisten Kinder- und Jugendbuchautoren sein, es lag also nahe, dass wir uns gegenseitig darum bemüht haben, mit dem anderen zusammenzukommen.

Phantastik-Couch.de: Hat sich der Wechsel aus Deiner Sicht gelohnt?

Kai Meyer: Die Arkadien-Bücher sind aus verschiedenen Gründen erfolgreich, denke ich, aber dazu zählt auf jeden Fall ein sehr cleveres, modernes Marketing. Man hat der Heldin der Romane, Rosa Alcantara, einen Blog gegeben, einen Facebook-Auftritt, Twitter und so weiter. Die ganze Aktion war schon sehr gut gemacht, hat eine Menge Aufmerksamkeit erregt und schließlich sogar Preise gewonnen. Allein bei Facebook hatte Rosa innerhalb der ersten paar Tage über zweitausend Freunde, von denen sehr viele rege mit ihr kommuniziert haben.

Phantastik-Couch.de: Die Arkadien-Trilogie wurde diesen Herbst abgeschlossen. Darin hast Du ja einmal mehr beredt Zeugnis von Deinem Einfallsreichtum abgelegt. Wie kamst Du auf Sizilien als Handlungsort, wie hast Du über die Cosa Nostra, die ja einen wichtigen Stellenplatz in den Romanen einnimmt, recherchiert?

Kai Meyer

Kai Meyer: Die erste Idee war ganz schlicht „Monster gegen Mafia“. Oder „Monster in der Mafia“. Oder "Mafia = Monster?„. Man sieht ja schon an diesen simplen Wortspielen, dass sich daraus vielfältige Möglichkeiten für Geschichten ergeben, mit sehr differenten Aussagen. Außerdem wusste ich, dass ich mindestens drei Jahre an diesen Romanen arbeiten würde und habe ganz eigennützig beschlossen, dass ich diese Zeit – wenigstens beim Schreiben im Kopf, aber auch bei der Recherche vor Ort – am Mittelmeer verbringen möchte. Da passten einfach auf Anhieb mehrere Aspekte zusammen.

Nicht ganz unbedeutend ist auch – und ich glaube, dass erzähle ich im Zusammenhang mit Arkadien zum ersten Mal – dass ich immer sehr von der Ästhetik italienischer Thriller und Horrorfilme beeinflusst war, von Mario Bava über Lucio Fulci bis hin zu Dario Argento. Ich habe Ende der Achtziger als Erster in Deutschland eine ganze Reihe Artikel und Interviews in Filmmagazinen dazu veröffentlicht, war in Rom und habe mit Regisseuren gesprochen und natürlich so ziemlich alles gesehen, was seit den Sechzigern in dieser Richtung gedreht wurde. Die Einflüsse kann man in vielen meiner Romane erkennen, schon in den ganz frühen Sachen wie “Der Rattenzauber„, massiver noch in “Die Alchimistin„ oder natürlich “Die Vatikan-Verschwörung„. Ich habe also immer auch ein bisschen an “meinem„ italienischen Horrorfilm gebastelt und mit den sehr speziellen Bildern und Stimmungen dieses Sub-Genres gearbeitet. Die drei Arkadien-Bücher leben teilweise auch davon, in erster Linie natürlich durch den Schauplatz. Die Geschichte ist sicher keine, die man so in einem italienischen Film der Siebziger finden würde, wohl aber der Mafia-Hintergrund. Ich habe bei der Recherche stapelweise Sachbücher über die Cosa Nostra gelesen, aber eben auch viele Mafia-Filme angeschaut, die seit den Sechzigerjahren in Italien entstanden sind. Kurz: Ich hab mal wieder meinen Hang zum italienischen Kino dieser Zeit ausleben können und es als Recherche deklariert: “Ich geh dann mal arbeiten ..."

Phantastik-Couch.de: In den Romanen nimmst Du auch verklausuliert zu Problemen wie der ungezügelten, unkontrollierten Forschung, zur Verarmung der südlichen Landstriche Europas und der Haltlosigkeit der Jugend Stellung – sind Dir solche Aussagen und aktuelle Bezüge wichtig? Gibt es hier bei Lesungen oder im Internet Reaktionen Deiner Fans?

Kai Meyer: Reaktionen zu den realen Hintergründen gab es ein paar, aber nicht viele. Die Arkadien-Romane sollen in erster Linie unterhalten, keine Botschaft transportieren. Aber ich kann keine Geschichte über solch ein Thema erzählen, ohne in irgendeiner Form Stellung zu beziehen. Dazu kam natürlich, dass meine Helden Mafiosi sind, ob nun aus freien Stücken oder nicht, und ich verhindern wollte, dass man mir Verherrlichung vorwirft. Ohnehin war das etwas, das diese Romane von vielen meiner anderen unterscheidet: Ich habe bis zu einem gewissen Grad eine größere Verantwortung im Umgang mit bestimmten Themen gespürt als früher, sei es nun, was die Mafia angeht oder auch Rosas Vergewaltigung und Abtreibung. Gerade den Schwangerschaftsabbruch habe ich sehr gründlich recherchiert, eine Menge Interviews gelesen, auch ein paar psychologische Abhandlungen, um ganz sicher zu gehen, dass ich da nicht aus Männersicht irgendwelchen Unfug schreibe.

Phantastik-Couch.de: Es ist schon einige Zeit her, dass bei Lübbe Titel für ein erwachsenes Publikum von Dir erschienen sind. Nun kündigt Heyne, ein Verlag, bei dem Du früher einmal publiziert hast, nicht nur an, die beiden Alchimistin-Romane von Dir in einer stark überarbeiteten, und kommentierten Neuauflage wieder zugänglich zu machen, auch ein abschließender dritter Band ist für Anfang 2012 angekündigt. Wie kam es dazu, dass Du nun wieder bei Heyne veröffentlichst, werden bei Lübbe keine neuen Titel von Dir mehr erscheinen?

Kai Meyer: Erst einmal: Mein Verhältnis zu Lübbe ist nach wie vor ein sehr, sehr gutes. Ich mag den Verlag, die Mitarbeiter, den freundlichen Umgang mit Autoren, der dort gepflegt wird. Es gab also nie eine Entscheidung „Ich gehe weg von Lübbe“, sondern lediglich den Beschluss „Ich möchte einen dritten Band über die Alchimistin schreiben“. Und die Rechte an den ersten beiden Alchimistin-Bänden liegen nach wie vor beim Heyne-Verlag, einen weiteren Band konnte ich sinnvoller Weise also nur dort veröffentlichen. Parallel dazu wurde bei Heyne entschieden, die „Die Alchimistin“ und „Die Unsterbliche“ neu aufzulegen. Ich wurde gefragt, ob ich Ideen oder Wünsche dazu hätte – was an sich schon mal eine sehr nette Geste war -, und die hatte ich tatsächlich. Ich habe vorgeschlagen, beide Bücher vollständig zu überarbeiten und habe mir Ausgaben als Trade Paperback mit Klappenbroschur gewünscht, was für Romane, die schon in mehreren älteren Ausgaben vorlagen, beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Zudem habe ich angeregt, das Cover der spanischen Ausgabe zu übernehmen, nachdem die Titelbilder von „Die Alchimistin“ bei uns früher ja nicht immer ganz glücklich gewählt waren. All dem hat Heyne zugestimmt, was mich wirklich enorm gefreut hat. Daraufhin habe ich den Vorschlag gemacht, den dritten Band zu schreiben, der ja ohnehin seit Jahren in meinem Kopf herumspukte. Es war also nicht so, dass die beiden ersten Bände neu erschienen sind, weil bald ein dritter dazukommt; tatsächlich war es genau umgekehrt.

Phantastik-Couch.de: Ich hatte immer den Eindruck, dass gerade der erste Alchimistin-Roman stilistisch ein wenig hinter Deinen sonstigen Werken zurückstand. Nun hast Du diesen Roman komplett überarbeitet – war dies Dir ein Bedürfnis? Wie war es für Dich noch einmal bildlich gesprochen zurückzugehen, einzutauchen in einer andere Schaffensperiode, quasi sich selbst über die Schulter zu sehen und zu versuchen, das damals Geschriebene zu verbessern?

Kai Meyer: Als Autor schaut man ja immer in ältere Bücher und denkt sich, dieses oder jenes würde ich heute anders machen. Das ist ein ganz normaler Teil einer künstlerischen Entwicklung. Meine Bücher wurden ja häufig neu aufgelegt, in frischer Ausstattung und bei anderen Verlagen, aber ich habe mich vorher noch nie an eine solche Überarbeitung gesetzt. Und natürlich habe ich den Arbeitsaufwand völlig unterschätzt. Am Ende waren es in jedem Buch einige tausend Änderungen, zum größten Teil sprachlicher Natur. Das hat drei, vier Wochen pro Buch gedauert, und ich habe die Entscheidung währenddessen fast täglich verflucht …Aber zuletzt hat es dazu geführt, dass die Bücher viel besser und – im Großen und Ganzen – auf dem Stand meines heutigen Schreibens sind.

Ich fand gar nicht, dass „Die Alchimistin“ sich stilistisch von meinen anderen Büchern jener Zeit abgehoben hat, aber ich bin heute einfach sprachlich und dramaturgisch erfahrener. Ich habe allerlei Bilder herausgestrichen, Adjektive natürlich, ein paar Adverben – im Grunde war dies das Lektorat, das die Bücher damals schon hätten haben sollen. Ich bin auch auf kleinere Fehler gestoßen, Wiederholungen etc. „Die Alchimistin“ ist 1996/1997 entstanden und war mein erstes Buch mit solch einem Umfang, so vielen Charakteren und Schauplätzen. Ich war bei der Überarbeitung tatsächlich überrascht, wie ich das damals, mit Mitte/Ende zwanzig, alles jongliert habe. An manchen Stellen habe ich dem Kai von damals durchaus auf die Schultern geklopft, gerade was die dramaturgischen Strukturen der ganzen Geschichte angeht.

Phantastik-Couch.de: Hast Du viel geändert, geglättet oder gar umgeschrieben?

Kai Meyer: Sprachlich geändert und geglättet, wie gesagt, eine Menge. Inhaltlich umgeschrieben so gut wie nichts, nur hier und da ein paar Kürzungen gemacht, vor allem im zweiten Band. Dort gab es im letzten Drittel diverse Schwertkämpfe, die einfach viel zu ausladend waren. Man hat nach dem zweiten Kampf begriffen, dass Gillian und die Templer etwas vom Umgang mit Schwertern verstehen, da braucht es nicht noch einen dritten über zwei Seiten. Ich bin heutzutage ein viel größerer Freund von Reduktion als damals, auf stilistischer, aber auch auf erzählerischer Ebene, und die Alchimistin-Saga ist ohnehin sehr ausladend – all die Figuren, Orte und Handlungsstränge -, dass ein paar Verknappungen hier und da dem Tempo sehr gut getan haben. Das gilt auch für ein paar Dialoge zwischen Gillian und Karisma, die mir zu spielerisch und albern war, auch dort habe ich ziemlich stark eingegriffen.

Phantastik-Couch.de: War das für Dich als Autor eine befriedigende Tätigkeit?

Kai Meyer: Ich hab´s gehasst, mit jedem Tag ein wenig mehr – die Arbeit, nicht die Bücher. Aber im Nachhinein bin ich ungeheuer froh, dass ich mich dazu entschlossen habe. „Die Alchimistin“ ist nach wie vor eines meiner eigenen Lieblingsbücher und Aura Institoris – neben Rosa Alcantara aus der Arkadien-Reihe – meine Lieblingsprotagonistin.

Phantastik-Couch.de: Nun wurde den ersten beiden Bänden eine ganze Menge an Bonusmaterial beigegeben. Zum einen hat Hanka Jobke die Entwicklung des Romans ausgehend von ersten Notizen aus Deinem Zettelkasten bis hin zum fertigen Buch dezidiert beschrieben, zum andern Hintergrundmaterial zu Orten, Personengruppen etc. zusammengetragen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit, wie empfindest Du das, wenn Dein ganz persönlicher Schöpfungsakt dem Leser vorgestellt wird – ist das eine Art Seelenstriptease für einen Autor?

Kai Meyer: Ich wollte dieses Bonusmaterial ja unbedingt, war mir aber anfangs nicht sicher, wie es aussehen sollte. Erst stand noch im Raum, ob ich selbst irgendetwas zusammenstelle, aber das hätte ich zeitlich nie leisten können. Hanka Jobke hat eine sehr schöne Magisterarbeit über einige meiner Bücher geschrieben, darunter „Die Alchimistin“, und ich habe sie dann einfach gefragt, ob sie das übernehmen möchte. Das Resultat hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen, ich finde das gesamte Bonusmaterial der beiden Bücher extrem gelungen. Gerade die beiden Making-Ofs, um sie mal so zu nennen, sind sehr ausführlich und analytisch – sie dürften jede Frage darüber beantworten, wie ich arbeite. Und als besonderen Bonus für die Fans der Alchimistin-Hörspiele gibt es im zweiten Band noch Interviews mit den meisten wichtigen Beteiligten. In dieser Ausführlichkeit hat es das meines Wissens noch zu keiner anderen Hörspielreihe abseits der „Drei Fragezeichen“ gegeben. Man muss sich ja auch einmal vor Augen führen, dass Heyne mir hier im Grunde zugestanden hat, sechzehn Seiten Werbung für ein Produkt von Lübbe Audio zu machen – jedenfalls könnte man es so sehen. Auch das dürfte ein Novum sein.

Phantastik-Couch.de: Der dritte Band, „Die Gebannte“, erscheint im März 2012. War die Geschichte aus Deiner Sicht schlicht noch nicht erzählt, und wenn ja, warum hat es so lange gedauert, bis Du Dich Aura Institoris erneut gewidmet hast? Kannst Du uns ein wenig erzählen, um was es im dritten – abschließenden? – Teil gehen wird?

Kai Meyer: „Die Alchimistin“ ist eine Familiensaga, wahrscheinlich die erste der deutschsprachigen Phantastik, und dynastischen Geschichten lassen sich natürlich sehr schön über mehrere Generationen erzählen. 1997, bei der Arbeit am ersten Band, habe ich zwar über Fortsetzungen nachgedacht, aber Heyne wollte damals erst einmal weitere Einzelbände. Deshalb hat es ungefähr fünf Jahre gedauert, bis ich „Die Unsterblich“ veröffentlicht habe. Da war mir schon klar, dass ich weitere Bücher über Aura schreiben möchte. Dass es schließlich weitere zehn Jahre dauern würde, hätte ich nicht gedacht, aber der Abstand hat dem neuen Roman mit Sicherheit gut getan.

Von der ursprünglichen Planung – oder dem, was ich davon noch wusste – ist eigentlich nur übrig geblieben, dass „Die Gebannte“ zu einem großen Teil in Prag spielt. Mir war wichtig, die Figur des Gillian wieder zu dem Charakter zurückzuführen, den er in „Die Alchimistin“ hatte. In „Die Unsterbliche“ war er einfach zu nett, zu glatt gebügelt – auch das habe ich bei der Überarbeitung ein wenig reduziert. In „Die Gebannte“ ist er wieder der Killer, in den Aura sich ursprünglich verliebt hat. Und ich hatte immer ein Problem damit, wie sich die Beziehung der beiden im zweiten Band entwickelt hatte. Auch da wollte ich gern etwas wieder gutmachen, das haben sie sich nach all der Zeit einfach verdient.

Was die eigentliche Geschichte angeht, so geht es um alte Bekannte, die wieder auftauchen; um den Boom des Okkultismus in den Zwanzigerjahren; es geht um Automatenmenschen, Blutopfer, wahnsinnige Irrenärzte, die ewige Jugend und immer wieder um die Geheimnisse Prags. Außerdem – das Cover deutet es an – führe ich eine zweite Familie ein, die Octavians, die eng mit den Institoris verflochten sind und zugleich zu Gegnern werden. Damit öffne ich ganz bewusst die Tür zu weiteren Bänden, die ich hoffentlich irgendwann schreiben werde.

Das Interview führte Carsten Kuhr im November 2011